Der afro-amerikanische Künstler Kerry James Marshall, *1955 Birmingham, Alabama, lebt in Chicago
Plunge, 1992, © Foto by Jack Hems
Queen, 2014 © Kerry James Marshall
Painter, 2008 © Kerry James Marshall
Haul, 2025 ©Kerry James Marshall, Courtesy oft he artist and David Zwirner, London. Foto by Jack Hems
The Club, 2011-12, © Kerry James Marshall, Courtesy the artist and David Zwirner. Foto by Jack Hems
De Style, 1993, Los Angeles County Museum of Art. ©Kerry James Marshall. Foto by Jack Hems
Kerry James Marshall mit Gastkurator Mark Godfrey im Kunsthaus Zürich am 26. Februar 2026
Kerry James Marshall, Kunsthaus Zürich: Grosse Retrospektive „The Histories“
Farbenprächtige Retrospektive Kerry James Marshall: «The Histories» im Kunsthaus Zürich
Von Ingrid Isermann
Das Kunsthaus Zürich präsentiert mit der Retrospektive «The Histories» den US-amerikanischen Künstler Kerry James Marshall (*1955 Birmingham, Alabama), der in seinen Werken die Lebenswelten von Afroamerikanern in den Mittelpunkt stellt. Mit seiner Bildsprache beeinflusste er eine Reihe junger schwarzer Künstlerinnen und Künstler.
Marshall, in Los Angeles aufgewachsen, lebt heute in Chicago und gilt als einer der wichtigsten Maler unserer Zeit. Seine Werke besitzen eine Präsenz, die sofort Aufmerksamkeit erweckt, sie erzählen vom Leben und der Geschichte schwarzer Amerikaner:innen.
Seine Figuren sind schwarz, doch das Schwarz, das er auf die Leinwand bringt, ist durchdrungen von einem inneren Leuchten: «Ich versuche, die schwarzen Farben ebenso komplex zu machen, wie jede anderen Farbe auf der Palette, die ich verwende. Früher glaubten viele Künstler, man dürfe in einem Gemälde nie Schwarz verwenden, weil es nicht als Farbe galt. In der kulturellen Identität schwarzer Amerikaner hingegen wurde Schwarz zum Symbnol für Macht; die Farbe bekam eine rhetorische Funktion, denkt man an die Black-Power-Bewegung oder die Black Panther Party.
Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, wie komplex das alles ist. Ich begann, die Schwarztöne mit Weiss zu mischen, um eine Skala von Tonwerten zu erhalten. Das chromatische Arbeiten kam später. Da geht es nicht um hell oder dunkel, sondern um warm oder kalt». Und: «Meine Bilder handeln nicht vom Schwarzsein. Die Menschen darin sind einfach schwarz».
«Histories» – der Blick auf die Geschichte
«Histories» («Geschichte/n») ist die grösste Schau Marshalls ausserhalb der USA. Der Künstler hat dafür eigens neue Bilder gemalt, darunter das monumentale «Haul» (2025), sein bisher grösstes Werk. Es zeigt eine Frau auf einem Boot voller Luxusgüter und rührt an ein Tabu, die Beteiligung von Afrikanern am Sklavenhandel. Die Bilder sind durchdrungen von Erfahrungen, Schmerz, Hoffnung, vor allem aber sprühender Lebendigkeit.
Zum Titel «Histories» sagt der Künstler: «Ich schreibe die Geschichte nicht um. Mir geht es nicht darum, das eine durch das andere Kapitel zu ersetzen. Ich füge nur Kapitel hinzu, mehr Details. Meine Arbeit rückt etwas an seinen Platz, das dort bnisher vielleicht fehlte».
Seit den frühen 1980er-Jahren setzt sich seine Malerei mit der westlichen Tradition der Historienmalerei auseinander und hinterfragt deren Leerstellen und Ausschlussmechanismen. Kunsthistorische Referenzen verbinden sich mit Motiven aus Popkultur, politischer Geschichte, afro-amerikanischem Alltag und persönlichen Erinnerungen zu komplexen Bildräumen von hoher erzählerischer Dichte.
Mittlerweile ist Marshall im Kunstmarkt angekommen, seine Bilder erzielen Höchstwerte. «Past Times» wurde 2018 für 21,1 Millionen Dollar versteigert, eine Rekordsumme für einen lebenden afroamerikanischen Künstler. Das auch jetzt im Kunsthaus Zürich zu sehende grossformatige Bild zeigt eine schwarze Familie beim Picknick und interpretiert Manet’s berühmtes Gemälde Frühstück im Grünen. Es impliziert damit, dass schwarze Präsenz im Museum genauso meisterhaft und universell sein kann wie Werke von Manet oder Picasso und bringt die schwarze Kunst auf Augenhöhe: «Ob ich mich für Giotto, Leonardo da Vinci oder Manet interessiere, hat nichts mit dem Aussehen meiner Bilder zu tun. Was zählt, ist allein die Meisterschaft dieser Werke».
Eine fantastische Farbigkeit, Virtuosität und präzise Komposition prägen die Gemälde, in denen Fragen von Macht, Zugehörigkeit und historischer Verantwortung angesprochen werden.
Marshalls Themen spiegeln Situationen der schwarzen Bevölkerung. 1963, mit acht Jahren, zog seine Familie nach Los Angeles, zwei Jahre später brachen die Watts-Unruhen aus, es folgten brachiale Strassenschlachten. Marshall sah alles aus nächster Nähe. Dennoch spricht er ohne Empörung, sondern mit Dankbarkeit für sein Leben.
Kerry James Marshall: «Look – it is all about looking»
Im Gespräch im Kunsthaus Zürich sagt Marshall: «… es ist nicht wichtig, was ich zu den Bildern meine, sondern was Sie selbst sehen und darüber sollten Sie schreiben, man sollte sich die Bilder immer mehrmals anschauen», aus 50 Jahren seines aktiven malerischen Schaffens, «keep it going for the next 50 or 60 years»; hier liegt die Geschichte unserer Ahnen und die der Gegenwart. «Das Bewahren und Weitergeben», so Direktorin Ann Demeester, «ist immens wichtig als Impact, Wissen und Expertisen zu vermitteln».
Die grossformatigen monumentalen Gemälde zeigen alltägliche Szenen neben historischen Momenten wie die Erinnerung an John F. und Robert Kennedy; die Szenen, eingewoben in den Alltag, muten wie ein Standbild aus einem laufenden Film an, so lebendig und persönlich wirkt die Bildsprache, die Augen im Bild suchen den Blickkontakt und folgen einem durch den Raum, magisch und mysteriös. Eine fantastische, berückende und bestechende Ausstellung! Und es ist ein frappanter Unterschied, ob man die Bilder in der Presse oder in einem Katalog sieht oder persönlich direkt in der Ausstellung.
Das Kunsthaus Zürich zeigt die erste gross angelegte Überblicksschau des Künstlers im deutschsprachigen Raum mit zentralen Arbeiten aus verschiedenen Schaffensphasen sowie neuen Gemälden.
Die Ausstellung ist eine Kooperation mit der Royal Academy of Arts, London, und dem Musée d’Art Moderne de Paris und wurde unter der Leitung von Mark Godfrey in Zusammenarbeit mit den beteiligten Institutionen realisiert, darunter Cathérine Hug für das Kunsthaus Zürich, unterstützt von David Zwirner.
Katalog und Vermittlung
Zur Ausstellung erscheint ein reichhaltiger Katalog mit Beiträgen von Benjamin H. D. Buchloh, Aria Dean, Darby English, Mark Godfrey, Madeleine Grynsztejn, Cathérine Hug, Nikita Sena Quarshie, Rebecca Zorach. Hirmer Verlag, 256 Seiten, 170 Abb., im Kunsthaus Shop erhältlich, CHF 52.
Öffentliche Führungen: März/Mai/Juli: sonntags 11 Uhr, April/Juni/August: donnerstags 18.30 Uhr. Englisch: Samstag, 4. April und 4. Juli, 11 Uhr, Französisch: Samstag, 9. Mai, 11 Uhr.
Infos auf www.kunsthaus.ch.