Buchcover «Das Leben der M», Suhrkamp Verlag, 2026
Die Autorin Rachel Cusk, in Kanada geboren, lebt in Paris. © Suhrkamp Verlag
«Rachel Cusk: Das Leben der M». Ein literarisches Vexierbild über Identitäten.
Von Ingrid Isermann
Wie ist es, eine berühmte Schauspielerin zu sein? Die preisgekrönte Autorin Rachel Cusk hat sich in ihrem Roman von einer Schauspielerin inspirieren lassen. Es geht um Reflexionen zu Berühmtheit und der Konstruktion der eigenen Lebenserzählung.
M. ist eine globale Ikone und existiert in der Öffentlichkeit mit vielen Impressionen, Rollen, Szenen und den Erinnerungen der Fans. Das eigene Leben bleibt ihr hingegen die fremdeste Rolle.
Ihre Beschreibungen über Ms Leben verknüpft die Ich-Erzählerin mit ihrer eigenen Geschichte. Zwischen M und der Erzählerin entspinnt sich ein faszinierendes Gespräch über die brüchige Wirklichkeit, über die Zumutung fremder Blicke und Sichtweisen und die eigene Arbeit an sich selbst. Während M sich als Material im Werk anderer sieht, reflektiert die Erzählerin den Film als Fluchtpunkt in andere Lebenswirklichkeiten. Beide entwerfen sich eine Identität aus Fragmenten, Projektionen und Verlusten.
Ruhm, Macht und Schönheit
«Vor kurzem sagte ich der Schauspielerin M, ich erwäge, ihre Autobiografie zu schreiben. Der Gedanke gefiel ihr. Sie ist keine Spielverderberin. Würdest du dir einfach etwas ausdenken? fragte sie. Wir hatten uns in einer Buchhandlung kennengelernt. M interessierte sich für Bücher. Sie war nicht nur ein Filmstar, sondern auch das Werbegesicht einer grossen Marke, und ihr Blick blickte den Leuten von überall entgegen, aus den Schaufenstern, von Plakatwänden und durch die regennassen Acrylglasscheiben der Bushaltestellen. Auf dem Foto wirkte sie sehr jung und glücklich. Ihr Lächeln hatte etwas Niedliches, das allen, die es sahen, ihre düstere und misstrauische Lebenseinstellung vorzuhalten schien.
… M bewohnte ein grosses Haus auf der anderen Seite des Flusses. Sie selbst war sehr klein, und das Haus erinnerte an eine riesige Puppenstube mit ihr als Puppe darin. Wir hatten einige gemeinsame Bekannte. Eine davon erzählte mir eine lustige Anekdote von einer Dinnerparty in einem Restaurant, wo Ms Bodyguard darauf bestanden hatte, dass sie den Platz mit einer anderen Schauspielerin tauschte, älter und weniger berühmt als sie; er machte sich Sorgen, M könnte auf dem ihr zugewiesenen Platz einer Gefahr ausgesetzt sein.
Sich an Ms Seite nicht hässlich zu fühlen, war schwer. Zum Teil lag es an der Hässlichkeit der Erfahrung. Ich hatte nie gelernt, mir das Leben leicht zu machen. Auf M traf das Gegenteil zu. Ihre Probleme ergaben sich eher aus dem Abstand, der sie von der willkürlichen Gewalt der Bedeutungslosigkeit trennte. Ich persönlich fühlte mich von dieser Gewalt durchtränkt. Immer schon hatte man mir klargemacht, wie unwichtig ich war. M und ich ahnten beide, dass wir unsere Macht aus den uns zugefügten Beschädigungen zogen.
(…) M erzählte mir, als sie noch sehr jung war, habe ihre erste Filmrolle ihrer Kindheit ein sofortiges Ende gesetzt. Die Autorin sagte über die Taten ihres Stiefvaters dasselbe. Nicht gesehen zu werden war vielleicht gleichbedeutend damit, von allen gesehen zu werden.
Das Drehbuch zu Ms erstem Film hatte ursprünglich mehrere Szenen enthalten, in denen das Kind eine sexuelle Interaktion mit der männlichen Hauptfigur wünscht oder einfordert. Dass die vermeintliche Zustimmung des Kindes zur Erfüllung des männlichen Begehrens notwendig ist, kam auch im Buch zur Sprache. Der Stiefvater behauptete, der Missbrauch sei der Stieftochter nicht von ihm angetan, sondern gemeinsam begangen worden. Ms Mutter hatte Einwände gegen die fragwürdigen Szenen erhoben, bis sie aus dem Drehbuch gestrichen wurden. Wenn die eigene Kindheit durch andere beendet wird, findet man sich möglicherweise ausserhalb der Zeit wieder. Die Autorin des Buches über den Stiefvater beschrieb, wie andere Menschen weiterhin in der Zeit lebten, während sie in Ereignisse konserviert war, die sich ständig wiederholten und ihr in aller Ewigkeit zustiessen, egal, wie alt sie wurde. Auch ein Film geschieht ständig; sein zeitlicher Ursprung ist im Aufnahmeprozess erstarrt. M würde immer in ihren Filmen zu finden sein, wo sie die immer selben Momente erlebte.
M sagte, nachdem ihr erster Film herauskam, sei sie in der Schule gemobbt worden. Die anderen nannten sie eine Schlampe. Sie beschloss, zu lernen und eine Musterschülerin zu sein, was das Gegenteil von einer Schlampe ist. Dass sie in der Lage war, einen solchen Beschluss zu fassen, ging auf ihre abrupt beendete Kindheit zurück. Sie hatte erkannt, dass Wirklichkeit sich manipulieren lässt, wohingegen die anderen weiterhin an die Wirklichkeit glaubten».
Wer oder was spricht da eigentlich, wenn wir sprechen? Und wie sehr verkörpern wir immer schon eine Fiktion, spielen eine Rolle? Das Leben der M ist ein staunenswertes literarisches Vexierspiel, was unser Leben ausmacht und erzählbar macht.
Rachel Cusk, 1967 in Kanada geboren, verbrachte viele Jahre in England. 2021 zog sie mit ihrem Ehemann, dem Künstler Siemon Scamell-Katz, nach Paris. Rachel Cusk wurde mit «Lebenswerk. Über das Mutterwerden» (2001) bekannt und für ihre «Outline»-Roman-Trilogie (2014-2018) gefeiert. Zuletzt erschien von ihr «Parade», Suhrkamp Verlag, 2024. Sie ist Trägerin des Malaparte-Preises und mit dem Titel «Chevalier de l’ordre des arts et des lettres» ausgezeichnet. Sie lebt in Paris.
Rachel Cusk
Das Leben der M
Roman
Übersetzung Eva Bonné
Suhrkamp Verlag, 2026
Hardcover, 175 S., CHF 36.90
ISBN 978-3-518-43330-0