März / April / Mai 2026
15 Jahre Literatur & Kunst!
Liebe Literatur- und Kunstinteressierte, liebe Freundinnen und Freunde, herzlich willkommen zur Jubiläumsausgabe
Wir freuen uns, mit Ihnen «15 Jahre Literatur & Kunst» zu feiern, von März 2011 bis März 2026! Vieles ist in dieser Zeit geschehen, was uns bewegte, in der Welt und in der Schweiz, ein Blick ins Archiv von Literatur & Kunst lässt Sie Schönes und Interessantes wiederentdecken. Und auch daran denken, wie die Zukunft unserer Welt aussehen mag und gestaltet wird, und wie wir es lernen sollten, nicht gegen die Natur zu leben, sondern mit ihr. Die Erderwärmung und das Klima machen nicht vor den Grenzen halt und betreffen uns alle und unsere Lebensgrundlagen.
Ein Rückblick auf den 11. März 2011: Infolge eines Seebebens traf ein Tsunami die Ostküste Japans und löste eine Unfallserie im Atomkraftwerk Fukushima aus. Die Welt hielt den Atem an. Mittlerweile ist wieder von Atomkraftwerken die Rede, auch in der Schweiz. Energie ist der Motor unseres Lebens, ohne Strom läuft nichts, ohne wirtschaftliche Handelsbeziehungen mit unseren Nachbarn in der EU sind wir in Europa isoliert. Das kann niemand wollen! Und deshalb sind die bilateralen Verträge so wichtig für die Schweiz, auch angesichts der Bedrohungen seitens Russland.
Die 15. Jubiläums-Ausgabe von Literatur & Kunst hat als Schwerpunkt die USA zum Thema, die 2026 ihren 250. Geburtstag feiern. Wir stellen Ihnen den New Yorker Kultautor Thomas Pynchon (*1937) und seinen Roman «Schattennummer» über die historische US-Geschichte der 1930er Jahre vor sowie Fotos des in New York lebenden mexikanischen Fotografen Philip Montgomery (*1988) in den Deichtorhallen Hamburg «American Cycles», die die soziale Ungleichheit und die Fragmentierung der Gesellschaft zeigen.
Das Kunsthaus Zürich präsentiert im Chipperfieldbau den afroamerikanischen Künstler Kerry James Marshall «The Histories. Geschichte(n)», * 1955 in Birmingham, Alabama, der in Chicago lebt und in seinen Werken das Leben von Afroamerikanern in den Mittelpunkt rückt.
Amerika, der Verbündete Europas seit 80 Jahren, ist unter dem Trump-Regime kaum noch wiederzuerkennen. Das Jahr 2026 hat brisant begonnen, im Januar entführt Trump Maduro aus Venezuela in die USA, gründet am WEF in Davos einen millionenschweren «Friedensrat», der die UNO konkurrenziert, beansprucht die Annektion Grönlands an die USA und distanziert sich in einem Sicherheitsstatement von Europa. Es mögen auch wieder andere Zeiten kommen, wo sich die Amerikaner auf die Allianz mit ihren europäischen Verbündeten besinnen. Amerika steht auf den Schultern Europas, das sind seine Wurzeln. Und Europa hat Autoritarismen ungleich mehr entgegenzusetzen. Mehr als 3 Millionen! Epstein-Files des verurteilten Sexualstraftäters fluteten die Medien, langsam werden Beteiligte zur Verantwortung gezogen, die sich das nicht vorstellen konnten, und wie es dereinst auch Putin und seinen Schergen ergehen könnte. Der Angriff mit Kampfjets der USA und Israel auf den Iran markiert den neuesten militärischen Höhepunkt der USA Ende Februar 2026 in Bezug auf den Atomvertrag, wobei auch umliegende Staaten wie Katar und Abu Dhabi im Konflikt betroffen sind.
Für die Ukraine mögen die harten, unerbittlichen Zeiten des russischen Angriffskrieges bald vorüber sein. Die ukranische Lyrikerin Oksana Maksychuk beschreibt in ihren bewegenden Gedichten die Invasion Russlands. Von einer Auslandsreise 2022 kehrte sie nicht zurück in die Ukraine und lebt in den USA.
Gedanken zum Zeitgeschehen
Am 1. April 2026 schickte die NASA vier Astronauten mit Artemis 2 in einem Orion-Raumschiff ins Weltall, drei Amerikaner, darunter die erste Frau, und einen Kanadier, die erstmals den Mond umrundeten to the dark side of the moon. Seit 50 Jahren der erste bemannte Weltraumflug, weitere sollen folgen auf den Mond und den Mars. Das Raumzeitalter hat neu begonnen, während hier auf unserem Planeten Kriege toben.
Der Ukraine-Krieg dauert bereits länger als Russlands grosser vaterländischer Krieg im Zweiten Weltkrieg. Im fünften Jahr des erbitterten Angriffskriegs seit 2022 auf die Ukraine ist noch kein Ende in Sicht, denn Putin beharrt auf maximalen Forderungen nach der Besetzung des Dombass. Donalds Trumps vollmundige Ankündigung, er werde diesen Krieg in Kürze beenden, sobald er 2025 an der Regierung sei, hat sich bisher als haltlos erwiesen.
Die USA unterstützen die Ukraine nicht mehr, anders als die Biden-Regierung, sondern verdienen an den Waffen, die die EU für die Ukraine bezahlt. A great deal. Nach dem Sturz des Orban-Regimes in Ungarn, wurde zusätzlich die EU-Hilfe für die Ukraine von 90 Milliarden Euro endlich freigegeben. Die Europäer helfen sich also gegenseitig, das ist nicht zu gering wertzuschätzen. Und sie emanzipieren sich langsam, aber stetig von den USA. Das wollte der ambivalente Trump in Sachen Kosten ebenso, hingegen nicht die Kritik von Bundeskanzler Merz hinnehmen, die USA hätten keine Strategie für ihren angezettelten Irankrieg, in den die Europäer nicht eintreten wollten. We couldn’t care less, Donald Trump, about your excitement! What you want is, what you get!
Der Irankrieg zitterte sich zum bedrohten Waffenstillstand, die Strasse von Hormuz ist noch immer geschlossen, es herrscht ein Patt zwischen USA und Iran. Vom Atomsperrvertrag ist keine Rede mehr, der Iran bekräftigte seine Absicht, Atomwaffen zu bauen. Das Mullahregime ist zwar geschwächt, aber die Revolutionsgraden sind erstarkt und haben jetzt das Sagen. Keine guten Aussichten für den Frieden!
Da kam King Charles III. zu Besuch in Washington gerade recht für Donald Trump, der sich selbst gerne als König oder Papst auf Instagram inszeniert. Charles hielt am 29. April 2026 eine viel bewunderte Rede im US-Kongess, wo sowohl Republikaner wie Demokraten applaudierten, dies sei ihm noch nie gelungen, musste Trump zugeben. Charles nahm Partei für die NATO, die Hilfe für die Ukraine und für die Demokratie, die checks & balances, die Trump im Begriff ist, auszuhebeln. Charles Mission war geglückt, sein eleganter Speech beschwor die anglo-amerikanische Allianz, nicht ohne zu betonen, „we have everything with America in common, except the language“ nach einem Zitat von Oscar Wilde. Besser konnte man es nicht ausdrücken, denn sie sprechen tatsächlich eine andere Sprache und verkörpern eine andere Haltung. Der Nachhall dieser eindringlichen Rede wirkt und wird nicht vergessen werden. In diesem Sinne sollten sich die Europäer versammeln, sich stärken und gemeinsam auftreten für den Frieden und die Freiheit!
Ihre Ingrid Isermann, 1. Mai 2026
Warum wir die SVP-Initiative «Keine 10-Mio-Schweiz» ablehnen – 10 Gründe:
1. Eigengoal. Wer der SVP-Initiative «Keine 10-Mio-Schweiz» zustimmt, muss die langfristigen Auswirkungen mitverantworten:
2. Stornierung der EU-Verträge. Mit der Annahme der SVP-Initiative werden die ausgehandelten bilateralen Handelsverträge III hinfällig. Damit verliert die Schweiz ihre Rechtssicherheit und gilt als unzuverlässig. Kein Handel ohne Vertrag, ob EU, Asien oder USA. In 20 Jahren bilateralen Handelsgeschäften mit der EU gab es keine Gerichtsfälle oder Klagen. Die Souveränität der Schweiz bleibt unangetastet.
3. Zusammenarbeit mit Europa als verlässlicher Handelspartner. US-Zölle, Konflikte und Kriege von Russland, USA und Iran bedrohen massiv unseren Wohlstand. Auf wen können wir uns verlassen? Und kann Europa sich auf uns verlassen?
4. Die Demografie. Die Bevölkerung schrumpft, zu wenig Geburten, zu wenig Fachkräfte. Das Ausland wird wegen gleicher Gründe die Fachkräfte im Land halten wollen. Der Schweiz werden die Arbeitskräfte ausgehen.
5. Die Zuwanderung begrenzen mit neuen Arbeitszeitmodellen. Frauen den Wiedereinstieg erleichtern und ältere Arbeitskräfte berücksichtigen. Politiker sollten endlich kreativ werden und Lösungen umsetzen.
6. Die Tech-Oligarchen mit der EU besteuern und ihren Einflussbereich mit KI kontrollieren. Apple, Google, Amazon zahlen in der Schweiz keine Steuern!
7. Wir sind nicht sicherer allein! Ohne Nachbarn, ohne genügende militärische Ausrüstungen. Wir sollten Netzwerke pflegen, wie es die Natur macht, das Vorbild für eine funktionierende friedliche und freiheitliche Welt. Eine bewaffnete Neutralität schliesst das Völkerrecht, die Menschenrechte und Humanität mit ein.
8. Die sogenannten „Nachhaltigkeitsinitiative“ beschädigt nachhaltig irreparabel unsere Wirtschaft und isoliert unsere Beziehungen zu unseren Nachbarn in der europäischen Union. Sie löst keine Probleme, schafft hingegen neue Probleme der Isolation und sinkendem Wohlstand. Das ist gegen den gesunden Menschenverstand ein Schildbürgerstreich, der russisches Roulette spielt. Was ist der Hintergrund der SVP und finanzstarker Gruppen, dass die Schweiz isoliert werden soll? Wer legt Wert auf einen Nationalstaat ohne Zusammenarbeit mit den Nachbarstaaten? Auch eine wachsende EU mit mehr Mitgliedstaaten bedeutet neue Märkte und mehr Wachstum.
9. Wer keinen gesicherten Arbeitsplatz hat, kann nicht in die Schweiz kommen und hier bleiben. Die Wirtschaft selbst steuert die Zuwanderung seit je.
10. Mut und Zivilcourage sind die Rezepte für Kultur, Forschung und Wirtschaft. Wir brauchen keine Vogel-Strauss-Politik!
Ingrid Isermann, 5. Mai 2026
Podium im Schauspielhaus Zürich: Staatenlosigkeit damals und heute
An einer gut besuchten Podiumsveranstaltung nahmen im Pfauen am Sonntag, 19. April 2026, 11 Uhr, die Autor:innen und Europa-Politiker:innen Sibylle Berg und Daniel Cohn-Bendit unter der Moderation von Yves Kugelmann, Chefredaktor des jüdischen Wochenmagazins Tachles, teil. Das Gespräch drehte sich um persönliche Umbrüche, politische Konflikte sowie Perspektiven für Europa. Berg und Cohn-Bendit erlebten beide eine partielle Staatenlosigkeit. Berg, als sie 1984 einen Ausreiseantrag aus der DDR stellte und ihren Pass verlor, bis sie einen deutschen Pass erhielt, mittlerweile ist sie auch Schweizerin. Cohn-Bendit, wie seine Eltern staatenlos, strebte einen deutschen Pass an, damit er in Frankreich nicht ins Militär musste, inzwischen besitzt er ebenfalls einen französischen Pass.
Moderator Yves Kugelmann bezeichnete Cohn-Bendit als «homme politique», der in Paris im Mai 1968 die Revolution gegen die Elterngeneration anführte und später für die Grünen politisierte. Cohn fühlt sich weder als Franzose noch als Deutscher, sein neues Buch lautet «Erinnerungen eines Vaterlandlosen». Seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 sei in Israel einiges schiefgelaufen, mit der Revanche Netanyahus in Gaza und als zynischem Höhepunkt die vom Parlament neu eingeführte Todesstrafe für Palästinenser. Israel habe die Chance zum Frieden verpasst. Sibylle Berg zeigte sich erschüttert über die fehlende Empathie und die palästinensischen Demos am 8. Oktober 2023, die nach dem Überfall begannen. Daniel Cohn-Bendit betonte, die Negation der Existenz des anderen führe zu keiner Zwei-Staaten-Lösung, ohne die es keinen Frieden geben könnte. Berg monierte, dass die Medien eine gewisse Mitschuld treffe, da sie mithelfe, die Konflikte hochzuschaukeln, man solle deshalb nicht auf jeden Negativzug aufspringen.
Soll sich Europa für die Ukraine einsetzen? Da gehen die Meinungen auseinander. Berg sitzt seit eineinhalb Jahren im europäischen Parlament, wo nur noch von Aufrüstung und Waffen die Rede sei. Gibt es gerechte Kriege? Cohn-Bendit bejaht die Frage, die Ukraine muss sich nach dem Angriffskrieg Russlands verteidigen können. Was Trump im Iran mache, habe aber nichts mit Regimewechsel zu tun, Trump und Netanyahu seien die Menschen egal, es gilt das Recht des Stärkeren. Cohn-Bendit besteht darauf, dass Europa die Lösung ist, sich gemeinsam gegen den Hass zu stellen und Bedingungen des Zusammenlebens zu verändern. Berg führte die KI als bedrohliche Überwachung an und ist skeptisch, eine ID einzuführen, da alles, was sich im Netz befindet, gehackt werden könne. Wir haben ein Problem mit der Menschheit, meinte Cohn-Bendit, Europa müsse sich Gedanken machen zu einer organisierten Einwanderung. Die Zukunft für jüdische Menschen hänge von der Demokratie in den verschiedenen Ländern ab; die Diaspora muss ihren Staat haben, so Cohn-Bendit, aber das bedeute nicht die totale Identifikation mit Israel. Die angeregte Diskussion liess die Fragen offen, wie man letztlich zu einer Welt ohne Kriege gelangen könne.
Ingrid Isermann, 19. April 2026
More than Human – Design mit der Natur.
Das Museum für Gestaltung Zürich präsentiert erstmals in der Schweiz die internationale Bewegung des «mehr-als-menschliches Design», eine neue Generation internationaler Designer:innen, deren Praxis auf der Überzeugung beruht, dass menschliche Aktivitäten nur im Einklang mit anderen Spezies und Systemen gedeihen können.
30 Projekte aus Design, Kunst und Architektur zeigen, wie Gestaltung nicht länger allein den Menschen ins Zentrum stellt, sondern die Bedürfnisse von Pflanzen, Tieren und Ökosystemen einbezieht. Die Ausstellung gliedert sich in drei Kapitel: Being Landscape, Making with the World und Shifting Perspective. More than Human thematisiert unsere Beziehung zur Natur, zeigt praktische und spekulative Lösungen für das Zusammenleben aller Spezies und lädt dazu ein, die Welt aus Sicht anderer Lebewesen zu betrachten. Angesichts der Klimakrise fordert die Ausstellung ein radikales Umdenken: Design soll nicht nur dem Menschen dienen, sondern das Gedeihen aller Lebensformen ermöglichen.
Being Landscape zeigt, dass Menschen Teil der Natur sind und nicht getrennt von ihr existieren. Werke wie das monumentale Wandbild des Kollektivs MOTH thematisieren die wachsende Bewegung, Flüssen und Landschaften juristische Rechte zu verleihen. Die Gemälde von Solange Pessoa reflektieren indigene Weltanschauungen. Fotografien europäischer Rituale, wie die «Rumiti» in Süditalien, sowie Masken von Jonathan Baldock verdeutlichen, wie kulturelle Praktiken unsere Beziehung zur Natur prägen.
Eine wichtige Ausstellung für ein globales Bewusstsein zur Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, die nicht nur den Menschen ins Zentrum stellt.
Eine Wanderausstellung des Design Museums, London, 30.1.-31.5.2026
museum-gestaltung.ch
Vom Moos lernen.
Wie bleibt man anpassungsfähig in einer sich ständig verändernden Welt? Ausgerechnet die grünen Moose sind Überlebenskünstler, sie kommen ohne Blätter aus, haben keinen Stamm, keine Äste, nichts, was sie stützen könnte, nicht mal Wurzeln, wie geschaffen für eine Gegenwart der Extreme. Manchmal ändert das Moos kurzerhand das Geschlecht, nur so konnte es der Gattung über die Zeitepochen hinweg gelingen, sich stetig zu verbreiten und viele Tausend verschiedene Arten auszubilden. Moose sind reine Transformationsexperten, denen es vor 500 Millionen Jahren gelang, ihr altes Süsswasserdasein zu überwinden, um eine Identität als Landwesen anzunehmen. Sie binden jede Menge Co2 aus der Luft, filtern viel Feinstaub, dämpfen den Lärm und kühlen ihre Umgebung. (Hanno Rauterberg, ZEIT).
Pflanzen und Tiere haben uns einiges an Flexibilität voraus. Auch Seepferdchen können übrigens ihr Geschlecht wechseln. Und wussten Sie, wann Ameisen schlafen? Ameisen schlafen nie! In der Natur gibt es alles, was wir uns nicht vorstellen können. Wer kommt schon gegen die Majestät der Berge an, die seit Jahrmillionen präsent sind. Who knows, was die Evolution noch mit uns, der Spezies Homo sapiens, vorgesehen hat…
Ihre Ingrid Isermann, 1. März 2026
Wahlen 2026: Ja zur SRG
Die Stimmberechtigten haben der SRG am Sonntag, 8.März 2026 (Frauentag!) ihr Vertrauen ausgesprochen: Nein zur SRG-Halbierungsinitiative der SVP (61.9%). Damit hat die SVP zum zweiten Mal verloren, bei der ersten Abstimmung wollte sie die SRG gleich ganz abschaffen. Da weiss man also, woher der Wind weht. Diese Partei ist nicht im geringsten an einer möglichst breiten unabhängigen Information über das Wohl und Wehe unseres Landes interessiert, sondern an einer rechtslastigen Berichterstattung. Diese kommt der SVP bereits mehr als manchen lieb ist mit dem Jassklub und der Landfrauenküche etc. entgegen. Doch lässt sich die Partei von ihrem Vorhaben nicht abhalten, indem sie die SRG mit ihrem Kernauftrag beschneiden will und es wohl demnächst heftige Auseinandersetzungen geben wird, was die SRG noch sagen darf. Das wird einem viersprachigen Staatssender nicht gerecht und derlei Angriffe gilt es weiter abzuwehren, um die demokratische Ausübung nicht zu beschädigen.
Die nächste Attacke auf den Staat folgt am 14. Juni 2026 mit der SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz», ein absurdes Vabanque-Spiel, einen willkürlichen Zahlendeckel auf das Wachstum der Bevölkerung zu legen. Das schadet nicht nur der Volkswirtschaft, sondern in allen Bereichen der «Idée Suisse». Diese kleinkrämerische Haltung eines «bluemete Tröglis» mit der Schliessung des Gartentors entspricht wohl der Haltung der SVP, die über eine starke Bauernlobby im Parlament verfügt und ansonsten keine Argumente hat oder Lösungen vorschlagen kann. Die Wirtschaft nämlich steuert den Bedarf an Arbeitskräften selbst, sie müsste weniger Leute aus dem Ausland rekrutieren, die oftmals günstiger arbeiten (Baubranche) und mehr Leute über 50 Jahre beschäftigen. Da gäbe es politisch noch einiges aufzuholen und zu tun. Also Ärmel aufkrempeln und an die Arbeit gehen statt sinnlose Initiativen loszutreten, die der Schweiz gesamthaft schaden. Apropos Dichtestress: Holland ist etwa gleich gross wie die Schweiz (9.1 Mio. Ew) und hat 17 Mio. Ew, Belgien dito mit 11 Mio. Ew. Warum dürfen in Zürich eigentlich nicht mehr Hochhäuser gebaut werden? Das sollte sich die SP fragen.
Die Stadtratswahlen hat Rot/Grüngewonnen, die SP mit vier Mitgliedern, darunter der neue Stadtpräsident Raphael Golta (seine Mutter ist Brasilianerin, ein Teil der Migration ist somit erfüllt), neu sind Céline Widmer und Tobias Langenegger nebst der bisherigen Stadträtin Simone Brandner. Die Grünen haben neben Daniel Leupi und Karin Rykart neu Balthasar Glättli zur Verstärkung des Klimaschutzes, nur ein FDP-Mann sitzt noch im Stadtrat, Michael Baumer, bisher und Andreas Hauri von der GLP, bisher, auf dem neunten Platz. Rausgefallen aus dem Ranking ist der FDP-Präsident Përparim Avdili, der einen aggressiven Wahlkampf für das Stadtpräsidium führte.
Mit 54.3% wurde die Initiative zur Individualbesteuerung angenommen, die Klimafonds-Initiative wurde mit 70.7% verworfen und der Gegenvorschlag zur Bargeld-Initiative mit 73.3% angenommen.
9. März 2026
Buchtipps
Leïla Slimani: Trag das Feuer weiter
Die französisch-marokkanische Autorin und Prix Goncourt-Preisträgerin Leïla Slimani, 1981 in Rabat geboren, wuchs in Marokko auf und studierte an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po. Sie gilt als eine der wichtigsten literarischen Stimmen Frankreichs. Mit «Trag das Feuer weiter» schliesst sie ihre grosse Familiensaga ab. Sie erzählt, warum sie seit jeher über Familie und weibliche Identität schreibt und wie Erinnerungen in ihren Texten zu Fiktion werden. Slimani erzählt, wie sie über drei Generationen hinweg Herkunft, Verlust und Selbstfindung literarisch verdichtet, von der elsässischen Grossmutter, die ihrem marokkanischen Mann nach Rabat folgte, bis zur Schriftstellerin Mia, die im dritten Band von Paris nach Meknès auf die Zitruspantage ihrer Grosseltern zurückkehrt, wo die Zeit stillgestanden ist. Das Motiv des «weitergetragenen Feuers», nach einem Zitat von Jean Cocteau, durchzieht das Buch als roter Faden. Slimani spricht über die Kraft der Fiktion, das Schweigen der Männer, die Sprachmacht der Frauen, über Identität zwischen Orient und Okzident sowie die Frage, wie Literatur Bindungen schafft in einer Zeit der Vereinzelung. «Verteidige deine Freiheit, geh keine Kompromisse ein», ein intensives Gespräch über Herkunft, Freiheit und das Feuer, das wir gemeinsam weitertragen. Doch was, wenn man überall eine Fremde bleibt? So aktuell wie atemberaubend. Aus dem Französischen von Amelie Thoma.
Luchterhand Literaturverlag, München2026.
Judith Hermann: Ich möchte zurückgehen in der Zeit.
Judith Hermann folgt den Spuren ihres Grossvaters, der während des Zweiten Weltkriegs in Radom in Polen stationiert war. Ein vergilbtes Foto zeigt ihn im Unterhemd im Juli 1941 auf einem Motorrad der SS in Radom. Sie nähert sich ihrem Grossvater an, der in der Waffen-SS vermutlich an Massakern beteiligt war, muss aber erkennen, dass sie kaum etwas über ihn herausfinden kann. Weder beim Reflektieren am Schreibtisch und langen Spaziergängen in Radom, noch bei telefonischen Rückfragen bei ihrer Mutter und Familienangehörigen. Ihre Mutter erinnert sich an die Tätowierung unter dem linken Arm ihres Vaters, verblichen, blassblau, gross wie ein Pfennig. Sie hat die Tätowierung der SS das erste Mal auf seinem Sterbebett gesehen, er starb in einem Einzelzimmer im Krankenhaus, sie war einundzwanzig Jahre alt. Hermann verknüpft ihr Schreiben mit seiner lange ignorierten Geschichte, reist von Polen aus weiter zu ihrer Schwester, einer Archäologin in Neapel, und geht dem Erinnern der folgenden Generationen nach. Hermann widmet sich in ihrem stilistisch sorgfältigen Essay behutsam der Betrachtung der Zeit und ihres Vergehens zu, was weniger zur Aufarbeitung von Zeitgeschichte führt, sondern in dem es vielmehr um die Art des Schweigens und Verschweigens in familiären Erzählungen geht. Meisterhaft!
S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main, 2026.
Hanno Sauer: Klasse. Die Entstehung von Oben und Unten.
In heutigen Zeiten, wo Milliardäre um zwei Billionen reicher geworden sind, interessiert auch der Kampf um Prestige, Status und Ansehen. Was ist Klasse? Wie entsteht soziale Ungleichheit? Wie funktionieren Statussymbole? Hanno Sauer, deutscher Professor für Philosophie an der Universität Utrecht, untersucht in seinem Sachbuch, wie sie die Gesellschaft prägen. Klassen durchdringen das gesamte Leben, unsere Werte, unsere Freundschaften und Beziehungen. Die familiäre Prägung ist nicht nur in der gesellschaftlichen Hierarchie von Bedeutung, sondern auch für die eigene Haltung. Die Position einer Person auf der Rangfolge in Sport, Politik, Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft entscheidet über Macht und Ressourcen, doch es ist nicht das Geld allein, das den Status in der Gesellschaft bestimmt. In sieben Kapiteln betrachtet der Autor Hierarchien aus verschiedenen Perspektiven. Sauer greift dabei auf Theoretiker zurück wie Karl Marx, den US-amerikanischen Ökonom Thorstein Veblen sowie den französischen Soziologen Pierre Bourdieu mit dem Standardwerk «Die feinen Unterschiede». Der Autor zeichnet ein Panorama heutiger westlicher Gesellschaften, in dem sich auch viele Leser:innen wiederfinden können, denn die meisten Menschen kämpfen um Status und Anerkennung und wollen nicht als rassistisch oder sexistisch wahrgenommen werden. Der Wunsch nach Solidarität und Gemeinschaft sei zwar tief im Menschen verankert, doch im Wettbewerb habe sich die auf soziale Distinktion setzende Gesellschaft durchgesetzt, weshalb eine klassenlose Gesellschaft kaum zu erreichen sei. Trotz der Klassenkritik scheint auch Sauer nicht wirklich daran interessiert, aus dem Statusspiel des Sich-Vergleichens auszusteigen.
Piper Verlag GmbH, München, 6. Auflage 2025.
Hartmut Rosa: Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums.
Ein spannendes Plädoyer für selbständiges Denken: Unmerklich verändert sich in der Gegenwartsgesellschaft der Charakter unseres Handelns, im Berufsleben, aber zunehmend auch in der Freizeit geben uns Richtlinien und Formulare, Algorithmen und Apps die Wege zur Entscheidungsfindung genau vor. Anstelle des persönlichen Überlegens und Urteilens tritt die konstellationsbasierte Logik der Maschinen, mit denen wir es tagein, tagaus zu tun haben. «stimme zu« / »stimme nicht zu» lassen keine Alternativen offen. Diese Entwicklung, sosehr sie der Effizienz dienen mag, hat einen hohen Preis, den Hartmut Rosa in seinem neuen Sachbuch beziffert. Wenn Ermessensspielräume verschwinden und die Kreativität menschlichen Handelns aus den alltäglichen Praxisvollzügen eliminiert wird, wächst das Gefühl der Ohnmacht, nichts mitbestimmen zu können. Denn mit der Urteilskraft verkümmert die Handlungsenergie. Wie können wir diesem individuellen und kollektiven Energieverlust der Gesellschaft entgegenwirken? Indem wir, so Rosa, die menschliche Handlungsfähigkeit stärken, und zwar auf allen Ebenen der sozialen Existenz. Hartmut Rosa, deutscher Soziologe und Politikwissenschaftler, lehrt als Professor für allgemeine und theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und ist Direktor des Max-Weber-Kollegs der Universität Erfurt.
Suhrkamp Verlag, Berlin, 2026
Aldous Huxley: Zeit der Oligarchen.
Der schmale Band von Aldous Huxley ist bereits vor achtzig Jahren erschienen. Der Autor des Science-Fiction-Klassikers «Brave New World» («Schöne neue Welt») beschäftigte sich nicht nur literarisch mit einer dystopischen Zukunft, sondern setzte sich mit Entwicklungen auseinander, die heute sehr aktuell erscheinen. Huxley warnt vor der Macht einiger Techoligarchen, die wie Gangster die Welt regieren, in der sich das Kapital in den Händen weniger befindet und Politik zur Macht des Stärkeren erodiert. Wer denkt da nicht an die Politik der USA seit dem Amtsantritt von Donald Trump mit ICE-Beamten, die Migranten aufgreifen und in Lager stecken, und seine Zusammenarbeit mit Oligarchen wie u.a. Elon Musk und Jeff Bezos. Der Hanser-Verlag hat 2025 Huxleys brillanten Essay ins Deutsche übersetzt und auch auf Englisch als «Time of the Oligarchs» herausgegeben. Huxley veröffentlichte den Essay 1946 unter dem Titel «Science, Liberty and Peace». Im Fokus von Huxleys Kritik steht die Wissenschaft bzw. ihr technologischer Fortschritt und die Instrumentalisierung der Wissenschaft für die kapitalistische Verwertungslogik . «Die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Forschung wurden von Beginn an so angewandt, dass die Ober- und Mittelschichten der Industriegesellschaften stetig reicher wurden». Seither würden Erfinder und Techniker nur darauf hinarbeiten, Konzerne und die Massenproduktion zu bedienen, weil ein zentralisiertes System mehr Profit einbringe. Was unweigerlich zu einer «immer grösseren Zentralisierung der Macht in immer weniger Händen» führe. Als hätte Huxley den rasanten Aufstieg der Techoligarchen aus dem Silicon Valley vorausgesehen. Huxleys Vision «eine Internationale Kontrollbehörde zum Schutz der Menschheit» ist aktueller denn je, internationale Gremien zur Wahrung von Frieden und Menschenrechten zu stärken, um den selbstzerstörerischen technologischen Rüstungswettkampf aufzuhalten.
Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. Hanser-Verlag, München, 2025.
Anthologie: Ich erröte vom Schaft bis zur Sohle – Schuhgeschichten.
30 Autor:innen schreiben in der unterhaltsamen Anthologie über Schuhe als Symbol und Metapher und erzählen von den Menschen, die sie tragen, von ihrem Leben und ihrem Schicksal. Spannende, berührende, humorvolle, nachdenkliche und dystopische Geschichten, in denen Schuhe eine zentrale Rolle spielen. Warum werden die Schuhe einer gefeierten Opernsängerin einzeln nach New York verschickt? Was hat es mit den eingemauerten Kinderschuhen auf sich, die in einem Zürcher Altstadthaus gefunden wurden? Was ist mit den Schuhen des alten Clowns, der nochmal auftreten möchte? Oder die Schuhe eines ukrainischen Soldaten, dem eine Mine nur das rechte Bein liess? Es entsteht ein packender Kosmos von Geschichten, die sich vom Nahen Osten, Gaza und Israel nach Kabul, von der Schweiz nach Kenia erstrecken. Schuhe sind Ausdruck eines Lebensgefühls, wie die Springerstiefel einer Punkfrau in London oder die klappernden Zoccoli einer jungen Schweizerin in den 80-er Jahren oder die eleganten Pumps einer New Yorker Millionärsgattin. Die Autor:innen kommen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich: Katrin Seglitz, Martin Kunz, Barbara Traber, Sabine Bierich, Alice Grünfelder, Patricia Büttiker, Esther Banz, Siegfried Hain , Henry Sapparth, Lea Catrina, Anja Siouda, Marc Djizmedjian, Daniel Zahno, Sunil Mann, Daniela Engist, Evelina Jecker Lambreva, Oded Fluss, Susanna Binder, Peter Braun, Martina Caluori, Gerrit Schneider-Lastin, Christa Prameshuber, Wolfram Schneider-Lastin, Hugo Ramnek, Christian Ruch, Gerda Sengstbratl, Alon Renner, Nelio Biedermann.
Arisverlag, 2026. Hrsg. Wolfram Schneider-Lastin, Christa Prameshuber.
to be continued
Was können Sie auf Literatur&Kunst entdecken?
Thomas Pynchon «Schattennummer», Rowohlt Verlag 2025. Eine Zeitreise in die US-Geschichte der 1930er Jahre: Milwaukee 1932, Amerika steckt in der Grossen Depression, die Aufhebung der Prohibition steht kurz bevor, Al Capone sitzt im Knast. Privatdetektiv Hicks McTaggart nimmt einen vermeintlichen Routinejob an, der ihn zuerst in die Fänge des FBI und dann auf die andere Seite des Ozeans nach Europa führt, wo er in Verwicklungen mit Nazis und sowjetischen Agenten gerät. Ein packender Detektivroman des Kultautors Pynchon mit Assoziationen zur Gegenwart!
Die ukrainische Dichterin Oksana Maksymchuk: «Tagebuch einer Invasion», Hanser Verlag, 2025. Wie übersteht man den Krieg? Die Aufzeichnungen des brutalen Angriffskrieges Russlands in die Ukraine haben eine seltene poetische Kraft des Widerstands. Oksana Maksymchuk ist eine neue wichtige Stimme in der Lyrik!
«Hellichter Tag», Luchterhand Verlag, 2025. Neue Gedichte von Norbert Hummelt, die eindringlich Momente erkunden, in denen sich die Verletzlichkeit unseres Lebens offenbart.
Kerry James Marshall «The Histories. Geschichte/n»: Das Kunsthaus Zürich zeigt eine grosse Retrospektive ab 27. Februar 2026. Marshall gilt als einer der einflussreichsten US-amerikanischen Maler, der in seinen berückend farbenprächtigen Werken das Leben von Afroamerikanern in den Mittelpunkt stellt. Es tut gut, selbstbestimmte Menschen zu sehen, ob schwarz oder weiss. Black is beautiful! Mit seiner Bildsprache inspirierte Marshall auch eine Reihe junger Künstlerinnen und Künstler. 27.2.-16. 8.2026.
Anka Schmid «Melodie»: Die Filmemacherin ist eine Grenzgängerin zwischen Kino und Kunst. Der Film «Melodie» ist dem Gesang gewidmet, Anka Schmid im Gespräch mit Rolf Breiner. Aktuelle Filmtipps.
«Meditations in Entropy». The Work of Kashef Chowdhury/URBANA», Park Books, 2025. Eine Architektur, die Empathie einschliesst und auch working poor nicht ausschliesst. Seit 1995 hat der Architekt Kashef Chowdhury mit seinem Büro URBANA in Bangladesch, einer der meteorologisch komplexesten und schwierigsten Weltgegenden, ein vielfältiges Werk geschaffen.
«Das Glas Haus». Wien 1933. Vertriebene Visionen. Park Books, 2025. Als Hans Glas 1933 eine Villa für das jüdische Ärzteehepaar Anna und Philip Rezek entwarf, zählte sie zu den visionärsten Wohnbauten Wiens. Der Architekt Hans Glas, ein Schüler von Adolf Loos, ist heute in Österreich nahezu vergessen.
Widescreen: Richard Paul Lohse. Das Museum Haus Konstruktiv in Zürich zeigt das malerische Werk von Richard Paul Lohse (1902-1988). Die Ausstellung mit über 50 Exponaten aus den Jahren 1942 bis 1987 gibt Einblick in Lohses Entwicklung von frühen, frei schwebenden geometrischen Formen bis zu orthogonal strukturierten, nicht-hierarchischen Bildsystemen, die seine Vorstellung einer modernen, demokratischen Gesellschaft widerspiegeln. 5.2.2026-10.5.2026.
«Brazil. Beyong Samba and Bossa Nova: Notes on the State of the Arts in Brazil». Christophe Guye, Galerist Zürich: «On Conceptual Photography». Von Julieta Schildknecht.
«American Cycles». Fotografie von Philip Montgomery zur politischen Landschaft in den USA. Ausstellung in den Deichtorhallen Hamburg. Von Marc Peschke.
«Marco Balzano. Bambino», Diogenes Verlag, 2026. Der Faschismus entsteht an den Grenzen. Schauplatz des Romans ist Triest, wo drei Diktaturen herrschten. Von Susanne Schanda.
Wir wünschen Ihnen spannende und anregende Unterhaltung mit Literatur&Kunst und einen wunderbaren Frühling! Machen Sie’s gut!
Herzlich
Ihre Ingrid Isermann, Herausgeberin