Buchcover Architektinnen der Ostschweiz, Park Books, 2026
Vreny Gross, Garage Hirsch, St. Gallen,1988, Foto: Nina Keel, 2021
Claudia Bersin, Güterbahnhof Uster, 1985, Foto: Nina Keel, 2023
Sophie Taeuber-Arp, Wohn- und Atelierhaus, Clamart, Paris, 1927/282027, Foto Nina Keel, 2025
Nail House, Mehrfamilienhaus St. Gallen, Architektin Eva Lanter, Foto:BATIMENTS
Keller Hubacher Architekten, Herisau. Foto: Nina Keel, 2025
Rosmarie Nüesch-Gautschi, Wohnhaus für sich und die drei Kinder, Niederteufen AR, 1970 © Foto: Nina Keel, 2022
«Architektinnen der Ostschweiz von 1900 bis zur Gegenwart»
Eine Emanzipationsgeschichte der Ostschweiz: Erstmals macht ein Werkbuch das Schaffen von Ostschweizer Architektinnen von 1900 bis heute sichtbar, fördert informelle Netzwerke zutage und beleuchtet aufregende neue Architektur in der Ostschweiz. Autorin Nina Keel präsentiert Namen, Projekte und Initiativen.
Architektinnen der Ostschweiz zeigt historische und zeitgenössische weibliche Vorbilder und bringt Dynamik in den feministischen Architekturdiskurs. Die Autorin Nina Keel führt von Atelierhäusern (Hedwig Scherrer und Sophie Taeuber-Arp) über Wohnhäuer (Berta Rahm, Susi Müller-Gehrig oder Uli Mayer) und öffentlichen Grossbauten (Dorothea David, Claudia Bersin, Vreny Gross, Eva Keller oder Asterid Staufer) zum aktuellen Weiterbauen am Bestand (Kathrin Gimmel, Eva Lanter). Die anschaulich gestaltete Publikation versammelt beachtenswerte Bauten seit 1900 und beleuchtet zeitspezifische Rahmenbedingungen.
Vreny Gross-Rindlisbacher gründete beispielsweise 1982 als eine der ersten Architektinnen ein eigenes Büro in St. Gallen, das mit dem öffentlichen Erstlingswerk, der Garage Hirsch/Sportcenter Ost, für Aufsehen sorgte. In den folgenden vierzig Jahren realisierte sie einige Grossbauten, Gewerbe- und Sportbauten sowie Kliniken, im Raum St. Gallen/Appenzell. Gross ist Mitbegründerin des Vereins FrauenBauen und hat wiederholt Arbeitsgemeinschaften mit anderen Architektinnen gebildet.
Die Autorin stellt fünf Architektinnen – zwei historische und drei zeitgenössische Positionen – und ihr Schaffen ausführlich vor: Dorothea David, Claudia Bersin, Eva Keller, Eva Lanter und Rosmarie Nüesch-Gautschi. Sie führe(t)en allein oder mit Partner ein eigenes Büro und ihr Wirkungsmittelpunkt und/oder ihre Herkunftsregion ist die Ostschweiz. Mit der Auswahl dieser fünf Akteurinnen wird ein Spiegelbild der Architektinnen-Generationen zwischen 1900 und heute ermöglicht. Gleichzeitig werden über sie verschiedene berufliche Auffassungen und Bauaufgaben abgebildet. In kürzeren Kapiteln werden einzelne Aspekte von vierzehn weiteren Ostschweizer Architektinnen beleuchtet.
Viele Architekturstudierende zog es an die ETH, auch weil eine lokale Architekturschule lange Zeit fehlte. Nicht wenige blieben nach dem Diplom in Zürich oder zogen weiter. Schweizweit gibt es daher Büros, die von Architektinnen mit Ostschweizer Wurzeln geführt werden, darunter u.a. Claudia Bersin (Büro in den 1970er bis 1990er-Jahren in Zürich), Annette Gigon (Gigon Guyer Partner Architekten in Zürich), Christine Binswanger (Partnerin bei Herzog & de Meuron in Basel) und Maria Zurbuchen-Henz (M+B Zurbuchen-Henz architects in Lausanne).
Hinzu kommen zwei Kapitel zu historischen Momenten für Architektinnen in der Schweiz: die SAFFAs (Schweizerische Ausstellungen für Frauenarbeit) von 1928 und 1958 und deren personelle Verbindungen in die Ostschweiz.
Architektinnen von A-Z
Die multidisziplinär arbeitende Avantgarde-Künstlerin Sophie Taeuber-Arp, von 1895 bis 1908 aufgewachsen in Trogen AR, bewegte sich in verschiedenen internationalen, dynamischen Netzwerken des Kunstschaffens der Moderne: Sie unterrichtete Textildesign, schuf abstrakte Stoff- und Papierarbeiten, Marionetten und Bühnenbilder, betätigte sich im Ausdruckstanz und war aktiv in der Dada-Bewegung. In den 1920er- und 1930er-Jahren entwarf Taeuber-Arp nebst Malerei und Reliefs auch Interieurs und Bauten. 1927/28 schuf sie ein Wohn- und Atelierhaus ausserhalb von Paris für sich selbst und ihren Ehemann Hans Arp.
Claudia Bersin, aufgewachsen in St. Gallen, war nach dem ETH-Diplom als freie Mitarbeiterin bei Jakob Schilling und anderen Architekten in Zürich tätig. In den 1970er Jahren lebte und arbeitete sie einige Jahre in Finnland und beteiligte sich an Wettbewerben in der Schweiz, die ihre Basis für ihre landesweite Karriere bilden sollten. Schwerpunkte ihres Schaffens lagen auf öffentlichen Grossbauten und sozialem Wohnungsbau.
Dorothea Davids Arbeitsleben war pionierhaft: Sie zählte zur ersten Generation von Architekturstudentinnen an der ETH und wurde 1954 die erste Architektin auf dem Bauamt Zürich. Im Wintersemester 1933/34 begann sie ihr Architekturstudium an der ETH – zehn Jahre nachdem Flora Steiger-Crawford als allererste Architektin das ETH-Diplom erhalten hatte. 1937 diplomierte Dorothea David bei Prof. Otto Salvisberg mit einem Spitalprojekt. David bekundete 1940 öffentlich ihre Haltung zum Schweizer Wettbewerbswesen, sie wurde eine der ersten in der Stadt St. Gallen tätigen Architektinnen und nahm in den 1940er Jahren auch an Wettbewerben teil.
Eva Keller studierte nach einer Lehre zur Hochbauzeichnerin Architektur an der Hochschule für bildende Künste in Düsseldorf. Ihr Büro in Herisau führt sie seit den 1990er-Jahren in verschiedenen Konstellationen. Keller baute Grossprojekte, ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf der Sanierung von Sakralbauten und sie hat Herisau massgeblich weitergebaut. Sie wurde 1996 als erste Architektin in den BSA Ostschweiz aufgenommen, den sie von 2020 bis 2024 co-präsidierte.
Eva Lanter präsentiert zweifelsohne die anregendsten Namen für Bauprojekte in der Ostschweiz: The Eber Grand, Five Islands House oder Königshaus. Sie stammen von BATIMENTS, dem Architekturbüro, das Lanter seit 2018 zusammen mit Patrick Britt führt, und das sie unmittelbar nach ihrem Diplom an der ETH gründete. 2024 wurde Eva Lanter in den BSA Ostschweiz aufgenommen. Nicht nur in den Projektnamen, sondern auch in der Architektursprache von BATIMENTS ist der Einbezug des Spielerischen und Humorvollen augenscheinlich, ihre Bauten verströmen Lust an der Gestaltung. In Flying House Landing wurde ein Einfamilienhaus in Rorschach umgebaut, aufgestockt und mit schnittigen Flügeln versehen.
Rosmarie Nüesch-Gautschi studierte an der ETH Architektur, bezeichnete sich aber selbst nie als Architektin. Sie war Forscherin über die Baumeister-Dynastie Grubenmann, Ausstellungsmacherin, Baukultur-Vermittlerin, Denkmalpflegerin und Kantonsrätin, in vielem die allererste im Kanton Appenzell Ausserrhoden. Aufgewachsen ist sie in St. Margrethen, wo ihr Vater ein grosses Baugeschäft besass. 1948 absolvierte sie eine technische Matura an der Kantonsschule St. Gallen und schrieb sich anschliessend an der ETH im Fach Architektur ein. Dort lernte sie nach zwei Jahren Studium Hanspeter Nüesch kennen, den sie heiratete und mit ihm gemeinsam ein Architekturbüro in St. Gallen eröffnete.
Nina Keel stellt die Teamarbeit und Solidarität in den Fokus und beleuchtet den Wandel struktureller Arbeitsbedingungen. Die Kapitel zu prägenden Architektinnen und ihren Projekten geben Antworten auf Fragen wie: Was inspiriert sie und welche Bauaufgaben sind ihnen wichtig? Wie organisieren sie ihre Büros? Welche (informellen) Netzwerke gab und gibt es?
In einem ausführlichen Gespräch äussern sich die Architektinnen Astrid Staufer und Kathrin Gimmel zu Entwurfsinstrumenten, zur Zusammenarbeit in ihren Architekturbüros und zur Wichtigkeit von baulichen Wagnissen. In den Bildstrecken zeigt die Künstlerin Jiajia Zhang fünf Architektinnen in ihren eigenen Bauten, während Nina Keel auf Spaziergängen durch St. Gallen Gebäude von Eva Lanter (BATIMENTS), Corinna Menn oder Trix Haussmann-Högl fotografierte.
Rückblicke auf die SAFFA 28 und SAFFA 58
1928 fand in Bern die SAFFA, die erste Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit statt, gefolgt 1958 von einer zweiten Ausgabe in Zürich. Beide Male handelte es sich um aufwendig und bedacht konzipierte Ausstellungen von nationaler Leuchtkraft zur Stellung von Frauen in der Schweiz. Mit der SAFFA 28 wurde der Beruf der Architektin – in Person von Chefarchitektin Lux Guyer – erstmals in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen. Guyer, die 1924 ihr eigenes Büro in Zürich gegründet hatte, setzte in ihrem Gesamtkonzept auf einfache, sachliche Architektur. So sind im kollektiven Bild der SAFFA 28 bis heute der Turm von Lux Guyer sowie ihr in unmittelbarer Nähe errichtetes Fertighaus gespeichert. In der Ostschweiz waren die ersten Architektinnen jedoch erst ab Mitte der 1930er-Jahre beruflich aktiv. Hedwig Scherrer, die sich 1907 im St. Galler Rheintal ein Atelierhaus mit modernen Ansätzen geschaffen hatte, gestaltete für die SAFFA 28 einen zeitgemäss traditionell ausgerichteten Beitrag, eine historische Rheintaler Giebelstube, in der Trachten und Heimarbeit ausgestellt waren.
Die zweite SAFFA fand 1958 am linken Ufer des Zürichsees statt, dazu wurde eigens eine Insel im See aufgeschüttet, die bis heute bestehende SAFFA-Insel. Die SAFFA 58 war ursprünglich als Wohnausstellung geplant, doch anders als bei der SAFFA 28 arbeiteten bei der zweiten Ausgabe 1958 mehr als dreissig Architektinnen und Innenarchitektinnen mit, deren Namen nun auch in Fachartikeln neben ihren Entwürfen veröffentlicht wurden. Chefarchitektin Annemarie Hubacher-Constam wurde mit einem Wohnturm als Wahrzeichen der Ausstellung viel Platz eingeräumt, der dreissig Meter hohe Stahlskelett-Turm präsentierte auf acht Geschossen verschiedene Aspekte des Wohnens. Die oberste Ebene war dem Städtebau gewidmet, eine Etage verantwortete die Kunstgewerbeschule Zürich mit einer Ausstellung über «gute Form» und Wohnbauberatung, auf den übrigen Stockwerken konnten verschiedene Kleinwohnungen besichtigt werden.
Come walk with me
Die Bildstrecke führt durch St. Gallen, zu Bauten von Architektinnen – auch mit Büros ausserhalb der Ostschweiz. Sie ist angelegt als langer Spaziergang, beginnend in der Spiegelwelt von Trix und Robert Haussmann an der Vadianstrasse 15 und endend im Osten der Stadt, in der Genossenschaftssiedlung Remishueb, an der Brigitte Traber-Santschi mitbaute. «Come walk with me» zeigt eine Auswahl an Bauten von Architektinnen und macht ihre Urheberschaft sichtbar.
Ein unentbehrliches Nachschlagewerk der zeitgenössischen und historischen Architektinnen der Ostschweiz.
Nina Keel ist selbstständige Kuratorin, Kunsthistorikerin und Architekturvermittlerin. Sie studierte Kunst-, Architektur- und Fotografiegeschichte an den Universitäten Zürich und Stockholm. Sie realisiert spartenübergreifende Projekte und führt seit 2021 den ESPACE NINA KEEL, einen Ausstellungsraum für Architektur, Kunst und deren Zusammenspiel in St. Gallen. Sie ist seit 2024 assoziiertes Mitglied des BSA Ostschweiz.
Nina Keel
Hrg. BSA Ostschweiz
Architektinnen der Ostschweiz
1900 bis heute
Park Books, 2026
Broschiert, CHF 49
288 S., 164 farbige, 44 s/w-Abb.
16 x 23.7 cm
ISBN 978-3-03860-472-3
to be continued