FRONTPAGE

Marco Balzano: «Faschismus entsteht an den Grenzen»

Von Susanne Schanda

Schauplatz des neuen Romans von Marco Balzano ist Triest, die Stadt, in der in wenigen Jahrzehnten drei Diktaturen gewütet haben: der italienische Faschismus, der deutsche Nationalsozialismus und Titos Kommunismus. Hauptfigur ist ein junger Faschist der ersten Stunde: «Bambino». Im Gespräch erklärt der Autor, warum es wichtig ist, auch aus der Perspektive eines Täters zu schreiben.

 

Susanne Schanda: Der Protagonist Ihres neuen Romans «Bambino» ist ein unsicherer junger Mann, der mit 18 Jahren erfährt, dass die Frau, die er immer Mama genannt hat, nicht seine leibliche Mutter ist. Als am Ende des ersten Weltkriegs immer mehr Faschisten nach Triest strömen, gerät er selbst in den Sog der Faschismus. Was sind seine Motive?

 

Marco Balzano: Mattia sucht jemanden, mit dem er sich identifizieren kann. Er hat Angst vor allem, was in der Welt passiert. Er schliesst sich den vermeintlich Stärksten an, weil er glaubt, dass die Faschisten ihn akzeptieren und schützen und er sie dafür benutzen kann, ihm bei der Suche nach seiner leiblichen Mutter zu helfen. Tatsächlich sind es aber die Faschisten, die ihn benutzen. Was ich hier zeigen wollte: Wenn man beginnt, Böses zu tun, wird man dabei immer einsamer und unfreier. Es ist schwierig, sich aus dieser Abwärtsspirale, aus diesem einmal eingeschlagenen Weg der Gewalt und des Bösen wieder zu befreien.

 

Susanne Schanda: Es ist wohl nicht leicht, einen Roman mit einer so negativen, brutalen, opportunistischen Hauptfigur zu schreiben. Wie haben Sie diese Figur gefunden?

 

Marco Balzano: Nein, das ist nicht leicht. Es war für mich eine neue Erfahrung, eine Figur zu schaffen, die nicht Opfer ist, sondern Täter. Aber es ist wichtig, zu versuchen, sich nicht nur auf die Seite der Guten und Gerechten zu stellen. Manchmal ist es notwendig, das Böse zu betrachten, um das Gute zu verstehen. Um den Frieden zu verstehen und wertzuschätzen, ist es nötig, zu zeigen, was für eine hässliche Sache der Krieg ist. Die Literatur hat schon öfter aus der Perspektive eines Täters erzählt. Der Protagonist von «Schuld und Sühne» von Dostojewski ist ein Mörder, ebenso die Figur von Camus‘ «Der Fremde». Mattia ist einer dieser vielen Faschisten, die keine Persönlichkeit, keine Überzeugungen und Werte haben. Auf den ersten Seiten des Romans erzähle ich, dass Mattia nicht gerne zur Schule ging. Wenn jemand keine Bildung hat, nie lernt, das Gute und Schöne zu schätzen und Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, bildet sich eine innere Leere. Diese Leere macht es für andere leicht, solche Menschen zu benutzen, zu instrumentalisieren.

 

Susanne Schanda: Warum haben Sie diesen Roman in der ersten Person Singular geschrieben?

 

Marco Balzano: Das war das Schwierigste! Denn die erste Person Singular verringert die Distanz zwischen mir und der Figur.

 

Susanne Schanda: Das spürt man auch beim Lesen des Romans.

 

Marco Balzano: Ja, das gilt auch fürs Lesen. Die erste Person ermöglicht es dem Leser, der Leserin, mit der Figur in eine nahe Beziehung zu treten. Mit der ersten Person sieht man nur, was die Figur sieht, man versteht die Gründe und Motive von Mattia. Wenn ich in der dritten Person geschrieben hätte, wäre ich wie ein Orchesterdirigent gewesen, der mal die Geige, mal die Trompete spielen lässt. Um die Angst von Mattia zu spüren, seine Schwächen, seinen Zorn und seine Gewalt, war es wichtig, Ich zu sagen. Was dabei interessant ist: Auch jemand, der Böses tut, ist fähig zu lieben. Mattia liebt seinen Vater und die Vorstellung, die er von seiner Mutter hat, er liebt seine Heimatstadt Triest und er verliebt sich in eine junge Frau. Kein Mensch ist entweder völlig gut oder völlig schlecht. Jeder und jede von uns hat eine dunkle Zone.

 

Susanne Schanda: Das Thema ist sehr aktuell. Auch heute fühlen sich viele gerade junge Menschen verloren und orientierungslos in einer komplexen Welt. Verschwörungstheorien verbreiten sich, Minderheiten werden wieder ausgegrenzt. Was lässt sich dem entgegenhalten? Was kann allenfalls die Literatur leisten?

 

Marco Balzano: Das ist eine gute Frage, denn mein Roman will auch darüber reflektieren. Ich glaube, dass Gewalt von der Unfähigkeit zeugt, die eigene Energie für das Gute einzusetzen. Wenn ich keine Träume und Leidenschaften habe, wenn ich keine Ziele habe, beginnt die Energie ins Gefährliche abzudriften. Aber wenn ich verliebt bin oder davon träume, Schriftsteller oder Sänger zu werden, eine Arbeit und eine Familie zu haben, setze ich meine ganze Energie dafür ein. Bildung ist sehr wichtig, in der Schule ebenso wie in der Familie. Vor allem die Politik müsste mehr tun. Gerade junge Menschen brauchen jemanden, der sie anhört und ernst nimmt, ohne sie zu verurteilen. Sie brauchen öffentliche Orte, an denen sie sich treffen und kennenlernen können, um die Isolierung zu bekämpfen, die auch von der Technologie ausgeht. Heute bleiben viele öffentlichen Plätze leer, und in diese Leere treten die Sozialen Medien, mit dem Risiko, die Wirklichkeit aus dem Blick zu verlieren.

 

Susanne Schanda: Sie haben lange als Lehrer gearbeitet. Warum haben Sie damit aufgehört?

 

Marco Balzano: Ich habe immer gerne unterrichtet. Aber noch lieber habe ich geschrieben, als Schriftsteller gearbeitet. Ich glaube, wenn ein Traum sich realisiert, muss man die Verantwortung dafür übernehmen. Ich wollte kein Lehrer sein, der oft abwesend ist, der für seine Bücher unterwegs sein muss. Ich konnte diese beiden Tätigkeiten nicht mehr unter einen Hut bringen.

 

Susanne Schanda: Sie haben auch Menschen im Gefängnis unterrichtet.

 

Marco Balzano: Ja, das war eine Tätigkeit, die mir sehr viel gebracht hat für diesen Roman. Denn im Gefängnis sieht man deutlich, dass auch Menschen, die Schlechtes getan haben, daneben gute Seiten haben. Und dass nicht wenige Menschen, die draussen sind, eine gefährliche Seite haben können. Wir sind alle Licht und Schatten. Auch im Roman urteile ich nicht über Bambino und die Gewalt in der Geschichte. Die Lesenden sollen sich ein Urteil bilden können. Ich habe im Gefängnis ein Jahr lang Italienisch und Geschichte unterrichtet. Jetzt gebe ich dort hin und wieder Schreib-Workshops. Für jemanden, der lange in einer Zelle eingesperrt ist, kann das Schreiben eine therapeutische Wirkung haben.

 

Susanne Schanda: «Bambino» spielt in Triest, einer multiethnischen Stadt am Kreuzungspunkt lateinischer, slawischer und germanischer Kulturen. Eigentlich ein faszinierender Ort, ideal für das Zusammenleben und den Austausch. Warum hat der italienische Faschismus gerade in dieser Ecke der Welt so brutal zugeschlagen?

 

Marco Balzano: Faschismus entsteht an den Grenzen. An der Grenze hat man Menschen neben sich, die eine andere Sprache sprechen, andere Traditionen haben. Es ist sehr leicht, diese Menschen als mögliche Feinde zu sehen, als Personen, die meinen Raum besetzen und mich angreifen können. Eine Diktatur hat immer einen Feind, den sie ausschliessen und angreifen kann. Die Slawen in Triest haben sich gut integriert, sie üben angesehene Berufe aus. Deshalb kann man sie leicht als Menschen ansehen, die einem die Arbeit wegnehmen. Deshalb wurde Triest die Stadt mit den meisten Faschisten in Italien. Der Faschismus an der Grenze ist besonders gewalttätig und rassistisch, man denke an den Brandanschlag auf das slowenische Volkshaus in Triest 1920, an den Marsch auf Bozen 1922.

 

Susanne Schanda: Auch Ihr Roman «Ich bleibe hier» ist ein historischer Roman in einer Grenzregion, in Südtirol. Die Protagonistin ist eine starke, mutige Frau, die sowohl den Faschisten wie den Nazis Widerstand leistet. Sehen Sie Frauen charakterlich stärker als Männer?

 

Marco Balzano: Ja, das sind sie. Frauen haben eine grosse Fähigkeit zum Widerstand. «Ich bleibe hier» und «Bambino» sind für mich ein Doppel von historischen Romanen, die sich mit Italiens Grenze im Osten auseinandersetzen, in Südtirol und Julisch-Venetien. Die Protagonistin von «Ich bleibe hier» ist ein Opfer, der Protagonist von «Bambino» ein Täter. Weil Trina ein Opfer ist, leiden wir mit ihr und bewundern sie. Trina kämpft für ihren Ort, als sie ihn bedroht sieht. An ihr gefällt mir besonders, dass sie weiterfährt zu kämpfen, auch wenn sie weiss, dass sie verlieren wird. Sie liebt ihren Ort wie einen Sohn, den sie beschützen will.

 

Susanne Schanda: Auch Mattia liebt seine Heimatstadt Triest. Doch er beschützt sie nicht, im Gegenteil.

 

Marco Balzano: Ich bin nicht gläubig, aber im Evangelium heisst es: Man soll nicht nur das weisse Schaf lieben, sondern auch das schwarze Schaf. Die Frage ist: Was machen wir mit den Tätern, die Schlechtes getan haben? Eliminieren wir sie? Geben wir sie auf? Ich wollte versuchen, die Welt so zu sehen, wie die Täter sie sehen. Wenn wir das nicht versuchen, werden wir sie nie verstehen. Denn es waren so viele, nicht nur in Italien.

 

Susanne Schanda: In Deutschland gibt es seit langem Romane über den zweiten Weltkrieg und die Verbrechen der Nazis. Mir scheint, dass diese Auseinandersetzung in Italien erst in den letzten Jahren begonnen hat. Wie sehen Sie das?

 

Marco Balzano: In Italien gab es nach dem zweiten Weltkrieg die Autoren der Resistenza, der Partisanen. Italo Calvino, Beppe Fenoglio, Cesare Pavese, Natalia Ginzburg. Italien ist dank den Partisanen befreit worden. Der antifaschistische Geist hat sich auf den Widerstand konzentriert, denn viele Schriftsteller waren selbst Teil davon. Das Thema des Faschismus ist in den Romanen der letzten Jahre tatsächlich stärker thematisiert worden. Heute weht in vielen Teilen der Welt ein starker Wind von Rechts. Auch Romane, die über vergangene Ereignisse berichten, machen dies meist, um über die Gegenwart zu sprechen.

 

 

Marco Balzano, geboren 1978 in Milano, ist zurzeit einer der erfolgreichsten italienischen Autoren. Er schreibt, seit er denken kann: Gedichte und Essays, Erzählungen und Romane. Mit seinem Roman «Das Leben wartet nicht» gewann er den Premio Campiello. Mit «Ich bleibe hier» war er nominiert für den Premio Strega, in Italien und im deutsprachigen Raum war das Buch ein grosser Bestseller. Er lebt mit seiner Familie in Milano.

 

 

Marco Balzano

Bambino.

Diogenes Verlag, 2026

Roman

Aus dem Italienischen von Peter Klöss

Hardcover, 256 S., CHF 34

ISBN 978-3-257-07352-2

 

 

 

 

«Ronya Othman: Dieser Genozid hat meinen Blick auf die Welt verändert»

 
Von Susanne Schanda
 
Wenige Wochen nach dem Sturz des syrischen Diktators Baschar Al-Assad im Dezember 2024 ist die deutsche Autorin Ronya Othmann mit ihrem Vater – ein staatenloser jesidischer Kurde – nach Syrien gereist, aus dem dieser 1980 geflohen war. Im Buch „Rückkehr nach Syrien“ hat sie ihre Erfahrungen und Reflexionen niedergeschrieben. Interview am Rand des Literaturfestivals Leukerbad, bei dem die Autorin zu Gast war.
 

Ronya Othman sitzt auf dem Podium im James-Baldwin-Zelt in Leukerbad und spricht schnell, fast hastig. Oft beendet sie einen Satz nicht, weil sie bereits zum nächsten springt. In der Gesprächsreihe „Perspektiven“ spricht sie über Syrien. Bereits als Teenager hat Ronya Othmann zu schreiben begonnen, seit 2014 ist Syrien zum Thema ihres Schreibens geworden, seit dem grausamen Massaker an den Jesiden und der Verschleppung unzähliger Frauen und Mädchen durch Terroristen des IS. Diesen 74. Genozid an den Jesiden hat sie in ihrem Roman „Vierundsiebzig“ verarbeitet. „Ich musste aufschreiben, was ich gesehen und gehört hatte, da gab es keinen Platz für Fiktion. Dieser Genozid hat meinen Blick auf die Welt verändert.“
Die Proteste gegen das Assad-Regime haben sie ebenso überrascht wie der Sturz des Diktators. Der Machtübernahme durch die Islamisten steht sie mit grosser Sorge gegenüber. Ahmed Al-Sharaa nennt sie konsequent bei seinem islamistischen Kampfnamen Dscholani und die „Übergangsregierung“ schreibt sie in Anführungszeichen, weil sie nicht glaubt, dass es bei einem Übergang bleibt.
 
Susanne Schanda: Sie kennen Syrien aus zahlreichen Besuchen bei Ihren Grosseltern. Denken Sie manchmal darüber nach, wie Ihr Leben verlaufen wäre, wenn ihr Vater nicht nach Deutschland gekommen wäre und Sie in Syrien geboren worden wären?

Ronya Othmann: Ich habe gesehen, was Frauen im meinem Alter für ein Leben haben im Dorf. Meine Cousine, die jetzt auch in Deutschland lebt, ist hier Friseurin geworden, das war schon immer ihr Traum. Dort im Dorf wäre das nicht möglich gewesen. In einer Grossstadt wie Damaskus oder Qamischli kann eine Frau einen Beruf ergreifen, etwa Lehrerin werden. Aber im Dorf gibt es ausser Heiraten und Kinder bekommen oder die Eltern pflegen nicht viele Möglichkeiten. Das war für mich nie eine Option. Ich wäre, wenn ich dort geblieben wäre, wahrscheinlich 2014 gegen den IS kämpfen gegangen. Vielleicht wäre ich Kommandeurin geworden, oder ich wäre gefallen.
 
Ihr Vater entstammt der jesidischen Gemeinschaft. Warum wurden und werden die Jesiden so brutal verfolgt?

Diese Religionsgemeinschaft hat keinen schriftlichen Text, die Religion wird mündlich überliefert. Die Jesiden wurden seit Jahrhunderten verfolgt, schon im osmanischen Reich. Die Juden und die Christen waren dort zwar diskriminiert, aber sie hatten einen Schutzstatus. Für die Jesiden gab es das nicht, weil sie keine Buchreligion hatten. Sie galten als vogelfrei. Wenn man Jesiden umgebracht hat, wurde man dafür nicht bestraft. Die Jesiden lebten deshalb abgeschieden und sind immer wieder geflohen. So sind meine Grosseltern, die aus dem Gebiet der heutigen Türkei stammten, nach Syrien gekommen. Diese alte Verfolgung geht bis heute weiter. Unter Assad, der angeblich die Minderheiten geschützt hatte, wurden sie nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt. Und dann gab es 2014 den Genozid durch den so genannten „Islamischen Staat“.
 
Sind Jesiden immer auch Kurden?

Sie sprechen kurdisch. Viele Kurden, die nicht Jesiden sind, waren früher Jesiden und wurden zwangskonvertiert. Es gab auch die Verfolgung durch muslimische Kurden. Bis heute gibt es noch muslimische Kurden, die nicht bei Jesiden essen, weil sie sagen, dass das Essen der Jesiden unrein sei. Allerdings war die Situation in Syrien besser, denn da sind die Kurden sehr säkular. Ich wusste als Kind oft nicht, wer jesidisch und wer nicht jesidisch ist, weil ich bei den Leuten selten religiöse Symbole sah.
 
Waren Sie seit Ihren beiden Reisen im Dezember 2024 und April 2025 wieder in Syrien?

Nein, und ich geh vorerst nicht mehr hin. Jetzt sind die Islamisten da. Ich weiss nicht, was jetzt ist. Ich kenne niemanden, der zu einer Minderheit gehört, öffentlich Kritik äussert und noch nach Syrien geht. Wir erhalten auch in Deutschland Morddrohungen. Die Dscholani-Anhänger schreiben allen, die sich in den letzten Monaten geäussert haben, dass sie uns auslöschen wollen. Seit die kurdischen Gebiete im Nordosten Syriens teilweise auch unter der Kontrolle des Regimes stehen, ist die Situation noch schlimmer geworden.
 
Was erfahren Sie heute von Ihren Verwandten und Bekannten in Syrien? Wie schätzen diese die Perspektiven für Syrien ein?

Meine Verwandten sind jetzt fast alle weg aus Syrien. Meine Bekannten in Syrien, die zu einer Minderheit gehören, sind sehr pessimistisch. Auch am Anfang hat sich niemand Illusionen über die neuen Machthaber gemacht, aber man hatte noch gehofft, dass es nicht ganz schlimm wird. Aber nach den Massakern an den Alawiten im März 2025 und später an den Drusen und der Besetzung der kurdischen Gebiete ist wenig Hoffnung geblieben.
 
Wie müsste nach all der Gewalt und dem Krieg in Syrien ein Prozess der Versöhnung aussehen?

Zuerst einmal müsste die Gewalt enden. Zweitens müsste die Hetze gegen Minderheiten aufhören. Und diese Diffamierungen. Nicht alle Alawiten waren Assad-Anhänger. Es gab auch Alawiten, die unter Assad im Gefängnis waren. Und Kurden wurden systematisch diskriminiert, vielen wurde die Staatsbürgerschaft entzogen, sie durften ihre Sprache nicht offen sprechen. Vor 2011 stellten sie eine Mehrheit in den syrischen Gefängnissen. Wer heute die neuen Machthaber kritisiert, wird sofort als Assad-Anhänger diffamiert. Drittens müsste man die Assad-Diktatur aufarbeiten. Daran haben die Islamisten aber auch kein Interesse, weil sie ehemalige Assad-Anhänger, die dem neuen Regime gegenüber loyal sind, rehabilitieren. Man müsste die Assad-Verbrechen mit rechtsstaatlichen Verfahren aufarbeiten. Viele Leute wissen immer noch nicht, wo ihre unter Assad verschwundenen Angehörigen sind. Und schliesslich müssten auch die Verbrechen der Islamisten aufgearbeitet werden. Das wäre eine Grundlage für einen Versöhnung.
 
Wie sollten sich Europa und die USA in Syrien engagieren, um die Demokratie im Land zu stärken?

Sie müssten ihre Unterstützung und Investitionen an Bedingungen knüpfen. Das passiert leider überhaupt nicht. Die Gelder sollten nicht direkt an das Regime ausbezahlt werden. Man sollte überprüfen, wen man unterstützen will. In den letzten Jahren sind Gelder aus Europa an die umstrittene Islamic Relief geflossen, eine muslimische Hilfsorganisation, die der Muslimbruderschaft verbunden ist. Man muss sich überlegen, wen man legitimiert mit seiner Unterstützung.
 
Was hat der Sturz von Assad bisher gebracht?

Die Islamisten haben jetzt die Macht übernommen. Der Staat ist am Boden, grosse Teile des Landes sind zerstört. Das Personal wurde nur teilweise ausgewechselt. Manche setzen ihre Karrieren nun unter dem neuen Regime fort. Viele Beamte sind dieselben wie schon bei Assad. Es geht nicht in Richtung Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Noch aber haben die Islamisten ihre Macht nicht vollends gefestigt.
 
Während der Aufstände gegen das Assad-Regime 2011 fühlten sich die jesidischen Kurden nicht mehr ausgeschlossen, sondern als Teil der Freiheitsbewegung. Gibt es heute eine Solidarität zwischen den verschiedenen Minderheiten und anderen demokratischen Kräften, die auf die syrische Übergangsregierung Einfluss ausüben könnte?

Die Solidarität gibt es. Ich habe lange gehofft, dass die demokratischen Kräfte genügend stark würden, um Einfluss zu nehmen. Das Problem ist, dass sie auch geografisch sehr zersplittert sind. Die Alawiten waren unter Assads Kontrolle und haben keine eigenen Strukturen aufgebaut. Heute haben sie Angst, gehen abends nicht mehr aus dem Haus, sie werden eingeschüchtert. Die Drusen sind im Süden, die Kurden im Nordosten. Demokratische Kräfte gibt es auch unter den Sunniten, aber angesichts der Brutalität, die sich bei den Massakern gezeigt hat, ist es schwierig, sich zu organisieren. Alle sind mit dem eigenen Überleben beschäftigt.
 
Das ist ein pessimistische Perspektive

Was das Land betrifft, bin ich pessimistisch, aber nicht, was die Menschen betrifft. Da gibt es tolle, tapfere und optimistischere Leute als mich. Sie engagieren sich konkret. Etwa ein Journalist, der in der kurdischen Stadt Amude ein mehrsprachiges Radio betreibt, auf Kurdisch, Arabisch und Aramäisch. Zuvor hat er als Medientrainer syrische Aktivisten – Kurden, Araber und Christen – zu Bürgerjournalisten ausgebildet. Er ist optimistischer, weil er dort jeden Tag mit Leuten am Arbeiten ist.

 
 

Ronya Othmann wurde 1993 als Tochter einer deutschen Mutter und eines kurdisch-jesidischen Vaters in München geboren und lebt in Leipzig. Sie schreibt Prosa, Gedichte, Essays und Kolumnen. Ihr Debütroman „Die Sommer“ (2020) kreist um Kindheitserinnerungen an ihre Besuche bei den Grosseltern in Syrien. Ihr Roman „Vierundsiebzig“ (2024) thematisiert den Genozid an den Jesiden. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. In „Rückkehr nach Syrien“ (2025) berichtet sie über ihre beiden Reisen kurz nach dem Sturz Baschar al Assads.

 

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