September/Oktober 2025
Liebe Literatur- und Kunstinteressierte, liebe Freundinnen und Freunde, herzlich willkommen auf Literatur & Kunst!
Wir freuen uns, Ihnen die spannenden Biographien «Max Frisch. Biographie einer Instanz» sowie «Die Feuerschrift. Casanova und das Ende des alten Europa» vorstellen zu können und wünschen Ihnen viel Lesevergnügen! Die Frage der Identität beschäftigte Frisch lebenslang, es war seine Thematik wie unter anderem in seinem frühen Theaterstück «Don Juan oder die Liebe zur Geometrie».
Und hier die Politik am Ende des Sommers kurz auf den Punkt gebracht: So einfach ist es nicht mit der Wirtschaft, Wehrpflicht und Rente in unserem Nachbarland, manches an Schwarz-Rot erinnert an die Ampel. 61 Prozent trauen Bundeskanzler Friedrich Merz keine Wirtschaftswende zu; die AfD hat inzwischen die CDU/CSU mit 26 Prozent überholt und ist im Osten Deutschlands die stärkste Partei. Seit einiger Zeit schwebt über der als gesichert rechtsextrem eingestuften AfD ein Verbot, das vom deutschen Verfassungsgericht geprüft wird. Die Bundesrepublik scheint in der Tristesse zu sein, doch das kann sich täglich ändern mit einem „Herbst der Reformen“, wie von Bundeskanzler Merz angekündigt.
Die Medien greifen als Dauerthema die Migration sowie die Flüchtlingskrise 2015 auf und erinnern an Angela Merkels ikonisches „Wir schaffen das“ -, etwa immerhin 70 Prozent der Eingewanderten sind innert 10 Jahren Teil des deutschen Arbeitsmarktes auch gegen den Fachkräftemangel geworden -, dass noch weit mehr als eine Million Flüchtlinge danach nach Deutschland kamen, war u.a. dem Ukrainekrieg geschuldet. Weniger wird daran erinnert, dass Merkel schon 2017 und 2018 nach ihren Treffen in den USA mit Donald Trump in seiner ersten Amtszeit davor warnte, dass auf Amerika kein Verlass mehr sei und sich Europa unabhängig machen sollte. Trump hat mit neuen Zöllen als Vergeltung für die Besteuerung digitaler Techgiganten wie Google, Amazon oder Meta gedroht. Bei Donald Trump sollte sich niemand zu früh freuen, das ist sein Prinzip.
Die Schweiz hat ein veritables Zoll-Problem (CH 39 Prozent, EU 15 Prozent); Telefonate der Schweizer Bundespräsidentin mit Donald Trump und Team-Besuche bei Aussenminister Rubio brachten nichts, anders als die EU- Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen, die Trump persönlich in Schottland konsultierte, der Herkunft seiner Mutter. Die US-Zölle belasten die Schweizer Maschinen-, Metall- und Uhrenindustrie, die bei unveränderten Zöllen etwa 25 000 bis 30 000 Arbeitsplätze gefährden würden, rund 8 bis 10 Prozent des derzeitigen Stellenbestands der Branche. Betriebe erwägen Verlagerungen ins Ausland. Auch die Schweizer Milliardäre der Private Equity Partners Group waren bisher keine Hilfe, die mit dem Bundesrat in die USA reisten und vorgeblich nur zum Vorteil der Schweiz vor allem gegen die Bilateralen III kämpfen, kürzlich ihre Kompass-Initiative zur Volksabstimmung im Bundeshaus Bern einreichten, dass für die EU-Verträge nicht nur das Volksmehr, sondern auch das Ständemehr und die Kantone zählen sollen, eine zusätzliche Hürde für das Ja an der Urne für die Verträge.
Schweiz-USA: Durcbbruch bei den Zöllen?
Heute informierte Bundesrat Guy Parmelin über die bisherigen Verhandlungen mit der Trump-Administration über die Zölle von 39 Prozent für die Schweiz, die auf 15 Prozent analog der EU gesenkt werden sollen. Das Prozedere wird jedoch einige Zeit in Anspruch nehmen, bis die Verträge unterschrieben werden können, die noch vors Parlament und vors Volks kommen.
14. November 2025
Schweizer Politiker:innen von links bis rechts streiten zudem über den amerikanischen Kampfjet F-35, der teurer wird, doch da die Nato ihn geordert hat, wird eine gemeinsame Flugabwehr Sinn machen, während die SVP lieber die Landsleute mit Hellebarden an die Schweizer Grenze stellen würde, sind wir doch im Herzen Europas von der Europäischen Union umzingelt, die gleichzeitig von russischen Aufklärungsflugzeugen in der Ostsee bedrängt wird.
Denn da ist auch noch der brutale Ukraine-Krieg, der mehr als drei Jahre seit Februar 2022 andauert, den Kriegsaggressor Putin nur mit Gebietsforderungen an Donbass, Krim sowie neutraler Ukraine ohne Sicherheitsgarantien seitens USA und EU beenden will. Wie weit und ob Selensky dazu einwilligen kann, wird ein zähes Ringen werden. Vom ursprünglich von Trump vehement gefordertem Waffenstillstand ist nicht mehr die Rede seit dem ersten Treffen Trumps mit Putin in den USA seit Kriegsbeginn. Donald Trump hievte den Kreml-Chef Putin Mitte August 2025 zurück auf die Weltbühne mit ausgerolltem roten Teppich nach Alaska, – (pikante Pointe mit Trumps begehrlichem Blick auf Grönland), – das die USA für 7,2 Mio. Dollar 1867 von Russland abkauften, während eine devote europäische «Koalition der Willigen» mit Selensky zu Trump nach Washington pilgerte. Geheime Rohstoffdeals hätten im Gespräch mit Putin eine Rolle gespielt, sickerte inzwischen durch. Neue Ergebnisse zur Ukraine sind nicht bekannt. Ausser Spesen nichts gewesen? Irgendwann wird es Frieden geben, wenn die Waffen auf der einen oder anderen Seite den Ausschlag geben sollten. Doch es kann sich stündlich und täglich ändern. Denn alle wünschen sich Frieden für die Ukraine, und insbesondere auch für Gaza!
In der Rubrik Lyrik finden Sie bewegende Gedichte für Frieden und Freiheit aus Zeiten, die von unserer Zeit gar nicht so verschieden sind, und gegen das Vergessen.
Helvetia – Quo vadis? Eine Gesprächsrunde in der Mühle Tiefenbrunnen diskutierte die Themen Demokratie und Neutralität, KI und Cancel Culture. Diskutieren Sie mit!
Ihre Ingrid Isermann, 1. September 2025
Wird Gaza Israels Vietnam?
Gaza-Krieg ohne Ende? Nach dem brutalen Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 gegen Israel kämpft die Regierung Netanyahu gegen das Phantom Hamas, dessen Führer weitgehend beseitigt wurden, das aber immer noch Widerstand leistet und nicht bereit ist, die übrigen etwa 25 Geiseln freizulassen. Gaza ist mittlerweile zu einem Schlachtfeld verkommen, das die israelische Armee ganz besetzen will und die Palästinenser von einem Ort an den anderen hetzt. Schutz finden sie nirgends mehr, die Nahrungsversorgung ist längst unzureichend, man spricht von einer Hungersnot. Nicht nur deshalb sind viele Staaten bereit, Palästina als Staat anzuerkennen, obwohl es keinen Staat Palästina gibt und eine Zweistaatenlösung in weite Ferne gerückt ist, die Netanyahu vehement ablehnt. Im Westjordanland werden neue Siedlungen gebaut, trotz Protesten der UNO, die einen palästinensischen Staat verunmöglichen sollen.Der Westen schaut mehr oder weniger hilflos zu, während die Kämpfe weitergehen. Die Aktivistin Greta Thunberg startete nun mit 300 Gleichgesinnten ihre Hilfsmission, Tonnen von Nahrungsmitteln und Medikamenten mit Booten von Spanien aus nach Gaza zu bringen (NZZ 2.9.2025). Doch beim Start in Barcelona am 30. August mussten die Boote unter palästinensischer Flagge wegen widriger Wetterbedingungen wieder umkehren. Wenn sich das Wetter bessert, sollen die etwa vierzig Schiffe erneut auslaufen. Israels rechtskonservativer Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, will Thunberg bei ihrer Ankunft verhaften lassen und das Entladen der Hilfsgüter verhindern. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sanchez war einer der Ersten, der Sanktionen gegen die Regierung von Benjamin Netanyahu forderte: «Wir haben die moralische Pflicht, Menschenleben zu retten». Er sicherte dem Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas Unterstützung zu, nachdem die USA ihm anlässlich der nächsten UNO-Vollversammlung die Einreise verweigert hatten.
Was aus Gaza nach der Besetzung Israels werden soll, ist nach wie vor unklar.
Trump machte den Vorschlag, aus Gaza eine «Riviera» zu machen und die Palästinenser aus- und umzusieden. Diese Umsiedlung steht immer noch im Raum und kommt den Falken in der Regierung zupass, die keine Einigung mit den Palästinensern wollen. Das trifft sich umgekehrt mit der Haltung der Hamas, die Israel vernichten wollen. Es scheint keine Lösung ausser einem ständigen Terror und Krieg zu geben. Unter diesen Umständen stellt sich die Frage nach einer Lösung, die so aussehen könnte: Gaza wird an Israel zurückgegeben und mit den Siedlern aus dem Westjordanland besiedelt, dafür erhält Palästina autonom das ganze Westjordanland, aus dem die Israeli abziehen. Jerusalem wird geteilte Hauptstadt Israel/Palästina. Israel wird der 51. Bundesstaat der USA, die das Land ohnehin militärisch und politisch unterstützten, ohne die Israel nicht überlebt hätte. Ein Friede unter den zerstrittenen Völkern ist ohne Intervention der USA auf lange Zeit undenkbar.
Ingrid Isermann, 2. September 2025
Seit 10. Oktober 2025 schweigen endlich die Waffen in Gaza, ein fragiler Waffenstillstand zwischen der Hamas und Israel, vermittelt von den USA und arabischen Staaten, ist seither in Kraft. Die letzten 20 Geiseln der am 7. Oktober 2023 brutal von der Hamas verschleppten israelischen Geiseln wurden am 13. Oktober 2025 nach 728 Tagen in Gefangenschaft freigelassen. Was mit Gaza passiert, steht in den Sternen. Die Hamas ist aufgerufen, die Waffen abzugeben, hat sich bisher aber nicht dazu bereit erklärt. Ein ungefährer Plan sieht vor, dass Gaza unter amerikanischer und arabischer Aufsicht wiederaufgebaut und verwaltet wird.
14. November 2025
Fed up mit Trump!
Während der öde feixende Putin ungehemmt in der Ukraine weiter bombt, man sollte ihn entführen und in Den Haag als Kriegsverbrecher anklagen, gefällt sich Trump als «naughty boy», der sein Spielzeug zertrümmert und damit um sich wirft. So mit den Zöllen in aller Welt, wie es ihm grad beliebt. Die reine Willkür statt ordnungspolitischer Prinzipien, auf denen unser regelbasiertes Wirtschaftssystem beruht. Trump hält nichts von Regeln, Prinzipien, Abmachungen oder Verlässlichkeit (NZZ 10.9.25, Gute Regeln sind die Basis des Wohlstands). Für ihn ist alles ein permanenter «Deal», bei dem nur der Wille des Präsidenten zählt. So fördert Trumps Geringschätzung von Regeln den Filz und die Günstlingswirtschaft, in den USA offenkundig, buhlen doch die amerikanischen Tech-Milliardäre konstant um seine Gunst; sie wollen eine möglichst vorteilhafte Regulierung, das Ende von Kartellprozessen oder wie Elon Musk Subventionen und Staatsaufträge. So leidet die Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft, wenn Beziehungen den Ausschlag geben statt der Leistung. Auch in Russland ist die Günstlingswirtschaft unter Putin besonders ausgeprägt. Wichtig ist vor allem auch die Geldwertstabilität, die am besten durch eine unabhängige Notenbank garantiert wird. Doch nun stellt sich die Frage, ob die USA in eine Autokratie abgleiten, da der US-Präsident beispielsweise die unabhängige Notenbank frontal angreift. Auf dem Spiel steht Grundsätzliches, denn eine unabhängige Notenbank gehört zum Bestand jener Regeln, die eine erfolgreiche Wirtschaftsordnung ausmachen. Wenn Trump den Fed-Chef öffentlich als «totalen Versager» bezeichnet, ihm eine Kündigung nahelegt, eine Fed-Gouverneurin entlässt und der Notenbank die Leitzinsen diktieren will, gefährdet er massgeblich Wohlstand, Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit der USA.
Ingrid Isermann, 10. September 2025
Warum gibt es die KI? Weil Männer keine Kinder zur Welt bringen können. Darum schaffen sie eine eigene Parallelwelt.
Heutzutage darf man doch alles sagen, oder nicht? Warum nicht auch das? Einen Generalangriff der anderen Art, kein Krieg, wie ihn Männer sonst führen, sondern ein Angriff auf eine technoide Welt, in der Männer und Tech-Milliadäre das Sagen haben. In der sie herrschen und den Roboter dem Menschen vorziehen, sich ergötzen, wenn der langsam unbeholfen laufen lernt und sogar Fussball spielen kann. Toll! Und wie man hört, will Elon Musk einen roboterähnlichen Menschen auf den Mars schicken. Dort soll er bleiben und nicht mehr zurückkommen. Denn klar ist, die Raumfahrt braucht Avatare. Das ist ihr Sinn. Wir kommen aus unserem Sonnensystem selbst nie heraus, da kann sich mann auf den Kopf stellen, solange er mag. Und wahrscheinlich sind auch UFOS, die sich immer wieder am Himmel zeigen, mit Avataren und nicht mit Menschen bestückt. Millionen von Lichtjahren können Menschen nun einmal nicht überbrücken, nicht einmal in Generationen.
Was also soll das Ganze? Statt den technischen Erfindergeist auf die Erhaltung
dieses einzigen bewohnbaren wunderbaren Planeten zu richten, was notabene auch väterlich sein könnte, beispielsweise die Plastikteile aus dem Meer entfernen, mit Öl beladene Schiffe verbieten, Kriege und Waffen verbieten und Städte wohnlich machen, hätte mann genug und Sinnvolles zu tun, auch für das ganz grosse Ego. Ist irgendjemand manns genug und fängt damit an? Oder sieht man nur die Lemminge zum Abgrund laufen, die den Rattenfängern Trump, Putin & Co. hinterherhecheln? Wahrheit in deren Welt war einmal, Wahrheit ist nur noch eine Meinung. Und dies ist meine Meinung. Ob das wahr ist, können Sie selbst entscheiden. Apropos, wie sagte Ingeborg Bachmann: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar. Die Künstliche Intelligenz KI ist der Geist aus der Flasche. Wo bleibt die menschliche Intelligenz? Die KI ist eine Simulation der Wirklicheit. Wie bewahren wir unsere Werte? Was alle auf diesem Planeten, der nur geliehen ist, jedoch verbindet, ist, dass jedes lebendige Geschöpf, das herumläuft, von einem weiblichen Wesen geboren wurde.
Ingrid Isermann, 12. September 2025
Die USA bewegen sich auf eine Autarkie zu
Amerika ist in Aufruhr, seit am 10. September 2025 Charlie Kirk, radikaler Trump-Anhänger und Aktivist von «Turning Point America» an einer Universität in Utah während einer Diskussion im Freien erschossen wurde. Die Trump-Regierung schrieb das Attentat sofort Linken und Demokraten zu, noch bevor der Täter gefasst war. Der stellte sich selbst nach einer Woche, ein 22-jähriger junger Mann aus religiösem Haus, der seither über sein Tatmotiv schwieg. Disney entliess unter Druck den beliebten Komiker Jimmy Kimmel, der sich kritisch über Kirk geäussert hatte, welcher Abtreibung mit dem Holocaust gleichsetzte, homophob auch gegen Transmenschen agierte und Schwarzen Frauen unterstellte, sie hätten nicht genug „Gehirnleistung“. Jede Kritik an Kirk wurde von Trump verboten, somit die freie Meinungsäusserung extrem eingeschränkt, während Vance zur Denunziation von Leuten aufrief, die sich kritisch gegen Kirk äussern. Noch an der Münchener Sicherheitskonferenz hatte Vance behauptet, in Deutschland werde die Meinungsfreiheit eingeschränkt mit Blick auf die AfD, nun ist es Amerika, das anderslautende Meinungen verfolgt und nicht mehr zulässt. Mehr noch, jede Kritik an sich selbst verbietet Trump als «illegal» und verklagte die New York Times auf 15 Milliarden Schadenersatz. Ein Gericht hat die Klage vorläufig zurückgewiesen, sie geht nun an das Obergericht. Am 21. September fand die Gedenkfeier von Charlie Kirk in Arizona in einem Stadion mit über 70.000 Zuschauern statt, die zur Heldensaga eines Märtyrers geriet und religiöse Züge annahm. Die Witwe Kirks vergab dem Attentäter, Trump nicht. Jede Gewalttat ist zu verurteilen, jedoch nicht für eine weitere Spaltung der Gesellschaft zu instrumentalisieren, wie es Trump tut. Beunruhigende Zeichen in einer nervösen, unruhigen Zeit.
PS. Surprise… heute abend gab der Disney-Konzern bekannt, dass die Show von Jimmy Kimmel nach massiven Protesten wieder aufgenommen wird. Widerstand lohnt sich!
Ingrid Isermann, 22. September 2025
Georg-Büchner-Preis für Ursula Krechel
Der Georg-Büchner-Preis 2025 geht an Ursula Krechel, gab die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung bekannt. Mit Krechel werde eine Autorin ausgezeichnet, die «den Verheerungen der deutschen Geschichte und Verhärtungen der Gegenwart die Kraft ihrer Literatur entgegensetzt», so die Jury. Krechels Werk rege an, das Hier und Jetzt der deutschen Gesellschaft nicht hinzunehmen, wie es ist. Flucht, Exil, Gewalt und Feminismus, um diese Themen kreist das Werk der 77-jährigen deutschen Autorin Ursula Krechel, die sowohl Gedichte als auch Theaterstücke, Essays und Romane schreibt. Mit dem Georg-Büchner-Preis erhält sie nun eine der wichtigsten Literatur-Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum.
Premiere im Schauspielhaus Pfauen: Graf Öderland
Der Krimi-Klassiker«Graf Öderland» von Max Frisch erlebt mit temporeichen federleichten Slapsticks des spielfreudigen Ensembles auf der Pfauenbühne eine Metamorphose in der Regie der Schweizer Regisseurin Claudia Bossard. Staatsdiener verwandeln sich in Paraderollen mit der Axt in der Hand, der Axt im Hause, der Axt im Walde und der Axt auf den Bildschirmen rundherum. Das Theaterstück von Frisch könnte aktueller nicht sein.
Ein Bankangestellter (Henri Mertens) erschlug laut Zeitungsbericht einen Hausmeister mit der Axt und hat den Mord schon dem Staatsanwalt (Thomas Wodianka) gestanden. Der Verteidiger (Lukas Darnstädt) sucht nach mildernden Umständen für die Tat und verzweifelt am jungen Täter, der sich die Tat selbst nicht erklären kann. Seinem Bankschalter-Job und dem sinnlosen Ödland wollte er entkommen, macht er geltend, könnten doch Leute wie er und der Hausmeister nur durch einen Mord Aufmerksamkeit erregen und ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangen. Das bringt den Staatsanwalt ins Grübeln über den Sinn des eigenen Lebens und bereitet ihm schlaflose Nächte. Die Gattin des Staatsanwalts (Laina Schwarz), die ein Verhältnis mit dem Verteidiger hat, rät ihm zu Gelassenheit oder einem Arztbesuch. Der Staatsanwalt katapultiert sich auf eine andere Ebene und landet bei Revoluzzern im Walde, wobei es zuletzt zur Konfrontation mit der Regierung kommt. Die Innenministerin (wandlungsfähig: Laina Schwarz) versucht das Volk zu beruhigen bis markige Zwischenrufe aus dem Publikum von Graf Öderland die Szene aufmischen: «Wir erinnern, was wir vermissen». Das Stück erstreckt sich etwas zähflüssig über mehr als zwei Stunden. Das Publikum spendete dem engagierten Ensemble nachdenklich reichlich Applaus.
Ingrid Isermann, 26. September 2025
Der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an den ungarischen Schriftsteller László Krasznahorkai. Er wurde von der Schwedischen Akademie für sein «fesselndes und visionäres Werk» ausgezeichnet. Krasznahorkais Bücher handeln häufig vom Leben in Krisensituationen sowie von grundlegenden Fragen der menschlichen Existenz. Er wurde unter anderem bereits mit dem «Man Booker International Prize» und dem «National Book Award» ausgezeichnet.
Die Schweizer Autorin Dorothee Elmiger hat den Deutschen Buchpreis an der Frankfurter Buchmesse (mit Gastland Philippinen, 15.-19. Oktober 2025) ) gewonnen, mit ihrem Roman «Die Holländerinnen». Darin geht es um eine Schriftstellerin, die im südamerikanischen Dschungel auf den Spuren zweier verschwundener Holländerinnen unterwegs ist. Gerade erst erschienen im HanserVerlag, ist das Buch ist bereits wegen grosser Nachfrage vergriffen.
15. Oktober 2025
Starauftritt Anna Netrebko in Verdis «La forza del destino» (Die Macht des Schicksals) im Opernhaus Zürich
An der Gala-Premiere am 2. November 2025 im Opernhaus Zürich wogten die Wellen hoch. Vor dem Opernhaus ukrainische Proteste gegen die russische Starsopranistin Anna Netrebko wegen ihrer angeblichen Putin-Nähe, 2021 feierte sie im Kreml ihren 50. Geburtstag, 2022 distanzierte sie sich vom Krieg und trat nicht mehr in Russland auf, wo sie seither als Verräterin gilt. Trotz der Proteste, Netrebkos Auftritt ist ein Manifest für den Frieden.
Die Oper «La forza del destino» passt zur Situation zwischen Kunst und Politik. Draussen Protest, drinnen hielt man die Luft an, als Filmberichte einen Panzerangriff auf Zürich zeigten, wo der Krieg die neutrale Schweiz eingeholt hatte. Die argentinische Regisseurin Valentina Carrasco, vormals im katalanischen Theaterkollektiv La Fura dels Baus, inszenierte die Oper in vier Akten nach dem Libretto von Francesco Maria Piave als dystopische Fantasie. Krieg, Flucht, Hass und Rache prägen das grosse Lebensspektakel Verdis, inmitten Don Leonora (Anna Netrebko) und Don Alvaro (Yusif Eyvazov), die um ihre Liebe kämpfen und an der Macht des Schicksals zerbrechen. Leonoras Vater, der Marchese di Calatrava (Stanislav Vorosbyov) steht ihrem Glück im Wege, ungewollt erschiesst ihn Don Alvaro, der von Leonoras Bruder Don Carlo di Vargas (George Petean) gerächt wird. Die dramatischen Bilder erinnern an die Kriegswirrnisse in der heutigen Zeit und an die Ukraine, womit die Oper einen brisanten Aktualitätswert erhält. Leonora bittet um Frieden, eine der eindrücklichsten Szenen auf der Opernhausbühne, die zum Nachdenken anregen. Generalmusikdirektor Giannandrea Noseda leitete am Pult das Orchester und den Chor. Das Publikum spendete der Aufführung minutenlang begeisterten Applaus.
Ingrid Isermann, 3. November 2025
to be continued
Buchtipps
Sebastian Haffner: Abschied
1932 auf der Schwelle zur NS-Herrschaft verfasst, besticht Sebastian Haffners Roman «Abschied» hinreissend elegant auf Weltläufigkeit, Liebe und Leichtigkeit. Der drohende Hintergrund in der Weimarer Republik ist spürbar, doch im Vordergrund steht die Liebesgeschichte mit Teddy, die nach Paris ausgewandert ist. Nur für ein paar Tage ist ihr Raimund aus dem dumpfen Deutschland der frühen 30er Jahre von Berlin nach Paris gefolgt. Jetzt naht bereits der Abschied von Teddy, in die Raimund sehr verliebt ist und die von in Paris gestrandeten Gentlemen umschwärmt wird. Wenn er doch nur die Zeit aufhalten könnte. Die Geschichte wurde erst spät im Nachlass des Publizisten Sebastian Haffner entdeckt und lässt sich auch als Ergänzung zu Haffners «Geschichte eines Deutschen» lesen, wo der Autor seine eigene Biografie vor dem historischen Hintergrund der Weimarer Republik schildert. Haffner war 1938 vor den Nazis nach London geflohen. Im ebenfalls autobiografischen Roman erzählt er jedoch eine individuelle Liebesgeschichte im bohèmehaften Paris als Porträt einer Generation in der Zwischenkriegszeit. Der Roman ist nicht zuletzt eine wunderbare Ode an Paris. Mit einem Nachwort von Volker Weidermann. Hanser Verlag, 2025.
Caroline Wahl: Die Assistentin
Eine Karriere als Musikerin war Charlottes grösster Wunsch, doch auf Anraten ihrer Eltern sollte sie sich lieber einen vernünftigen Job suchen. Da kam das Angebot als Assistentin in einem renommierten Verlag in München gerade recht. Im Vorzimmer des Verlegers sitzt Charlotte ganz nah am Zentrum seiner Macht, die sie bald zu spüren bekommt. Sie ist bemüht, ein gutes Verhältnis zu ihrem Chef zu entwickeln, der ihre Stärken erkennt und ihr vertraut. Doch das kann ganz schnell ins Gegenteil umschlagen, wenn sie nicht genauestens seine Anweisungen befolgt, die ständig wechseln und Unberechenbarkeit die Konstante ist. Auch eine leichte Liebesgeschichte wird serviert, die aber wegen zeitlicher Überbeanspruchung durch den neuen Job in die Brüche geht und sich zudem ernsthafte gesundheitliche Probleme wie Panikattacken ankündigen. Das alles ist lakonisch und rasant unterhaltsam mit Licht am Ende des Tunnels erzählt. Caroline Wahl schöpft dabei aus eigenen Erfahrungen als Verlagsassistentin im Diogenes-Verlag in Zürich, wo sie begann, ihre inzwischen verfilmte Erfolgsgeschichte «22 Bahnen» zu schreiben (siehe auch Filmtipps). Rowohlt-Verlag, 2025.
Nora Gomringer: «Am Meerschwein übt das Kind den Tod»
In ihrem autobiographischen Erinnerungsbuch, genannt «Ein Nachrough» (rough: rau), legt Nora Gomringer den Fokus nicht auf ihren berühmten Vater Eugen Gomringer, dem Protagonisten der Konkreten Poesie, sondern auf ihre Mutter Nortrud Gomringer, die graue Eminenz im Schatten ihres Vaters. Sie war Literaturwissenschaftlerin Dr. phil., als leidenschaftliche Leserin brachte sie ihrer Tochter von Kindesbeinen an die Liebe zur Literatur bei. Sie erzählt impressiv von der Mutter, die mit eleganter Zigarettenspitze im Schaumbad lag und ihr Geschichten vorlas, und wie Meerschweinchen und deren plötzlicher Tod ihre Kindheit markierten. Nora Gomringer berichtet authentisch und poetisch zugleich von ihrer Mutter, «sie hinterlässt drei Kinder und einen Bindestrich. Sie hinterlässt mir ihre Freundinnen, ihre Bibliothek, ihr Unbehagen. Ich schreibe ihr hinterher als vermissende Tochter, als wütende Frau, als verstummte Dichterin und wundere mich, wie wenig sie sich beschwören lässt, wenn ich es will». Wir erfahren viel über sie, viel Privates auch, da hält sich die Autorin nicht zurück. Ihr Vater ist 100-jährig vor kurzem gestorben, er wird das Erscheinen des Buches nicht mehr miterleben. Ihre Mutter Nortrud starb vor fünf Jahren in der Coronazeit 2020 kurz vor ihrem 80. Geburtstag. Und die Tochter widmet ihr das Buch als einen Nachruf, der weit zurückgeht in die Lebensgeschichte der Eltern und ihrer Herkunft.
Eine Geschichte, die das Leben schrieb, und die in ein poetisches Glanzstück verwandelt wurde. Verlag Voland & Quist GmbH, Berlin und Dresden 2025.
.
Sophie Taeuber-Arp: Der magische Zauber des König Hirsch
König Hirsch, ein 1762 verfasstes Stück des italienischen Theaterdichters Carlo Gozzi (1720–1806), handelt von Liebe und Verschwörung am Hofe von König Deramo. Anlässlich der grossen Werkbund-Ausstellung von 1918 in Zürich schufen der Schweizer Dramatiker René Morax (1873–1963) und der Regisseur Werner Wolff (1886–1972) eine Adaption von Gozzis Märchenspiel als amüsante Dada-Parodie auf Sigmund Freuds und Carl Gustav Jungs Psychoanalyse. Die Marionetten zum Stück König Hirsch gehören längst zu den Ikonen der künstlerischen Avantgarde. Sophie Taeuber-Arp hat sie 1918 entlang ihrer Rollen als eigenwillige Charaktere mit geometrischen Körpern und maskenhaften Gesichtern geschaffen, als tänzerische Figuren, die nun im Museum für Gestaltung zu sehen sind in der Ausstellung «Museum of the Future – 17 digitale Experimente» (bis 1. Februar 2026, Ausstellungsstrasse 60). Die Exponate können von den Besuchenden im Museum mittels Digitalisierung selbst bewegt werden. Die Ausstellung erforscht die Potenzial der Digitalisierung und der KI für das Museum der Zukunft. Die Publikation bietet erstmals den deutschen Originaltext von Morax’ und Wolffs König-Hirsch-Adaption, illustriert mit neu aufgenommenen Fotografien von Taeuber-Arps ikonischen Marionetten mit 67 farbigen und 17 s/w-Abbildungen, Essays renommierter Autor:innen widmen sich der Entstehung des Marionettenstücks von 1918 im historischen Kontext der künstlerischen Schweizer Avantgarde. Hrsg. Museum für Gestaltung Zürich, Sabine Flaschberger, Petra Schmid; Scheidegger & Spiess, Zürich 2025.
Seelenlandschaften: C.G. Jung und die Entdeckung der Psyche in der Schweiz
Die Schweiz war immer schon die Heimat von «Seelensuchern» wie Jean-Jacques Rousseau, Friedrich Nietzsche oder Carl Gustav Jungs (1875-1961) Analytischer Psychologie und bis heute ist die internationale Entwicklung der Psychiatrie, Psychologie und Psychoanalyse eng mit der Schweiz verbunden. Sigmund Freud erwog 1910 sogar, die «Welthauptstadt der Psychoanalyse» nach Zürich zu verlegen. Die Publikation entfaltet eine «Psychogeographie» der Schweiz, in der die Verbindung zwischen Seele und Landschaft lebendig sichtbar wird, mit visionären Kunstwerken von Johann Heinrich Füssli, Heidi Bucher, H.R. Giger, Meret Oppenheim oder Thomas Hirschhorn und Texten verschiedenener Autoren; die Publikation erscheint anlässlich des 150. Geburtstags von C. G. Jung und zeigt erstmals das Denken und die Wirkungsmacht Jungs in der Geschichte der Psyche in der Schweiz. 11 thematische Essays sowie ein Interview mit dem britisch-schweizerischen Schriftsteller und Philosophen Alain de Botton werden ergänzt und in Perspektive gesetzt durch historische Schlüsseltexte, Kunstwerke sowie Bildmaterial und Dokumente, viele davon aus bislang kaum zugänglichen Archiven. Scheidegger & Spiess, Zürich 2025.
BLICKFANG Zürich 2025 Designmesse 14.-16. November im Kongresshaus: Mode, Möbel, Schmuck & Co.
200 unabhängige Designer:innen aus der Schweiz und ganz Europa zeigen chice Mode, neue Möbel und originellen Schmuck, die mit viel Herzblut und handwerklicher Präzision entstehen. Hier kann man nach Lust und Laune stöbern und Menschen treffen, die mit Leidenschaft gestalten, wie beispielsweise nachhaltige Mode von Maria van Rensen, Xess+Baba, Schmuck von «Friends of Carlotta», seit 1990 am Neumarkt 22 in Zürich, oder Felix Doll mit Schmuckobjekten aus Sterling Silver wie auch Feingoldschmuckstücke mit Diamenten, exklusives Lampendesign und handgefertigte Tischleuchten von Valentino Scussel, oder entdecken Sie das neuartige Wogg-Design aus Aluminium. Der Verein Kreislauf345 zeigt an der BLICKFANG Zürich 2025 vier ausgewählte Läden, sowie die Werke von zwei Resident Artists. In den Workshops kann man Gestaltung hautnah erleben und eigene kleine Designwerke schaffen. Tageskarte CHF 25, ermässigt CHF 23. Kongresshaus, Claridenstrasse 5, 8002 Zürich.
14. November 2025
Was können Sie auf Literatur & Kunst neu entdecken?
Man kennt ihn oder meint, ihn zu kennen: Max Frisch, der sich immer neu erfindende Schriftsteller, der sich „Geschichten wie Kleider“ anzog. Die umfangreiche Biographie von Julian Schütt «Max Frisch. Biographie einer Instanz», Suhrkamp, 2025 leuchtet das vielfältige Leben des berühmten Schweizer Autors von 1955-1991 aus und lässt einen Max Frisch jenseits von Klischees entdecken. Sein Roman «Stiller» wurde just verfilmt (siehe Filmtipps).
Gedichte für den Frieden und gegen das Vergessen lassen wir für sich sprechen in der Rubrik Lyrik. Ein Konzert «Still falls the Rain» in der Kirche Enge, dem Sacré-Coeur von Zürich, war der Anlass mit jungen Musiker:innen und Interpreten am 4. Juli 2025.
«Kandinsky, Picasso, Miro et al – zurück in Luzern» zeigt eine imposante und sehenswerte Schau im Kunstmuseum Luzern, die 1935 schon einmal dort als Avantgarde der Weltkunst, die in Deutschland als „Entartete Kunst“ galt, gezeigt wurde, nun ergänzt mit Werken der Bildhauerin Barbara Hepworth, die in der ersten Ausstellung nicht berücksichtigt wurde. Bis 2. November 2025.
Vorschau: Das 21. ZurichFilmFestival ZFF findet vom 25. September bis 5. Oktober 2025 statt, wir bringen eine Vorschau auf die Gala-Premieren und Auszeichnungen an Colin Farrell, Wagner Moura, Benedict Cumberbatch. Aktuelle Filmtipps.
Architekturtipps: «Maison de la Chine», in der Cité internationale Universitäire de Paris (CIUP) zeigt die Konvergenz von zwei Kulturen.
«Visiting. Inken Baller & Hinrich Baller Berlin 1966-89». Mit unkonventionellen Wohnhäusern und öffentlichen Gebäude schufen die Ballers Vorbilder für qualitativen und bezahlbaren Wohnraum und spannende Stadträume. Park Books, 2025.
Widescreen:
Julian Charrière. Midnight Zone. Museum Tinguely, Basel.
In einer umfassenden Einzelausstellung im Museum Tinguely zeigt Julian Charrière Fotografien, Skulpturen, Installationen und neue Videoarbeiten, die sich mit unserer Beziehung zur Erde als einer Welt des Wassers auseinandersetzen. Im Mittelpunkt der Ausstellung „Midnight Zone“, die sich über drei Stockwerke erstreckt, stehen submarine Ökosysteme vom Rhein bis hin zu fernen Ozeanen, die den Kreislauf des Wassers und dessen Materialität untersucht, seine Tiefen und die mit ihm verknüpften politischen Aspekte, seine alltäglichen und sakralen Dimensionen.
11. Juni – 2. November 2025.
«Die Feuerschrift. Casanova und das Ende des alten Europa», Wagenbach-Verlag, Berlin, 2025. Eine historische Biographie zeigt Casanova in neuem Licht, eine interessante Rezension von Ute Seiderer.
Die Reportage von Marc Peschke «Von Parzival in und um Wolframs-Eschenbach» dreht sich um den berühmten Sohn Wolfram von Eschenbach.
Eine spannende Gesprächsrunde über «Formeln oder Freiheit. Demokratie, Neutralität und Cancel Culture» in der Mühle Tiefenbrunnen, moderiert von Julieta Schildknecht, geht den Fragen nach, die die Schweiz bewegen.
Wir wünschen Ihnen anregende und aufregende Momente und einen wunderbaren Herbst mit Literatur & Kunst.
Herzlich
Ihre Ingrid Isermann, Herausgeberin