Der afro-amerikanische Künstler Kerry James Marshall, *1955 Birmingham, Alabama, lebt in Chicago
Plunge, 1992, © Foto by Jack Hems
Queen, 2014 © Kerry James Marshall
Painter, 2008 © Kerry James Marshall
Haul, 2025 ©Kerry James Marshall, Courtesy oft he artist and David Zwirner, London. Foto by Jack Hems
The Club, 2011-12, © Kerry James Marshall, Courtesy the artist and David Zwirner. Foto by Jack Hems
De Style, 1993, Los Angeles County Museum of Art. ©Kerry James Marshall. Foto by Jack Hems
Kerry James Marshall mit Gastkurator Mark Godfrey im Kunsthaus Zürich am 26. Februar 2026
Kerry James Marshall, Kunsthaus Zürich: Grosse Retrospektive „The Histories“
Kunsthaus Zürich: Marisol, The Car, 1964
Marisol, Tea for Three, 1968
Marisol, La Visita, 1964
Direktorin Ann Demeester, Marisol, The Jazz Wall, 1963
Die US-amerikanisch-venezolanische Künstlerin Marisol
Farbenprächtige Retrospektive Kerry James Marshall: «The Histories» im Kunsthaus Zürich
Von Ingrid Isermann
Das Kunsthaus Zürich präsentiert mit der Retrospektive «The Histories» den US-amerikanischen Künstler Kerry James Marshall (*1955 Birmingham, Alabama), der in seinen Werken die Lebenswelten von Afroamerikanern in den Mittelpunkt stellt. Mit seiner Bildsprache beeinflusste er eine Reihe junger schwarzer Künstlerinnen und Künstler.
Marshall, in Los Angeles aufgewachsen, lebt heute in Chicago und gilt als einer der wichtigsten Maler unserer Zeit. Seine Werke besitzen eine Präsenz, die sofort Aufmerksamkeit erweckt, sie erzählen vom Leben und der Geschichte schwarzer Amerikaner:innen.
Seine Figuren sind schwarz, doch das Schwarz, das er auf die Leinwand bringt, ist durchdrungen von einem inneren Leuchten: «Ich versuche, die schwarzen Farben ebenso komplex zu machen, wie jede anderen Farbe auf der Palette, die ich verwende. Früher glaubten viele Künstler, man dürfe in einem Gemälde nie Schwarz verwenden, weil es nicht als Farbe galt. In der kulturellen Identität schwarzer Amerikaner hingegen wurde Schwarz zum Symbnol für Macht; die Farbe bekam eine rhetorische Funktion, denkt man an die Black-Power-Bewegung oder die Black Panther Party.
Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, wie komplex das alles ist. Ich begann, die Schwarztöne mit Weiss zu mischen, um eine Skala von Tonwerten zu erhalten. Das chromatische Arbeiten kam später. Da geht es nicht um hell oder dunkel, sondern um warm oder kalt». Und: «Meine Bilder handeln nicht vom Schwarzsein. Die Menschen darin sind einfach schwarz».
«Histories» – der Blick auf die Geschichte
«Histories» («Geschichte/n») ist die grösste Schau Marshalls ausserhalb der USA. Der Künstler hat dafür eigens neue Bilder gemalt, darunter das monumentale «Haul» (2025), sein bisher grösstes Werk. Es zeigt eine Frau auf einem Boot voller Luxusgüter und rührt an ein Tabu, die Beteiligung von Afrikanern am Sklavenhandel. Die Bilder sind durchdrungen von Erfahrungen, Schmerz, Hoffnung, vor allem aber sprühender Lebendigkeit.
Zum Titel «Histories» sagt der Künstler: «Ich schreibe die Geschichte nicht um. Mir geht es nicht darum, das eine durch das andere Kapitel zu ersetzen. Ich füge nur Kapitel hinzu, mehr Details. Meine Arbeit rückt etwas an seinen Platz, das dort bnisher vielleicht fehlte».
Seit den frühen 1980er-Jahren setzt sich seine Malerei mit der westlichen Tradition der Historienmalerei auseinander und hinterfragt deren Leerstellen und Ausschlussmechanismen. Kunsthistorische Referenzen verbinden sich mit Motiven aus Popkultur, politischer Geschichte, afro-amerikanischem Alltag und persönlichen Erinnerungen zu komplexen Bildräumen von hoher erzählerischer Dichte.
Mittlerweile ist Marshall im Kunstmarkt angekommen, seine Bilder erzielen Höchstwerte. «Past Times» wurde 2018 für 21,1 Millionen Dollar versteigert, eine Rekordsumme für einen lebenden afroamerikanischen Künstler. Das auch jetzt im Kunsthaus Zürich zu sehende grossformatige Bild zeigt eine schwarze Familie beim Picknick und interpretiert Manet’s berühmtes Gemälde Frühstück im Grünen. Es impliziert damit, dass schwarze Präsenz im Museum genauso meisterhaft und universell sein kann wie Werke von Manet oder Picasso und bringt die schwarze Kunst auf Augenhöhe: «Ob ich mich für Giotto, Leonardo da Vinci oder Manet interessiere, hat nichts mit dem Aussehen meiner Bilder zu tun. Was zählt, ist allein die Meisterschaft dieser Werke».
Eine fantastische Farbigkeit, Virtuosität und präzise Komposition prägen die Gemälde, in denen Fragen von Macht, Zugehörigkeit und historischer Verantwortung angesprochen werden.
Marshalls Themen spiegeln Situationen der schwarzen Bevölkerung. 1963, mit acht Jahren, zog seine Familie nach Los Angeles, zwei Jahre später brachen die Watts-Unruhen aus, es folgten brachiale Strassenschlachten. Marshall sah alles aus nächster Nähe. Dennoch spricht er ohne Empörung, sondern mit Dankbarkeit für sein Leben.
Kerry James Marshall: «Look – it is all about looking»
Im Gespräch im Kunsthaus Zürich sagt Marshall: «… es ist nicht wichtig, was ich zu den Bildern meine, sondern was Sie selbst sehen und darüber sollten Sie schreiben, man sollte sich die Bilder immer mehrmals anschauen», aus 50 Jahren seines aktiven malerischen Schaffens, «keep it going for the next 50 or 60 years»; hier liegt die Geschichte unserer Ahnen und die der Gegenwart. «Das Bewahren und Weitergeben», so Direktorin Ann Demeester, «ist immens wichtig als Impact, Wissen und Expertisen zu vermitteln».
Die grossformatigen monumentalen Gemälde zeigen alltägliche Szenen neben historischen Momenten wie die Erinnerung an John F. und Robert Kennedy; die Szenen, eingewoben in den Alltag, muten wie ein Standbild aus einem laufenden Film an, so lebendig und persönlich wirkt die Bildsprache, die Augen im Bild suchen den Blickkontakt und folgen einem durch den Raum, magisch und mysteriös. Eine fantastische, berückende und bestechende Ausstellung! Und es ist ein frappanter Unterschied, ob man die Bilder in der Presse oder in einem Katalog sieht oder persönlich direkt in der Ausstellung.
Das Kunsthaus Zürich zeigt die erste gross angelegte Überblicksschau des Künstlers im deutschsprachigen Raum mit zentralen Arbeiten aus verschiedenen Schaffensphasen sowie neuen Gemälden.
Die Ausstellung ist eine Kooperation mit der Royal Academy of Arts, London, und dem Musée d’Art Moderne de Paris und wurde unter der Leitung von Mark Godfrey in Zusammenarbeit mit den beteiligten Institutionen realisiert, darunter Cathérine Hug für das Kunsthaus Zürich, unterstützt von David Zwirner.
Katalog und Vermittlung
Zur Ausstellung erscheint ein reichhaltiger Katalog mit Beiträgen von Benjamin H. D. Buchloh, Aria Dean, Darby English, Mark Godfrey, Madeleine Grynsztejn, Cathérine Hug, Nikita Sena Quarshie, Rebecca Zorach. Hirmer Verlag, 256 Seiten, 170 Abb., im Kunsthaus Shop erhältlich, CHF 52.
Öffentliche Führungen: März/Mai/Juli: sonntags 11 Uhr, April/Juni/August: donnerstags 18.30 Uhr. Englisch: Samstag, 4. April und 4. Juli, 11 Uhr, Französisch: Samstag, 9. Mai, 11 Uhr.
Infos auf www.kunsthaus.ch.
Retrospektive MARISOL – Zwischen Pop Art und Nouveau Réalisme
Vom 17. April bis 23. August 2026 widmet das Kunsthaus Zürich der US-amerikanischen Künstlerin venezolanischen Ursprungs María Sol Escobar (1930–2016), bekannt unter dem Namen Marisol, die erste Retrospektive in Europa. Die Ausstellung umfasst fünf Schaffensjahrzehnte und macht ein aussergewöhnliches Werk neu erfahrbar, das Popkultur, Satire und gesellschaftliche Analyse auf eindringliche Weise verbindet.
Marisol zählte in den 1960er-Jahren zu den enigmatischsten Persönlichkeiten der New Yorker Kunstszene. Ihre oft lebensgrossen bemalten Holzskulpturen, die sie mit Alltagsgegenständen kombinierte, sorgten für Furore. Sie verband Elemente der Popkultur, des Dada und der Volkskunst mit Selbstporträts und schuf unverwechselbare, häufig satirische Ensembles. Andy Warhol, mit dem sie eng befreundet war und der sie in mehreren seiner Filme auftreten liess, nannte sie die «erste Künstlerin mit Glamour».
Marisols radikale Kunst verhandelt zentrale Fragen des 20. und 21. Jahrhunderts: die Rolle der Frau in der westlichen Gesellschaft, das traditionelle Familienbild, soziale Ungleichheit, kapitalistische Strukturen, den Umgang mit politischer Macht und Celebrities. Mit Ironie und Präzision entlarvt sie gesellschaftliche Inszenierungen und entwirft zugleich vielschichtige Selbstbilder. Die Ausstellung bringt eine Künstlerin ins europäische Bewusstsein zurück, deren Werk heute aktueller erscheint denn je.
Zwischen Kontinenten und Biografien
Marisols Biografie ist geprägt von Bewegung zwischen Kontinenten und Kulturen. Geboren 1930 in Paris als Tochter wohlhabender venezolanischer Eltern, verbrachte sie ihre Kindheit zwischen Europa, Venezuela und den Vereinigten Staaten. Früh erlebte sie einschneidende Brüche: Mit elf Jahren verlor sie ihre Mutter durch Freitod. In der Folge sprach sie über ein Jahrzehnt lang nur das Nötigste. Ihr zurückhaltendes, geheimnisvolles Auftreten trug später wesentlich zu ihrer Faszination innerhalb der New Yorker Szene bei.
1949 begann Marisol ihr Studium an der École des beaux-arts in Paris, wechselte jedoch bald nach New York, wo sie unter anderem die Hans Hofmann School besuchte. Vieles eignete sie sich autodidaktisch an. 1957 zeigte Leo Castelli ihre erste Einzelausstellung in New York. Den Durchbruch erzielte sie mit Ausstellungen in der Stable Gallery 1962 und 1964. In der Galerie von Sidney Janis wurde sie neben Kunstschaffenden wie Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg, Andy Warhol, Daniel Spoerri, Jean Tinguely und Niki de Saint Phalle präsentiert.
Ihr Werk bewegt sich zwischen US-amerikanischer Pop Art und europäischem Nouveau Réalisme, ohne sich je eindeutig einer Strömung zuordnen zu lassen. Früh entwickelte sie eine eigenständige, unverkennbare Formensprache. Mehrfach zierten ihre Arbeiten die Titelseite des «Time Magazine» und anderer Zeitschriften.
Marisol und Europa
Auch in Europa erregte Marisol früh Aufmerksamkeit. 1967 zeigte die Galerie Hanover in London unter dem Titel «Figures of State» mehrere neue Arbeiten, darunter «The Royal Family». Zuvor hatte «The Daily Telegraph» sie eingeladen, ein plastisches Porträt der britischen Königsfamilie und des damaligen Premierministers Harold Wilson zu schaffen. Die daraus entstandenen ganzfigurigen Skulpturen verbinden Leichtigkeit mit subtil bissigem Humor.
1968 vertrat Marisol Venezuela an der 34. Biennale von Venedig mit acht Ensembles, die sich unter anderem kritisch mit der Rolle der Frau in der westlichen Gesellschaft auseinandersetzen. Im selben Jahr war sie eine von nur vier Frauen unter 150 Kunstschaffenden an der documenta in Kassel. Ebenfalls 1968 zeigte das Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam die erste – und bisher letzte – monografische Museumsausstellung der Künstlerin in Europa.
Die weltweiten Proteste von 1968 und deren gewaltsame Niederschlagung führten dazu, dass sich Marisol vorübergehend aus dem Kunstbetrieb zurückzog. Sie reiste durch Südasien, beschäftigte sich intensiv mit östlicher Philosophie und entdeckte beim Tauchen die Unterwasserwelt als neues Bildthema. Dabei setzte sie sich zunehmend mit ökologischen Fragestellungen auseinander.
Ab den 1970er-Jahren mied sie das Rampenlicht, arbeitete jedoch kontinuierlich weiter. Neben Skulpturen entstanden Zeichnungen, Druckgrafiken, Fotografien sowie Bühnenbilder und Kostüme für Tanzkompagnien. Später realisierte sie auch Denkmäler für den öffentlichen Raum. Trotz ihrer anhaltenden Produktivität geriet sie zunehmend in Vergessenheit.
Erst die Aufarbeitung ihres Nachlasses, den sie dem Buffalo AKG Art Museum vermachte, führte in Nordamerika zu einer umfassenden Neubewertung. Von 2023 bis 2025 war dort eine vielbeachtete monografische Wanderausstellung in Montreal, Toledo, Buffalo und Dallas zu sehen, initiiert und kuratiert von Cathleen Chaffee, Charles Balbach Chief Curator am Buffalo AKG Art Museum.
Erste grosse Retrospektive in Europa
Im Anschluss an diese Präsentation realisierten das Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk, das Kunsthaus Zürich, das Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam, und das Museum der Moderne Salzburg gemeinsam die erste umfassende Retrospektive von Marisols Œuvre in Europa. Die Ausstellung entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Marisol Estate am Buffalo AKG Art Museum. Die Überblicksschau im Kunsthaus Zürich versammelt rund 100 Werke: etwa 60 Skulpturen und Objekte, rund 40 Arbeiten auf Papier und Fotografien sowie ausgewählte Filme und Archivmaterialien – ein Grossteil davon ist erstmals in Europa zu sehen. Neben ikonischen Hauptwerken werden weniger bekannte Werkgruppen präsentiert, die Marisols formale Innovationskraft und gesellschaftskritische Schärfe verdeutlichen.
Publikation und Rahmenprogramm
Zur Ausstellung erscheint eine reich bebilderte, von Lena Huber gestaltete Publikation in deutscher und englischer Sprache, die erstmals den Fokus auf Marisol und Europa legt. Beiträge von Cathleen Chaffee, Sandra Gianfreda, Lisa Ortner-Kreil, Esmee Postma und Marijana Schneider beleuchten unterschiedliche Aspekte ihres Werks und seiner Rezeption. Die Publikation ist im Shop zum Preis von CHF 48 erhältlich.
Öffentliche Führungen finden statt: April und August: Fr 15 Uhr und So 11 Uhr, Mai und Juli: Do 18.30 und So 13 Uhr, Juni: Do 18.30 und So 11 Uhr. Auf Englisch: Sa 13. Juni, 11 Uhr, auf Französisch: Sa 27. Juni, 11 Uhr.
www.kunsthaus.ch