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«Deborah Levy: Mein Jahr in Paris mit Gertrude Stein» – Auf den Spuren der literarischen Moderne.

Von Ingrid Isermann

Ein Spaziergang durch die 1920er-Jahre in Paris mit Gertrude Stein, der Avantgarde-Dichterin und Kunstsammlerin, und ihren Begegnungen mit der Moderne. Doch um was geht es in der literarischen Moderne? Diesen Fragen geht die Autorin Deborah Levy mit ihren Freundinnen Eva und Fanny in einer Hymne zwischen Essay und Fiktion im Paris der Gegenwart nach.

Ein Leben ohne Konventionen

«Identität ist seltsam. Man-selbst-sein ist seltsam da man für sich niemals man selbst ist ausser wenn man sich auf sich selbst besinnt und dann glaubt man sich natürlich nicht»: das Zitat von Gertrude Stein aus ihrer «Jedermanns Autobiographie» beschreibt, worum es vermeintlich in der Moderne geht. Nicht man selbst zu sein. Und ist das eine erstrebenswerte Art, zu leben? Wie stellen wir uns zusammen?
 
Gertrude Stein war besessen von dem, was sie «Komposition» nannte. Sich selbst als Genie zu bezeichnen, war ein Geniestreich. Alle würden darüber diskutieren, bis in alle Ewigkeit. Steins Intention war es, ein ganzes Jahrhundert durch Sprache zu demontieren, die Gebräuche des 19. Jahrhunderts aufzulösen. Weg mit den Kommata, weg mit den Fragezeichen. Sich nicht vorschreiben lassen, wann man Atem zu holen hatte, was eine Frage war, wen man liebte oder wie man sich kleidete. Weg mit den Klischees und die Konventionen der Gesellschaft durchbrechen.
 
Ihre Begeisterung für die Bildkunst und die literarische Moderne wie Ezra Pound, T.S. Eliot, James Joyce und Virginia Woolf teilte sie mit ihrer Partnerin Alice B. Toklas. In ihrem Salon empfingen sie die Künstler der Moderne, Hemingway holte sich bei ihr schriftstellerischen Rat, Picasso porträtierte sie 1906 als kubistische Ikone.
 
Gertrude Stein und Picasso lernten sich kennen, als sie 31 und er 24 war. «Er war schlank dunkelhaarig, lebhaft mit grossen Augentümpeln und einer heftigen aber nicht groben Art. Er sass neben Gertrude Stein beim Abendessen und sie griff nach einem Stück Brot. Dies, sagte Picasso, und entriss es ihr gewaltsam, dies Stück Brot ist meins. Sie lachte und er sah verlegen aus. Das war der Anfang ihrer Vertrautheit» (Autobiografie von Alice B. Toklas).
 
Stein zählte wie Virginia Woolf zu den ersten Frauen der literarischen Moderne, sie schrieb experimentelle Romane, die von Kritikern und Lesern als schwierig eingeschätzt wurden. Im Juni 1926 nimmt Gertrude Stein eine Einladung zu einer Vorlesung im Cambridge Literary Club in England an. Die Dichterin Edith Sitwell, sinnlich in Pelz gekleidet, arrangiert das Treffen. Edith wird eine Party für Gertrude und Alice B. geben. E.M. Forster und Virginia Woolf werden kommen. Die Lesung ist Steins Chance, ihr eigenes Werk zu verteidigen, eine öffentliche Intellektuelle zu werden, sich eine eigene Bühne zu schaffen.
 
Die Jahre als Gastgeberin ihres Salons in Paris in der 27 rue de Fleurus, den sie zuerst mit ihrem Bruder, Kunstsammler Leo Stein teilte, und ab 1913 mit ihrer Lebensgefährtin Alice B. Toklas, und als Mäzenin für das Werk geächteter Künstler der Moderne in ihren Ausstellungen, hatten sie darauf vorbereitet. Doch erst ihr Buch «The Autobiography of Alice B. Toklas», 1933 in New York erschienen, wurde ein grosser Erfolg und machte sie einem breiteren Publikum bekannt. Berühmt war sie bereits für ihren häufig zitierten Satz: «a rose is a  rose is a rose», der aus dem Gedicht «Sacred Emily» in dem 1922 veröffentlichten Buch «Geography and Plays» stammte.

 

Leitfigur der literarischen Moderne

Gertrude Stein wurde 1874 in Allegheny, Pennsylvania/USA, als Tochter deutsch-jüdischer Immigranten geboren, ihr Vater Daniel Stein, geboren in Bayern, kam 1841 mit 18 Jahren in Amerika an, um mit seinem Bruder Solomon ein Bekleidungsunternehmen zu gründen. Ihre Mutter, Amalia Keyser, geboren in Amerika, war die Tochter noch früherer Immigranten aus Bayern. Daniel wurde zu einem wohlhabenden Geschäftsmann. Sein jüngstes von fünf Kindern, Gertrude Stein, sollte zu einer Legende werden, zu einer Leitfigur der literarischen Moderne, zur womöglich einzigen Avantgarde-Schriftstellerin der Welt, deren Name in Leuchtschrift am Times Square in New York prangte. Die Autorin von Lyrik, Romanen, Theaterstücken, Essays, Libretti und Sammlerin der gewagtesten Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts, von Man Ray und Cecil Beaton fotografiert, schrieb auch «Wort-Porträts» analog den radikalen Visionen von Cézanne, Matisse und Picasso.
 
Deborah Levy schildert ihre Zeitreise mit Gertrude Stein, wobei man wie in einer historischer Meditation Stein aus verschiedenen Perspektiven nahekommt. Mal sieht man sie im Auto sitzen, die eine Hand am Lenkrad, die andere mit einem Hühnerbein, ein andermal wird zitiert, wie sie beschreibt, als Matisse unangemeldet zu Stein zu Besuch kommt und ihm Köchin Alice statt einer Omelette nur ein Spiegelei anbot, als Missbilligung für den unhöflichen Gast. Die eingestreuten Anekdoten lassen die Epoche der Moderne wieder lebendig werden, wie die Besuche bei Sylvia Beach, einer in Paris lebenden Amerikanerin aus Baltimore, und ihrer Buchhandlung «Shakespeare and Company» in der Rue de l’Odeon im Haus Nummer 12, seit 1921 ein Treffpunkt der Literaturszene, wo auch Hemingway verkehrte. Eine Buchhandlung für amerikanische Expats in Paris, lange bevor die ersten Exilanten kamen. Beach betrieb nicht nur die Buchhandlung, sondern verlegte auch Bücher; die Veröffentlichung von James Joyce Roman «Ulysses» 1922 machte sie berühmt.
 
Parallel erzählt Levy von ihren zwei Freundinnen aus dem heutigen Paris: Fanny, geboren in Kopenhagen, ist eine verführerische Frau mit wechselnden Lovern, der Gertrude Steins experimentelle Wiederholungen auf die Nerven gehen; die amerikanische Comic-Zeichnerin Eva, die in Paris an einer Graphic Novel arbeitet, ist auf der Suche nach ihrem verschwundenen Kater. Die Freundinnen reflektieren bei Fischsuppe und Pfirsichbrandy über Liebe und Begehren, Weiblichkeit und Freundschaft, Immigration und Exil. Auf dem Programm der Erzählerin steht auch der Friedhof Père Lachaise, wo Gertrude Stein begraben liegt, neben anderen Berühmtheiten wie etwa Oscar Wilde oder Apollinaire, dem Wegbereiter des Surrealismus.
 
1903, mit 29 Jahren, begann Gertrude Stein ihr Leben in Europa mit einem Medizinstudium, ohne Abschluss. Stein zog zu ihrem älteren Bruder Leo, der in Montparnasse wohnte. Um ein Haar wäre sie Ärztin geworden. Warum war sie durch die Prüfungen gefallen? Ihre Antwort lautete, dass sie gnadenlos gelangweilt war und es eine Erleichterung war, als sie die engen Kleider als Medizinstudentin auszog und wie ein Mönch in weite braune Gewänder wechselte und griechische Sandalen anzog. Sie war wuchtig, als Frauen häuslich hätten sein sollen, queer, als sie straight hätte sein sollen. Ihr Korsett trieb nun auf einem der Bewusstseinströme davon. Der Couturier Pierre Balmain kam ihr zu Hilfe und machte ihr Anzüge, Mäntel und eine braune Samtkappe.
 
Wahrscheinlich war ihr Kopf voll mit Neurologie, während sie durch den Jardin du Luxembourg ging und sah, wie die Tauben übers Gras schlenderten, auf dem kein Mensch gehen oder liegen durfte. Als sie das Libretto für eine Oper schrieb, das an den Broadway nach Amerika überwechselte, war es voller Tauben aus Paris.
 

Zwischen dem Verfassen ihres Essays über Gertrude Stein und dem Durchscrollen der täglichen Nachrichten, besucht die Erzählerin einen Markt mit den süssen, knackigen Äpfel aus der Normandie, der Erinnerungen an Gertrude Stein wachruft, wie sie im Garten ihres Landhauses sitzt, ihr kleiner Hund hinter ihrem Nacken. Alice B. stand morgens um sechs Uhr auf, um Erdbeeren für ihr Frühstück zu pflücken. Es war schwer, sich Gertrude im Alter vorzustellen, weil ihr Schreiben so abenteuerlich war.  Ihre Werke wurden in Frankreich jedoch nicht ohne weiteres verlegt, Ruhm und Ehre erlangte sie spät mit fast 60 Jahren. Gertrude Stein starb am 27. Juli 1946 im Alter von 72 Jahren in Paris.
 
«Die Sonne ging unter, während wir auf der Pont Saint-Louis standen. Ein Touristenschiff mit kleinen goldenen Lämpchen um die Reling schob sich langsam durch das Wasser der Seine. Jemand spielte unter der Brücke Trompete. Das Schiff würde Halt machen bei Notre-Dame, beim Hôtel de Ville, beim Louvre, in Saint-Germain-des-Prés, beim Musée d’Orsay, beim Place de la Concorde, bei Les Invalides, beim Eiffelturm. Vielleicht würden ein paar Touristen, die bei Saint-Germain-des-Prés ausstiegen, nach den Geistern von Juliette Gréco und Serge Gainsbourg suchen, die einst in der Nähe gelebt hatten. Was wussten sie über diese beiden glamourösen Sänger-Poeten? Was wusste ich?»
 
Alles Schreiben handelt von Spaziergängen mit Geistern. Oder vielleicht gehen die Geister mit den Schreibenden spazieren. Auf das Unbekannte zu. Auf den Rand der Klippe zu.
 
Der leichtfüssig tiefgründige Roman auf den Spuren Gertrude Steins und der literarischen Moderne lädt ein, in die flirrende Pariser Atmosphäre der Farben und Lichter einzutauchen.

 

 

Mein Jahr mit Gertrude Stein (Auszug)
 
Was tut Literatur und wie tut sie es. Und was tut englische Literatur und wie tut sie es … Wenn sie beschreibt was sie sieht wie tut sie es. Wenn sie beschreibt was sie weiss wie tut sie es und was ist der Unterschied zwischen dem was sie sieht und dem was sie weiss. Und dann gibt es auch das was sie fühlt, und dann gibt es auch das was sie hofft und wünscht…
Was ist englische Literatur
 

 
Gertrude Steins wissenschaftliches Studium ist in jedem ihrer Sätze. An der Johns Hopkins Universität studierte sie Neurologie und Gehirnmodelle.
 
«Gertrude Stein war, in ihrem Werk, immer schon besessen gewesen von der intellektuellen Leidenschaft für Genauigkeit bei der Schilderung der inneren und äusseren Realität. Sie hat eine Vereinfachung bewirkt durch diese Konzentration und als Resultat der Zersetzung der assoziierenden Emotion in Poesie und Prosa. Sie weiss, dass Schönheit, Musik, Dekoration, das Resultat von Emotion nie deren Ursache sein sollten, sogar Ereignisse sollten nicht die Ursache von Emotionen sein noch sollten sie der Stoff sein für Poesie und Prosa. Noch sollte Emotion an sich die Ursache von Poesie und Prosa sein. Sie sollten in einer genauen Reproduktion entweder einer äusseren oder einer inneren Realität bestehen».
Autobiografie von Alice B. Toklas
 
In der Autobiografie von Alice B. Toklas beschreibt Gertrude Stein, wie sie zum ersten Mal mit einem Flugzeug gereist ist. Sie war mittlerweile 60 und berühmt, hatte etwa 74 Lesungen in 37 Staaten abgehalten. Sie blickte aus dem Fenster und staunte über die Geometrie der abstrakten Formen, die sie unter sich entdeckte.

«… sah ich alle die Linien des Kubismus, die zu einer Zeit entstanden waren, als noch kein Maler in einem Flugzeug aufgestiegen war. Ich sah dort unten auf der Erde Picassos vermischte Linien, sah sie kommen und gehen, sich entwickeln und sich zerstören; ich sah Braques einfache Lösungen, ich sah Massons umherschweifende Linien, ja, ich sah das, und wieder einmal erkannte ich, dass ein schöpferischer Mensch zeitgenössisch ist; er versteht, was zeitgenössisch ist, wenn die Zeitgenossen es noch nicht wissen…»
Picasso von Gertrude Stein
 
Kubismus hatte das Unsichtbare sichtbar gemacht. Das ist es, was nötig ist, um modern zu sein. Etwas zuerst sehen. Und dieser erste offenbarende Blick, insistierte sie, bringt Kunst hervor, die nicht im Takt ihrer Zeit ist.
 
 
DEBORAH LEVY verbindet in ihrem Roman essayistische und lyrische Momente, autobiographisches und fiktionales Erzählen. Levy wurde 1959 in Johannesburg geboren und zog mit neun Jahren mit ihrer Familie von Südafrika nach Grossbritannien. Ihr Vater war Historiker und Mitglied im African National Congress. Er wurde vom Apartheid-Regime mehrere Jahre inhaftiert und musste nach seiner Freilassung 1968 aus Südafrika nach Grossbritannien emigrieren, die Eltern liessen sich 1974 in London scheiden. Levy besuchte bis 1981 das Dartington College of Art und begann Theaterstücke zu schreiben, die auch von der Royal Shakespeare Company angenommen wurden. In Cardiff leitete sie die Manact Theatre Company, verfasste verschiedene Theaterstücke und Beiträge für Radio und Fernsehen. Ihre Romane «Swimming Home» und «Hot Milk» kamen im Jahr 2012 und 2026 auf die Shortlist des Man Booker Prize. Für die französischen Übersetzungen ihrer Autobiografien «Things I Don’t Want to Know» (2014) und «The Cost of Living» (2018) wurde Levy 2020 der Prix Femina verliehen, «Real Estate: A Living Autobiography» wurde mit dem Christopher Isherwood Prize for Autobiographical Prose für 2021 ausgezeichnet. Levy ist geschieden und hat zwei Kinder, sie lebt und arbeitet in London und Paris.
 
MARION HERTLE, geboren 1977, studierte in Erlangen und Nordirland Deutsche und Englische Literaturwissenschaft. Sie arbeitet als Lektorin und Übersetzerin. Für AKI -Verlag übersetzte sie die Early-Levys «Landschaft verschluckt», «Billy & Girl» und «Schöne Mutanten» sowie den Roman «Augustblau» und die Essaysammlung «Die Position der Löffel». Sie lebt mit ihrer Familie in München.

 

LEONORA CARRINGTON, 1917-2011, war eine britisch-mexikanische Künstlerin und eine der bedeutendsten Figuren des Surrealismus. Carrington arbeitete medienübergreifend, Malerei, Skulptur, Literatur und auch Textilkunst, und entwickelte dabei eine eigene Bildsprache, geprägt von Fantastischem, Mythologie und okkulter Symbolik. Ein wiederkehrendes Motiv in ihrem Werk sind Tierwesen. Sie erscheinen in Zeichnungen und Gemälden ebenso wie auf dem Wandteppich, der das Cover von «Mein Jahr in Paris mit Gertrude Stein» ziert.

 

 
Deborah Levy
Mein Jahr in Paris mit Gertrude Stein
Roman
Aus dem Englischen von Marion Hertle

Originalausgabe My Year in Paris with Gertrude Stein

Penguin Random House Group, London, 2026

aki Kampa Verlag AG, Zürich, 2026
Hardcover, 128 S., CHF 36.90
ISBN 978 3 311 35033 0
 

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