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«Lukas Bärfuss: Stil und Moral»

Von Ingrid Isermann

Lukas Bärfuss ist der Shooting-Star der Schweizer Literatur, der weit über die Grenzen hinaus Beachtung findet. Er will sich in Politik und Gesellschaft einmischen und sieht sich als Schriftsteller in der Pflicht. Seine biographischen Erfahrungen mögen seinen skeptischen Blick für Ungerechtigkeiten geschärft haben. Bärfuss stellt Fragen zu «Stil und Moral», entlarvt Widersprüche und zwiespältige Antworten.
 

Der erste Beitrag in seinen Essays «Stil und Moral» handelt von «Kolonien», vielleicht nicht gerade zufällig. Bärfuss erinnert sich an eine Begegnung in Maroua, einer Wüstenstadt im Norden Kameruns, in einem Zedernhain abseits der Hauptstrasse, wie er einem jungen Mann, einem Grundschullehrer, den er für einen fliegenden Händler hielt und schon abwimmeln wollte, auf seine Frage, woher er komme, die Schweiz mit ihren vielen Vorzügen der vier Landessprachen, der Geschichte, den Naturlandschaften und den Jahreszeiten, erklärte.

Nach seinem langen Exkurs fragte der Mann nur kurz, …«und wo sind Sie kolonisiert worden?». Dass wir ebenfalls kolonisiert wurden oder werden, hat Bärfuss irritiert und nachhaltig beschäftigt, ob von Bergen mehr zu erfahren sei als von Menschen und das Misstrauen gegenüber Fremden und die Bevorzugung der Natur etwa die Übernahme kolonialen Denkens ausdrücke.
Über seine Schulbildung und seinen Werdegang berichtet Bärfuss im Essay «Der Feuerofen», als er nach der Primarschulzeit einige Monate als Hospitant am staatlichen Lehrerseminar absolvierte, dies auf Empfehlung eines wohlwollenden Lehrers. Dass Erwachsenwerden immer aus einem Pendeln zwischen Widerstand und Anpassung geschieht und es vielleicht keinen pragmatischen Weg gibt, um aus einem Kind ein tüchtiges Glied der Gemeinschaft zu machen, dass es Wege und Umwege gibt, dass die Zumutungen von Anfang an da sind, wie Verrat, Lüge, Eigensucht, Faulheit, aber auch Freundschaft und Zuversicht. Der Ernstfall des Lebens eben.

 

Bärfuss wollte Erfahrungen sammeln, das war sein Credo, neugierig aufs Leben, dass die wichtigsten Erkenntnisse ausserhalb des Systems liegen und keinen Lehrplänen folgen. Sein einziger Versuch, an einen Lehrvertrag zu kommen, bestand in einem kurzen Gespräch mit einem alten Buchhändler der Stadt, einem Deutschen, der ihm jedoch zu einem Zwischenjahr riet, sodass Bärfuss auf einer Tabakplantage im Jorat, im abgelegenen Waadtland, arbeitete. Der Bauer war Choleriker und Trinker, der seine Kühe mit dem Milchschemel verprügelte, sodass Bärfuss mehr über den Trübsinn der Provinz und den Trost des Weissweins erfuhr, als ihm lieb gewesen wäre. Bis er zwanzig wurde, bummelte Bärfuss herum mit Gelegenheitsjobs und machte sich aus dem Staub, wenn er ein paar Hundert Franken verdient hatte.

 

Was ihn rettete, war die Literatur, mit siebzehn las er «Lob der Torheit» von Erasmus von Rotterdam, mit achtzehn Hegels «Phänomenologie des Geistes» und Eschenbachs «Parzival», Bücher, die niemand aus seinem Bekanntenkreis in seiner Heimatstadt Thun kannte, und dass sie doch weltberühmt waren. Seine Lektüre machte ihn in seiner Welt zu etwas Besonderem, verlieh ihm eine Identität, eine Bildung, die ihn von anderen unterschied. Bildung habe er immer so verstanden, so Bärfuss, als eine Möglichkeit, ein Mensch zu werden, der sich unterscheidet, und diese Differenz nicht als Makel, sondern als Auszeichnung versteht. Deshalb missfielen ihm die Entwicklungen, die Bildung standardisieren und Leistung vergleichbar machen wollen.
Aber viel wichtiger war, dass Lukas Bärfuss durch die Bücher aus seiner Welt herausfand, einen Zugang zu einem Kosmos entdeckte, in dem die Gegenwart nebensächlich war, eine Maschine sozusagen, die ihn über die Zeit und über die Grenzen seines Daseins hinwegführte.

Das andere, was ihn rettete, waren ein paar Menschen, die ihn ertrugen. Nach nur zwölf Tagen wurde er aus der Rekrutenschule entlassen und fand bei einem Buchhändler Arbeit, in der Comicabteilung. Zu jener Zeit, gerade zwanzig geworden, begann Bärfuss zu schreiben.

 

Seit Frisch und Dürrenmatt hat wohl kaum ein Schweizer Schriftsteller über die Landesgrenzen hinaus mehr öffentliches Echo ausgelöst. Wenn Bärfuss über die grossen Themen wie Freiheit, Lüge, Raum, Zeit nachdenkt und sich fragt, »Wo bin ich hier?«, geschieht es nicht im luftleeren Raum der Abstraktion. Was er über Robert Walser schreibt, gilt auch für ihn selbst: «Seine Literatur fragt mich nicht, wer ich bin, was ich kann, was ich gelesen habe, oder wie gross mein Wissen ist. Sie fragt mich bloss: Bist du bereit? Willst du sehen?». Bärfuss erzählt Geschichten und wendet den Blick auf die Menschen, auf die Beziehungen zwischen ihnen in der Liebe, der Arbeit, der Politik, in der Kunst.

Lukas Bärfuss’ Essays über «Huldrych Zwingli», «Masken» des ethnologischen Museums Rietberg, seiner Offenbarung zum Theater, zu Tschechows «Drei Schwestern», zu Shakespeares «Richard III», dem «Augenblick der Sprache» von Robert Walser und seinen Mikrogrammen, zu Georg Büchners «Woyzek», zu Brechts Pathos, zu Max Frischs Roman «Die Schwierigen», zu Heinrich von Kleist, zum Habeas Corpus, zu «Das Volk und ich», «Ode an den Lehrer», «Ode an die Schüler», Rede zum «Writers in Prison-Day 2010», zu «Zeit und Raum», zu Freiheit und Wahrhaftigkeit, zu «Stil und Moral» sind kostbare Miniaturen und Kleinode.

 

Apropos: Im SRF-«Literaturclub» wurde das Buch «Stil und Moral» kontrovers diskutiert, nicht zuletzt wegen seiner bildungskritischen Anmerkungen. Moderatorin Nicola Steiner meinte zu den Essays, die «Zeit des Mahnens und Warnens ist vorbei», worauf berechtigter Widerstand in der Gesprächsrunde aufbrauste. Warum eigentlich platziert man eine Kultursendung wie den Literaturclub nicht auf SRF2 um 20.15 h oder 21 h, wenn man eine höhere Quote anstrebt und den Leuten einen echten Service public anbieten will? Ohnedies gehört Kultur beim SRF seit längerer Zeit zu den Randsparten.

 

 

Das ZDF wird am 3. Oktober 2015 das «Literarische Quartett» als «literarische Unterhaltung, Kritik und Leidenschaft in der Tradition des legendären Quartetts mit Marcel Reich-Ranicki» wieder aufleben lassen. Der «Spiegel»-Literaturchef Volker Weidermann, der eine Biografie über Max Frisch verfasste, wurde für das Quartett als Gesprächsleiter verpflichtet sowie die Moderatorin und Autorin Christine Westermann und der Schriftsteller und Kolumnist Maxim Biller als Teilnehmer.

 

 

Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun, Dramatiker und Romancier, Essayist, lebt in Zürich. Seine Stücke werden weltweit gespielt, seine Romane in fast zwanzig Sprachen übersetzt. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis 2009, Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster 2010, Berliner Literaturpreis 2013, Solothurner Literaturpreis 2013, Schweizer Buchpreis 2014.

 

 

Lukas Bärfuss

Stil und Moral

Essays

Wallstein Verlag, Göttingen 2015

235 S., CH 27.90

ISBN 978-3-8353-1679-9

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