FRONTPAGE

Begegnung mit Regisseur John Carroll Lynch: «Man kann seine Augen nicht abwenden»

Von Rolf Breiner

 

 

Am Filmfestival Locarno stakste durch eine karge Westernlandschaft: Harry Dean als «Lucky» in seiner letzten Rolle. Wenige Wochen später verstarb der 91-jährige Altstar – am 15. September 2017 in Los Angeles. Regisseur John Carroll Lynch hatte ihm mit «Lucky» ein filmisches Denkmal gesetzt. Wir trafen den Mann aus Colorado in Zürich anlässlich des Kinostarts.

Am Fusse von Kakteen kriecht eine Schildkröte gemächlich in die «Freiheit», die Landschildkröte namens «Präsident Roosevelt» hat ihren «Besitzer» Howard (David Lynch) verlassen. Das kümmert den Alt-Cowboy Lucky nicht die Bohne. Nach morgendlichem Ritual stiefelt der Mann in Cowboy-Boots und -Hut von seiner Wohnung zum Restaurant, um zu frühstücken und Kreuzworträtsel zu lösen. Zurück zum Haus, um bei irgendwelchen Gameshows oder Quizsendungen am Fernsehen die Zeit totzuschlagen. Abends trifft sich dann der schlaksige Methusalem, eine Art «Lucky Luke» in Rente, in seinem Stammlokal mit Freunden und Gästen, um Alltägliches zu bequatschen, besonders aber Lebensphilosophisches zu diskutieren. Da geht es um Realismus und die Wahrheit, um Einsamkeit und Ängste, nicht zuletzt um «Ungatz» (ein Ausdruck bei italienischen Einwanderern und der Mafia gängig), sozusagen der Weisheit letzter Schluss. Zur Stammtischtheke gehören die Wirtin, die Dauerraucher Lucky das Rauchen im Lokal verbietet, Howard mit der verlorenen Schildkröte, ein «Eindringling», von Lucky verspottet, beschimpft, und andere Gestalten. Der gleichförmige Alltag des notorischen Griesgrams Lucky wird durchbrochen, als er die Einladung einer Mexikanerin zum Geburtstag ihres Sohns annimmt. Lucky entpuppt sich als Seelenmensch, der mit seinem mexikanischen Lied alle zu Tränen rührt. Die wohl innigste Szene des Films, den John Carroll Lynch mit und um Altstar Harry Dean Stanton inszeniert hat. Wenn sich der 91-Jährige als Lucky im Wüstenstädtchen bewegt, redet oder auch nur den lakonischen Beobachter spielt, kommen Erinnerungen auf an Filme wie «Paris, Texas» von Wim Wenders, an «Wild at Heart» oder «Twin Peaks» von David Lynch (auch in der jüngsten Staffel wirkte H.D. Stanton mit). Hier mimt nun er mit stoischer Ergebenheit und Hingabe den abgedankten Cowboy, der Angst hat, als Atheist gleichwohl die nahe Zukunft (Tod) fatalistisch gelassen entgegensieht – ein Ende mit einem Lächeln. Wenige Wochen (am 15. September 2017) nach der Aufführung von «Lucky» am Filmfestival Locarno starb Harry Dean Stanton in Los Angeles.

 

 

Herr Lynch, eine unvermeidbare Frage: Sind Sie mit David Lynch verwandt, der im Film «Lucky» mitspielt und unter dessen Regie Harry Dean Stanton einige Rollen spielte?
John Carroll Lynch: Absolut nicht, es gibt keine familiäre Verbindungen. Manche glauben, er sei mein Vater, aber das stimmt nicht.

 

 

Wie kam David Lynch zur Rolle in Ihrem Film?
Wir schauten uns um, wer Howard spielen könnte, und es war Harry, der David vorschlug und ins Spiel brachte. Ich hatte Harry und David zusammen im Dokumentarfilm «Partly Fiction» gesehen, sie hatten viel Spass zusammen. Das war eine Riesenchance. David drehte die neuste Staffel von «Twin Peaks», er konnte für zwei Tage zum Dreh freimachen, und er kam, weil er Harry sehr mag.

 

 

Wie war die Zusammenarbeit mit dem berühmten Regisseur und Künstler?
David bewegte sich hervorragend vor der Kamera und agierte sehr respektvoll. Seine Darstellung mit viel Herz war ausgezeichnet.

 

 

Harry Dean Stanton spielte irgendwie sich selbst. Wie viel von ihm steckte in der Figur Lucky?
Wieviel von Harrys Charakter in Lucky steckte? Nun, Lucky ist ein einsamer Mensch – im Gegensatz zu Harry, der keine Probleme hatt, allein zu sein. Er hatte lange Freundschaften, die seit 15, 16 Jahren andauerten. Er war viel am Telefon, sah Leute jeden Tag. Er war eindeutig nicht der einsame Cowboy und lebte nicht am Rande der Wüste, sondern im Herzen Los Angeles’. Harry besass ein grosses Herz.

 

 

Wieweit hat Harry Dean Stanton den Film beeinflusst, ihn selber geprägt?
Vieles ist vom ihm inspiriert worden, ist aus seinem Leben gegriffen wie das Rätsellösen oder die Vorliebe für Gameshows. Aber es gibt natürlich grundsätzliche Unterschiede: Harry ist viel kühler und smarter als Lucky.

 

 

Ihr Film hat philosophische Ansätze, handelt von Einsamkeit, Alter und Tod.
Ja, aber er befasst sich auch mit der anderen Seite, mit gesellschaftlichen Kontakten und Verbindungen. Lucky entdeckt sie irgendwann. Im Mittelpunkt des Films steht das Leben – nicht der Tod, obwohl er eine Rolle spielt. Lucky ist zwar 91 Jahre alt, verhält sich aber wie ein viel jüngerer Mann.

 

 

Es gibt einen Moment im Film, als Lucky einen Blackout hat, ihm schwarz vor Augen wird. Ein Warnzeichen.
Viele Menschen in diesem Alter erleben das mal. Das kann der Anfang vom Ende sein. Lucky rüttelt das auf, verstärkt die eigene Lebenssensibilität, berührt seine Unabhängigkeit und Selbständigkeit, die ihm sehr wichtig sind.

 

 

«Lucky» ist eine Hommage an den Schauspieler Harry Dean Stanton. Was hat Sie an diesem Menschen fasziniert?
Seine Arbeit hat mich fasziniert, seine enorme Präsenz, sie scheint leicht, ja mühelos. Man kann seine Augen nicht abwenden. Am Ende der Dreharbeiten ist er ein Freund geworden.

 

 

War Harry von Anfang an im Spiel?
Wir hätten den Film ohne Harry Dean Stanton gedreht. Die Autoren Logan Sparks und Drago Sumonja schrieben das Buch, von Harry inspiriert, ohne dass der davon wusste. Wir gaben ihm das Buch, er las es und er sagte: Ja! Wir haben dann im Juni und Juli 2016 gedreht – insgesamt 18 Tage über fünf Wochen in Los Angeles und Arizona.

 

 

Wie fit war Harry Dean Stanton dazumal?
Er war fragil, aber auch belastbar, er hat im Film alles selber gemacht: «It’s all Harry».

 

 

Hat er den Film gesehen?
Nein, wir haben eine Aufführung organisiert, aber er konnte nicht. Wir haben ihm einen Link zum Visionieren geschickt, aber er wollte nicht. Er wollte den Film auf der Leinwand, nicht auf dem Bildschirm sehen. Er sah den Trailer.

 

 

 

John Carroll Lynch
Geboren in Boulder, Colorado, am 1. August 1963.
Wohnhaft in New York.
Schauspieler seit 1996. Kino: «Fargo», «Gran Torino» (Clint Eastwood, 2008), «Volcano» (1997) «Jackie» (2016), «The Founder» (2016).
TV: «The Walking Dead» (2015), «American Horror Story: Cult» (2017)

Regie: «Lucky» (2017)

 

 

 

53. Solothurner Filmtage 2018: «Entdeckung des Grossen im Kleinen»

 

Die 53. Solothurner Filmtage stehen vor der Tür (25. Januar bis 1. Februar 2018). Direktorin Seraina Rohrer und ihr Team laden zu einer Entdeckungsreise von der Aare in die Welt. Programmiert sind 159 Filme, kurze und lange, Spiel-, Dokumentar-, Animation- und Experimentalfilme. Eröffnet werden die Filmtage mit «À l’ecole des Philosophes» von Fernand Melgar und einem Grusswort aus Bern durch Bundespräsident Alain Berset.

 

Den Eröffnungs-Redereigen am 25. Januar 2018 wird wohl der neue Präsident Felix Gutzwiller, ehemaliger Zürcher FDP-Ständerat und Nachfolger von Christine Beerli beginnen, Bundesrat Alain Berset und die Direktorin der Filmtage, Seraina Rohrer, sich dem Schweizer Filmschaffen und – unausweichlich – auch der Anti-SRG-Initiative widmen. Man kann sicher sein, dass die Gegner der «No-Billag»-Kampagne in Solothurn 2018 eine willkommene Plattform finden und den konservativen Kräften in der Schweiz Stirn bieten. Schon der neue Filmpräsident-Präsident (seit 1. Februar 2017) hatte anlässlich einer Presseorientierung klargestellt, dass die «No-Billag» keine gute Idee sei. Was heisst hier «Idee»? Ein Erfolg dieser Polit-Attacke gegen die SRG hätte katastrophale Folgen für das Schweizer Filmschaffen!

 

 

Die 53. Solothurner Filmtage bieten traditionell Heimspiel und Schaufenster einheimischen Filmschaffens – mit Fenstern für «fremde» Werke und Gäste. Die Fakten: 159 Filme werden aufgeführt (2017: 179 Filme), davon 38 Premieren aus allen Landesteilen und 20 Langspieldebüts. Das Budget 2018 beträgt gut drei Millionen Franken, davon machen 33,7 Prozent öffentliche Mittel (Bund, Kanton, Stadt etc.) aus, 39,4 Prozent Sponsoren und 26,9 Prozent Eigenleistungen. 2017 wurden 65 817 Eintritte registriert. Keine Filmtage ohne Preise, das ist in Solothurn ebenso wie in Nyon oder Locarno. Der Hauptpreis Prix de Soleure ist mit 60 000 Franken dotiert, der Publikumspreis Swiss Life mit 20 000 Franken.
«Ob animierte Dokumentarfilme, Tabubrüche oder die Entdeckung des Grossen im Kleine: Die Filme im Programm der 53. Solothurner Filmtage überzeugen formal und inhaltlich durch Originalität», verspricht Seraina Rohrer.

 

 

Grosses Interesse richtet sich meistens auf die Wettbewerbssektion «Prix de Soleure» (sieben Dokumentar- und zwei Spielfilme). Der Welsche Beitrag «A l’ecole des Philosophes» von Fernand Melgar eröffnet die Filmtage, Beobachtungen über eine Tagesschule für behinderte Kinder. Dieter Fahrer beschäftigt sich in «Die Vierte Gewalt» mit Schweizer Medien, Gregor Frei in «Das Leben vor dem Tod» mit einem geplanten Freitod, Kaleo La Belle in «Fell in Love with a Girl» mit einer Patchworkfamilie und Anja Kofmel in ihrem Erstling «Chris the Swiss» mit einem toten Cousin. Sie begibt sich auf die Spuren eines Schweizer Reporters im Jugoslawienkrieg, der darin umkam. Und zwar tut sie dies auf ungewöhnliche Weise, sie vermischt aktuelle Recherchen und Statements mit animierten Sequenzen, welche die Geschehnisse vor zwanzig Jahren illustrieren. Weitere Spielfilme befassen sich mit aussergewöhnlichen Situationen: Marcel Gisler beschreibt in «Mario» den Konflikt eines schwulen Fussballers, und Christine Repond schildert in «Vakuum» die Erschütterung einer Ehe, die durch eine HIV-Diagnose in Frage gestellt wird.

 

 

Um den Prix du Public wetteifern elf Filme, so beispielsweise Wilfried Meichtrys Dokufiction «Bis ans Ende der Träume», ein Porträt der Reisejournalistin Katharina von Arx und des Fotografen Freddy Drilhorn. Silvio Soldini widmet sich in «Emma – Il colore nascosto delle cose» einer blinden Osteopathin, Bernhard Weber erkundet den «Klang der Stimme», Manuel von Stürler in «La fureur de voir» die visuelle Wahrnehmung und Jonathan Jäggi in «Tranquillo» das Leben mit Tinnitus. Oliver Paulus und Stefan Hillebrand machen sich in «Level Up Your Life» über die moderne Arbeitswelt lustig, und Thomas Haemmerli nimmt in seinem Essay «Die Gentrifizierung bin ich – Beichte eines Finsterlings» Hausbesetzer und Hausbesitzer aufs Korn, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

 

 

Das Panorama Spielfilme ist gewohnt breit bestückt. Hier werden bekannte und unbekannte Schweizer Produktionen gezeigt, beispielsweise «Dene wos guet geit» von Cyrill Schäublin (demnächst im Kino), «Die letzte Pointe» von Rolf Lyssy (bereits im Kino), «Lasst die Alten sterben» von Juri Steinhart, «Private Banking» von Bettina Oberli (kürzlich im Fernsehen), «Flitzer» von Peter Luisi, «Goliath» von Dominik Locher, «Tiere» von Greg Zglinski oder ganz neu «Das Ächzen der Asche» von Clemens Klopfenstein. Ein breites Spektrum auch beim Dokumentarfilmschaffen, einige sehenswerte Beispiele: «Alleinerziehende Väter» von Ursula Brunner, «Das Erste und das Letzte» von Kaspar Kasics, «Das Kongo Tribunal» von Milo Rau, «Glow» von Gabriel Baur, «Giraffen machen es nicht anders – Die Vater-Spur» von Walo Deuber, «Haarig» von Anka Schmid, «Kinder machen» von Barbara Burger, «Willkommen in der Schweiz» von Sabine Gisiger oder «Beyond the Obvious – Der Fotograf Daniel Schwartz» von Vadim Jendreyko. Schwartz ist übrigens eine Ausstellung im Kunstraum Medici gewidmet. Eine andere Ausstellung in Solothurn befasst sich mit der «Bolex: Eine Schweizer Kamera von Weltformat» im Künstlerhaus S11.
Natürlich fehlen weder Familienfilme («Di chli Häx», «Papa Moll»), noch Kurz- oder Trickfilme (Wettbewerb am 27. Januar, dotiert mit 10 000 Franken).
Das Programm «Upcoming Talents gibt dem Nachwuchs eine Chance, und «Future Lab» zielt auf «Virtual Reality», auf audiovisuelle Technologien.

 

 

Der diesjährige Fokus an den Filmtagen befasst sich mit dem Drehbuch, dazu werden einige internationale Filme gezeigt und Gespräche geführt, etwa ein Drehbuch-Brunch am 27. Januar im Barock Cafe (10 Uhr) oder eine Masterclass mit Martin Suter am 28. Januar im Uferbau (13 Uhr).
Die stets stark beachtete Sektion «Rencontre» stellt 2018 das Werk des Zürcher Filmschaffenden Christoph Schaub vor (siehe Interview in dieser Ausgabe).

www.solothurner-filmtage.ch

 

 

 

«Interview mit Christoph Schaub anlässlich der

Rencontre an den Solothurner Filmtagen»

 

Er war in Zürich dabei, wenn es galt, das Schweizer Filmschaffen zu beleben, zu erneuern, zu initiieren, war aktiv in der Mediengenossenschaft Videoladen, Mitbegründer der Produktionsfirma Dschoint Ventschr und dort aktiv bis 1994. Christoph Schaub initiierte das Quartierkino Morgenthal in Zürich, engagierte sich für die Kinos RiffRaff und Houdini in Zürich sowie Bourbaki in Luzern. Seit 1996 ist er Präsident des Verwaltungsrates der Neugass Kino AG. Was lag also näher, ihn, den Filmautoren, Dozenten und Filmer, im RiffRaff zu einem Gespräch zu treffen?

 

Interview Rolf Breiner

 

Eine runde Sache: der 60. Geburtstag im neuen Jahr 2018, vor gut 30 Jahren der erste Spielfilm «Wendel» und nun die «Rencontre» an den 53. Solothurner Filmtage. Wie viele Filme werden von dir, Christoph Schaub, gezeigt?
Christoph Schaub: Von den 28 Filmen, die ich realisiert habe, laufen 14 Filme. Ein wichtiger, «Millions Can Walk», ist nicht dabei. Der lief bereits 2014 in Solothurn.

 

 

Dazu kommen noch Gespräche…
Ja, eines über «Architektur und Film» und ein zweites über Interventionsfilme und politischen Aktivismus: «In Aktion!»

 

 

Du hast als Filmer ein enges Verhältnis zur Architektur entwickelt, hast dich mit namhaften Architekten beschäftigt. Woher kommt diese Affinität, diese Vorliebe?
Das ist mehr oder weniger durch Zufall entstanden. Ein Freund von mir, Marcel Meili, ist dazumal zu mir gekommen – wir wohnten zusammen – und meinte, ich sollte einen Film über Girasole machen, ein interessantes spezielles Haus bei Verona. Ich habe mich dann entschlossen, 1995 diesen Film «Il girasole: una casa vicino a Verona» mit ihm zusammen zu drehen. So begann meine Reise zur Architektur. Ich finde es extrem interessant. So bin ich von einem zum anderen Film gekommen – zwischen Spielfilmen. Das war schön: Bei Spielfilmen schaut man in die Seele des Menschen, bei Architektur geht es darum, wie Menschen leben, wie sie ihrem Leben eine materielle Form geben.

 

 

Zwischen Spielfilmen und Architektur gibt es Berührungspunkte. Räume werden geschaffen. Siehst du das auch so?
Bei Spielfilmen steht das Emotionale, Psychologische im Mittelpunkt. Architekturfilmen ist in einer anderen Hinsicht anspruchsvoll. Eigentlich geht es gar nicht, denn es wird etwas zweidimensional abgebildet, was dreidimensional ist. Wie ein Mensch sich in einem Raum orientiert, kann man filmisch nicht darstellen, das funktioniert filmisch nicht.

 

 

Hier wie dort geht es um Menschen…
Ja klar. Schlussendlich gibt man Menschen Räume. Kinder bauen sich eine Hütte, schaffen sich einen Raum. Letztlich wird Raum zum Ausdruck einer inneren Landschaft, einer Sehnsucht wohl auch. Adressat der Architektur ist immer der Mensch.

 

 

Architektur ist oft umstritten. Sie wird verteufelt oder in den Himmel gehoben. Zum Beispiel die Elbphilharmonie in Hamburg. Was aber wenn sie reines Prestigeobjekt wird und die Bauten nach dem Anlass vergammeln, nutzlos werden wie in Brasilien oder «Bird’s Nest» in Peking?
Das sind Sportstätten für eine begrenzte Zeit. In China wollte man es eigentlich anders machen. Man hat sich viele Gedanken für die Nutzung nach den Spielen gemacht u.a. mit einem Park, Shopping Malls und Kinos. Aber das hat überhaupt nicht geklappt. Ich weiss nicht wieso. Meine persönliche Meinung zu diesen Bauten für Olympische Spiele: Es ist dumm, wenn ein Bauwerk nur einem zeitlich begrenzten Prestigegewinn dient.

 

 

Welche Bedeutung hat die Rencontre in Solothurn für Dich?
Es freut mich sehr. Die Rencontre ist Ehrung und Bestätigung von dreissig Jahren Arbeit. Es ist eine Wertschätzung, die nachhaltig ist.

 

 

Mit was beschäftigst du dich am liebest: Schreiben, Filmen, die Kinolandschaft gestalten?
Ich bin auf verschiedenen Ebenen tätig. Die Kombination von den Tätigkeiten gefällt mir. Ich lasse mich vom Wechsel der Problemstellungen inspirieren. Am Schönsten für mich ist schon, in einen Film hineinzugehen, ihn zu entwickeln, zu drehen, mit Schauspielern zu arbeiten – eben das Erschaffen einer Welt. Der Schaffungsakt fasziniert mich.

 

 

Zürich hat einen neuen Kino-Kultur-Komplex dazu gewonnen, das Kosmos. Eine Bereicherung, eine Konkurrenz?
Die Zuschauerzahlen sinken schon länger. In Zürich hatte es schon vor dem Kosmos zu viele Leinwände gegeben, zu viele Kopien vom selben Film. Das Kosmos bietet bis jetzt nicht eine neue Art von Programm an. Also ist es lediglich Konkurrenz für die Kinos, die bereits Arthouse-Filme spielen, also fürs RiffRaff, Houdini, für die Arthouse Kinos in der Innenstadt. Weder vom Angebot her noch von den möglichen Publika gibt es also eine Notwendigkeit, nochmals sechs Säle mit mehr als 800 Plätzen anzubieten. Da kann niemand glücklich werden.

 

 

Mit der Retrospektive werden dir deine Filme wieder bewusster vor Augen geführt. Welche sind dir besonders ans Herz gewachsen?
Jeder Film hat seine Geschichte, seinen Ursprung. Klar, ich habe alle gern. Jeder wurde mit Herzblut gemacht.

 

 

«Sternenberg» war 2004 ein sehr erfolgreicher Kinofilm, «Giulias Verschwinden» 2009 auch (Publikumspreis auf Piazza Grande Locarno). Wie sehr beflügeln oder belasten dich solche Erfolge?
Sie beflügeln natürlich. Filmen ist ein Hoffnungsbusiness, und Erfolge nähren Hoffnung. Kommerzielle und künstlerische Erfolge tragen zur Dynamik bei – bei neuen Projekten.

 

 

Du bist in diesen Tagen sehr beschäftigt, hört man. Womit?
Mit zwei Filmen, die ich schneide. Der eine heisst «Architektur der Unendlichkeit», ein Dokumentarfilm oder Essay über sakrale Gebäude von der Romanik bis heute. Welche Räume überwältigen einen und geben einem ein Gefühl von Transzendenz? Der andere ist ein Spielfilm fürs SRG Fernsehen, «Amur senza fin», eine Komödie in Rätoromanisch mit Bruno Cathomas und Tonia Maria Zindel. Beide Filme sollten im Herbst 2018 fertig sein.

 

 

Eine Frage, die unausweichlich ist: Wie wichtig ist das Schweizer Fernsehen für Dich, fürs Schweizer Filmschaffen?
Für uns Filmer ist das Schweizer Fernsehen extrem wichtig, ein wichtiger Player, der viele Filme möglich macht und sie verbreitet. Denn was man nicht sieht, weiss man nicht. Ich finde gravierend, dass diese Abstimmung politisch überhaupt zustande gekommen ist. Ein Angriff der rechtskonservativen Kräfte auf die Demokratie und somit auf die Schweiz, so wie wir sie wollen.

 

 

Wieweit bist du im Kinobusiness aktiv?
Als Verwaltungsratspräsident der Neugass Kino AG, also der drei Kinos RiffRaff, Houdini und Bourbaki in Luzern. Das sind zwei bis drei Tage im Monat. Wir haben eine gute Geschäftsleitung, die den Laden schmeisst.

 

 

Und was ist konkret deine Aufgabe?
Mit meinen Freunden im Verwaltungsrat: Zielvorgabe, die strategische Ausrichtung vorgeben und kontrollieren. Unterstützung bieten, um Lösungen bei Problemen zu finden.

 

 

Das heisst…?
Das Kino muss zum sozialen Ereignis werden. Man muss die Leute ans Kino binden. Mit dem RiffRaff haben wir das schon immer gemacht – mit gastronomischem Angebot und so weiter. Und das schon vor 20 Jahren!

 

 

Und wie sieht es in Luzern aus?
Das Bourbaki läuft bestens als Arthouse Kino. Luzern ist ein guter Standort, eine gute Stadt fürs Kino. Die Luzerner muss man loben für ihre Treue, ihr Interesse am Film, auch an Dokumentarfilmen.

 

 

Neue Filme, neue Gesichter im Schweizer Film. Und doch findet der Schweizer Film im Ausland kaum statt. Wieso?
Alles ist gegenseitig. Solange die Schweiz sich nicht für die Welt interessiert, nicht zu Europa gehören will, sich als politische Landschaft langweilig gibt, interessiert sich die Welt halt auch nicht für die Schweiz und auch nicht für den Schweizer Filme. Man muss aber auch sagen, es gibt immer wieder Filme, die durch die Welt reisen.

 

 

Christoph Schaub

Geboren am 20. Februar 1958 in Zürich, Sternzeichen: Fisch.
Beginn eines Germanistikstudiums.
Ab 1981 Mitglied Zürcher Videoladens , Mitbegründer von Dschoint Ventschr 1988 (1994 zurückgezogen)
Mitbegründer 1993 Kino Morgenthal, 1998 Kinos RiffRaff, 2007 Kino Bourbaki, Luzern
Ab 1996 Gastdozent an div. Hochschulen.

 

 

Filmauswahl
1987 «Wendel»
1989 «Dreissig Jahre»
1992 «Am Ende der Nacht»
1995 «Rendez-vous im Zoo»
1995 «IL Girasole – una casa vicino a Verona»
1999 «Die Reisen des Santiago Calatrava»
2001 «Stille Liebe»
2004 «Sternenberg»
2006 «Jeune Homme»
2008 «The Bird’s Nest»
2008 «Happy New Year»
2009 «Giulias Verschwinden»
2012 «Nachtlärm»
2014 «Millions Can Walk»
2015 «Stöffitown»
2017 «Peter Zumthor spricht über seine Arbeit – eine filmische Collage»

 

 

 

Filmtipps

The Greatest Showman
rbr. Zirkus gesellschaftsfähig gemacht. Auf seine Art war er ein Pionier, der Phineas Taylor Barnum aus Connecticut. 1841 übernahm er das American Museum in New York – als 31-jähriger – und funktionierte es zum Kuriositätenkabinett um. Von der Ausstellung zur Show oder besser Zurschaustellung. Er präsentierte Sensationen: Seltsames und Freaks, eben ausgestossene Menschen, die aus dem Rahmen fielen, eine Fidschi-Jungfrau und eine Frau mit Bart, Kleinwüchsige und «Riesen», Siamesische Zwillingen, Albinos, Aztekenkinder und der «wahre Kaspar Hauser» soll auch darunter gewesen sein. Er bot eine Show der «Abarten» und Sonderlinge, begeisterte in seinem Museum das einfache Volk, doch die «höhere Gesellschaft» rümpfte die Nase. P.T. Barnum suchte jedoch Anerkennung bei «Kulturkritikern» und der feinen Oberschicht. So kam er auf die Idee, neben seinem Sensationsspektakel ein Kulturereignis zu etablieren: Er organisierte eine US-Tournee mit der schwedischen Opernsängerin Jenny Lind. Sie wurde bei den Snobs zum Ereignis. All das inszeniert Michael Gracey in seinem Bioverschnitt «The Greatest Showman». Er hat Erfahrung mit Show, gespickt mit Musik und Gefühlen – das bewies er mit dem Musical «Die Schöne und das Biest». Der «Showman» haut hin als musikalische Revue. Doch dem Schausteller und Zirkuspionier P.T. Barnum wird das Unterhaltungsstück, inklusive der sentimentalen Sondertour mit Jenny Lind (Rebecca Ferguson) und Familienkrise nicht gerecht. Gracey konzentriert sich aufs Showspektakel, inszeniert sehr theatralisch die Solidaritätsaktion seiner Künstler aus und weidet sich in Pomp und Kitsch. Barnums Zirkusengagement bleibt eine Randnotiz. Immerhin, Hugh Jackman («The Wolverine») als P.T. Barnum macht gute Figur und überzeugt auch als Sänger, ebenso Michelle Williams als Gattin Charity. Graceys etwas zuckriges und schmieriges Popmärchen wollte sich wohl an «LaLa-Land» anhängen. Das hat denn auch ein bisschen geklappt: «The Greatest Showman» wurde just mit einem Golden Globe ausgezeichnet (Bester Original-Filmsong).
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Score

I.I. Eine Geschichte der Filmmusik. Was wären Hitchcocks Thriller «Psycho» oder «Der unbekannte Dritte» ohne die Filmmusik, die die Spannung auf den absoluten Höhepunkt treiben konnte? Der Dokumentarfilm Score vereint Spitzenkomponisten Hollywoods live vor der Kamera und gewährt einen umfassenden Einblick in die musikalischen Herausforderungen und kreativen Geheimnisse des facettenreichsten Genres der Welt der Filmmusik. Score zeigt, wie einige der berühmtesten Filmthemen der Kinogeschichte konzipiert wurden und wie der Soundtrack vom leeren Notenblatt bis zum fertigen Score verläuft. Score demonstriert auch, welche Macht und welchen Einfluss die Filmmusik hat. Regisseur Matt Schrader veranschaulicht die Entwicklungsprozesse und dokumentiert, wie die Komponisten die Musik zusammenstellen. Er schlägt einen Bogen von Hollywoods Glanzzeit (Max Steiner, Wien 1888-1972), u.a. «Vom Winde verweht», «Casablanca» bis aktuell zu Hans Zimmer, Frankfurt am Main (*1957), der u.a. den Soudtrack für «Blade Runner 2049» komponierte. Seine Konzerte, diesen Sommer auch in der Schweiz, sind legendär. Zimmer wurde mit mehreren Golden Globes ausgezeichnet sowie einem Oscar für die Musik des Musicals «Der König der Löwen». Auch bekannte Komponisten wie Ennio Morricone, Rom (*1928), u.a. «Spiel mir das Lied vom Tod») oder Moby, New York City (*1965), u.a. «James Bond 007, Der Morgen stirbt nie», 1997 oder Bryan Tyler (*1972 in Los Angeles), u.a. «The Fast and the Furious») sowie insgesamt 43 Filmkomponisten werden in Score vorgestellt, bei Aufnahmen in Konzertsälen und sogar im berühmten Abbey Road-Studio der Beatles. Ein spannender Einblick!
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Die Dschungelhelden
rbr. Wenn ein Pinguin zum Tiger wird. Das sitzt einer auf einem einsamen Eiland und spinnt Rachegedanken, der Koalabär Igor, der alles andere als kuschelig ist. Vor einiger Zeit wurde sein Ansinnen bei den «Assen» mitzumachen, strikt abgelehnt. Anführerin Natacha und ihre Dschungeltruppe, Ordnungshüter und Beschützer des Urwalds, haben den Störenfried kurzerhand auf eine Insel verbannt. Hier plant der Ausgesetzte nun, es der Tigerin Natacha heimzuzahlen und den Dschungel zu vernichten – mit Hilfe einer Pavianbande und explodierender Pilze. Igor sucht den Dschungel heim und nimmt die Asse gefangen. Pinguin Maurice, Natachas Zögling, hält sich für einen Tiger-Krieger und hat sich entsprechend mit Tigerstreifen «ausgestattet». Er hat eine eigene Gang gegründet, die «Dschungelhelden», und die müssen in Aktion treten, um die «Asse» und den Dschungel zu retten. Der getigerte Pinguin Maurice und seine Mitkämpfer – Tigerfisch Junior, der schlagkräftige Gorilla Harry, das superintelligente Koboldäffchen Grummel, die Fledermaus Flederike sowie die zänkischen, aber unzertrennlichen Kröten Al und Bob versuchen also, Igor, «den Schrecklichen» zu stoppen. – Man muss schon gewaltig aufpassen, um die kleinen Helden, ihre Eigenschaften und Beziehungen zu erfassen. Das Dschungelabenteuer spart nicht mit raschen Wendungen und explosiven Überraschungen. Man sollte TV-Vorwissen über die «Asse» und «Dschungelhelden» mitbringen, um Beweg- und Hintergründe zu begreifen. Regisseur David Alaux, seine Mitautoren und Regiekollegen Énric und Jean-François Tosti muten dem jungen Publikum einiges zu. Offenbar gingen sie davon aus, dass den Kinobesuchern die TV-Aktionen der «Dschungelhelden» von 2014 nicht unbekannt sind. Im Kinofilm geht es vor allem darum, dass der Nachwuchs, sprich Maurice, der Möchte-gern-Tiger, sich bewährt. David Alaux hat das Dschungelabenteuer um putzige Helden im wilden Urwald weitergesponnen, doch vor lauter Turbulenzen verliert man leicht den Überblick.

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Pio
rbr. Düsteres Gesellschaftsdrama. Pio ist ein 14jähriger Bursche, Angehöriger einer Roma-Gemeinschaft im Süden Italiens. Schauplatz ist Kalabrien, das Küstenstädtchen Giola Taurodas und das Lager Ciambra, wo der Amato-Clan haust. Als Pios Vater und Bruder in den Knast wandern, trägt er die Verantwortung für den kleinen Roma-Clan. Er wurstelt sich durch, klaut, entwischt, macht weiter und findet im Schwarzafrikaner Ayiva (Koudous Seihon) einen Beschützer und Freund. Am Ende muss sich Pio, der Stromer und Kleinkriminelle, entscheiden zwischen seiner Familie und dem Aussenseiter. Nach «Mediterranea» taucht Regisseur Jonas Carpignano wieder in die kalabrische Provinz ein. Sein Sozialdrama konzentriert sich ganz auf Pio (Amato) auf der Schwelle zum Erwachsenensein, auf seine Umgebung, seine Verstrickungen und Entscheidungen. Der Junge pendelt zwischen dem Zigeunerclan, seiner «Heimat», den Dorfbewohnern und afrikanischen Flüchtlingen. Der Film wirkt ungemein authentisch, ja dokumentarisch – im Stil einer Reportage und durch seine Darsteller aus dem Amato-Clan, die mehr oder weniger sich selber spielen. Mag die Handlung auch Fiktion sein, so spiegelt sie doch sehr realistisch die Verhältnisse wieder, die Situation der Flüchtlinge und Roma, den grassierenden Fremdenhass, das Misstrauen und die Kriminalität. «Pio», der Film, bietet ein düsteres Bild der Wirklichkeit, Pio ist kein sympathischer Held und seine letzte Entscheidung ist nicht angetan, optimistisch in die Zukunft, in seine Zukunft zu sehen. «Ich denke, dass Pio im echten Leben dasselbe tun würde wie im Film, als er bezüglich Ayiva vor die Wahl gestellt wird. Das alles ist natürlich äusserst traurig… Gute Menschen tun böse Dinge, und wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen, dann verfallen wir zurück in Stammesstrukturen und akzeptieren die Last unserer Identität, was stets ein sehr einfacher Ausweg ist», meint Filmemacher Carpignano, der seine Kindheit in Rom und New York verbrachte. Die Perspektiven für Pio scheinen düster (im Film), man geht als Zuschauer mit einem unguten Gefühl.
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Darkest Hour
rbr. Churchills Alleingang. Es sind nur wenige Monate her, dass Brian Cox hervorragend als «Kriegsführer» Winston Churchill im Drama «Churchill» agierte. Es ging dabei um die Landung der Alliierten 1944 in Normandie («D-Day») und seine Ehe. Es folgte das vielbeachtete, dezidierte Schlacht- und Rettungsdrama «Dunkirk» (Dünkirchen). Nun tritt Churchill abermals auf die Bühne des (Kino-)Kriegsgeschehens 1940. Die deutsche Wehrmacht überrollt Europa, erobert Polen, Belgien, Holland in einem Blitzkrieg, bedroht Frankreich und England. Bis 1940 hatte der britische Premierminister Chamberlain versucht, den Aggressor Hitler und seine Nazi-Schergen mit einer Beschwichtigungspolitik (Appeasement) zu besänftigen und hinzuhalten. Ja, Chamberlain ist sogar bereit, Friedensverhandlungen mit Hitler einzuleiten. Der kantige, brummelige Politiker Winston Churchill, zum Premierminister gewählt, widersetzt sich einem «Kuschelkurs», will auch nicht klein beigeben, als das britische Expeditionskorps (370 000 Mann) auf dem Festland in Dünkirchen eingeschlossen wird. Churchill weiss um die Opfer, um «blood, toil, tears and sweat», appelliert an den Nationalstolz und beschwört das Gewissen der Nation. Das Volk steht hinter ihm und seiner Kriegsstrategie, letztlich muss ihm auch das Parlament folgen. Die «Operation Dynamo» läuft an (siehe «Dunkirk»). Joe Wright schildert in seinem Film «Darkest Hour» die bitteren Momente der Entscheidung, die Gespräche mit King George (Ben Mendelsohn) und innenpolitischen Auseinandersetzungen, gemildert durch die Zwischenspiele mit der unschuldig-sympathischen Sekretärin (Lily James). Es ist wohl unvermeidlich, dass der polternden Exzentriker Churchill mit Ecken und Kanten zum Helden stilisiert wird. Der grosse Rhetoriker, wird aber auch als Grobian und Ekel sichtbar – dank Schauspieler Gary Oldman, der eine seiner reifsten Leistungen (Oscar?) abliefert. Man erkennt ihn unter der Maske und hinter dem massigen Körper kaum wieder: Er wird Churchill, zum zweifelnden und verantwortungsbewussten Staatsmann und Trinker. Alle anderen müssen hinter ihm (Oldman) verblassen, so auch sein Ehefrau Clementine (Kristin Scott Thomas). Ihr und der Ehe, die einer Zerreissprobe ausgesetzt ist, wird der vorgängige Film «Churchill» gerechter. Gleichwohl ist «Darkest Hour» ein schauspielerisches Ereignis.
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Loving Vincent

rbr. Bilder in bewegten Bildern. Es gibt Gemälde, die lebendig werden – im Film. Aber das muss man sich einmal vorstellen: Figuren, Landschaften, Stillleben werden nicht nur belebt, sonden zu Akteuren, zur Kulisse im Spielfilm «Loving Vincent». Da wogt das Sonnenblumenfeld, glüht die Sonne am Horizont, sät der Sämann, sitzen die Leute im Café, spricht Dr. Gachet, agieren Postmeister Roulin und sein Sohn Armand. Schauspieler nehmen Bild-Gestalt an, treten sozusagen aus dem Rahmen, aus den Gemälden Van Goghs. An diesem Animationsfilm in Liveaction waren über 100 Maler und Malerinnen, zumeist aus Polen, beteiligt, sie haben die gefilmten Szenen übermalt – im Stil Van Goghs, in so genannter Rotoskopie-Technik. Über 62 000 Ölbilder sind so entstanden. Frappant der Eindruck, die impressionistische Suggestion, welche die Filmemacher Dorota Kobiela und Hugh Welchman erzeugen. Das Drehbuch (Kobiela/Welchman und Jacek Dehnel) basiert auf rund 800 Briefen Van Goghs und natürlich auf seinen Werken. Van Gogh stirbt 1890, hinterliess über 860 Gemälde und 1000 Zeichnungen. Armand Roulin (Douglas Booth), Sohn des Postmeisters (Chris O’Dowd) soll einen Brief Van Goghs (Robert Gulaczyk) an seinen Bruder Theo Van Gogh überbringen. Armand besucht die Stätten, an denen der Maler zuletzt gelebt und gearbeitet hatte, will Gewissheit über dessen «Selbstmord», recherchiert, befragt Zeitzeugen. Ist der Künstler vielleicht ermordet worden? Welche Rolle spielt Dr. Gachet? Van Gogh und seine Werke werden lebendig, farbig im Stile des Meisters, während die «aktuelle Handlung», also Armands Nachforschungen, in Schwarzweiss-Bildern (monochrom) geschildert werden. Die britisch-polnische Koproduktion fasziniert – nicht nur Kunstfreunde. «Loving Vincent» ist – wie der Titel schon annonciert – eine Liebeserklärung an den weltberühmten Maler, andererseits aber auch eine spannende Begegnung und ein filmisches Experiment, das funktioniert und fesselt. Das Film-Kunststück wurde bereits mit dem Europäischen Filmpreis 2017 ausgezeichnet.

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The Killing of a Sacred Deer

rbr. Quälendes Familiendrama. Der Filmtitel trägt einiges zur Deutung, zum Hintergrund dieses Films bei – eine Mischung aus Psychothriller, Horrorfilm, Rache-und Familiendrama. Der griechische Regisseur Giorgos Lanthimos greift den Mythos Iphigenie auf: Agamemnon, König von Mykene (oder Sparta), erlegte einen Hirsch im Heiligen Hain Artemis’, der Göttin der Jagd. Sie bestraft ihn, seine Hybris und Verfehlung: Agamemnos’ Flotte auf dem Weg nach Troja gerät in ein Windloch, eine Flaute. Erst wenn der König seine Tochter Iphigenie der Göttin opfert, kann er seinen Kriegszug gegen Troja fortsetzen… Auch der erfolgreiche Herzchirurg Steven Murphy (Colin Farrell) hat Schuld auf sich geladen – und verdrängt. Er führt ein sorgloses Luxusleben mit Frau Anna (Nicole Kidman), den Kindern Bob (Sunny Suljic) und Kim (Raffey Cassidy). Auffallend oft und intensiv beschäftigt sich der «Edelarzt» sich mit dem 16-jährigen Teenager Martin (Barry Keoghan), der ihn verdächtig häufig in der Klinik aufsucht. Murphy beschenkt ihn mit einer teuren Uhr. Doch allmählich werden ihm (und uns als Zuschauer) diese perfide (?) Annäherung suspekt. Martin löst ein unbehagliches Gefühl aus. Mehr dürfte man eigentlich nicht über den Verlauf dieser Beziehung und den fatalen Einfluss, den der scheinbar harmlose, aber angsteinflössende Eindringling ausübt. Steven Murphy, dem wohl einst ein «Kunstfehler» infolge Alkoholisierung passiert ist und der infolgedessen das Leben eines Patienten mehr oder weniger auf dem Gewissen hat, sieht sich einer perfiden, schier surrealen Rache ausgesetzt. Er muss wie einst Agamemnon eine grausame Entscheidung treffen: Wird er ein eigenes Kind opfern, um die Familie zu retten? Diese Tragödie griechischen Ausmasses heute, mit Psycho-Horror getränkt, labt sich geradezu an der Verzweiflung eines Schuldigen, dem Martyrium unschuldiger Kinder und an der ausweglosen Situation insgesamt. Das Drama gipfelt in einem kaum ertragbaren Showdown mit einem Opfer. Yorgos Lanthimos spielt gekonnt mit Ängsten und Bedrohung, mit den Folgen einer undefinierbarer Macht und Kräften der Suggestion, des Schicksaften und der Sühne. Der Horror kitzelt oder erschreckt nicht für den Moment, er geht unter die Haut, nistet sich ein.

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Ferdinand

rbr. Stierisch stark. Geboren wurde er eigentlich vor über 80 Jahren. Ferdinand, der friedliche Koloss auf vier Hufen – noch heute ist er stierisch stark. Ins (Kinderbuch)-Leben setzten ihn Munro Leaf und Robert Lawson 1936. Walt Disney brachte ihn 1938 ins Kino. Nun wurde er wiederentdeckt und gleich als Bester Animationsfilm für die Golden Globes 2018 nominiert, inszeniert von Carlos Saldanha (Blue Sky Studios, «Ice Age»). Jungbulle Ferdinand ist ein friedliches Kerlchen, hat mehr Freude an Blumen denn am Kampftraining. Doch auch er soll zum wilden Stier getrimmt werden. Sein Vater wird eines Tages vom Torero ausgesucht und von der Zuchtfarm in die Arena chauffiert. Wir ahnen es, was passiert. Der ahnungslose Ferdinand wohl auch und nimmt Reissaus. Er findet beim Bauernmädchen Nina ein Zuhause. Ferdinand wird gross und stark, bleibt aber seiner friedlichen Linie treu, bis er eines Tages einen Markt ramponiert und von Häschern entdeckt wird. Ferdinand eingefangen und auf die ihm bekannte Farm zurückgeführt. Er kann seinem Arena-Schicksal in Madrid kaum entkommen, aber da gibt es ein lustiges Freundestrüppchen, das ihn nicht im Stich lässt: Dazu gehören die Beruhigungsziege Elvira, verschiedene Bullen-Kumpane, drei Lipizzaner und nicht zuletzt eine agile, verwegene Igel-Bande. Klar, die märchenhafte Stier-Geschichte ist gegen den Strich gebürstet, Vorurteile werden unterlaufen, der blumenverliebte Stier ist friedvoll, auch wenn er mal in einem Porzellanladen ungewollt «aufräumt», der Torero wird einsichtig (ist also nicht «stier»), und die Blumen (Herzen) der Zuschauer fliegen Ferdinand eh zu. Die Blue Sky-Studios («Ice Age») schaffen den Balanceakt zwischen tödlichem Ernst und «Blümchensex», Spannung, Spass und Slapstick – ansehnlich. Kein Pamphlet gegen den Stierkampf, aber eine Liebeserklärung an Tiere – vom Igel bis zur Ziege und Bullen. Bestens geeignet für Kinder und Erwachsene.

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Papa Moll
rbr. Biedermann in Aktion. Pausbäckig, mit einem dünnen Haarbüschel auf der Glatze, Bauch und Kulleraugen – so kennt man den Bünzli, der 1952 kreiert wurde und seither die Schweiz mit seinen tollpatschigen Aktionen beglückte. Edith Oppenheim-Jonas schuf den Biedermann, der erstmals 1953 in der Kinderzeitschrift «Junior» auftauchte. Seit 1967 erschien «Papa Moll» auch in Buchform. Über 1,5 Millionen Exemplare wurden seither verkauft. Comicheld «Papa Moll» wurde zum Schweizer Kulturgut wie «Heidi», «Schellen-Ursli» oder «Globi». Der überforderte, linkische Familienvater, aber auch Hausmann, chaotisch und liebenswert, hatte einen erzieherischen Auftrag: Er steht für Familiensolidarität und Liebe zu Kindern, Gradlinigkeit und Warmherzigkeit. Die Filmemacher Manuel Flurin Hendry (Regie), Lukas Hobi und Reto Schaerli (Produktion) hatten genau dies im Sinn. Sie wollten den verstaubten Biedermann in die heutige Kinowelt verpflanzen. Und das ist rundweg gelungen, rein äusserlich (mit dem Touch der Fünfzigerjahre), aber auch im Kern, in der Geschichte. Gedreht wurde hauptsächlich im Kanton Aargau (Bad Zurzach, Baden), in Köln (MMC-Filmstudios) und Görlitz (Oberlausitz an der polnischen Grenze), Schauplatz der Schokoladenfabrik (eigentlich die Brauerei Landskron).
Papa Moll (Stefan Kurt, perfekt aufgepeppt und ausgestattet) hat Mühe, seine Rasselbande, die forsche Evi (Luna Paiano), den ängstlichen Willy (Yven Hess) und den rebellischen Fritz (Maxwell Mare), an den Zügeln zu halten. Die Familienkontrolle entgleitet ihm, als Mama Moll (Isabella Schmid) zu Wellness-Tagen nach Bad Zurzach fährt und er ausgerechnet an diesem Wochenende vom Chef (Philippe Graber) in die Schokoladenfabrik zwecks Behebung einer Störung gerufen wird. Die Fehde mit den verfeindeten Stuss-Kindern Jackie (Lou Vogel) und Johnny (Livius Müller-Drossaart) eskaliert, und die Fabrikmaschinen laufen Amok. Papa Moll erlebt sein familiäres und berufliches Fiasko. Ist Moll samt Anhang noch zu retten, als sie gar hinter Gittern landen?
Nach bedächtigem Beginn dreht sich die Slapstick-Komödie immer schneller und schriller. Dazu tragen auch die Eskapaden um den Zirkushund Katovl bei, den die Kinder befreien und der dann in Tschips umgetauft wurde. Irgendwie kriegt Papa Moll den Dreh, wächst über sich hinaus, dreht Wachtmeister Grimm (Erich Vock) und dem Stuss-Patron (Martin Rapold) eine Nase. «Papa Moll», der nostalgische Film mit einem Budget von 5,7 Millionen Franken, ist in den Fünfzigerjahren beheimatet, kommt aber recht frisch daher: Eine kitschige beschauliche Bildgeschichte mit satirischen Seitentönen. Er leugnet seinen Comic-Charakter nicht, versprüht altmodischen Charme und vergnügt so auf putzige Weise: Zuckerwatte statt Popcorn sozusagen, kurioses Kasperlabenteuer statt Actionnonsens.

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Das bescheuerte Herz
rbr. Herzhafte Verbundschaft. Das kennen wir doch: Zwei unterschiedliche Menschen und Schicksale werden miteinander verknüpft, zuerst widerwillig, dann aus eigenem Antrieb. Man denke an den Kinohit «Ziemlich beste Freunde» (Intouchables), der Freundschaft zwischen dem zur Bewegungslosigkeit verdammten Philippe und seinem schwarzen Pfleger. Die wahre Geschichte macht nun auch als Theaterstück Karriere – mit Hanspeter Müller-Drosshaart als querschnittsgelähmten Philippe. Thematisch eng an diese Konstellation lehnt sich die Geschichte vom «Bescheuerten Herz». Auch hier treffen nicht nur zwei Welten, sondern auch Existenzen aufeinander: Der 15jährige David ist von Geburt herzkrank und hat mit seinem Leben halbwegs abgeschlossen. Medizinisch bestens versorgt durch Dr. Reinhard (Uwe Preuss), aber seelisch…? Der Herzkranke ist dem Herzspezialisten ans Herz gewachsen. Reinhard kommt auf eine verwegene Idee: Sein Sohn Lenny um die 30, ist ein Luftikus, Partyhengst und Lebensverschwender. Er liegt Papa auf der Tasche und versenkt auch mal seinen Sport-Audi in Papas Swimmingpool. Doch dann wird dem «Lebenskünstler» von Papa der Geldhahn zugedreht, den der ihn erst wieder öffnen will, wenn Lenny sich mit besagtem David abgibt, um dessen Leben (nochmals) lebenswert zu machen. Lenny murrt und beugt sich. Und Lenny entdeckt tatsächlich sein Herz für den Teenager und bemüht sich, eine Liste von 25 Wünschen zu erfüllen. Dabei geht es um schicke Klamotten, eine rasante Autofahrt, nackte Brüste, Bekanntschaft eines Mädchens, aber auch um das Lachen/Glück seiner Mutter Betty (Nadine Wrietz). Das geht dem locker-lässigen Lenny an die Nieren, er will den «Job» hinschmeissen.
Das tönt sozial-märchenhaft geschönt, hat aber Sinn, Herz und Verstand, und beruht auf einer wahren Begebenheit. Verschönt wird sie durch Flirt und Liebe, auch seitens Nothelfer Lenny (von «Göhte-Facker» Elyas M’Barek, sehr diszipliniert). Opfer/Held David, überzeugend verkörpert vom heute 16-jährigen Philip Noah Schwarz (Kinodebüt), begegnet ebenfalls seinem Traummädchen.
Manchmal ist das Leben so brutal, kann gleichwohl (kitschig) schön sein – im Kino. Marc Rothemund («Mein Blind Date mit dem Leben», auch nach wahren Gegebenheiten) bringt dies lebensfroh auf die Leinwand – nicht ohne tragischem Touch. Der Film stimmt – von den Darstellern bis zur Musik (mit Songs wie «If You Leave Me Now» oder «Hallelujah») – und geht zu Herzen.

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Anna Karenina – Wronski’s Geschichte
rbr. Eine Liebe, die zugrunde geht. Ein Klassiker der Liebes-Weltliteratur wie «Romeo und Julia» oder «Dr. Schiwago»: Leo Tolstois «Anna Karenina». Etwa sechzigmal wurde der Stoff verfilmt. Bedarf da noch einer weiteren Variante? Die Frage erübrigt sich, denn dieselbe Frage könnte man auch bei biblischen Geschichten, den Sagen Homers, antiken Mythen bis zu König Arthus und seiner Tafelrunde stellen. Interessant ist die Frage des Ansatzes, der Perspektive, der Darstellung. Und in diesem Fall haben wir es mit einer russischen Variante zu tun. Regisseur Karen Schachnasarow und sein Drehbuchautor Alexei Busin wählen einen neuen Blickwinkel. Sie erzählen die tragische Liebesgeschichte aus Sicht ihres Liebhabers Wronski. Und so beginnt das grosse Drama nicht in der russischen High Society, sondern auf einem Schlachtfeld 1904 in der Mandschurei. Offizier Wronski (Maxim Matwejew) ist ein Opfer des Russisch-Japanischen Krieges und verletzt. Der Arzt, der ihn versorgt, ist Sergei Karenin (Kririll Grebenschtschikow), Sohn jener Anna (Jelisaweta Bojarskaja), die Wronski einst geliebt und verloren hatte. Der Geliebte erinnert sich an seine Geliebte, an die gesellschaftlichen Verhältnisse, Bürden und Zwänge. Anna war mit dem Beamten Karenin (Witali Kischtschenko) verheiratet, wehrte sich gegen das Werben des jungen reichen Grafen und gibt nach. Diese Liebe reisst beide in einen Strudel gesellschaftlicher Abgründe. Ehemann Karenin versucht die Fassung zu wahren, Anna vor den Folgen zu schützen, doch die bricht aus ihrem Käfig aus, gebärt Sergei, sieht sich als gehetzte Aussenseiterin gefangen, verlassen. Ihr Sohn versucht dreissig Jahre danach, Licht in die Affäre und um ihren Tod zu bringen. Rätsel bleiben. Und das ist eine der Qualitäten dieser opulenten Verfilmung. Sie weitet den Blickwinkel über die menschlichen Unzulänglichkeiten und Liebesfalle hinaus aus. Die Idee, den Roman «Anna Karenina» in Rückblenden aufzuschlüsseln, begründet sich auf den Aufzeichnungen des Arztes Wikenti Weressajew, der anscheinend den Grafen Wronski im Lazarett behandelt haben soll. So oder so – das opulente Opus «Anna Karenina» ist Kostümschinken und Liebesdrama, melodramatisches Gesellschaftspanoptikum und Gemälde zugleich, ein monumentales Kinowerk der Marke Hollywood, made in Russia heute.

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Photo/Film