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Grenzgängerin zwischen Kino und Kunst: Film «Melodie» von Anka Schmid

Von Rolf Breiner

Die Zürcherin Anka Schmid (*1961) drehte bereits in den bewegten Achtzigerjahren erste Filme wie «Techqua Ikachi, Land mein Leben» (über die Hopi), «Magic Matterhorn» oder «Wild Women – Gentle Beasts». Die Filmerin ist eine Grenzgängerin zwischen Kino und Kunst, TV, Video und Installationen. 

Ihr jüngster Dokumentarfilm «Melodie» ist dem Gesang gewidmet – vom Alpensegen und Gospel bis zum Chorgesang, vom Wiegenlied bis zum Klagelied.
 
Mina Inauen ruft allabendlich den Alpensegen aus. Die Appenzellerin widmet ihren Sprechgesang den Bergen, der Natur, dem Leben. Karl Reinhard ist ein Original, ehemaliger Bauer und Melkmaschinenmechaniker und nun Imker. Er wirkt im Männerchor Salmsach-Langrickenbach. Ein Baby an Schläuche angeschlossen auf der Brust ihrer Mutter. Sanfte Töne ertönen. Eine Frau bringt ein Monochord zum Klingen. Die sanften Schwingungen dieses Saiteninstruments scheinen sich zu übertragen, das Baby bewegt seine Finger. Ein kurdisches Paar, Hülya und Ilyas Soyal, singt dem Töchterchen Arin ein Wiegenlied auf Kurdisch. Es soll schon früh mit dem bedrohten kurdischen Kulturerbe in Berührung kommen. Die Engländerin Heather Edwards ist ein Phänomen. Sie animiert mit ihrem Projekt «Come Singing» in der Bücherei Norwich ältere oder an Demenz erkrankte Menschen. Und bewegt bei ihnen einiges mit Songs wie «Messing About the River» oder «The Skye Boat Song». Singen als Therapie und Muntermacher.

 

Die Gesangsreise geht von der Schweiz über England bis nach Griechenland, vom Spitalbett über die Alp bis zur Disco (Tessiner Rapperin), vom Klagelied (Griechenland), Chorgesang im Kloster oder auf der Bühne bis zum feministischen Streikmarsch in Zürich. Sie wollte mit dem Film «unser klangliches Lebenselixier wecken», erläuterte Filmerin Anka Schmid, und «dem Publikum einen Resonanz-Raum schaffen, um mit sich, dem Gegenüber und der Welt in Kontakt zu treten.»

 

«Melodie» ist ein bewegter Film, der für sich spricht, der ohne Kommentar und Textbeiwerk auskommt. Er zeigt auch, welche Kraft im Gesang steckt, was dieser gemeinsame Akt bewirken kann – nach Aussen und Innen.
 
Wir trafen die Filmerin Anka Schmid in Zürich zu einem Gespräch.
 
Rolf Breiner: Als ich mich auf das Interview vorbereitet habe, ging mir die Frage nicht aus dem Sinn: Was bedeutet für dich Musik und Gesang, wie gehst du selber damit um? Anka Schmid, was gab den eigentlichen Anstoss, einen Film über Gesang zu drehen?

Anka Schmid: Es hat autobiographische Gründe, eine Sterbebegleitung für meinen Vater. Er hatte ein schwaches Herz, wollte keine Operation, wollte zuhause sein. Die ganze Familie hat an seinem Bett gesungen und gesummt. Das hat ihn und uns beruhigt. Aus diesem Erlebnis heraus und auch das Singen auf dem Balkon während Corbit um 2020 waren Gründe für den Film: Das Singen, vor allem in einer Gemeinschaft, eben die Kommunikation übers Singen.

 

Rolf Breiner: Welches Konzept hast du entwickelt?
Anka Schmid: Sologesang und das gemeinsame Singen waren mir wichtig, der Input zum Singen und die Wirkung. Ich wollte einen thematischen Film machen und einen Lebensbogen zeigen – von der Wiege bis zum Grab.
 

Rolf Breiner: Im Film sind beispielsweise der Männerchor Salmsach-Langrickenbach oder der Chor GoAndSing aus Gossau/Andwil zu hören. Wie war die Zusammenarbeit?
AS:

Anka Schmid: Wunderbar. Karl Reinhart vom Männerchor beispielsweise ist ein pensionierter Bauer, der jetzt als Imker tätig ist und einst als Melkmechaniker arbeitete. Ich habe ihn direkt angesprochen, auch weil der Chor mir sehr gefiel. Diese Männer sind irgendwie glücklich, wenn sie singen.

 

Rolf Breiner:Wie fandest du Zugang zu den Schwestern vom Kloster Fahr?
Anka Schmid: Ich wollte unbedingt Benediktinerinnen im Film haben. Singen ist Teil ihres Lebens, sie singen fünfmal am Tag. Ich hatte ein tolles Vorgespräch mit dem Stiftsorganist aus Einsiedeln, Pater Theo Flury, er hat mir geholfen. Ich war drei Tage Gast im Kloster. Ich wollte diesen spirituellen Aspekt im Film haben. Das Benediktiner Kloster ist sehr offen. Ich durfte sogar mit einem männlichen Team drehen.

 

Rolf Breiner: Die Schauplätze sind bereit gestreut. Wie bist du auf England gekommen?
Anka Schmid: Mir ging es nicht um Schweizer Folklore, es geht mir um etwas Universelles. Es ist kein enzyklopädischer Film, sondern eine Autorinfilm – ganz persönlich aus meiner Sicht. Ich hatte eine Drei-Monate-Stipendium in London. Im Rahmen dieses Aufenthalts habe ich Heather Rdwards getroffen, eine tolle charismatische Person und ihr Projekt «Come and Sing Millenium» in Norwich. Sie arbeitet beispielsweise in einer Bibliothek, mit alten Menschen, mit Demenzkranken. Sie wollte diese Wandlung zeigen: Menschen mit Demenz und Gesang.

 

Rolf Breiner: Wenn du zurücksiehst: Welche Hoffnungen hegst du?
Anka Schmid: Es ging mir um ein Kaleidoskop übers Singen. Ich hoffe, die Zuschauer mitnehmen zu können, dass die Menschen sich connecten, dass sie in Verbindung mit den einzelnen Protagonisten treten. Jeder, jede sollte sich ein bisschen selber erkennen. Die Zuschauer, mit denen ich geredet habe, sind nicht niedergeschlagen, sondern werden aufgerichtet.
 

Rolf Breiner: Dein Film ist sehr vielseitig, ist das ein Handicap?
Anka Schmid: Der Film ist relativ komplex. Er ist wagnisreich, man muss wirklich einsteigen in diese Reise. Ich habe keinen Film über Musik gemacht, sondern über Lieder und Menschen. Ich erzähle auch Geschichten. Man kann der Klagefrau oder Rapperin zuschauen, emotional zuhören, die Worte lesen. Ich bin überzeugt, dass die Leute. die sich einlassen, viel bekommen.

 

 
Oscars 2026: «One Battle After Another» räumt mit sechs Oscars ab
 
Die Oscar-Akademie verlieh Auszeichnungen in 24 Sparten. Paul Thomas Andersons Politthriller «One Battle After Another» holte sechs Oscars, darunter für den besten Film, die beste Regie und das beste adaptierte Drehbuch, das auf Thomas Pynchons Geschichte «Vineland» beruht (siehe «Schattennummer» Literatur&Kunst). Der 65-jährige Sean Penn erhielt seinen dritten Oscar  für die Rolle des Colonel Lockjaw in «One Battle After Another», einem rassistischen Militär, der seinen Fetisch für schwarze Frauen verleugnet, um in einer obskuren White-Supremacy-Riege mitzumachen. Penn nahm den Oscar an der Gala nicht persönlich entgegen.
Auf der Verliererseite steht das Ping-Pong-Drama «Marty Supreme» mit Timothée Chalamet. Für die Crew des tränenreichen fiktiven Shakespeare-Dramas «Hamnet» blieb es nur bei dem Oscar für Jessie Buckley als beste Hauptdarstellerin.
 

Bester Film (Best Picture)
– «One Battle After Another»
Bester internationaler Spielfilm (International Feature Film)
«Sentimental Value», Norwegen
Beste Regie (Directing)
«One Battle After Another» (Paul Thomas Anderson)
Beste Hauptdarstellerin (Actress in a Leading Role)
Jessie Buckley («Hamnet»)
Bester Hauptdarsteller (Actor in a Leading Role)
Michael B. Jordan («Blood & Sinners»)
Beste Nebendarstellerin (Actress in a Supporting Role)
– Amy Madigan («Weapons – Die Stunde des Verschwindens»)
Bester Nebendarsteller (Actor in a Supporting Role)
– Sean Penn («One Battle After Another»)
Bestes Originaldrehbuch (Writing Original Screenplay)
– «Blood & Sinners» (Ryan Coogler)
Bestes adaptiertes Drehbuch (Writing Adapted Screenplay)
– «One Battle After Another» (Paul Thomas Anderson)
Beste Filmmusik (Music Original Score)
– «Blood & Sinners» (Ludwig Göransson)
Bester Filmsong (Music Original Song)
– «Golden» aus «KPop Demon Hunters»
Neue Kategorie: Bestes Casting (Casting)
– «One Battle After Another» (Cassandra Kulukundis)
Beste Kamera (Cinematography)
– «Blood & Sinners» (Autumn Durald Arkapaw)
Bestes Szenenbild (Production Design)
– «Frankenstein» (Tamara Deverell und Shane Vieau)
Bester Animationsfilm (Animated Feature Film)
– «KPop Demon Hunters»
Bester Dokumentarfilm (Documentary Feature Film)
– «Ein Nobody gegen Putin» (David Borenstein, Helle Faber, Alžběta Karásková und Pawel Talankin)
Bester Dokumentar-Kurzfilm (Documentary Short Film)
– «All die leeren Zimmer» (All the Empty Rooms) Conall Jones und Joshua Seftel
Bester Kurzfilm (Live Action Short Film) – dieses Jahr 2 Gewinner
– «The Singers» (Sam A. Davis und Jack Piatt) – «Deux personnes échangeant de la salive»/englischer Titel: «Two people exchanging saliva» (Natalie Musteata und Alexandre Singh)
Bester animierter Kurzfilm (Animated Short Film)
– «Das Mädchen, das Perlen weinte» (The Girl Who Cried Pearls) von Chris Lavis und Maciek Szczerbowski

16. März 2026
 

 

Filmtipps

 
 
Romería
Eine Reise in die Vergangenheit inszeniert die spanische Regisseurin Carla Simón in ihrem Film «Romería – Das Tagebuch meiner Mutter». Die junge Marina (Llúcia Garcia) reist nach der Matura zu ihren Grosseltern nach Galicien, weil sie deren Unterschrift auf einem Dokument braucht, um sich für ein Film-Stipendium in Barcelona zu bewerben, vor allem aber, weil sie mehr wissen möchte über ihren Vater, Alfonso Pineiro, der in den 1990ern an Aids verstarb. Marinas Familie, die sie zum ersten Mal sieht, ist herzlich, ein bisschen verrückt, aber sympathisch. Sie hat, wie Marina feststellt, eine Schwäche, über die wirklich schlimmen Dinge nicht zu sprechen oder man verharmlost und beschönigt; auch jene, die nach klaren Antworten suchen, verlieren sich im Schweigekodex. Die Krankheit von Marinas Vater können die Grosseltern bis zum Schluss nicht aussprechen, zu gross ist noch der lange Arm der gesellschaftlichen Ächtung. Rückblenden, begleitet von authentischen Passagen aus dem Tagebuch ihrer Mutter, die ebenfalls an Aids verstarb, zeigen die jungen, verliebten Eltern in der Sommerhitze am spanischen Meer. Die Rückblende endet in einer albtraumartigen Totentanz-Szene in einer Bar. «Romería» zeigt die Ambivalenz des Lebens aus der Perspektive einer Tochter, die nach Antworten sucht. Llúcia Garcia überzeugt mit subtilem Spiel in ihrem Debüt, mutig den Tatsachen ihrer Familiengeschichte ins Auge zu schauen.

 
Vie privée
Der erste französische Film mit Jodie Foster, die übrigens ausgezeichnet französisch spricht, inszeniert von Rebecca Zlotowki, die auch am Drehbuch mitschrieb, ist ein spannender Mix zwischen Krimi, jüdischer Familiengeschichte, Drama und Komödie. Die US-amerikanische Psychotherapeutin Lilian (Jodie Foster) in Paris wird vom Suizid ihrer Patientin Paula (Virginie Efira) überrascht. Da sie sich den Tod ihrer Patientin nicht erklären kann, versucht sie sich als Privatdetektivin und forscht mit ihrem Ex-Mann Gabriel (Daniel Auteuil) deren Leben aus und fährt dem Witwer (Mathieu Amalric) in sein Landhaus bei Paris hinterher, um ihn des vermeintlichen Mordes wegen auszukundschaften. Je mehr sie über andere erfährt, desto verwirrender erscheint ihr eigenes Privatleben, wobei auch ihr erwachsener Sohn Julien (Vincent Lacoste) erneut ihre Aufmerksamkeit beansprucht. Der Film mit einem grandiosen Ensemble besticht durch die unterhaltsame zwielichtige Verästelung der Geschichte, die in die Vergangenheit zurückreicht.
 
Siri Hustveldt – Dance Around the Self
Die Regisseurin Sabine Lidl zeigt die amerikanische Autorin Siri Hustveldt auf ihrem Weg vom ersten Roman zu einer der prägendsten Autorinnen der modernen Literatur. Der intime Film erzählt von Siri Hustvedts Anfängen, wie sie mit 18 Jahren ins pulsierende New York zieht, um eine grosse literarische Stimme zu werden. Eine junge, aufbegehrende Frau aus einem Provinznest in Minnesota mit norwegischem Hintergrund. Mit 26 Jahren lernt sie den Autor Paul Auster kennen, mit dem sie eine lebenslange Schriftsteller-Liebe verbindet. In der Literaturszene wurden die beiden oft nicht als ebenbürtig betrachtet. «Hier der grosse Mann, und wer ist diese Frau, die glaubt, auch schreiben zu können?», erinnert sich Siri Hustvedt. Der einfühlsame Dokumentarfilm begleitet Siri Hustvedt sieben Jahre lang, bis in die Zeit, als Paul Auster an Krebs erkrankt. Ein grossartiger Film, der die Kraft der Liebe und der Literatur beschwört sowie die kämpferische Kreatitvität von Künstlerinnen, denen sich Hustveldt (71) verbunden fühlt. Auch nach dem Tod Paul Austers 2024 endet die gemeinsame Geschichte nach 43 Jahren nicht, Hustveldt verarbeitete ihre Erinnerungen literarisch im gerade neu erschienenen Buch «Ghost Stories».
 

Hirschfeld (Unbekannter Bekannter)
Der Dokfilm «Hirschfeld» widmet sich einem heute nahezu vergessenen jüdischen Theaterpionier, der den Ruf des Schauspielhauses Zürich während der Nazizeit als Zentrum des kulturellen Widerstands gegen den Faschismus begründete. Kurt Hirschfeld holte Theaterleute wie Bertolt Brecht, Therese Giehse oder Max Frisch auf die Pfauenbühne, unter seiner Leitung gewann das Schauspielhaus eine prägende politische und künstlerische Bedeutung in Europa. Stina Werenfels und Samirs Film erzählt die Geschichte dieses Theatervisionärs als Gespräch mit den letzten Zeitzeug:innen wie seiner Tochter Ruth Hirschfeld. Kommunist und deutscher Jude, Immigrant und Intendant des Zürcher Schauspielhauses: Kurt Hirschfelds Biographie, die ihn aus der deutschen Provinz über Frankfurt am Main und Darmstadt nach Zürich, von dort nach Moskau und schliesslich zurück an die Limmat führte, ist die exemplarische Geschichte eines engagierten Menschen des 20. Jahrhunderts. Nebenbei erfährt man, dass sein Nachlass in New York landete. Exil und Antisemitismus sind aktuelle Themen geblieben.
 

L’Étranger
L’Étranger» («Der Fremde») von Albert Camus (1913-1960) erschien 1942 und gilt als Hauptwerk des Existenzialismus. Nach Luchino Visconti hat sich der französische Regisseur François Ozon in Schwarz-Weiss an die filmische Umsetzung gewagt. Arthur Meursault (Benjamin Voisin), ein Franzose aus Algier, ist ein stiller Mensch, der wenig spricht und sich nicht verstellt, es scheint ihm eher alles mehr oder weniger gleichgültig zu sein. Der Film beginnt, als Meursault ins Gefängnis gebracht wird: «Was hast du getan?» fragt einer. «J’ai tué un Arabe» (Ich habe einen Araber getötet), antwortet er. In Rückblenden wird erzählt, wie es dazu kam. Mit Benjamin Voisin fand Ozon eine geniale Besetzung für Meursault, der kühl wirkt, im Büro aber gewissenhaft seinen Job erledigt und Abstand zu Menschen hält. Als er per Telegramm erfährt, dass seine Mutter gestorben ist, fährt er zum Altersheim, in dem seine Mutter lebte und starb. Als er am Tag nach der Beerdigung seine Kollegin Marie (Marie Cardona) wieder trifft und eine Beziehung mit ihr eingeht, bleibt er distanziert. Meursault greift weder ein, als Nachbar Salamano (Denis Lavant) seinen Hund misshandelt, noch als ein anderer Nachbar, der zwielichtige Sintès (Pierre Lottin) seine Geliebte verprügelt. Schliesslich erschiesst er beiläufig am Strand einen Araber, vielleicht, weil der ihn nervte und mit seinem Messer blendete, worauf er wegen Mordes zum Tode verurteilt wird. «L’Étranger» bleibt in der detailgetreuen Inszenierung und Ausstattung nah bei Camus’ Roman und besticht mit einer eleganten Inszenierung.

 

La femme la plus riche du monde
«Wo endet die Macht des Geldes?», fragt die Journalistin eines Lifestyle-Magazins die reichste Frau der Welt. «Wo die Lebensfreude beginnt», sagt Marianne Farrère, schwerreiche Erbin einer französischen Kosmetikfirma. Der Film von Regisseur Thierry Klifa beruht frei auf der wahren Geschichte der 2017 verstorbenen französischen L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt. Ein Film über Geld und Geldgier und Einsamkeit, die mit Reichtum einhergeht. Marianne Farrère (Isabelle Huppert), schwerreiche Erbin einer französischen Kosmetikfirma, begegnet Pierre-Alain, einem Pariser Dandy und Fotografen (Laurent Lafitte) bei einem Fotoshooting. Aus der Begegnung wächst langsam eine enge Beziehung, die Bewunderung und Irritation auslöst. Während die Öffentlichkeit rätselt, sorgt die Nähe für Unruhe in ihrem engsten Kreis, denn Mariannes Tochter (Marina Fois) misstraut dem charismatischen Begleiter. «Eine reiche Frau sollte nicht auf einem Liegestuhl auf ihren Tod warten», sagt Marianne, doch die Tochter der Erbin und die Angestellten spüren, dass der Fotograf nicht nur ein Lebemann ist, sondern sich vor allem selbst bereichern will. Die Freundschaft entfernt Mutter und Tochter, die schon eine distanzierte Beziehung haben, noch mehr. Es kommt zu einem Prozess, der im wirklichen Leben den Fotografen und andere Nutzniesser zu Gefängnisstrafen verurteilt.
 
Gelbe Briefe
Das Filmdrama «Gelbe Briefe» des türkisch-deutschen Regisseurs İlker Çatak ist der Gewinner des Goldenen Bären der Berlinale 2026, eine Parabel über den schleichenden Verlust von Kunst- und Meinungsfreiheit durch autokratische Regime. Derya ist in der Türkei eine bekannte Theaterschauspielerin und mit dem angesehenen Dramatiker und Universitätsprofessor Aziz verheiratet, in dessen Bühnenstücken sie auftritt. Das Paar hat eine gemeinsame Tochter, die 13-jährige Ezgi (Leyla Smyrna Cabas). Als Derya am Staatstheater von Ankara in Aziz‘ neuem Stück «Gelbe Briefe» auftritt, wird ihre gemeisame Darbietung vom Publikum gefeiert. Aziz und seine Kollegen werden danach von der Hochschule suspendiert, das Stück wird abgesetzt, der Vermieter des Ehepaars von der Polizei bedrängt. Warum das alles? Weil die beiden regierungskritisch sind? Der Film spielt in der Türkei, wurde aber in Deutschland gedreht: «Berlin als Ankara» heisst es zu Beginn in roter Typografie auf der Leinwand, als die mittel- und wohnungslose Familie zu Aziz’ Mutter (Ipek Bilgin) zieht: «Hamburg als Istanbul». Fazit: Die autokratischen Mechanismen, die es in der Türkei gibt, könnten überall möglich sein. Özgü Namal und Tansu Biçer spielen das Paar zwischen Kampfesmut und Resignation.

 
Marty Supreme
Das US-amerikanische-finnische Filmdrama von Regisseur Josh Safdie ist vom Leben des legendären Tischtennisspielers Marty Reisman (1930-2012) inspiriert. Die fiktive Geschichte spielt 1952 in Lower East Manhattan. Marty Mauser (Timothée Chalamet), ein jüdischer ambitionierter Schuhverkäufer im Laden seines Onkels, leichtfüssig und charmant, hat anderes im Sinn und eifert den Ikonen der Tischtennis-Welt nach. Marty sieht sich selbst verwegen schon als Teil dieser glanzvollen Tradition. Doch sein Weg an die Spitze gerät ins Wanken, als er bei einem wichtigen Turnier gegen den tauben Japaner Endo und dessen neuartigen Schläger verliert. Nun muss Marty alles aufbieten, um in Japan doch noch gegen ihn zu gewinnen und Weltmeister zu werden. Das ist rasant erzählt mit Tempo und Verve und Staraufgebot, neben Chalamet spielt u.a. Gwyneth Paltrow. Der Film wurde für zahlreiche Filmpreise nominiert, u.a. im Rahmen der Oscarverleihung am 16. März 2026.

 

Wuthering Heights (Sturmhöhe)
Regisseurin Emerald Fennell verfilmte den Klassiker mit Margot Robbie und Jacob Elordi als opulentes Kostümfest. «Wuthering Heights» ist eine Adaption des Meisterwerks der englischen Autorin Emily Brontë, erstmals publiziert 1847. Der Film erzählt die dramatische Romanze der ambitiösen Catherine Earnshaw (Margot Robbie) und des Findelkinds Heathcliff (Jacob Elordi), die zusammen in einem heruntergekommenen Anwesen im stürmischen Nordengland aufwachsen. Das Hemd von Heathcliff ist mit Blut durchtränkt, wenn er wieder einmal von seinem Stiefvater, Mr. Earnshaw (Martin Clunes), mit Peitschenhieben bestraft wird. Heathcliff schwört Cathy dennoch ewige Treue. Das wird infrage gestellt, als Cathy nach ihrer Hochzeit zum neureichen Samthändler Edgar Linton (Shazad Latif) in sein luxuriöses Anwesen Thrushcross Grange einige Meilen entfernt zieht. Die Kleider glitzern mit dem prachtvollen Interieur der Produktionsdesignerin Suzie Davies um die Wette. In der Hochzeitsnacht trägt Cathy ein Geschenkpapierkleid. Die Kostüme stammen von der zweifachen Oscar-Gewinnerin Jacqueline Durran. Doch als Heathcliff reich geworden zurückkehrt, verfällt ihm Cathy erneut. Sie beginnt eine leidenschaftliche Amour fou, die sie schliesslich beendet, als sie ein Kind von Edgar Linton erwartet. Heathcliff rächt sich für ihre Absage und heiratet Edgars Schwester Isabel Linton (Alison Oliver), womit das Unheil seinen Lauf nimmt.

 

The President’s Cake
Backen ohne Zutaten: Der Debütfilm von Regisseur Hasan Hadi spielt im Irak in den 1990er Jahren. Jedes Jahr wird im Irak in den Schulen ausgelost, wer einen Geburtstagskuchen zu Ehren des Präsidenten Saddam Hussein backen soll. Diesmal fällt die Aufgabe der neunjährigen Lamia zu. Sie lebt mit ihrer Grossmutter in den mesopotamischen Sümpfen und Geld haben sie kaum. Unterwegs in der nächstgelegenen Stadt, bekommt sie von ihrem Freund Saeed Hilfe, um die nötigen Backzutaten zu besorgen. Doch die beiden müssen ebenso erfinderisch wie entschlossen sein, um sich die Zutaten wie Mehl, Backpulver, Eier und Zucker zu besorgen, doch wegen der Wirtschaftssanktionen herrscht Lebensmittelknappheit.  Der Film schildert atmosphärisch dicht die brodelnde Geschäftigkeit inmitten von Armut, Krieg, Fatalismus und Hierarchien, die  durch die List der beiden jungen Protagonisten überwunden werden. Eine Geschichte, die auf authentischen Erfahrungen des Regisseurs beruht. Mit Baneen Ahmad Nayyef, Waheed Thabet Khreibat, Sajad Mohamad Qasem, Rahim AlHaj, Muthanna Malaghi und Thaer Salem.

 

Extrawurst
Die Komödie «Extrawurst» des deutschen Regisseurs und Drehbuchautors Marcus H. Rosenmüller verschafft Comedian Hape Kerkeling ein beachtliches Comeback. In einem Tennisclub einer deutschen Kleinstadt eskaliert der Streit an einer Mitgliederversammlung zu einem heftigen Schlagabtausch, als neben einem neuen Grill auch die Anschaffung eines separaten Grills für das einzige türkische Mitglied vorgeschlagen wird. Atheisten und Gläubige, Deutsche und Türken sowie Gutmenschen und Hardliner prallen aufeinander. Aus der organisatorischen Entscheidung entwickelt sich eine Debatte über kulturelle und religiöse Unterschiede sowie Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Komödie mit Hape Kerkeling, Christoph Maria Herbst, Anja Knauer, Fahri Yardim, Friedrich Mücke.
 

Jim Jarmusch: Father Mother Sister Brother
Jim Jarmusch («Stranger than Paradiese») präsentiert seinen ersten Regiefilm seit sechs Jahren mit grossem Staraufgebot. Die vier inhaltlich unabhängigen Kurzgeschichten handeln von Generationen, die sich wenig untereinander zu sagen haben. Dass keine echten Gespräche in Gang kommen, ist nichts Neues, kommt aber der für Jarmusch typischen lakonischen Sprech- und Denkweise entgegen. Ein Vater (Tom Waits) bekommt Besuch von seinen beiden Kindern (Adam Driver und Mayim Bialik), die sich um seinen Gesundheitszustand sorgen, finden den Vater aber gut erhalten vor. In der nächsten Episode bei einem Kaffeekränzchen zwischen der Mutter (Charlotte Rampling) und ihren Töchtern (Cate Blanchett und Vicky Krieps) werden die eingefahrenen Beziehungsmuster sichtbar. Oder das Zwillingspaar, das die Wohnung der verstorbenen Eltern in New York nach Erinnerungen durchsucht. Ressentiments, Enttäuschungen, verpasste Liebe und eine unausgesprochene Verbundenheit sind der Kitt dieser präzise beobachteten Kurzgeschichten mit amüsant spritzigen Dialogen. Vom Filmfestival in Venedig gab es dafür für den Altmeister und mittlerweile 72jährigen Jim Jarmusch den Goldenen Löwen.

 

Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse
Eine melancholische Komödie von Regisseur Wolfgang Becker («Good-bye Lenin») nach dem Roman von Maxim Leo. Seit 30 Jahren ist Deutschland wiedervereinigt. Eigentlich will Michael Hartung (Charly Hübner) in seiner Videothek «Moviestar» nur seine Ruhe. Die Miete ist im Rückstand, wie alles in seinem Leben. Michael Hartung arbeitete in den Tagen des Mauerfalls in einem Kohlebergwerk in der DDR-Provinz. Er verlor Stelle um Stelle und irgendwann auch den Glauben, dass es ein Stück Wende auch für ihn gibt. Bis der findige Reporter Alexander Landmann (Leon Ullrich) auftaucht und plötzlich ist Michael Hartung ein Held! Denn in der Nacht zum 12. Juli 1983 passierte ein S-Bahnzug über eine falsch gestellte Weiche die Grenze am Bahnhof Friedrichstrasse. 127 DDR-Bürger rumpelten völlig unverhofft in den Westen. Michael war damals im Eisenbahndienst, aber der Weichenbolzen, der die Menschen in die Freiheit führte, war mehr Missgeschick als Heldentat. Landmanns Reportage mit Dramatik und Pathos, macht aus dem Loser einen Helden der Nation. Reporter, Journalisten und Neugierige belagern ihn vor dem «Moviestar». Alle sind plötzlich seine Freunde, seine Tochter Natalie (Leonie Benesch) bewundert ihn endlich, mit der Staatsanwältin Paula (Christiane Paul), die einst in der DDR-Staatsbahn sass und in die Freiheit fuhr, bahnt sich eine Romanze an. Die Geschichte wächst ihm über den Kopf, als er auch noch im Bundestag eine Rede halten soll. Wie kommt man da wieder raus? Wolfgang Becker starb kurz nach Ende der Dreharbeiten. Ein empathischer Film und würdiges Vermächtnis des Regisseurs Wolfgang Becker, der auch die Medien ins Visier nimmt.

 

Sentimental Value
Das Familiendrama des norwegischen Regisseurs Joachim Trier wurde bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes mit dem Grossen Preis der Jury ausgezeichnet. Nach dem Tod ihrer Mutter müssen sich die Schwestern Nora (Renate Reinsve) und Agnes Borg Pettersen (Inga Ibsdotter Lilleaas) mit ihrem entfremdeten Vater Gustav (Stellan Skarsgård) auseinandersetzen, ein einst bekannter, mittlerweile aber fast vergessener Regisseur. Er hat sie verlassen, als beide noch klein waren. Die Schwestern haben unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen, Nora hat ihre Schauspielkarriere über alles andere gestellt, ihre jüngere Schwester Agnes hat sich für einen sicheren Job, Ehemann und Kind entschieden. Nun platzt Gustav mitten in eine Feier in ihrem Elternhaus und überrascht die beiden Schwestern. Er hat ein autobiografisches Drehbuch geschrieben und bietet seiner Tochter Nora die Hauptrolle in seinem nächsten Film an, diese lehnt jedoch kategorisch ab. Er will einen Film über seine Mutter in ihrem Elternhaus in Norwegen drehen, das ihm noch immer zum Teil gehört. Diese hatte sich dort aufgrund des Traumas der Folter durch die Nazis während des Krieges das Leben genommen. Während einer Retrospektive seiner Filme in der Normandie lernt Gustav die Hollywood-Schauspielerin Rachel Kemp (Elle Fanning) kennen und bietet ihr die Rolle an, die für Nora bestimmt war. Doch als die Dreharbeiten in dem alten Holzhaus am Rande von Oslo beginnen, in dem Generationen der Familie gelebt haben, ergreift Gustav die Chance, seine Beziehung zu Nora und ihrer Schwester zu kitten. Ein berührender Film!
 

The Secret Agent
Der spannende Thriller von Kleber Mendonça Filho mit Wagner Moura (Narcos) in der Hauptrolle als Marcelo Alves, spielt 1977 in Brasilien während der Militärdiktatur und handelt von einem Mann, der wegen „subversiver Aktivitäten verfolgt wird. Die fiktive Geschichte wurde von Kindheitserinnerungen des Regisseurs an seine Heimatstadt Recife und seinem vorherigen Dokumentarfilm Retratos Fantasmas (Geisterportraits, 2023) inspiriert. Der Film konzentriert sich auf Zensur, autoritären Druck und kultureller Kreativität. Mendonça Filho versteht den Film als Versuch, das Unsichtbare der Diktatur filmisch spürbar zu machen, nämlich Angst, Schweigen und alltägliche Anpassung, statt Repressionsbilder direkt zu zeigen. Zugleich setzt sich der Film mit Machtverhältnissen, Männlichkeitsbildern und der Rolle des Kinos auseinander. Für die Rekonstruktion des Jahres 1977 griff das Team für eine authentische Alltagsästhetik jener Zeit auf private Familienfotos und spezifische Blickwinkel auf Strassenzüge zurück. Das Drehbuch entstand während der Präsidentschaft Jair Bolsonaros, als das Kulturministerium abgeschafft und die Filmförderung weitgehend blockiert wurde. Unter Präsident Luiz Inácio Lula da Silva sieht Mendonça Filho eine in Teilen wiederhergestellte kulturpolitische Struktur, welche die Arbeit wieder ermöglicht. Seine Filme entstünden aus Alltagsbeobachtungen und Haltungen, nicht aus Botschaften, so Kleber Mendonça Filho, für ihn ist Recife ein „Universum“, dessen filmische Produktivität er immer wieder betont. Die Premiere fand Mitte Mai 2025 bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes statt, wo das Werk mit dem Regie- und Darstellerpreis ausgezeichnet wurde.

 

to be continued

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