Buchcover Schattennummer, Rowohlt Verlag, 2025
Eine brillante Biographie, die neue Perspektioven eröffnet. C.H. Beck Verlag, 2026.
Kultautor Thomas Pynchon: «Schattennummer» – Eine Zeitreise in die US-Geschichte der 1930er Jahre
Von Ingrid Isermann
Der Detektivroman «Schattennummer» von Thomas Pynchon spielt in den 1930er-Jahren in Milwaukee und Europa. Der geheimnisumwitterte New Yorker Kultautor meldet sich nach zwölf Jahren literarisch wieder zurück.
Kultautor Pynchon trifft mit seinen Themen seit Jahrzehnten direkt ins Herz der Vereinigten Staaten, wie in der mit dem National Book Award ausgezeichneten Parabel «Die Enden der Parabel» (1973) über die Kriegsjahre 1944/45 und den Aufstieg der USA nach dem Zweiten Weltkrieg zur Supermacht, in «Mason & Dixon» (1997) über die Aufteilung in Nord- und Südstaaten der USA, in «Gegen den Tag» (2006) über die industrielle Moderne Amerikas.
Im langersehnten neuen Roman geht es um einen Kapitalismus, wo die Grenzen von Geschäft und Gangstertum verschwimmen, in dem Mafiosi die Regie übernehmen und an der nächsten Ecke Faschisten lauern.
In «Schattennummer» taucht man in die filmreife Story des flimmernden Gangster-Grove der 1930er Jahre ein, erinnernd an die legendären Detektivgeschichten von Raymond Chandler. Pynchon erweist sich als Meister der literarischen Popkultur.
Milwaukee, 1932: Die Vereinigten Staaten stecken in der Grossen Depression nach dem Börsencrash an der New Yorker Börse von 1929, die Aufhebung der Prohibition steht kurz bevor. Chicago ist nicht weit, Al Capone sitzt verhaftet im Gefängnis.
Kapitalismus, Gewalt und Faschismus im Amerika der Prohibition
Hicks McTaggart, als Streikbrecher für grosse US-Unternehmen tätig, hat seine undankbare Tätigkeit an den Nagel gehängt und arbeitet als Privatdetektiv in Milwaukee in einer Agentur namens Unamalgated Ops, kurz U-Ops.
Hicks läuft schon den ganzen Tag im Third Ward herum und behält zwei Touristen mit Borsalinos und schwarzen Kamelhaarmänteln im Auge, die vom Hauptquartier an der 22nd, Ecke Wabash raufgeschickt worden sind, denn wenn’s in Milwaukee was zu regeln gibt, kümmern sich die Chicagoer Boys darum. Bomben explodieren, Bandenkämpfe toben, es wechseln Figuren und Schauplätze mit eingestreuten Rückblenden.
«Das Geräusch der Explosion scheint von jenseits des Flusses und irgendwo näher am See zu kommen. Gabeln und Gläser halten auf dem Weg vom Tisch zum Mund kurz inne, als würden alle eine Sekunde stillen Gedenkens einlegen. Niemand wirkt überrascht. Als man etwas später auf die Strasse tritt, ist die Sache immer noch Thema. Da kommt man her, um ein bisschen Ruhe und Frieden zu finden, und dann… Diese Stadt klingt langsam wie Chicago».
Wenn Ärger in die Stadt kommt, nimmt er meist die North-Shore-Linie. Weiter südlich am Michigan Lake in Chicago, sind die Zeiten hart, der Wind hat gedreht, die Aufhebung der Prohibition steht kurz bevor, Big Al sitzt im Bundesknast in Atlanta, das Syndikat ist sprunghaft und unberechenbar geworden, und wer einen Vorwand braucht, schleunigst zu verschwinden, fährt rauf nach Milwaukee, wo selten was Schlimmeres passiert, als dass einem jemand einen Fisch klaut.
Das Leben ist gefährlich, hüben wie drüben, Don Peppinos Lieblingsvollstrecker Voltaggio tritt auf den Plan, ein selten rasierter Bursche in einem glänzenden Anzug, bekannt dabei, bei jeder sich bietenden Gelegenheit seine Ukulele hervorzuholen und ein Muster zu schiessen. Auch Don Peppino ist in der Szene kein freundliches Familienoberhaupt, eher ein Hai, nackte Gewalt, sehr gefährlich.
«An Wintertagen mit wenig Licht kann das Bundesgericht unheimlich aussehen, ein Schauplatz für Geschichten, die lieber nicht vor dem Schlafengehen erzählt werden sollten, das gezackte Profil eines bösen Schlosses im bleichen, vom See reflektierten Gegenlicht: Glockenturm, Torbögen, Wasserspeier, von Gespenstern bevölkerte Schatten, das ganze Jahr Halloween. Oder, wie manche sagen, Richardson’sche Romantik. Schwere Eiszapfen an den Überhängen warten darauf, sich zu lösen und Schädel zu durchbohren, und es gibt keinen Schutzhelm auf dem Markt, der das verhindern könnte».
Ein paar Bundestypen, vermutlich vom FBI, nehmen Hicks McTaggart in die Mangel, der sich auch in Speakeasys herumdrückt, Lokalen, in denen illegal Alkohol ausgeschenkt wird, wo auch Typen verkehren, denen Hicks sonst lieber aus dem Wege geht.
«Die Bundestypen, die dich in die Mangel genommen haben, sind wahrscheinlich bloss Strohmänner, okay? Hinter denen steht ein Syndikat, ein landesweites Syndikat von Finanzmagnaten, die in ständigem Austausch miteinander sind und gegen die Mächte des Bösen kämpfen, und zu denen gehören alle, die links von Herbert Hoover stehen. Man macht sich Sorgen wegen der nächsten Wahl und fürchtet, dass dieser neueste Roosevelt, falls er es schafft, Präsident zu werden, gegen seine eigene Klasse vorgehen könnte und es, selbst wenn er das nicht tut, vielleicht zu spät ist, die rote Apokalypse aufzuhalten, die diese Leute um das bringt, was sie für ihren Verstand halten. Und was passiert, wenn wichtige Menschen nervös werden? Tja. Dann sollten wir lieber dafür sorgen, dass wir woanders sind. Und genau das ist der Grund -».
«O Mann. Die durchgebrannte Käseerbin».
«Wir sollen Miss Daphne Airmont aufspüren, sie mit schönen Worten von diesem Klarinettisten loseisen und nach Hause bringen. Also einfach abholen und einliefern».
Hicks nimmt den gutbezahlten, vermeintlichen Routinejob nach der verschwundenen reichen Erbin an, der ihn auf die andere Seite des Ozeans nach Ungarn katapultiert, wo er bald in Verwicklungen mit Nazis, sowjetischen Agenten und britischen Gegenspionen in ein Europa gerät, das den aufziehenden Faschismus erlebt. Die Weltpolitik der 30er Jahre wirft ihre langen Schatten voraus.
Gut, gibt es noch die Swing-Musik und die Entdeckung paranormaler Praktiken wie Teleportationen.
Letztendlich möchte Hicks McTaggart jedoch nur wieder in Milwaukee sein, zurückversetzt «in ein noch nicht faschistisch gewordenes Land».
Die Sehnsucht danach dürften heute viele teilen, nicht nur in den USA, nach einem Land, in dem man einfach normal leben kann.
Und dann taucht irgendwann noch ein U-Boot mit blinkenden Lichtern unter dem Eis im Lake Michigan auf. Thomas Pynchon, inzwischen 88 Jahre, hat das Buch zur Zeit geschrieben, einen brillanten Roman über Zeiten im Umbruch.
Thomas R. Pynchon, *1937 in Glen Cove auf Long Island, New York. Nach Abschluss der High School 1953 studierte er Physik, später englische Literatur an der Cornell-Universität. 1955 unterbrach Pynchon sein Studium, um zwei Jahre Wehrpflicht bei der US Navy zu leisten. Nach Abschluss 1958 lebte er ein Jahr im New Yorker Greenwich Village, wo er an seinem ersten Roman schrieb. Pynchons Werk umfasst bislang neun Romane und einige Kurzgeschichten. Seine Werke zeichnet stilistische Virtuosität und enzyklopädische Informationsfülle aus, indem Pynchon ein dichtes Netz aus Bezügen zwischen Figuren und Handlungen knüpft, in seinen Büchern häufig die literarische Gattung wechselt und Naturwissenschaften und Technik sowie Religion, Psychologie, Philosophie und Kulturgeschichte miteinander in Bezug setzt. Insbesondere mit «V.» und «Die Enden der Parabel» gilt Pynchon als wichtiger Vertreter der postmodernen Slipstream-Literatur. Nach dem Erscheinen seines Debüt-Romans «V.» 1963 schottete er sich von der Öffentlichkeit ab und lebte fortan an der amerikanischen Westküste, so 1969/70 in Manhattan Beach in Los Angeles County, das ihm als Schauplatz seines Romans «Natürliche Mängel» diente. Seit den 1990er Jahren lebt Pynchon mit seiner Frau und Agentin Melanie Jackson und dem gemeinsamen Sohn in Manhattan. Es kursieren nur einige mehr als vierzig Jahre alte Fotos von Pynchon, die im Film «A Journey into the Mind of [P.]» (2001), der sein Leben und Werk thematisiert, zu sehen sind. Das Rätsel um seine Person ist mittlerweile Bestandteil der amerikanischen Popkultur. So griff auch der Film «One Battle After Another» (2025, Regie Paul Thomas Anderson, mit Leonardo DiCaprio), auf Pynchons Novelle «Vineland» (1990) zurück, in der das Versprechen eines paradiesischen Amerika der sozialen Realität der 1980er Jahre gegenüberstellt wird, das drei Generationen und vierzig Jahre kalifornischer Geschichte umspannt.
Thomas Pynchon
Schattennummer
Roman
Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren
Penguin Press, New York, Shadow Ticket, 3. Auflage 2025
Rowohlt Verlag Hamburg, 2025
400 S., 26 €. CHF 36.90
ISBN 978-3-498-00822-2
«Biographie – Ingeborg Bachmann: Dieses unruhige Ich»
Zum 100. Todestag von Ingeborg Bachmann (1926-1973) hat der Autor Dieter Burdorf eine umfangreiche Biographie über die Dichterin verfasst, die ihr Leben zwischen Philosophie, Reisen, Ruhm und Rastlosigkeit erzählt. Die Biographie zeigt, dass die Erkenntnisse aus ihrem Leben noch nicht ausgelotet sind.
Ingeborg Bachmann hat als Shooting-Star in den 50er Jahren mit den gefeierten Gedichtbänden «Die gestundete Zeit» und «Anrufung des Grossen Bären», ihren Erzählungen wie «Das dreissigste Jahr», Hörspielen wie «Der gute Gott von Manhattan» und ihrem Roman «Malina» die deutschsprachige Literatur nach 1945 massgeblich geprägt. Ebenso faszinierend sind ihre sprachmächtigen Briefwechsel, wie u.a. mit Max Frisch, die erst spät bekannt wurden. Dieter Burdorfs eindrucksvolle Biographie folgt ihrem Leben zwischen Licht und Dunkel, Ruhm und Gefährdung.
«Dieses unruhige Ich» – so hat Ingeborg Bachmann sich selbst beschrieben. Es war ein Ich, das sich in Beziehungen von existentieller Intensität erlebte, Beziehungen, in denen Leben und Schreiben und Reisen untrennbar verflochten waren. Mit dem jüdischen Lyriker Paul Celan verband Bachmann die tragisch scheiternde Liebe ihres Lebens. Mit dem Schweizer Schriftsteller und Architekten Max Frisch versuchte sie vier Jahre lang, ein eheähnliches Leben zu führen, was nach der Trennung in einer Krise endete. Eine sommerliche Affäre mit dem jungen deutschen Lyriker Hans Magnus Enzensberger wurde in Freundschaft verwandelt, auch hier lieg ein berührender postum veröffentlichter Briefwechsel vor.
Zu dem deutschen Komponisten Hans Werner Henze unterhielt Bachmann dagegen eine länger währende Lebens- und Arbeitsbeziehung, zeitweise in Neapel, sie schrieb u.a. Librettos für Henzes «Prinz von Homburg». Mit den befreundeten Schriftstellerinnen wie Ilse Aichinger, Marie Luise Kaschnitz und Nelly Sachs suchte sie den Austausch und diskutierte Probleme schreibender Frauen in einer männlich dominierten Gesellschaft.
Schon früh, das heisst unmittelbar nach der Befreiung von der NS-Herrschaft 1945, hatte sich für Ingeborg Bachmann eine Frage aufgedrängt, die seitdem auch heute nicht wieder verschwunden ist, sondern sich immer wieder von Neuem stellt, wie so viel Unrecht und Gewalt, Verbrechen, Verfolgung und Mord, Krieg und Vernichtung möglich sein konnten.
Und ob das alles wirklich mit dem Datum der Befreiung zu Ende war oder nicht vielmehr doch weiterwirkte in den Nachkriegsgesellschaften, die schnell vergessen wollten, um sich dem Wiederaufbau einer Wohlstands- und Wohlfühlgesellschaft zu widmen, auch in den Geschlechterverhältnissen, den Herrschafts- und Unterdrückungsmechanismen zwischen Mann und Frau, schliesslich auch in den kolonialen, imperialistischen Beziehungen zu Kulturen und Menschen ausserhalb Europas.
Leseprobe (Auszug)
Einleitung
Dieses unruhige Ich
Im Januar 1956 zieht die österreichische Dichterin Ingeborg Bachmann in eine geräumige, aber zugige und nicht beheizbare Altbauwohnung in Neapel ein. Die Autorin ist 29 Jahre alt und seit dem Erscheinen ihres ersten Gedichtbandes «Die gestundete Zeit» Ende 1953 eine bekannte Größe in der bundesdeutschen Literaturszene. Aufsehen erregte ihr Porträtfoto auf dem Titelblatt des «Spiegel» im August 1954. Damit wurde sie zum Aushängeschild der damals in Italien lebenden deutschsprachigen Literatinnen und Literaten, die dem restaurativen Klima der Nachkriegszeit in Westdeutschland und Österreich entfliehen wollten. Bachmann ist nicht allein: Ihr Mitbewohner ist der gleichaltrige homosexuelle Komponist Hans Werner Henze, der sie über alle Maßen bewundert. Henze hat das Angebot, mit ihm in Neapel zusammenzuziehen und gemeinsam ein den Künsten gewidmetes Leben zu führen, mit einem Heiratsantrag verbunden. Sie beschließen, es zunächst mit dem Zusammenwohnen zu versuchen. Schon nach wenigen Tagen ist Ingeborg Bachmann klar, dass sie das gemeinsame Leben mit Henze nicht aushält. Der Komponist ist bei der Wohnungseinrichtung und bei der Auswahl der dekorativen Kunstwerke so dominant, dass sie sich selbst wie ein Möbelstück fühlt, das von ihm hin- und hergerückt wird. Auch im Alltagsleben sieht sie für sich keinen Freiraum, da Henze mit seinem Enthusiasmus für die Musik und seinem rigiden Arbeitsethos alles beherrscht. In ihrer Verzweiflung setzt sie sich in den ersten Februartagen 1956 an die Schreibmaschine und tippt einige Blätter, auf denen sie ihre Situation reflektiert und zugleich Henze anredet. Aushändigen wird sie ihm diese Tagebuch-Briefe nie; bis 2024 blieben sie in ihrem Nachlass verborgen. Bachmann erkennt, dass die verfahrene Situation nicht allein an Henze liegt. Sie denkt auch intensiv über sich selbst nach: ihren Freiheitsdrang; ihre Unlust, an einen einzigen Ort gebunden zu sein; ihr Streben danach, sich als Schriftstellerin uneingeschränkt weiter zu entfalten; ihren unbändigen Wunsch, sich – auch noch in ihrem dreißigsten Lebensjahr – alle Möglichkeiten offenzuhalten, selbst diejenige, eine ‹normale› Ehe einzugehen und Kinder zu bekommen. Auf dem letzten der vier Blätter findet sie die Formel für sich selbst, die all diese auseinanderstrebenden Tendenzen zusammenfasst: «dieses unruhige Ich». Ingeborg Bachmann ist «dieses unruhige Ich». Das ist die These, die dieser neuen Biographie der Dichterin zugrunde liegt. Was heißt das? Ingeborg Bachmann, die im Oktober 1973, erst 47 Jahre alt, an den Folgen eines Brandunfalls in Rom starb, hat ein unstetes Leben geführt. Man kann sogar sagen: Sie hat viele Leben gelebt, nicht nur nacheinander, sondern teilweise auch nebeneinander. Das war für ihre Freunde und Partner nicht immer leicht zu ertragen oder auch nur zu überblicken. Aus dem heimatlichen Kärnten – der Hauptstadt Klagenfurt am Wörthersee und Shootingstar der deutschsprachigen Literatur – auf dem Cover des «Spiegel» vom 18. August 1954 – dem ländlichen Gailtal im Grenzgebiet zu Slowenien und Italien – ging sie zum Studium zunächst nach Innsbruck und Graz, dann nach Wien. Bald darauf zog sie für kurze Zeit nach Paris, später eher widerwillig nach Westdeutschland (München, Berlin), auch in die Schweiz, seit 1953 aber vor allem nach Italien – Ischia, Neapel und immer wieder Rom. Dazu kamen Reisen nach England, Griechenland, in die Tschechoslowakei, nach Polen, Spanien, Marokko, Ägypten und bis in den Sudan. Zweimal war sie in den USA und zeigte sich besonders von New York beeindruckt. Eine schon fest vereinbarte Weltreise per Flugzeug als Rundfunkreporterin sagte sie allerdings kurzfristig ab.
Ihr ‹unruhiges Ich› bestimmt aber nicht nur ihre Wohnorte und Reiseziele, sondern auch ihr berufliches und privates Leben. Bereits als Schülerin schreibt sie literarische Texte. An ihren ersten Studienorten bleibt sie jeweils nur für ein Semester. In Wien studiert sie Philosophie und Psychologie und promoviert im Alter von nur 23 Jahren. Gleichzeitig ist sie als Journalistin tätig und publiziert erste Gedichte. Nach der Promotion arbeitet sie zunächst als Sekretärin, dann bei einem Rundfunksender der amerikanischen Besatzungsbehörde als Redakteurin. Nachdem sie im Frühjahr 1953 den Preis der westdeutschen Literatenvereinigung «Gruppe 47» gewonnen hat, kündigt sie diese Stellung, um als freie Schriftstellerin zu arbeiten und Österreich zu verlassen. Mit einem Stipendium des Nord-westdeutschen Rundfunks zieht sie im Sommer 1953 jedoch nicht nach Deutschland, sondern kurz entschlossen nach Italien, auf die Insel Ischia im Golf von Neapel; schon damals folgt sie Henze. Anschließend lässt sie sich in Rom nieder und arbeitet dort als freie Journalistin für deutsche Rundfunkanstalten, Zeitungen und Zeitschriften. In ihrer Zeit in Neapel gibt sie diese Beschäftigung auf. Die gemeinsame Wohnung verlässt sie im Sommer 1956, doch arbeitet sie mit Henze weiter an künstlerischen Projekten zusammen. 1957 lässt sie sich wieder auf eine feste Anstellung ein, diesmal als Fernsehredakteurin beim Bayerischen Rundfunk in München.
Nach weniger als einem Jahr kündigt sie die Stelle. Nie wieder wird sie danach ein Angestelltendasein führen. Vier Jahre lang lebt sie mit dem Schweizer Erfolgsautor Max Frisch zusammen, in Zürich, in Uetikon am Zürichsee und schließlich vor allem in Rom. Die Trennung von Frisch stürzt sie in eine tiefe psychische Krise. Sie zieht für zweieinhalb Jahre nach Berlin. Ende 1965 übersiedelt sie erneut nach Rom und bleibt dort bis zu ihrem frühen Tod. In dieser Zeit arbeitet sie an ihrem groß angelegten Romanzyklus «Todesarten», aus dem sie nur «Malina» (1971) fertigstellt. Das Buch wird ein Verkaufserfolg. 1972 folgt der Erzählungsband «Simultan».
Das ist die berufliche Seite dieses unruhigen Lebens. Mindestens ebenso unstet stellt sich aber auch ihr privates Leben dar, das von überhastet eingegangenen Liebschaften, häufigem Zusammen- und wieder Auseinanderziehen, kaum vorbereiteten Orts- und Länderwechseln, abrupten Brüchen und immer wieder Fluchten gekennzeichnet ist, sehr oft auch einer Flucht zurück in die Kärntner Heimat, ins Klagenfurter Elternhaus und ins Gailtal. Sie lebe ohne ein eigenes Haus, ein Heim, ja sogar ein eigenes Arbeitszimmer, klagt sie immer wieder und prägt dafür die italienische Formel senza casa. Die Unruhe hat aber auch eine positive Seite, bewegt sich Ingeborg Bachmann doch in vielen literarischen und kulturellen Kreisen in verschiedenen Ländern, manchmal sehr sicher, manchmal eher unsicher: in der Wiener Szene, zu der sie als junge Frau aus der Provinz stößt; in der Gruppe 47, in der sie sich rasch als immer wieder eingeladenes Mitglied etabliert; in der westdeutschen Rundfunklandschaft, in der sie einflussreiche Förderer wie Ernst Schnabel, Alfred Andersch und Oswald Döpke hat; im dortigen Literaturbetrieb, den ihr Freund Walter Höllerer in den 1950er Jahren aufzubauen beginnt; in der Künstlergruppe auf Ischia um den englisch-amerikanischen Dichter W. H. Auden und den englischen Komponisten William Walton; in den römischen und neapolitanischen Kreisen von Kreativen im Literatur-, Zeitschriften-, Verlags-, Film- und Opernbereich. Beruflich, aber auch privat pflegt sie Kontakte zu Verlegern wie Gottfried Bermann Fischer, Klaus Piper, Giangiacomo und Inge Feltrinelli, Roberto Calasso, Klaus Wagenbach oder Siegfried Unseld, zu der einflussreichen Zeitschriftenherausgeberin Marguerite Caetani, zu Lektoren wie Martin Walser, Joachim Moras und Reinhard Baumgart. Liebesbeziehungen verbinden sie für kürzere oder längere Zeit mit einigen der einflussreichsten Akteure im deutschsprachigen Kulturbetrieb der Nachkriegsjahrzehnte: neben Henze vor allem Paul Celan, Max Frisch und Hans Magnus Enzensberger; aber auch mit weniger bekannten Männern wie dem französischen Journalisten Pierre Évrard, dem italienischen Germanisten Paolo Chiarini, dem österreichischen Schriftsteller Adolf Opel, dem deutschen Industriellen Fritz von Opel oder dem deutschen Ethnologen Hans-Jürgen Heinrichs. Rein kollegial und freundschaftlich waren – soweit wir wissen – ihre Beziehungen zu Günter Eich, Hans Werner Richter, Erich Fried, Wolfgang Hildesheimer, Heinrich Böll, Uwe Johnson und Günter Grass. Besonders verbunden war sie dem aus Deutschland in die USA geflohenen jüdischen Politikwissenschaftler und Politiker Henry Kissinger. Ingeborg Bachmann suchte und pflegte aber auch Freundschaften und kollegiale Kontakte mit anderen Autorinnen ihrer Zeit wie Ilse Aichinger, Marie Luise Kaschnitz, Nelly Sachs, Hilde Domin, Fleur Jaeggy oder Hannah Arendt. In ihrem Nachlass im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek sind Briefwechsel mit mehr als tausend Korrespondenzpartnerinnen und -partnern aufbewahrt. Das ‹unruhige Ich› Ingeborg Bachmann kann also nur verstanden werden, wenn man es in diesen vielfachen Konstellationen, in diesen verzweigten Briefnetzwerken und in etlichen Ländern sucht und verortet.
Dieter Burdorf macht eine Autorin sichtbar, die in der europäischen Kulturwelt bestens vernetzt war und deren Vielgestaltigkeit und Bedeutung sich erst heute ermessen lässt. Die brillante Biographie eröffnet neue Perspektiven auf die Dichterin und den Menschen Ingeborg Bachmann, die ihrer Zeit voraus war und sich heute neu entdecken lässt.
Dieter Burdorf,*1960 in Bremen, ist Professor für Neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie an der Universität Leipzig und Mitglied der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt. In seinen Veröffentlichungen behandelt er u.a. Themen der Lyrik, der literarischen Form, des Fragments und der deutsch-jüdischen Literatur. Bei C.H. Beck erschien von Burdorf 2011 «Friedrich Hölderlin».
Dieter Burdorf
Dieses unruhige Ich
Ingeborg Bachmann
Eine Biographie
C.H. Beck Verlag, München 2026
Geb., 764 S., CHF 52.90; 38.00 €
ISBN 978 3 406 844843
auch als e-Book verfügbar