FRONTPAGE

«Oliviero Toscani im Museum für Gestaltung: Fotografie & gewagte Provokation»

Von Ingrid Isermann

Oliviero Toscani (*1942 in Mailand) hat als Fotograf, Creative Director und Bildredaktor mit seinem furiosem Engagement die Werbekommunikation neu geprägt. Die erste Retrospektive seines Schaffens und noch nie gezeigte Fotoarbeiten sind jetzt im Museum für Gestaltung Zürich zu sehen.

Die Ausstellung umfasst Toscanis gesamtes Werk und bietet Anlass, gesellschaftliche Konventionen und aktuelle Themen wie Gender, Rassismus, Ethik und Ästhetik zu diskutieren. Seine (Nackt)-Bilder erregten Aufsehen, erschüttern und empören, denn der italienische Fotograf  Oliviero Toscani ist überzeugt: «Provokation ist etwas Gutes, wir brauchen gesellschaftliche Auseinandersetzungen».
 
Toscanis Vater, Fedele Toscani, war Fotoreporter der Tageszeitung  Corriere della Sera und schenkte seinem Sohn bereits im Alter von sechs Jahren seine erste Kamera. Von 1961 bis 1965 studierte Toscani Fotografie und Grafik an der Kunstgewerbeschule Zürich, ohne Deutsch sprechen zu können. Noch als Student gewinnt Toscani 1964 einen internationalen Wettbewerb der Fluggesellschaft Pan Am. Er wird First Class nach New York eingeflogen und landet mit dem Helikopter auf dem Firmensitz an der Park Avenue. Im Auftrag von Pam Am wird er die ganze Welt bereisen. New York eröffnet ihm völlig neue Perspektiven, er taucht in die «Street Photography» ein und wird Teil der legendären Factory von Andy Warhol. In Harlem und in der Bronx richtet er sein Augenmark auf die Strassenszenen der Black Community.  Für die «Uomo Vogue» schiesst er Aufnahmen exklusiv mit schwarzen Models. Nachts besucht er die angesagten Clubs, wo die Cebrebritys wie Lou Reed, Robert Rauschenberg und Patti Smith verkehren; er fotografiert die Homosexuellenszene wie niemand zuvor.

Anschliessend arbeitete Toscani für Modezeitschriften wie Elle und Vogue. In Europa etabliert sich Toscani als Werbe- und Modefotograf, der die visuelle Provokation zu seinem Markenzeichen machte. «Das Porträt ist eines meiner Lieblingsthemen, egal wer vor der Linse steht. Dabei ist der Blick das Wichtigste˚, sagt Toscani.

 

Die «Jesus Jeans»
Erste Aufmerksamkeit erlangte Toscanis Gestaltung einer Werbekampagne für die italienische Marke Jesus Jeans von 1973. Das Plakat zeigt die Hinterseite der mit engen Hot Pants bekleideten Donna Karan mit dem doppeldeutigen Slogan: Chi mi ama mi segua (Wer mich liebt, folgt mir), ein Jesus Christus zugeschriebener Ausspruch, was in italienischen Kreisen stürmische Proteste hervorrief.

 

Die Jahre bei Benetton
Die italienische Modemarke Benetton plante Anfang der 1980er Jahre ihre internationale Expansion. Als Gestalter der dazugehörigen Werbekampagne wurde 1983 Toscani engagiert. In den folgenden Jahren ihrer Zusammenarbeit wurden Bennetton und Toscani für ihre kontroversen wie polarisierenden Kampagnen international bekannt. Erste Plakate zeigten unter dem Slogan All the colours of the world in bunte Benetton-Pullover gekleidete Kinder verschiedener Hautfarben. Ab 1985 änderte Benetton seinen Markennamen selbst  in United Colors of Benetton.

 

Rassismus war wiederholt Thema von Toscanis Bildern, besonders kontrovers rezipiert wurde etwa Toscanis Fotografie einer schwarzen Frau, die ein weisses Baby stillt (Kampagne vom Herbst/Winter 1989). Anfang der 1990er Jahre verwendete Toscani für die Benetton Werbekampagnen auch vorhandene Pressefotografien, wie ein überladenes Flüchtlingsschiff vor der albanischen Küste. In späteren Kampagnen setzten sich diese sozialkritischen und kontroversen Bilder fort, etwa in den Fotografien nackter Körperteile mit dem Stempelaufdruck ‚H.I.V. positive‘. Seine Fotos mit Magersüchtigen wurden stark kritisiert, wobei Toscani ein relativierender Umgang mit Kritik vorgeworfen wurde. Als sich nach einer Werbekampagne im Jahr 2000 mit grossen Porträtaufnahmen von zum Tode verurteilten Gefängnisinsassen in den USA in Verbindung mit Bennetton ein Sturm der Entrüstung erhob, verliess Toscani Benetton. Von Ende 2017 bis Anfang 2020 arbeitete Toscani wieder für Benetton.

Mit seinen herausfordernden, zeitkritischen Themen und eindrücklichen Fotografien hat Olivier Toscani nicht nur für die Werbekommunikation Geschichte geschrieben.

 

 

Ausstellung 12.April – 15. September 2024
Programm und Info:
museum-gestaltung.ch

Museum für Gestaltung Zürich
Ausstellungsstrasse 60, 8005 Zürich
Tram 4 / 13 / 17 Haltestelle Museum für Gestaltung
Das Museum der Zürcher Hochschule der Künste, zhdk.ch

 

 

Filmtipps

 
 
Sidonie in Japan
Frühlingsblüten, Geister, Schreine und Tempel in Japan. In der eleganten RTS-Koproduktion «Sidonie au Japon» zeigt die französische Regisseurin Élise Girard Isabelle Huppert als weltgewandte, kosmopolitische Autorin mit einer geheimnisvollen Aura. Sidonie Perceval (Isabelle Huppert) ist eine renommierte Schriftstellerin, die für die Neuauflage ihres ersten Buches nach Japan eingeladen wird, dessen Sitten ihr vollkommen fremd sind. Ihr dortiger Lektor Kenzo Mizoguchi (Tsuyoshi Ihara) empfängt sie und nimmt sie mit auf eine Reise durch den japanischen Frühling nach Kyoto, der Stadt der Schreine und Tempel. Mit dem Schreiben begonnen hatte sie, um den Unfalltod ihrer Eltern und ihres Bruders zu verarbeiten. Die junge Sidonie nutzte die Trauer als Motor, um ihre Karriere voranzutreiben. Nun jedoch fühlt sie sich von der Trauer blockiert, denn seit die gefeierte Autorin ihren Gatten Antoine (August Diehl) verloren hat, bringt sie nichts mehr zu Papier. Der Geist ihres Mannes verfolgt Sidonie in Japan und sie erkennt schliesslich, dass sie die Vergangenheit loslassen muss, um wieder lieben zu können. Keine andere Schauspielerin gewann soviele Preise an grossen Festivals wie Isabelle Huppert, zweimal in Cannes und Venedig sowie mit dem Goldenen Ehrenbären auch in Berlin, dazu drei Europäische Filmpreise, zwei Césars und ein Golden Globe. Es fehlt nur noch ein Oscar.

 

Sterben. Regie und Drehbuch Matthias Glasner.
Ein mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnetes Familiendrama. Ein Thema, das unzweifelhaft alle angeht, ist das Sterben. Der Tod ist das grösste existenzielle Rätsel, das jeden Menschen betrifft, nicht umsonst sind Krimis die beliebtesten Sendungen im TV. Filmemacher Matthias Glasner hat sich dem Thema Sterben autobiografisch angenähert, die Demenz seines eigenen Vaters, ein Gespräch mit seiner Mutter und die kurz nacheinander verstorbenen Eltern haben ihn dazu motiviert. In der wohl bedeutsamsten Szene des Films erklärt Lissy (Corinna Harfouch) ihrem Sohn Tom (Lars Eidinger) in der Küche bei Kaffee und Kuchen, nachdem Tom die Beerdigung seines Vaters (Hans-Uwe Bauer) verpasst hat, dass auch sie bald an Krebs sterben werde und vom Diabetes sei ihr Zeh praktisch verfault, auch die Nieren würden versagen. Der schlechten Nachrichten nicht genug, gesteht sie ihm, dass sie ihn als Baby einmal fallen gelassen habe und sich ihm nie nahe gefühlt habe. Der Nachwuchsdirigent Tom hat eigentlich genug zu tun mit seinem eigenen komplizierten Beziehungsleben, er ist nicht der Vater des Kindes einer Exfreundin, hat eine Affäre mit der Orchesterassistentin und unterstützt seinen suizidgefährdeten Freund Bernard (Robert Gwisdek), dessen Sinfonie «Sterben» Tom zur Aufführung bringen soll. Seine alkoholabhängige Schwester Ellen (Lilith Stangenberg), die als Zahnarztgehilfin mehr schlecht als recht über die Runden kommt, beansprucht ebenfalls seine Aufmerksamkeit. Glasners Gratwanderung über die Klippen des dreistündigen Familiendramas hat berührende Szenen, die niemanden kalt lassen.

 

White Bird
Filmdrama von Marc Forster. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Jugendbuch von Raquel J. Palacio, das 2019 auch als Graphic Novel und Hörbuch veröffentlicht wurde. Teenager Julian Albans (Bryce Gheisar) gerät immer wieder in Schwierigkeiten, zuletzt wurde er der Schule verwiesen, weil er einen Mitschüler gemobbt hatte. Als seine Eltern in New York unangekündigten Besuch von Grossmutter Sara (Helen Mirren) bekommen, einer gefeierten Künstlerin, die in Manhattan eine Retrospektive im Museum veranstaltet, erzählt sie ihrem Enkel ihre eigene mutige Geschichte, um ihm eine Lektion zu erteilen, von einem im Elsass lebenden jüdischen Mädchen (Ariella Glaser), das nach der Deportation der Eltern im Herbst 1942 von der Familie eines Klassenkameraden versteckt wird. Als sie 15 Jahre alt im Alter ihres Enkels war, lebte sie in einer Stadt im Elsass in Frankreich, wo die Nazis immer präsenter wurden, ebenso wie der Antisemitismus. Saras Mutter Rose (Olivia Ross) glaubte nicht, dass ihre Familie von einer Deportation in ein Vernichtungslager betroffen sein könnte, doch sie irrte sich. Die Besatzer trieben alle jüdischen Einwohner zur Deportation zusammen. Obwohl Saras Lehrerin Mile Petitjean (Patsy Ferran) gemeinsam mit Pastor Luc (Stuart McQuarrie) versucht, die Schüler in Sicherheit zu bringen und sie im Wald verstecken, werden sie vom angehenden Faschisten und Nazi-Kollaborateur Vincent (Jem Matthesws), der eigentlich Saras Schwarm war, verraten. Sie kann einer Gefangennahme nur durch die Hilfe ihres Klassenkameraden Julien Beaumier (Orlando Schwerdt) entgehen, mit dem sie bisher kaum gesprochen hatte. Der Junge leidet an Kinderlähmung und wird wegen seiner Gehbehinderung von allen nur „Tourteau“, Krabbe, genannt. Dessen Eltern (Gillian Anderson, Jo Stone-Fewings) heissen Sara in ihrer Familie willkommen. Da sie vermuten, ihre Nachbarn könnten Sympathisanten der Nazis sein, verstecken sie Sara in ihrer Scheune. Sara freundet sich mit Julien an, der ihr Vertrauter wird und hilft, über die schwere Zeit hinwegzukommen. Gemeinsam schaffen sie sich eine Traumwelt und träumen von besseren Zeiten. Von einigen Filmkritikern als Kitsch abgetan, ist dieser anrührende Spielfilm von Regisseur Marc Forster in einer Zeit des aufstrebenden Antisemitismus auch ein Weckruf an die sonst so vernehmlichen woke-Befürworter.

 
Imaginäre Freunde (Originaltitel IF)

Fantasy-Komödie von John Krasinski. Bea (Cailey Fleming) taucht gemeinsam mit ihrem verrückten Nachbarn Cal in die unglaubliche Welt der imaginären Freunde, ein. Nur die beiden scheinen die Fähigkeit zu besitzen, diese Wesen sehen zu können. Dabei lernen sie Abenteurer und viele Gestalten kennen, die sie auf eine Reise voller Fantasie und Nostalgie mitnehmen, wie der energiegeladene Gigant Blue, die immer alle umsorgende und aufmunternde Schmetterlingsdame Blossom, das tanzbegeisterte Einhorn Eini und der coole Hund Super Dog. Die Kinderdarstellerin Cailey Fleming, bekannt aus der Fernsehserie The Walking Dead, spielt Bea, das Mädchen, das in die Welt der IFs eintaucht. Ryan Reynolds spielt ihren Nachbarn, den verrückten Mann von oben, der sie auf ihrer Reise begleitet. Er tritt neben Andrew Form, Allyson Seeger und dem Regisseur, der Beas Vater spielt, auch als einer der Produzenten des Films in Erscheinung. Catherine Daddario ist in der Rolle von Beas Mutter zu sehen und Fiona Shaw in der Rolle ihrer Grossmutter. Zu den Sprechern der Wesen im Familienfilm gehören Steve Carell als Blue, Phoebe Waller-Bridge als Schmetterlingsdame Blossom, Emily Blunt als das Einhorn Eini, Louis Gossett Jr. als Lewis und Matt Damon als Blume. Der polnische Kameramann Janusz Kamiński arbeitete zuletzt für die Filme Die Verlegerin, Ready Player One, West Side Story und Die Fabelmans von Steven Spielberg. Für seine Arbeit an Spielbergs Schindlers Liste erhielt Kamiński einen Oscar.

 

Bolero – Biopic von Maurice Ravel
Wer kennt sie nicht, die mitreissende Melodie «Bolero» von Maurice Ravel, sobald sie im Radio ertönt? Wie sie entstand und unter welchen Umständen, erzählt nun der gleichnamige Film der französischen Regisseurin Anne Fontaine, die selbst in einer von Musik geprägten Atmosphäre aufwuchs. Mit musikalischem Feingefühl und ästhetischen Bildern widmet sie sich in ihrem Spielfilm «Bolero» dem empfindsamen und phantasievollen Komponisten Maurice Ravel (Raphaël Personnaz) hinter dem zeitlosen Meisterwerk, einer losen Adaption von Marcel Marnats 1986 erschienener Monographie Maurice Ravel. 1928, während Paris im Rhythmus der «Roaring Twenties» schwingt, gibt die exzentrische, berühmte Tänzerin Ida Rubinstein (Jeanne Balibar) bei Maurice Ravel die Musik für ihr nächstes Ballett im Palais Garnier in Paris in Auftrag. Sie möchte, dass er seinen „inneren Vulkan“ erweckt und für sie etwas Sinnliches und Erotisches erschafft. Dafür muss der Komponist durch die Seiten seines Lebens blättern, die Misserfolge seiner Anfänge, seine Selbstzweifel, der Bruch durch den Ersten Weltkrieg, das beginnende Industriezeitalter, die unmögliche Liebe zu seiner Muse Misia Sert (Doria Tillier). Ravel taucht tief in sein Innerstes ein, um sein universelles Werk, den «Bolero», zu schaffen. Ein Must für Ravel-Fans.
 

Zwei zu Eins
Zwei zu eins: Deutsche Komödie über ein Trio, das kurz nach der Wende Millionen an jüngst gefundenen Ost-Mark in den Umlauf bringt. Maren (Sandra Hüller), Robert (Max Riemelt) und Volker (Ronald Zehrfeld) sind seit ihrer Kindheit beste Freunde und leben in Halberstadt. Eines Tages im Juli 1990 entdecken sie zufällig, dass in einem alten Schacht in ihrer Nähe die Millionen der ehemaligen DDR eingelagert wurden. Sie beschliessen, das Geld zu stehlen und planen akribisch jeden Schritt, um ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Aber je näher sie ihrem Ziel kommen, desto mehr müssen sie sich fragen, ob es das Risiko wert ist und welche Konsequenzen ihr Handeln haben wird. Der Filmtitel bezieht sich auf den Umtauschkurs der Ostmark in D-Mark am 1. Juli 1990. Acht Monate dauerte es, bis nach dem Fall der Mauer im November 1989 ab dem 1. Juli 1990 die Westmark zum Hauptwährungsmittel in der ehemaligen DDR genutzt wird. Während die Ökonomen aus dem Westen einen Umtauschkurs von 2:1 bevorzugen, fordern die Bürger:innen der DDR auf ihren Montagskundgebungen den Wechselkurs von 1:1. Die Politik willigt ein, bis zu einem bestimmten Geldbetrag den gewünschten Kurs von 1:1 zu wechseln. Hohe Beträge und Betriebe sollen weiterhin am angestrebten 2:1 Kurs festhalten. Das Trio nutzt die Gelegenheit zu ihrem Vorteil. Aus dem Schacht tragen sie heraus, was ihre Hände erlauben und bringen es stückweise in den Umlauf. Doch einer von ihnen übernimmt sich und bringt Geld in Umlauf, dass es zuvor nie gab. Diesen historischen Tag zum Anlass nimmt sich Regisseurin Natja Brunckhorst („Alles in bester Ordnung“) für ihre neue Komödie. Die Dreharbeiten fanden ab Mitte Juli 2023 in Gera statt und wurden nach 31 Drehtagen im August 2023 in Köln beendet. Als Kameramann fungierte Martin Langer. (Kinostart 25. Juli 2024).

 
Love Lies Bleeding
Ein Thriller mit Bodybuilding, Muskelpaketen und Steroiden der britischen Regisseurin Rose Glass. Kristen Stewart in der Rolle der Fitnessstudio-Managerin Lou, die sich von ihrer Vergangenheit mit einem mafiösen Vater (Ed Harris) lösen will und ihren eigenen Weg sucht, zeigt mit Furor ihre Kampfeslust. Die ehrgeizige muskulöse Boybuildnerin Jackie (Katy O’Brian), die in Las Vegas ihren Traum verwirklichen will, verwickelt Lou in handfeste Schwierigkeiten, die sie beide zu Komplizinnen macht. Der Gebrauch von Steroiden führt zu Hallunizationenund aggressivem Verhalten, wobei der Film zwischen Realität und Fiktion oszilliert. Die Story spielt in den 1980ern im Südwesten der USA und zeigt Jackie als queere Midwestern-Woman, die sich aus den Fängen der Gewalt befreien will. Als Lichtblick zeigt der Film die beiden Protagonistinnen, die auf einem Roadtrip in eine gemeinsame Zukunft aufbrechen. Der Film feierte am Sundance Film Festival im Januar 2024 Premiere.
 

C’è ancora domani
Das Erstlingswerk der römischen Schauspielerin Paola Cortellesi als Regisseurin und Drehbuchautorin ist ein veritables Kinowunder, in Italien war «Morgen ist auch noch ein Tag» erfolgreicher als «Barbie» und «Oppenheimer» zusammen. Cortellesis enge Verbindung zu ihrer Grossmutter, einer einfachen Frau ohne höhere Schulbildung, die unter schwierigsten Bedingungen im Zweiten Weltkrieg vier Kinder grossgezogen hat, inspirierte sie zu einer Ode an die Frauen der 1940er-Jahre. In der unruhigen Zeit am Ende des Krieges 1946 erlebt Delia (Paola Cortellesi) mit ihrer Familie das Elend und den Aufschwung Italiens hautnah mit. Delia stellt ihre Rolle als Ehefrau und Mutter nicht in Frage und nimmt sie gegenüber ihrem patriarchalen Mann mit Gleichmut hin. Ivano (Valerio Mastandrea) lässt keine Gelegenheit aus, seiner Frau seine vermeintliche männliche Überlegenheit zu zeigen. Respekt zeigt er nur gegenüber seinem bettlägerigen Vater Sor Ottorino (Giorgio Colangeli). Die einzige Abwechslung für Delia ist ihre Freundin Marisa (Emanuela Fanelli), einer Vertrauten, mit der sie Geheimnisse teilen kann. Als Delia eines Tages ein mysteriöser Brief erreicht, fasst sie den Mut, sich mehr für ihre Zukunft zu wünschen. Der Schwarzweiss-Film schildert authentisch die Nachwehen des Krieges, die Besetzung Roms durch amerikanische Soldaten und die patriarchalische Ungleichheit in den Alltagssituationen, doch mit einem emanzipatorischem Ausblick und dem ersten Stimmrechtstag der Italienerinnen. Sehenswert!

 

Woody Allen: Coup de Chance (Ein Glücksfall)
Ein romantischer Thriller in Paris. Fanny (Lou de Laâge) und ihr Ehemann Jean (Melvil Poupaud) leben in einer glamourösen Haussmann-Wohnung in Paris und verkehren in den besten Kreisen. Jean ist erfolgreicher Investmentbanker und Fanny arbeitet in einem Auktionshaus für Kunst in Paris. Im Laufe der Zeit wird ihr bewusst, dass sie nicht wirklich zur oberflächlichen mondänen Gesellschaft ihres Mannes passt, zumal die Weekends auf seinem Landgut zwischen Jagd und Golf sie langweilen. Als Fanny zufällig ihrem Schulkameraden Alain (Niels Schneider) wiederbegegnet, der früher in sie verliebt war, nimmt die Geschichte ihren Lauf.  Alain und Fanny treffen sich mittags im Jardin du Luxembourg und kommen sich langsam näher. Er ist mittelloser Schriftsteller, lebt in einer charmanten Dachwohnung und in den Tag hinein, was die strukturierte Fanny fasziniert. Ihre Affäre versucht sie vor dem misstrauischen Jean zu verbergen, der einen Privatdetektiv engagiert. Als dieser fündig wird, und Jean finstere Pläne gegen Alain ausheckt, kommt ihm Fannys Mutter (Valérie Lemercier) in die Quere, die einige Tage zu Besuch weilt. Sie entdeckt seine Absichten, worauf Jean sie zu einem Jagdausflug in sein Landhaus einlädt. Wieder spielt der Zufall neben dem Glück eine grosse Rolle. Der 88-jährige Regisseur Woody Allen drehte seinen 50. Film, der am 80. Filmfestival Venedig im September 2023 Premiere feierte, erstmals auf Französisch und liess den Darstellern viel Raum, denn er selbst spricht nicht französisch. Ein leichtfüssiger Film in schönen Dekors und mit mehr oder weniger spritzigen Dialogen über Gott und die Welt. Alles in allem ein unterhaltsames Kino-Vergnügen.

 

Back to Black
Ruhm hat seinen Preis. Die junge talentierte Soul-Sängerin Amy Winehouse (Marisa Abela) begeistert in den Londoner Clubs von Camden zu Beginn der 2000-er Jahre mit ihren schonungslos ehrlichen Songs und ihrem Charisma, Talent Scouts werden auf sie aufmerksam. Das mitreissende Biopic der Regisseurin Sam Taylor-Johnson erzählt nach einem Drehbuch von Matt Greenhalgh von der mit nur 27 Jahren im Jahre 2011 verstorbenen Amy Winehouse, ihrem künstlerischen Werdegang, ihrem Aufstieg und den Schattenseiten des Popmusik-Business. Als sie Blake Fielder-Civil (Jack O’Connell) 2005 in einer Bar kennenlernt, beginnt eine Zeit der Ups und Downs in einer turbulenten Beziehung. Seit 2007 führten Winehouse und Fielder-Civil eine Ehe, die sie bereits zwei Jahre später annullieren liessen. Beide litten unter starker Alkohol- und Drogensucht; als ihr Ehemann sich endgültig trennte, und nach dem Tod ihrer geliebten Grossmutter Cynthia (Lesley Manville), geriet ihr Leben aus den Fugen. Mit ihrem schnellen Ruhm war sie überfordert, der ihr letztlich zum Verhängnis wurde. Die Hauptrolle wurde hervorragend mit der britischen Schauspielerin Marisa Abela besetzt. Die Musik schrieben Nick Cave und Warren Ellis. Amy Winehouse verkaufte als eine der grössten Künstlerinnen der jüngeren Pop-Geschichte mehr als 30 Millionen Platten, ihre Songs werden heute noch millionenfach gestreamt.

 

 

to be continued

NACH OBEN

Photo/Film