FRONTPAGE

Editorial

September / Oktober / November 2026

 

Liebe Literatur- und Kunstinteressierte, liebe Freundinnen

und Freunde, herzlich willkommen zu Literatur&Kunst!

 

Am 27. September 2026 stimmt die Schweiz über eine Neutralitätsinitiative der SVP ab, die eine immerwährende neutrale und bewaffnete Schweiz in der Verfassung verankern will, wobei jegliche Sanktionen oder Zusammenarbeit mit anderen Nationen strikt abgelehnt werden sollen. Die Schweiz ist bereits neutral und bewaffnet, betreibt sogar einen einträglichen Waffenhandel und hat bisher die Sanktionen des Westens gegen Russland infolge des Angriffskriegs am 24. Februar 2022 auf die Ukraine mitgetragen. Das ist Christoph Blocher, dem Doyen der SVP, ein Dorn im Auge, da es die Handelsbeziehungen der von ihm übernommenen Ems-Chemie tangiert, die in Russland Fabriken besitzt und gute Geschäfte macht. Die Ems zahlte 2025 in Russland 1,6 Mio. Franken an Steuern. Nun droht Blocher mit der Propaganda-Initiative mit weisser Friedenstaube und dem Slogan «Kein Krieg», dafür hat er ein Werbebudget von 3,8 Mio. Franken bei der eidgenössischen Finanzkontrolle angemeldet, zwei Mio. stammen von ihm selbst; die Gegner der SVP-Initiative verfügen über 1,7 Mio. Franken. Die Neutralitätsinitiative hat den Zweck, die Verankerung der Schweiz in der völkerrechtlichen. Ordnung zu schwächen. Der Historiker Jakob Tanner: «Seit der Gründung des Bundesstaats  wurde die Neutralität in der Verfassung nie zum Staatszweck erhoben, sondern als aussenpolitisches Instrument verstanden. Mit dem Verbot, sich an wirtschaftlichen Sanktionen zu beteiligen, würde sich die Schweiz automatisch auf die Seite eines Aggressors schlagen, der einen Staat völkerrechtrswidrig angreift». Das sei das Gegenteil einer neutralen Haltung, die Neutralität, wie sie die SVP postuliert, diene als Deckmantel für die eigennützige Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen durch den Teil der Schweizer Elite, die traditionell gegen UNO und EU kämpft. Auch die UNO verurteilte die Verletzung des Gewaltverbots durch Russland scharf, konnte wegen des russischen Vetos im Sicherheitsrat aber keine Sanktionen verhängen. Putin hat bereits in den Wahlprozess in der Schweiz eingegriffen und empfiehlt die Annahme der SVP-Neutralitätsinitiative. Die bestehende funktionale Neutralität hat der Schweiz und ihren Friedensmissionen, wie auf dem Bürgenstock für die Souveränität der Ukraine, bisher gute Dienste geleistet. Die Neutralitätsinitiative der SVP, die den Wirkungsradius der Schweiz in völkerrechtlicher Sicht  entscheidend beschränkt und die Schweiz von ihren Nachbarstaaten isoliert, ist daher deutlich abzulehnen, um die Handlungsfreiheit der Schweiz zu gewährleisten. Zu bedenken ist, dass die Neutralität weder vor CO2 schützt noch vor hybriden Attacken oder Krieg feindlicher Mächte.

Herzlich, Ihre Ingrid Isermann, 1. September 2026
 

 
Weichenstellung Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt?
Die Bundesrepublik Deutschland wurde nach dem Zweiten Weltkrieg mit Hilfe der Alliierten zum europäischsten Staat in Europa. Seit der Wiedervereinigung 1990 knirscht die Republik, erst unter den Milliardenzahlungen, und dem noch immer bestehenden Solidaritätsbeitrag! für die frühere Ostzone, wie die DDR im Westteil Deutschlands genannt wurde, um das marode Land wieder aufzubauen, das von Russland vierzig Jahre lang ausgebeutet wurde. Das Raumfahrtprogramm der Russen hätte kaum ohne die Unterstützung der DDR stattfinden können. Ein Tabu, über das noch heute in den neuen Bundesländern geschwiegen wird. Wie mir eine Kuratorin anlässlich einer Ausstellung in einem Dresdner Museum vertraulich mitteilte, darauf bestand sie, haben die Russen nach der Besetzung der DDR sämtliche technischen Einrichtungen überall bis zur letzten Schraube abmontiert und nach Moskau abtransportiert.* Das Land stand vor dem Nichts. Die Kinder lernten Russisch in der Schule statt Englisch. Anders die Bundesrepublik, die von den USA als neuer Markt entdeckt und aufgepäppelt wurde. Diesen Vorsprung hat die DDR nie aufholen können und ist Teil des Unbehagens, das sich im Laufe der Zeit weiterentwickelte. Dem Westen war man für den Aufbau hingegen nicht dankbar, sondern empfand sich stets zurückgesetzt trotz aller finanzieller Unterstützung; der Systemwechsel wurde nicht verdaut. Von der Gründung der DDR im Jahre 1949 bis 1989/1990 verliessen insgesamt über 3,8 Mio. Menschen den Staat, nach dem Mauerbau  1961 in Berlin unter erschwerten Umständen. Nach der Wende haben noch mehr als 1,2 Mio. Menschen das Land gen Westen verlassen, man traute den alten Strukturen nicht. Inzwischen hat sich seit 2015 nach der rasanten Zuwanderung aus Syrien, Afghanistan und der Ukraine seit Putins Angriffskrieg 2022 eine nationalistische Front gebildet, die in der AfD (Alternative für Deutschland) ihren Höhepunkt gefunden hat. Die AfD will an die Macht und in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg in den nächsten Landtagswahlen die Mehrheit stellen und das Rad zurückdrehen. Momentan liegt die AfD mit über 40 Prozent vor der CDU mit etwa 22 Prozent im Landtag in Sachsen-Anhalt. Vor fünf Jahren war es noch umgekehrt. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte einst versprochen, die AfD zu halbieren. Am 6. September 2026 ist Wahlsonntag, wo sich entscheiden wird, ob sich die nach dem Verfassungsgericht «gesichert rechtsextreme» AfD durchsetzen kann, die u.a. die Schulpflicht abschaffen und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zum Grundfunk umfunktionieren, den Verfassungsschutz umbauen und eine deutschnationale Politik landesweit einführen will. Man denkt an Weimar, und das hatten wir schon mal, und blickt mit Erstaunen auf die begeisterte Zustimmung von Kandidaten, die neue Duftmarken platzieren und die europäische Zusammenarbeit beenden wollen.
 
Nach Kenntnis dieser Zusammenhänge stellt sich die Frage, warum ein grosser Teil der ostdeutschen Bevölkerung nach der Wiedervereinigung eine russlandfreundliche Haltung hat, statt den Aggressor Russland für die Rückständigkeit verantwortlich zu machen. Ohne Auseinandersetzung mit diesen Fakten hat sich eine Ostalgie etabliert, die den Unrechtsstaat DDR beschönigt und die Spaltung zwischen den Landesteilen mit Wahlslogans wie «Der Osten ist anders» (BSW) zu bekräftigen sucht. Diese Tendenzen haben die AfD unweigerlich gestärkt, sich nicht mit den Inhalten dieser Partei zu beschäftigen, sondern einfach alles «anders» machen und es dem Westen einmal zeigen zu wollen.  Verhängnisvolle Ressentiments, die das Land noch stärker spalten können, mit voller Absicht der AfD. Bei der Finanzierung der angekündigten zukünftigen Wohltaten gibt es eine Sendepause der lautstarken Partei zu 2,2 Milliarden Fehlbetrag laut Expertenmeinung. Sachsen-Anhalt hat allein im vergangenen Jahr 3,2  Milliarden Euro aus dem Länderfinanzausgleich und anderen Zuwendungen erhalten, denn die Bundesrepublik ist eine Solidargemeinschaft. Die 1,8 Millionen wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger in Sachsen-Anhalt haben am Sonntag, den 6. September 2026 die Wahl zwischen Ressentiment und Vernunft.

Ingrid Isermann, 1. September 2026
 
* Demontagen: Nach dem Zweiten Weltkrieg demontierte die Rote Armee in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) schätzungsweise 3.500 Industrieanlangen und transportierte Maschinen sowie komplette Fabriken als Reparationsleistung in die Sowjetunion. Sie übernahm 213 der grössten und wertvollsten Industriebetriebe der SBZ direkt als Eigentum (Sowjetische Aktiengesellschaften). Die Gewinne dieser Firmen flossen direkt nach Moskau, nicht in den Aufbau des deutschen Landes. Bis 1953 musste die junge DDR tonnenweise Güter, Rohstoffe und Industrieprodukte unentgeltlich oder zu extrem niedrigen Preisen an die Sowjetunion liefern. Das entzog dem Land dringend benötigte Mittel für den Wiederaufbau. Nach dem Ende der Reparationen 1953 lief die Ausbeutung subtiler über den Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW), das Wirtschaftsbündnis des Ostblocks. Die DDR lieferte hochkomplexe Industrieprodukte und Maschinen (zB im Schiffbau für die UdSSR). Im Gegenzug erhielt sie oft Rohstoffe und Energieträger wie Erdöl und Erdgas aus der Sowjetunion. Die Preise in diesem Handel wurden politisch festgelegt und spiegelten oft nicht den echten Weltmarkt wider. Zeitweise musste die DDR minderwertige oder teuer produzierte Industriegüter liefern, während sie von sowjetischen Energielieferungen abhängig gemacht wurde. Die DDR zahlte somit einen extrem hohen wirtschaftlichen Preis für ihre Einbindung in den Ostblock, was massgeblich zu ihrer permanenten wirtschaftlichen Rückständigkeit im Vergleich zur Bundesrepublik beitrug.

 

Wahlergebnisse Sachsen-Anhalt vom 6. September 2026
Die Rechtsaussenpartei AfD ist mit 43,8 % zur stärksten Partei in Sachsen-Anhalt gewählt worden, hat aber nicht die angestrebte absolute Mehrheit erreicht. Die CDU ist halbiert, sie erhielt nur noch 17.2 %, die SPD steht bei 9,3 %, die Grünen bei 8,9 % , die Linke bei 8,6 %, BSW 5,3 %. Die Mehrheit liegt bei 42 Sitzen, die AfD erreicht 39 Sitze, ist also auf eine Koalition angewiesen. Die Regierungsparteien haben das ausgeschlossen, ebenso die Linke und die Grünen. Das BSW könnte eine Schlüsselrolle spielen. Man darf gespannt sein, wie sich die Parteienlandschaft entwickelt. Der Wahlgewinner Ulrich Siegmund schliesst eine weitere Wahl nicht aus, um die absolute Mehrheit zu erreichen.
7. September 2026

 
Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt: Wird Deutschland erneut geteilt?

Der Kanzler steht für das Demokratieverständnis einer liberalen Demokratie, sagte der CDU-Politiker Philipp Anthor in der ARD-Sendung «Hart, aber fair», wo das katastrophale Wahlergebnis der CDU von 17,2 % in Sachsen-Anhalt am Tag nach der Wahl diskutiert wird. Dabei sitzt auch der feixend grinsende AfD-Politiker Markus Frohnmaier, der beste Verbindungen zur MAGA-Bewegung von Donald Trump pflegt. Elon Mask schickte einen Gruss an Alice Weidel «gut gemacht». Der Kreml registrierte den Politikwechsel in Sachsen-Anhalt mit Wohlwollen, Lawrow hatte zuvor verlauten lassen, Deutschland befinde sich in einem echten Krieg mit Russland, das die Unterstützung für die Ukraine unterbinden will. Streiten sich die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs wieder um die Beute Deutschland? Aus den Ruinen auferstanden mit amerikanischer Hilfe, misstrauisch beäugt von der Sowjetunion, die die besetzte Ostzone und spätere DDR 40 Jahre ausbeutete. Deutschland ist die drittgrösste Wirtschaftsmacht und immer noch ein gut funktionierendes Land, wenn auch manches nicht mehr so zuverlässig klappt wie auch schon. Der AfD-Kandidat Ulrich Siegmund trompetete mit dem Slogan «Wir holen uns unser Land zurück» auf dem DDR-Mofa Simson durch die Lande und begeisterte damit die Wähler. Sie wollen eine Veränderung, sagen sie, denn so kann es nicht weitergehen. Nur was für eine Veränderung? Dann hört man, das Leben sei zu teuer, es bleibt zu wenig Geld im Portemonnaie, die Rente, der Arbeitsplatz etc., ganz normale Wünsche also. Aber was will die AfD? Sie will anscheinend die Schulpflicht und den bisherigen Rundfunk MDR abschaffen und die Verfassung umbauen. Kulturförderung nur noch für deutschnationale Projekte, keine Diversität, Remigration und Ausländer abschieben. Wollen die Menschen in Sachsen-Anhalt das wirklich auch? Siegmund hat nun den Regierungsauftrag ohne absolute Mehrheit, er wird eine Regierung bilden müssen und man wird sehen, wie die AfD diese erste Aufgabe meistert. Und vielleicht werden viele Wähler:innen ihr blaues Wunder erleben. Alles ist möglich. Fortsetzung folgt.
Ingrid Isermann, 7. September 2026
 

Die Massen in Bewegung zu setzen, braucht’s

nur der Phrase eines Dummkopfs. Wie lange Zeit

gebraucht der kluge Mann, um nur einen einzigen

zu seiner Meinung zu bekehren!
 
Wilhelm Raabe (1831-1910)
 
 
In die Wiege gelegt war dem 1831 im Weserbergland geborenen Wilhelm Raabe die Schriftstellerei nicht. Die Schule musste er frühzeitig verlassen, seine Buchhändlerlehre brach er ab. Erst als er mit 23 Jahren zum Studieren nach Berlin zog, kam die Wende. Er schrieb seinen ersten Roman, der begeistert aufgenommen wurde. Weitere folgten, in denen er sich jedoch vom Idyll der frühen Werke ab- und dem Realismus zuwandte. In seinen Büchern nahm er nicht nur das Spiessbürgertum ins Visier, er schrieb auch über den Machtmissbrauch der Reichen und kritisierte die Industrialisierung sowie die damit verbundene Umweltverschmutzung. Das kostete ihn zwar Leser, doch gewann er Liebhaber unter dem «allervornehmsten Publikum», darunter Hermann Hesse und Theodor Fontane. 
 

 
Buchtipps
 
Valeria Gordeev: Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle.
Mit einem Auszug des neu erschienenen Romans gewann die 39-jährige Schriftstellerin Valeria Gordeev vor drei Jahren den renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. Der Roman spielt in Moskau, Kiew und Berlin. Während die junge Lada als Künstlerin in Berlin unter der Sanierung ihres Miethauses leidet, arbeitet ihr Bruder Konstantin in Moskau in einem Forschungslabor mit Gängen und Sälen unterhalb des Lenin-Mausoleums, wo seit der frühen Sowjetunion an der Konservierung von Leichen und an der Unsterblichkeit des Menschen geforscht wird beziehungsweise an Longevity, der Verlängerung des Lebens. Ich erinnere mich an den aufgebahrten mumifizierten Lenin in einem Sarkophag in Moskau. Lada und Konstantin arbeiten beide für den Patenonkel Konstantins namens Boris Bogdanov, einen zwielichtigen Oligarchen, der ein Netzwerk von Firmen besitzt und sich Longevity verschrieben hat, um selbst unsterblich zu werden. Gordeev reiht sich ein in die Tradition des Surrealen in der ukrainischen sowie russischen Literatur, von Nikolai Gogol oder Daniil Charms bis zur Künstlergruppe Oberiu, einer Literatur, die dem Totalitarismus mit schwarzem Humor und der Groteske begegnet. Das Buch steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2026 .
Roman, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2026, 640 Seiten, ISBN 978-3-10-397634-2

 
Caroline Wahl: 1999 Meter über dem Meer. 
Der vierte Roman der Bestseller-Autorin führt nach einem Bali-Abstecher in die Schweiz nach St. Moritz, dort trifft die Cabriofahrerin aus Berlin auf ihrem Roadtrip auf die reichen Kids und Champagner-Partys. «Vielleicht ist meine einzige Chance, nicht mehr ich zu sein», sagt sich Samara und stürzt sich in eine Fotografen-Hochstaplerkarriere. Die Schweiz surft edler, was Samara will, weiss sie nicht, bis sie einem wunderschönen Mann mit eisblauen Augen begegnet, der sie nicht loslässt, der in Berlin mit Freundin und Tochter lebt, ihr aber in St. Moritz seine Zweitwohnung zur Verfügung stellt. «Tacho 180 km/h, dreiviertelvoller Tank, 31 Grad, dunkle Gewitterwolken am Himmel, irgendwo in der Mitte von Deutschland (…). Ich nehme eine Vanille Müllermilch aus der Mittelkonsole und öffne sie, um den Moment perfekt zu machen. Die Angst macht alles kaputt. Die Angst hat alles kaputtgemacht. Die Angst war immer das bestimmende Gefühl in meinem Leben». Wer Wiederholungen direkter und indirekter Rede mag und eine sich langatmig hinziehende Liebesgeschichte gerne verfolgt, ist bei Caroline Wahl richtig. Sie tourt mit dem Buch gerade durch Deutschland und kommt sicher auch in die Schweiz.
Roman, Rowohlt Verlag, Hamburg 2026. 367 Seiten, ISBN 978-3-498-00771-3

 

Library of Artistic Print on Demand.

Das Verfahren «Print on demand» revolutionierte in den 1990er-Jahren die Verlagslandschaft. Schriftsteller:innen, darunter auch viele Hobbyautoren, waren nicht mehr auf den konventionellen Buchhandel angewiesen, sondern konnten ihre Texte unabhängig über diverse Online-Plattformen anbieten. Das führte einerseits zu einer Flut nicht-professioneller Literatur, bot aber auch die Chance, sich eine eigene Fangemeinde zu erschreiben. Was in der Branche und der Literaturkritik eher mit Skepsis betrachtet wurde, nutzten kreative Köpfe, um mit dem neuen Medium zu experimentieren. Es entstand ein eigenes Genre des «Artistic Print on Demand». Dieser einer breiten Öffentlichkeit bislang kaum bekannten Subkultur an der Schnittstelle zwischen Kunst, Literatur und Buchdruck ist nun bei Spector Books ein hervorragend dokumentierter und kommentierter Katalog gewidmet, der Anfang Jahr von der Stiftung Buchkunst zu Recht ausgezeichnet wurde. Die beiden Editoren, Annette Gilbert, eine international anerkannte Expertin auf dem Gebiet, und Andreas Bülhoff bieten einen faszinierenden Einblick in die vielschichtigen, kreativen wie subversiven Möglichkeiten im Umgang mit Self-Publishing-Technologien: Von Guerilla-Ansätzen, welche die medialen und regulativen Grenzen sprengen wie etwa das «Black Book» von Jean Keller mit 740 geschwärzten Seiten, über Inhalte, die sich kritisch mit der neuen digitalen Realität auseinandersetzen, bis hin zu (sprach-)spielerischen Formen wie Emoji Dick, Melvilles Klassiker übersetzt mit Chat-Piktogrammen. Es sind Künstlerbücher, bei denen das Konzept wichtiger ist als die Lektüre. Die instruktiven Begleitkommentare zu den über 150 Beispielen beleuchten die ästhetischen, ökonomischen und politischen Implikationen dieser prima vista bizarren Produkte. Magnus Wieland.

Annette Gilbert, Andreas Bülhoff (Ed.): Library of Artistic Print on Demand. Post-Digital Publishing in Times of Platform Capitalism. Leipzig: Spector Books, 2025. 719 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. ISBN: 978-395905697-7

 

Was können Sie auf Literatur&Kunst entdecken?
 
Von den Metropolen Paris, London, München nach Zürich zum 22. ZurichFilmFestival, zu den Architektinnen der Ostschweiz und einen Abstecher in die Suisse Romande zum Racing Motorcycle Museum: gute Unterhaltung!

 

Rachel Cusk. Das Leben der M., Suhrkamp Verlag, 2026. Wie ist es, eine berühmte Schauspielerin zu sein? Die preisgekrönte Autorin Rachel Cusk hat sich in ihrem Roman von einer Schauspielerin inspirieren lassen. Es geht um Reflexionen zu Berühmtheit und der Konstruktion der eigenen Lebenserzählung.

 

Deborah Levy. Mein Jahr in Paris mit Gertrude Stein. Aki Verlag, Zürich 2026. Ein Spaziergang durch die 1920er-Jahre in Paris mit Gertrude Stein, der Avantgarde-Dichterin und Kunstsammlerin, und ihren Begegnungen mit der Moderne. Doch um was geht es in der literarischen Moderne? Diesen Fragen geht die Autorin Deborah Levy mit ihren Freundinnen Eva und Fanny in einer Hymne zwischen Essay und Fiktion im Paris der Gegenwart nach.

 

Frida Kahlo. The Making of an Icon. Tate Modern. Die mexikanische Malerin Frida Kahlo wurde berühmt für ihre kompromisslosen und farbenprächtigen Selbstporträts. Wie es dazu kam, zeigt nun die Tate Modern in London in einer Ausstellung. Von Marion Löhndorf.

 

Vorschau auf das 22. ZFF ZurichFilmFestival ZFF vom 24. September bis 4. Oktober 2026. Das 22. Zurich Film Festival zeichnet den Oscarpreisträger Martin McDonagh mit dem prestigeträchtigen «A Tribute To … Award» für sein Filmschaffen aus. Der Ehrenpreis wird dem irischen Regisseur und Drehbuchautoren während der Gala Premiere seines neuen Films «Wild Horse Nine» persönlich in Zürich überreicht. Aktuelle Filmtipps.

 

Architektinnen der Ostschweiz. Park Books. Eine Emanzipationsgeschichte der Ostschweiz: Erstmals macht ein Werkbuch das Schaffen von Ostschweizer Architektinnen von 1900 bis heute sichtbar, fördert informelle Netzwerke zutage und beleuchtet aufregende neue Architektur in der Ostschweiz. Autorin Nina Keel präsentiert Namen, Projekte und Initiativen. Ein unentbehrliches Nachschlagebuch.

 

Widescreen: Haus  der Kunst München. Tomás Saraceno. Verwobene Welten. 17.07.2026 – 7.02.2027. 

 

Reportage: Tomás Saraceno. Verwobene Welten. Haus der Kunst München. Der 1973 in Argentinien geborene Künstler Tomás Saraceno stellt in einer grossen Retrospektive im Münchner Haus der Kunst Sphären des Menschlichen, der Natur und des Kosmischen vor, die unabdingbar miteinander verwoben sind, und um mögliche ökosoziale Zukunftsvisionen, um «Formen der Ko-Existenz von Menschen und nicht-menschlichen Wesen neu zu überdenken». Von Ute Seiderer.

 

Interview: Jorge Viegas. Motorcycles. At the Racing Motorcycle Museum in Mies, Nyon Kanton Waadt, Switzerland, Jorge Viegas guides me through more than a century of competition, technological experimentation and human ambition. The President of the Fédération Internationale de Motocyclisme does not present the motorcycle merely as a vehicle. Von Julieta Schildknecht.

 

Kolumne: Gianni Intantino hat wie sein Vorbild Donald Trump die Schamlosigkeit als Instrument perfektioniert. Der Theaterkritiker der ZEIT Peter Kümmel packt Infantino und Trump beim Schlawittchen.

 

Wir wünschen Ihnen einen wunderbaren Herbst mit vielen anregenden und aufregenden Stunden mit Literatur&Kunst.

 

Ihre Ingrid Isermann, Herausgeberin

 

 

 

 

 

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