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Kultautor Thomas Pynchon: «Schattennummer» – Eine Zeitreise in die US-Geschichte der 1930er Jahre

Von Ingrid Isermann

Der Detektivroman «Schattennummer» von Thomas Pynchon spielt in den 1930er-Jahren in Milwaukee und Europa. Der geheimnisumwitterte New Yorker Kultautor meldet sich nach zwölf Jahren literarisch wieder zurück.

Kultautor Pynchon trifft mit seinen Themen seit Jahrzehnten direkt ins Herz der Vereinigten Staaten, wie in der mit dem National Book Award ausgezeichneten Parabel «Die Enden der Parabel» (1973) über die Kriegsjahre 1944/45  und den Aufstieg der USA nach dem Zweiten Weltkrieg zur Supermacht, in «Mason & Dixon» (1997) über die Aufteilung in Nord- und Südstaaten der USA, in «Gegen den Tag» (2006) über die industrielle Moderne Amerikas.
 
Im langersehnten neuen Roman geht es um einen Kapitalismus, wo die Grenzen von Geschäft und Gangstertum verschwimmen, in dem Mafiosi die Regie übernehmen und an der nächsten Ecke Faschisten lauern.
 
In «Schattennummer» taucht man in die filmreife Story des flimmernden Gangster-Grove der 1930er Jahre ein, erinnernd an die legendären Detektivgeschichten von Raymond Chandler. Pynchon erweist sich als Meister der literarischen Popkultur.
 
Milwaukee, 1932: Die Vereinigten Staaten stecken in der Grossen Depression nach dem Börsencrash an der New Yorker Börse von 1929, die Aufhebung der Prohibition steht kurz bevor. Chicago ist nicht weit, Al Capone sitzt verhaftet im Gefängnis. 
 

Kapitalismus, Gewalt und Faschismus im Amerika der Prohibition

Hicks McTaggart, als Streikbrecher für grosse US-Unternehmen tätig, hat seine undankbare Tätigkeit an den Nagel gehängt und arbeitet als Privatdetektiv in Milwaukee in einer Agentur namens Unamalgated Ops, kurz U-Ops.
 
Hicks läuft schon den ganzen Tag im Third Ward herum und behält zwei Touristen mit Borsalinos und schwarzen Kamelhaarmänteln im Auge, die vom Hauptquartier an der 22nd, Ecke Wabash raufgeschickt worden sind, denn wenn’s in Milwaukee was zu regeln gibt, kümmern sich die Chicagoer Boys darum. Bomben explodieren, Bandenkämpfe toben, es wechseln Figuren und Schauplätze mit eingestreuten Rückblenden.
 

«Das Geräusch der Explosion scheint von jenseits des Flusses und irgendwo näher am See zu kommen. Gabeln und Gläser halten auf dem Weg vom Tisch zum Mund kurz inne, als würden alle eine Sekunde stillen Gedenkens einlegen. Niemand wirkt überrascht. Als man etwas später auf die Strasse tritt, ist die Sache immer noch Thema. Da kommt man her, um ein bisschen Ruhe und Frieden zu finden, und dann… Diese Stadt klingt langsam wie Chicago».

 
Wenn Ärger in die Stadt kommt, nimmt er meist die North-Shore-Linie. Weiter südlich am Michigan Lake in Chicago, sind die Zeiten hart, der Wind hat gedreht, die Aufhebung der Prohibition steht kurz bevor, Big Al sitzt im Bundesknast in Atlanta, das Syndikat ist sprunghaft und unberechenbar geworden, und wer einen Vorwand braucht, schleunigst zu verschwinden, fährt rauf nach Milwaukee, wo selten was Schlimmeres passiert, als dass einem jemand einen Fisch klaut.
 
Das Leben ist gefährlich, hüben wie drüben, Don Peppinos Lieblingsvollstrecker Voltaggio tritt auf den Plan, ein selten rasierter Bursche in einem glänzenden Anzug, bekannt dabei, bei jeder sich bietenden Gelegenheit seine Ukulele hervorzuholen und ein Muster zu schiessen. Auch Don Peppino ist in der Szene kein freundliches Familienoberhaupt, eher ein Hai, nackte Gewalt, sehr gefährlich.

 

«An Wintertagen mit wenig Licht kann das Bundesgericht unheimlich aussehen, ein Schauplatz für Geschichten, die lieber nicht vor dem Schlafengehen erzählt werden sollten, das gezackte Profil eines bösen Schlosses im bleichen, vom See reflektierten Gegenlicht: Glockenturm, Torbögen, Wasserspeier, von Gespenstern bevölkerte Schatten, das ganze Jahr Halloween. Oder, wie manche sagen, Richardson’sche Romantik. Schwere Eiszapfen an den Überhängen warten darauf, sich zu lösen und Schädel zu durchbohren, und es gibt keinen Schutzhelm auf dem Markt, der das verhindern könnte».
 
Ein paar Bundestypen, vermutlich vom FBI, nehmen Hicks McTaggart in die Mangel, der sich auch in Speakeasys herumdrückt, Lokalen, in denen illegal Alkohol ausgeschenkt wird, wo auch Typen verkehren, denen Hicks sonst lieber aus dem Wege geht.
 

«Die Bundestypen, die dich in die Mangel genommen haben, sind wahrscheinlich bloss Strohmänner, okay? Hinter denen steht ein Syndikat, ein landesweites Syndikat von Finanzmagnaten, die in ständigem Austausch miteinander sind und gegen die Mächte des Bösen kämpfen, und zu denen gehören alle, die links von Herbert Hoover stehen. Man macht sich Sorgen wegen der nächsten Wahl und fürchtet, dass dieser neueste Roosevelt, falls er es schafft, Präsident zu werden, gegen seine eigene Klasse vorgehen könnte und es, selbst wenn er das nicht tut, vielleicht zu spät ist, die rote Apokalypse aufzuhalten, die diese Leute um das bringt, was sie für ihren Verstand halten. Und was passiert, wenn wichtige Menschen nervös werden? Tja. Dann sollten wir lieber dafür sorgen, dass wir woanders sind. Und genau das ist der Grund -».

«O Mann. Die durchgebrannte Käseerbin».
«Wir sollen Miss Daphne Airmont aufspüren, sie mit schönen Worten von diesem Klarinettisten loseisen und nach Hause bringen. Also einfach abholen und einliefern». 
 

Hicks nimmt den gutbezahlten, vermeintlichen Routinejob nach der verschwundenen reichen Erbin an, der ihn auf die andere Seite des Ozeans nach Ungarn katapultiert, wo er bald in Verwicklungen mit Nazis, sowjetischen Agenten und britischen Gegenspionen in ein Europa gerät, das den aufziehenden Faschismus erlebt. Die Weltpolitik der 30er Jahre wirft ihre langen Schatten voraus.

Gut, gibt es noch die Swing-Musik und die Entdeckung paranormaler Praktiken wie Teleportationen.

 

Letztendlich möchte Hicks McTaggart jedoch nur wieder in Milwaukee sein, zurückversetzt «in ein noch nicht faschistisch gewordenes Land».
Die Sehnsucht danach dürften heute viele teilen, nicht nur in den USA, nach einem Land, in dem man einfach normal leben kann.
 
Und dann taucht irgendwann noch ein U-Boot mit blinkenden Lichtern unter dem Eis im Lake Michigan auf.  Thomas Pynchon, inzwischen 88 Jahre, hat das Buch zur Zeit geschrieben, einen brillanten Roman über Zeiten im Umbruch.

 

 
Thomas R. Pynchon, *1937 in Glen Cove auf Long Island, New York. Nach Abschluss der High School 1953 studierte er Physik, später englische Literatur an der Cornell-Universität. 1955 unterbrach Pynchon sein Studium, um zwei Jahre Wehrpflicht bei der US Navy zu leisten. Nach Abschluss 1958 lebte er ein Jahr im New Yorker Greenwich Village, wo er an seinem ersten Roman schrieb. Pynchons Werk umfasst bislang neun Romane und einige Kurzgeschichten. Seine Werke zeichnet stilistische Virtuosität und enzyklopädische Informationsfülle aus, indem Pynchon ein dichtes Netz aus Bezügen zwischen Figuren und Handlungen knüpft, in seinen Büchern häufig die literarische Gattung wechselt und Naturwissenschaften und Technik sowie Religion, Psychologie, Philosophie und Kulturgeschichte miteinander in Bezug setzt.  Insbesondere mit «V.» und «Die Enden der Parabel» gilt Pynchon als wichtiger Vertreter der postmodernen Slipstream-Literatur. Nach dem Erscheinen seines Debüt-Romans «V.» 1963 schottete er sich von der Öffentlichkeit ab und lebte fortan an der amerikanischen Westküste, so 1969/70 in Manhattan Beach in Los Angeles County, das ihm als Schauplatz seines Romans «Natürliche Mängel» diente. Seit den 1990er Jahren lebt Pynchon mit seiner Frau und Agentin Melanie Jackson und dem gemeinsamen Sohn in Manhattan. Es kursieren nur einige mehr als vierzig Jahre alte Fotos von Pynchon, die  im Film «A Journey into the Mind of [P.]» (2001), der sein Leben und Werk thematisiert, zu sehen sind. Das Rätsel um seine Person ist mittlerweile Bestandteil der amerikanischen Popkultur.  So griff auch der Film «One Battle After Another» (2025, Regie Paul Thomas Anderson, mit Leonardo DiCaprio), auf Pynchons Novelle «Vineland» (1990) zurück, in der das Versprechen eines paradiesischen Amerika der sozialen Realität der 1980er Jahre gegenüberstellt wird,  das drei Generationen und vierzig Jahre kalifornischer Geschichte umspannt.

 

 

Thomas Pynchon
Schattennummer
Roman
Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren
Penguin Press, New York, Shadow Ticket, 3. Auflage 2025
Rowohlt Verlag Hamburg, 2025
400 S., 26 €. CHF 36.90
ISBN 978-3-498-00822-2

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