FRONTPAGE

«Amazing: Amanda Gorman – The Hill We Climb»

Von Ingrid Isermann

 

Sie war die Überraschung an der Inaugurationsfeier von Joe Biden, des 46. Präsidenten der USA, am 20. Januar 2021, als Amanda Gorman im gelb leuchtenden Kleid und rotem Haarschmuck das Podium erklomm und mit ihrem lyrischen Vortrag «The Hill We Climb» Amerika begeisterte. Ein historischer Auftritt, wenige Wochen nach dem Sturm aufs Capitol, auf den ihr Langgedicht Bezug nimmt.

In der Lyrik scheint Pathos verpönt und so hörte man staunend dieses flammende Bekenntnis zu einem Amerika, das noch nicht vollendet und perfekt sei, sondern wachsen kann und was es mit seinen Menschen macht und ausmacht.

Die deutsche Übersetzung dieses patriotischen Manifestes wurde zu einem Eklat, indem die erste Übersetzerin wieder ausgeladen wurde.
Social oder political correctness verlangten angeblich eine schwarze Übersetzerin, als ob gerade Lyrik und Kunst nicht grenzenlos wären.
Nun wurden drei Fachkräfte gesucht und beauftragt, das Poem der 23jährigen Dichtern, geboren 1998 in Los Angeles, in die deutsche Sprache zu überführen.

 

Herausgekommen ist ein in weiten Teilen braves sprachliches Idiom, das nicht an den flammenden, lustvollen und rebellischen Originaltext heranreicht. Schon der Titel ist flügellahm, statt dem wie in der Ferne verheissenen eleganten «The Hill We Climb», heisst es nun lapidar: «Den Hügel hinauf», wie eine müde Wandergruppe, die zuletzt noch auf den Hügel gescheucht wird.

 

Umgekehrt wäre wohl aktiver, das Adverb mit Präposition voranzustellen: «Hinauf auf den Gipfel (oder Hügel)». Obwohl auch hier das «wir» verloren geht. Nicht nur die Poesie blieb auf der Strecke, auch die wortgetreue Ubersetzung der stimmungsreichen Metaphern. So lässt man am besten den englischen Text auf sich wirken und den deutschen Text beiseite, der holprig und kantig daherkommt, oder übersetzt das Original für sich selbst.

 

Dass die junge Dichterin viel Aufmerksamkeit erregte, ist das eigentlich Wunderbare an der Geschichte. Und diese kurze Episode hat bereits Auswirkungen in klingender Münze. Die zweisprachige Ausgabe des Gedichtes liegt in hoher Auflage vor. Amanda Gorman wird keine Mühe haben, für ihre Gedichte einen Verlag zu finden.

 

Dabei sind wir täglich im Radio umgeben von «lyrics», so werden die Songtitel englisch genannt. Vertonte Texte sind auch Lyrik, denkt man an die Songs der Beatles wie «Yesterday» oder «Imagine» von John Lennon oder Bob Dylans «Blowin’ in the wind». Dylan erhielt für seine Songbooks zum Erstaunen vieler Kritiker den Literaturnobelpreis.

 

Also alles eine Sache der Definition? Nicht ganz, denn berühren sollte aussagekräftige Lyrik schon und womöglich auch zum (Nach)denken anregen, neben den Nachrichten, die uns täglich erreichen, und die durch die lyrics erträglicher werden.

 

 

When day comes, we ask ourselves:

Where can we find light

In this never-ending shade?

The loss we carry, a sea we must wade.

 

Ein neuer Tag, und wir fragen uns,

wie Licht ins

nicht enden-wollende Dunkel kommt.

Unsere Verluste fassen, ein Meer durchmessen.

(deutsche Übersetzung)

 

 

We’ve braved the belly of the beast.

We’ve learned that quiet isn’t always peace,

And the norms and notions of what «just is»

                                             Isn’t always justice.

 

 

Wir haben tief in den Abgrund geblickt.

Wir haben gesehen, dass Ruhe nicht immer

gleich Friede ist,

unsere Anschauung und Auslegung dessen,

was scheinbar recht ist, nicht immer gerecht.

(deutsche Übersetzung)

 

 

Variante:

Wir haben das Chaos gezähmt.

Wir haben gelernt, dass Stillschweigen nicht immer Friede ist.

Und die Normen und Notationen von Recht nicht immer 

gerecht sind.

                                                         

 

And yet the dawn is ours before we knew it.

                                              Somehow, we do it.

Somehow, we’ve weathered and witnessed

A nation that isn’t broken, but simple

   unfinished.

 

 

We, the successors of a country and a time

Where a kinny Black girl,

Descended from slaves and raised by a

  single mother,

Can dream of becoming president,

Only to find herself reciting for one.

 

 

And yes, we are far from polished,

    far from pristine.

But this doesn’t mean we’re striving to

  form a union that is perfect.

We are striving to forge our union with

  purpose.

 

 

To compose a country committed

To all cultures, colors, characters.

And conditions of man.

And so we lift our gazes not

To what stands between us,

But what stands before us.

We close the divide,

Because we know to put

Our future first, we must first

Put our differences aside. 

 

(Auszug)

 

Amanda Gorman, US-amerikanische Lyrikerin und Aktivistin, wurde 1998 in Los Angeles geboren und setzt sich für soziale Gerechtigkeit, Gendergleichheit und gegen Rassismus und Unterdrückung ein. 2017 wurde sie zur ersten National Youth Poet Laureate der USA ernannt. Am 20. Januar 2021 trug sie bei der Amtseinführung des 46. Präsidenten der USA, Joe Biden, als jüngste Inaugurationsdichterin in der Geschichte des Landes ihr Gedicht «The Hill We Climb» und wurde damit weltberühmt.

 

 

Amanda Gorman
The Hill We Climb
Den Hügel hinauf
Englisch/deutsch
Aus dem Amerikanischen Uda Strätling,
Hadija Haruna-Oelker, Kübra Gümsay
Mit einem Vorwort von
Oprah Winfrey
Hoffmann & Campe, Hamburg 2021
Hardcover, 83 S.
CHF 15.90. € 10.

 

 

 

«Walle Sayer: Nichts, nur»

 

Die Gedichte und Miniaturen Walle Sayers sind Lesebuch, Querschnitt und Zwischensumme in einem. Nichts, nur der Vollmond, der sich spiegelt im ruhigen Wasser…

 

Nichts, nur

Nichts, nur der Vollmond, der sich spiegelt im ruhigen Wasser, ein in den See entrichteter Oolus der Nacht. Nichts, nur ein paar Raben, Funktionäre der Farbe Schwarz, hocken im Geäst, zerkrächsen die Sicht. Nichts, nur die Runde am Nebentisch, Schaumkronen setzen sie sich auf, erlassen ihre Edikte, danken ab. Nichts, nur: diese Tonfolge, dieser Auftakt.

 

 

Gesuch

An der Steige,

hinter der Kurve gleich,

Schauplatz, auf dem nichts geschieht,

ausser dass Dachsparren sich versteckt halten

im Stamminneren der hochgewachsenen Bäume,

die es schon gab, bei den Strassenarbeiten,

als im Geröll des nahen Hanges

Überreste ausgegraben wurden:

eiszeitliche, eines Mammutschädels,

ungefähr genau an dieser Stelle,

im Lufthauch der Geschwindigkeiten,

wo eine Ruhe sich jetzt ausruht,

und ich stehen möcht

und warten, bis ich

weiss worauf

 

 

 

Omen

Es ist nichts,

es bedeutet nichts,

ist doch ein vergessenes

Photo nur, liegengeblieben

auf der Fensterbank, wo es

die Sonne anzieht, sich wellt,

ein rückentwickeltes Negativ

eines gestellten Augenblicks,

auf dem am Abend kaum noch

etwas zu erkennen ist, nur

Körperumrisse, zerfliessende

Farben, unser Lachen als

Schattenablagerung.

 

Walle Sayer, 1960 in Bierlingen bei Tübingen geboren, lebt in Horb am Neckar. Er veröffentlicht Gedichte und Prosa seit 1984. Walle Sayer erhielt namhafte Stipendien und Auszeichnungen, u.a. den Berthold-Auerbach-Preis, den Thaddäus-Troll-Preis, zuletzt 2020/21 das Jahresstipendium des Deutschen Literaturfonds. Er ist Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller und im deutschen PEN.

 

 

Walle Sayer

Nichts, nur

Gedichte und Miniaturen

Verlag Kröner, Stuttgart 2021

Hardcover geb., 240 S.,

CHF 36.90. € 28.

ISBN 978-3-520-75501-9

 

 

 

 

 

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