FRONTPAGE

«Neue Lyrik von Oksana Maksymchuk: «Tagebuch» und Norbert Hummelt: «Hellichter Tag»»

Von Ingrid Isermann

Die ukrainische Dichterin Oksana Maksymchuk (*1982), kehrte im Februar 2022 von einer Auslandreise nicht zurück in die Ukraine. Sie lebt gegenwärtig in den USA. Jüngst erschien ihr Gedichtband «Tagebuch einer Invasion». Norbert Hummelt (*1962) ist freier Schriftsteller in Berlin: «Helllichter Tag». Ingeborg Bachmann (1926-1973): «Alle Tage».

 

Das erschütternde poetische Dokument über den Krieg in der Ukraine. Oksana Maksymchuk ist eine wichtige internationale, neue Stimme in der Lyrik.
 
Die ukrainische Dichterin Oksana Maksymchuk hat vor und während der russischen Invasion ein poetisches Tagebuch verfasst, es handelt von dem schauerlichen Alltag des Krieges. Sie mischt dabei Stimmen und Bilder – Erlebtes, soziale Medien, Nachrichten, Zeugenaussagen, Fotos, Drohnenvideos: «Wie ein Liebhaber / schickt mir mein Feind / Blumen, Emojis, Worte // des Beileids / Bitten, gefälschte / Screenshots». Selten wurde in der Poesie das Grauen des Krieges eindrücklicher dokumentiert.
 
Maksymchuks Gedichte haben eine erschütternde Direktheit in einer Situation, die kaum Raum für Metaphern zulässt. Ihre Poesie ist das Zeugnis einer Erfahrung täglicher Zerstörung, an die wir uns allzu schnell gewöhnt haben. Ihr Debütband «Tagebuch einer Invasion» («Still City») reflektiert ihr Leben angesichts der extremen und unvorhersehbaren Gewalt des Kriegsgeschehens in der Ukraine. Die dramatischen Wechsel der Perspektive, ein Tagebuch der Invasion veranschaulicht die Stimmungen und Intuitionen der Dichterin.

 

Oksana Maksymchuk wurde 1982 in Lviv/Lemberg in der Ukraine geboren. Die zweisprachige Dichterin ist Autorin von Gedichtbänden in ukrainischer Sprache sowie Mitherausgeberin der Anthologie «Words for War: New Poems from Ukraine». Sie erhielt ein Übersetzungsstipendium des National Endowment for the Arts und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 2025 wurde «Still City» (Tagebuch einer Invasion) für die Longlist des Griffin Poetry Prize und den Pen/Voelcker Award for Poetry nominiert. Oksana Maksymchuk hat einen Doktortitel in antiker Philosophie und pendelt in den letzten Jahren zwischen ihrem Haus in Lviv, Europa und den Vereinigten Staaten.

 
 

Wogende Wüste
 
Im Strudel der Katastrophe
nährt man die Kinder noch immer, obwohl
niemand wagt, Socken zu stopfen, Spitze auszubessern

 

Zeit ist verlustreich,
Eros auch

 

Chaos in Schach zu halten,
ist eine Dauerbeschäftigung

 

Sehe ich etwas Schönes,
will ich nur weinen,
nichts Neues hervorbringen in dessen Gegenwart

 

Die geschorenen Flügel der Seele kitzeln
meine Wirbelsäule im Innern, schwächer noch und schwächer

 

Uhrwerke ticken
ohne Erbarmen,
handgemachte Bomben

 

Wasser fliesst
unumkehrbar,
in eine Richtung nur

 

Hoffnung ist eine Strasse, und jetzt
befinden wir uns woanders,
kein Wegzeichen in Sicht

 

Brot, Wein, Worte,
entfernte Musik,
deine Lippen auf meinen –

 

Immer noch, sagst du, reichlich Sand
In dieser Wüste
Eines Stundenglasses. In satterem,
tieferem Dunkel

 

Genug für ein Leben

 

 
Oksana Matsymchuk
Tagebuch einer Invasion
Aus dem Englischen von Matthias Kniep
Gedichte
Hanser Verlag, 2025
120 Seiten, € 24.
Hardcover
ISBN 978-3-446-28456-2

 

 
«Norbert Hummelt: Hellichter Tag. Gedichte»

 

Neue Gedichte von Norbert Hummelt, einem der wichtigsten Lyriker der Gegenwart.
 
Norbert Hummelt wurde 1962 in Neuss geboren und lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Für sein lyrisches Gesamtwerk wurde er 2021 mit dem Rainer-Malkowski-Preis ausgezeichnet, zuvor u.a. mit dem Rolf-Dieter-Brinkmann-Preis. Er übertrug T.S. Eliots Gedichtzyklen «Das öde Land» neu ins Deutsche und ist Herausgeber der Gedichte von W.B. Yeats. Bei Luchterhand erschienen seine Gedichtbände «Fegefeuer» und «Sonnengesang» sowie «1922: Wunderjahr der Worte».

 

Jeden kann es treffen, von jetzt auf gleich, dass Sicherheiten brüchig werden und kein Geländer in Reichweite ist, zumal in Berlin, der «wimmelnden stadt, stadt voller träume, wo am hellichten tag das gespenst den passanten bedrängt».

 

Eindringlich spüren die Gedichte von Norbert Hummelt dem Gefühl nach, ausgesetzt zu sein. Sie erkunden Momente, in denen sich die Verletzlichkeit unseres Lebens offenbart. Es sind Gedichte, die aus einem weiten literarischen Echoraum kommen, von Dante bis zu Pound und Eliot, die uns zum Nachdenken anregen und Norbert Hummelt zugleich mit fühlbarer Leichtigkeit und Schwerelosigkeit meistert. 

 

 

helllichter tag

     Pull down thy vanity ..  

     Ezra Pound

 

wimmelnde stadt, voller träume .. er nahm für
eine weile platz auf einer bank, er war gegangen,
der grüne teich hinter dem thälmann-denkmal bei
 
den blocks, das war sein ziel für diesen morgen,
welch ein unterfangen, da waren jungs, die fuhren
da auf skates, u. männer standen dunkel hinter
 
büschen .. es waren zeilen, dache er, von yeats ..
doch wenn er dort war, mit der hand nach dem
geländer fasste, wenn er dastand, auf das wasser
 
sah, was dann? lass ab, du faselhans, was soll der
tanz, beherrsche dich, lass alles gehen, wie es eben
an eleganz hat dich der grüne grashalm aus-
 
gestochen, er hatte leise vor sich hingesprochen,
alles still. Die erste nacht unter der s-bahn-brücke
war noch schön gewesen, mitte august, noch nicht
 
besonders kalt. das morgenlicht, u. wie es spielte an
den stahlgerüsten! so ein glanz! u. wie die schritte
der passantin hallen! er hatte immer noch ein buch
 
dabei, er konnte es mit blossen augen lesen, u.- dieses
buch, das er jetzt las, das hiess .. der name war ihm
momentan entfallen. nur jener alte im quartier latin,
 
der handgeschriebenes von sich selber feilbot u.
dem er nichts gegeben hatte, als er jung war, ging
ihm nach. lass ab davon! er dachte über stunden
 
nur an die metrische struktur, an die musik, u. dass
es diesmal dennoch nicht gelingt .. lass ab! was hilft
es dir, dass etwas in dir denkt u. dass es leise zu dir
 
spricht wie an den stahlgerüsten jetzt das morgen-
licht .. wimmelnde stadt, stadt voller träume, wo am
hellichten tag das gespenst den passanten bedrängt.

 

 

sperlingsschlacht
  

die bücher meines vaters machten weite reisen

manche nahm er mit auf die krim das neue testament

zum beispiel dünndruck in rotes leinen gebunden

kam aus sewastopol mit ihm zurück u. manche kaufte

er auch an der front zum beispiel ein längeres werk

über paulus darauf verwandte er seinen sold u. schickte

es von da nach hause mit der bitte an seine mutter gut

auf diese bücher aufzupassen u. keine luftangriffe darauf

zuzulassen .. die bücher meines vaters standen lange still

in reih u. glied in seinem bücherschrank ich sah von ihnen

nur die rücken weltgeschichte von alphons nobel oder hans

habe ob tausend fallen nie sah ich ihn in diesen büchern

lesen u. später musste ich mich mit dem staubtuch bücken

es wäre mir ein vergnügen gewesen seine meinung darüber

zu hören aber ich konnte seinen langen schlaf nicht stören ..

die bücher meines vaters sind in auflösung schon bald lebt

niemand mehr der sie noch lesen kann mit einer kenntnis

von diesem mann der sie früher einmal besass .. neulich las

ich in nur einer nacht von edzard schaper sperlingsschlacht seite

um seite wie ohne sinn war doch kein wort von ihm darin

 

 

Norbert Hummelt

Hellichter Tag

Gedichte

Luchterhand-Literaturverlag, 2025

105 Seiten, CHF 29.90

Hardcover

ISBN 978-3-630-87789-I

 

 

Ingeborg Bachmann

 

 

Alle Tage

 

Der Krieg wird nicht mehr erklärt,
sondern fortgesetzt. Das Unerhörte
ist alltäglich geworden. Der Held
bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache
ist in die Feuerzonen gerückt.
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen.
 
Er wird verliehen,
wenn nichts mehr geschieht,
wenn das Trommelfeuer verstummt,
wenn der Feind unsichtbar geworden ist
und der Schatten ewiger Rüstung
den Himmel bedeckt.
 
Er wird verliehen
für die Flucht von den Fahnen,
für die Tapferkeit vor dem Freund,
für den Verrat unwürdiger Geheimnisse
und die Nichtachtung
jeglichen Befehls.
 

 
Ingeborg Bachmann
Sämtliche Gedichte
Piper-Verlag, München
13. Auflage 2023
ISBN 978-3-492-23985-I

NACH OBEN

Lyrik