Buchcover "Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss"
Literaturnobelpreisträger 2025: der ungarische Schriftsteller Lászlo Krasznahorkai.
Buchcover "Wo bleibt das Licht
Literaturhaus Zürich, Oktober 2025. Ilma Rakusa präsentiert ihr Buch «Wo bleibt das Licht» mit Literaturkritiker Paul Jandl.
«László Krasznahorkai: Magie, Wortmusik und Meditation»
Von Ingrid Isermann
Der ungarische Schriftsteller László Krasznahorkai wurde mit dem renommierten Literaturnobelpreis 2025 ausgezeichnet. Der internationale Durchbruch gelang mit seinem Werk «Melancholie des Widerstands», das als Parabel auf seine Heimat gelesen werden konnte.
László Krasznahorkai, geboren 1954 im ungarischen Gyula, folgte nach einem Jurastudium seiner Leidenschaft und studierte Philosophie, Ungarische Sprache und Literatur an der Budapester Universität. 1985 veröffentlichte Krasznahorkai sein literarisches Debüt «Satanstango». Der Roman handelt von einem verfallenen ungarischen Dorf während der letzten Tage des Kommunismus. Es folgten zahlreiche weitere Erzählungen, Drehbücher und Romane, die in über 30 Sprachen übersetzt wurden.
Meister der Apokalypse
Mit seinem zweiten Roman «Melancholie des Widerstands» gelang ihm der internationale Durchbruch. Nach der Lektüre dieses Romans nannte die US-Autorin Susan Sontag ihn einen «Meister der Apokalypse». Krasnahorkai erschafft in seinen Werken düstere Szenarien, die durchdrungen sind von tragischem Humor. «Fesselnd und visionär» nennt die Nobelpreis-Jury sein OEuvre, es bekräftige inmitten eines «apokalyptischen Terrors die Macht der Kunst». Der Ungar sei ein «grosser epischer Schriftsteller in der mitteleuropäischen Tradition von Kafka bis Thomas Bernhard und zeichnet sich durch Absurdität und groteske Exzesse» aus.
László Krasnahorkai gehe stilistisch aber auch andere Wege. «Er orientiert sich auch östlich, indem er einen kontemplativen fein abgestimmten Ton anschlägt», so die Jurybegründung.
Krasznahorkai ist ein Weitgereister. Seine Wege führten ihn nach Österreich, Deutschland, in die USA und nach China. Ein längerer Aufenthalt in Japan beeinflusste seinen Roman «Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss».
Auf der Suche nach dem schönsten Garten der Welt
Im Süden Kyotos, ausserhalb der Stadt liegt ein buddhistisches Kloster. Eine labyrinthische Steigung führt an diesen Ort. Hier hat jedes Ding seinen Platz: Pflanzen, Wind und Vögel, Pagoden, Höfe, Terrassen. Schönheit im Alltäglichen aufzuspüren, das gelingt Krasznahorkai in diesem meditativen Text, der die Verletzlichkeit des Menschen und die Beharrlichkeit der Natur beschwört.
László Krasnahorkai lange atemlose Sätze strahlen eine meditative Ruhe aus, ziehen in einen Sog hinein, in eine Wortmusik, in eine schwebende, philosophische und mystische Wahrnehmung.
Im Südosten von Kyoto
Der Zug lief nicht auf Schienen, sondern auf einer einzigen, immensen Messerschneide, und der ausbalancierte, ungute Irrsinn der städtischen Verkehrsordnung und ein panisches inneres Zittern, wie es die Ankunft der Keihan-Linie bedeutet – das war also der Anfang: nach Shichijo im Fukuine-Viertel auf der Seite des einstmaligen, spurlos verschwundene Rashomon aussteigen, auf einmal andersartige Gebäude, andersartige Strassen, als wären plötzlich Formen und Farben verlorengegangen, er spürte, dass er aus der Stadt draussen war, alles in allem nur eine Station, doch er war aus Kyoto draussen, auch wenn es sein tiefstes Geheimnis, und schon gar nicht so unvermittelt, natürlich auch hier nicht preisgab, also draussen im Süden, Südosten von Kyoto, da war er, und von da machte er sich auf, durch enge, labyrinthische Gassen, bog einmal nach links ab, kam wieder auf die Gerade zurück, dann wieder nach links, am Ende hätte er ganz verunsichert sein müssen, war er auch, blieb trotzdem nicht stehen, erkundigte sich nicht, fragte nicht nach dem Weg, sondern im Gegenteil, er ging ohne herumzufragen weiter, er grübelte nicht, er zögerte an keiner der Ecken, wo es weitergehe, denn etwas flüsterte ihm zu, er werde sowieso finden, was er suchte, menschenleere Strassen, die Geschäfte geschlossen, jetzt stellte sich heraus, dass er gar nicht hätte nach dem Weg fragen können, da alles ausgestorben war, als wäre irgendwo ein Fest, ein Unheil – jedenfalls war es woanders, weit von hier, dort, von wo aus gesehen dieses kleine Viertel niemanden interessierte, all, die hier gewesen waren, waren weggegangen, alle samt und sonders, nicht einmal ein entlaufenes Kind oder ein Teigwarenverkäufer, oder hinter einem vergitterten Fenster ein regloser, beobachtender Kopf».
Ein Moosteppich mit acht Hinokizypressen
Es sehen und danach davon sprechen, es erblicken und danach dafür Worte finden, die richtigen Ausdrücke wählen, das Wesentliche heraufbeschwören, das war schwerer als alles andere, denn der Garten war von einer so starken Wirkung auf den Betrachter, dass dieser, mochte er noch so gelassen sein, in seiner ersten Benommenheit, auf die eine noch grössere Benommenheit folgte, als ihm nämlich aufzugehen begann, was er sah, dass dieser also auch der Sprache beraubt war,und zwar nicht der Fähigkeit beraubt, mit Hilfe von richtigen Wörtern und Ausdrücken diesen Garten zu beschreiben, sondern, um es schattierter zu sagen: wer sah, was im Dreieck rechts vom diagonalen Weg war, wer es zufällig fand und einen Blick darauf warf, der wollte gar nicht davon sprechen, als erstes hob der Garten sein Wollen auf, sein Bedürfnis, etwas zu sagen, deshalb war das Reden davon, das sogenannte Finden der Wörter und richtigen Ausdrücke so schwer, denn die unendliche Schlichtheit des Gartens – ach was! das Ganze bestand ja aus ungefähr acht Schritten Moosteppich bis zur Umfassung auf der einen Seite und ungefähr sechzehn Schritten bis eine Umfassung auf der anderen Seite, vier mal acht Hiro, aus dem acht ungefähr gleich alte Hinokizypressen wuchsen mit rund fünfzehn Meter hohen Kronen…! Die Tatsache, dass es in ihm keine verblüffenden speziellen Pflanzen gab, keinen Stein von phantastischer Form, keine Besonderheit, keine Sehenswürdigkeit, keinen Wasserfall, keinen Brunnen, keinen Affen, keine Schildkröte aus Holz, dass er also weder eine Sehenswürdigkeit noch ein Zirkus war und nichts zu tun hatte mit Annehmlichkeit und nichts mit der gehobenen oder gewöhnlichenArt der Unterhaltung, kurz, seine wesentliche Schlichtheit war die nicht mehr weiter zu verdichtende Konzentration der Schönheit, eine Zauberkraft der Schlichtheit, der sich niemand zu entziehen vermochte, und wer das sah, wollte sich auch nie mehr entziehen, man stand dort und blickte auf den Moosteppich, der in weichen Wellen der unregelmässigen Oberfläche des Geländes folgte, man stand dort und blickte auf das durchgehende silbrige Grün, das einem wie eine Märchenlandschaft erschien, denn es schimmerte von innen her, von innen her glänzte jenes unbeschreibliche Silber auf der durchgehenden, dicken Moosoberfläche, und auf so einer Grundlage war es, dass sich die ziemlich eng, nur in ein paar Metern Distanz, beieinanderstehenden acht Hinozypressen erhoben, mit ihrer eigenen, sich in dünnen Riemen abschälenden wundervollen Rindentextur und dem lebhaften, frischen Grün ihrer Kronen, dem feinen Spitzenwerk dieser Kronen in der Höhe, kurz, wer stehenblieb und das betrachtete, mochte tatsächlich kein Wort mehr sagen, er stand nur und schwieg.
Die Geschichte der acht Hinokizypressen begann inmitten der chinesischen Provinz Shandong, in einem kleinen Hinokiwald in der Nähe von Taishan, wo nach der männlichen Zapfenblüte und der Reifung und dem Aufplatzen der Pollensäcke eines günstigen Tages, als trockenes Wetter herrschte und die Sonne stille Wärme verbreitete, ungefährt hundert Millionen Pollenkörner plötzlich in die Luft flogen, worauf diese Wolke von einer heissen Luftströmung in die Höhe gehoben und einem von West nach Ost wehenden Wind übergeben wurde, damit er sie mitnehme, über das japanische Meer hinweg mitten auf die japanische Hauptinsel Honshu, und sie im Südteil Kyotos in der Form eines Pollenniederschlags auf diesen kleinen Hof des Klosters hinunterlasse, exakt auf das Grün des heute vertrockneten Mutter-Hinoki, der genau auf einen solchen Besuch gewartet hatte.
László Krasnahorkai wurde 1954 in Gyula/Ungarn geboren. Studium der Philosophie an der Budapester Universität. Er erhielt für sein literarisches Schaffen zahlreiche Preise, u.a. den «Man Book International Prize», den «National Book Award», zuletzt den Literaturnobelpreis 2025. Er lebt heute als freier Autor in Pilisszentlászlo. Im Fischer Taschenbuch-Verlag: «Krieg und Krieg» (Bd. 14997)
László Krasnahorkai
Im Norden ein Berg, im Süden ein See,
im Westen Wege, im Osten ein Fluss
Roman
Aus dem Ungarischen von
Christina Viragh
Fischer Taschenbuch-Verlag,
2. Auflage, 2022, 154 S.
CHF 22.90
ISBN 978-3-596-17243-6
Ilma Rakusa: «Wo bleibt das Licht» – Leben ist Schreiben.
Der Oktober ist der Monat der Revolutionen und von «Zürich liest», wo revolutionäre Bücher vorgestellt wurden. Im vollbesetzten Literaturhaus präsentierte die Schriftstellerin Ilma Rakusa ihr neuestes Buch «Wo bleibt das Licht».
In ihr könne man lesen, wie in einem Buch, meinte der kommentierende Literaturkritiker Paul Jandl: In jemand lesen zu können, sei eine spezielle Form, die repräsentiere, was die Autorin in sich selbst sieht, «ich lebe, ich schreibe», Impulse von sich in die Welt zu tragen, sie weiterzuverarbeiten, Schreiben als ein Kaleidoskop der Fragmente.
Der Band umfasst die letzten zwei Jahre, das Politische ist neben Literarischem in den Tagebuchnotizen immer präsent, beleuchtet aus persönlicher Sicht den Ukrainekrieg als Hintergrundgeräusch wie auch Geschehnisse in Gaza. «Es ist eine Tagebuchprosa», sagt Rakusa, «spontan, literarisch, aber ausgewählt, worüber schreibe ich und wie schreibe ich darüber, keine ganze Geschichte, sondern aus vielen Teilen zusammengesetzt».
Im Juni 2022 beginnen ihre Reflexionen nach dem Angriffskrieg Russlands über die Ukraine.
«Es ist Sommer.
Sommer, von wegen. Im Fluss wird nicht gebadet, an den Stränden Odessas wird nicht gebadet. Netz dir die Füsse in einem Tümpel. Nur auf Streuminen gib acht. Der Boden hat seine Unschuld verloren. Das grüne Feld hat seine Unschuld verloren. Die Erde ist versehrt, und sie verletzt, ohne es zu wollen.
(…) Es könnte lange dauern. Der Krieg könnte lange dauern. Die Erschöpfung könnte zunehmen. Die Ausweglosigkeit. Politiker wiederholen ihre Worthülsen, keiner hört mehr zu. Nur die Waffen sprechen eine deutliche Sprache.
Hier sorgt sich das Volk um die steigenden Lebensmittel- und Energiepreise. Und plant den grossen Urlaub. Um zu vergessen, bei Meeresrauschen und farbigen Drinks. Wie heisst dieser unaussprechliche Ort nochmal, um den so verbissen gekämpft wird: Swero-dododo. Egal. Diese vielen fremden Konsonanten. Aber doch, wir fühlen mit, wir sind nur müde. Niemand kann verlangen, dass wir uns um den Schlaf bringen. Die galoppierende Inflation reicht. Oder nicht?»
Was ist die Wirklichkeit?
«Was ist die Wirklichkeit, um was geht es, was will ich sagen?» Das Prosaische wird zur Verwandlung, es gibt fiktionale Passagen, Träume, in denen Putin sie verfolgt, auch Trump, was ihr absurd erscheint. Über allem schwebt der Alltag, der banale Alltag mit seinen Pflichten und Herausforderungen, und doch komme sie aus dem Staunen nicht heraus. Die kleinen Dinge nicht zu übersehen, meint Rakusa, sei ihr wichtig, «staune und vertraue», ihre Lebenslosung. «Dazu gehört das Staunen, die Fähigkeit, etwas auch nach dem x-ten Mal wie zum ersten Mal zu erleben: Den Sonnenuntergang. Bachs «Italienisches Konzert». Die Mosaiken von San Marco. Die Kirschblüte. Das Eintauchen der Fussspitze im Meer. Die Engadiner Seen. Das Glück, am Leben zu sein».
Als die Rede auf Gott und die Welt kommt, lenkt Rakusa den Blick auf die Schöpfungsgeschichte in ihrem Buch: «Als Gott die Welt erschuf, muss etwas schiefgegangen sein. Oder er war abgelenkt von der ganzen Pracht, die da entstand. Eine seiner Kreaturen ist ihm wohl aus dem Blick geraten, ist viel zu schnell in die Welt hinausgerannt: der Mensch. Gott, «liess ihn laufen, auf gut Glück». Noch nie habe sie so viel mit dem Allmächtigen gehadert wie in diesen Zeiten und manche Anrufung gemacht in der Hoffnung, dass es doch noch gehört wird. Viele Fragen, Antworten bleiben aus. Doch in alldem gäbe es auch immer Glücksmomente, die einen selbst überraschen.
«Ich bin schüchtern geworden, stubenhockerisch. Früher einmal eine Globetrotterin, umkreise ich jetzt meinen kleinen Haus-Planeten – mit Bücherwald, Treppen und Bergen von Kleidern. Die Wege sind kurz, vom kühlen Flur zum tropischen Badezimmer, vom Flügel zum Herd, und meine Anwesenheit festgeschrieben. Draussen der schattige Garten. Schaut er mich an – oder ich ihn? Nachts träumen wir synchron. Das nennt sich Liebe». Mittlerweile beschäftige sie sich wieder mit Marina Zwetajewa, der russischen Dichterin und ihren Tagebuchaufzeichnungen, «da ist am meisten Leben drin», und bleibt der russischen Kultur verbunden, deren gegenwärtige Lebenswirklichkeit zersplittert sei.
In dieses Buch lässt sich eintauchen, egal welche Seite man aufschlägt, wie in eine Ode an das Leben mit kontemplativen Reflexionen über Freundschaften und Kunst, Betrachtungen und Begegnungen, Reisen, dazwischen verstreut Gedichte und Haikus, eine Erkundung des Inneren im Spiegel des Aussen. Ein zauberhaft kosmopolitisches Prosatagebuch, das sich wie ein grosses Gedicht liest, auch als Widerstand gegen die Angst zum Dialog einlädt. Man findet Verwandtes und Fremdes, das man sich zu eigen machen kann und staunt über die Virtuosität der sprachlichen Vielfalt: Ein Proviant für unterwegs, eine Seelennahrung, die fasziniert.
Ilma Rakusa, 1946 in der Slowakei als Tochter eines slowenischen Vaters und einer ungarischen Mutter geboren, verbrachte ihre frühe Kindheit in Budapest, Ljubljana und Triest. 1951 liess sich die Familie in Zürich nieder. Studium der Slawistik und Romanistik in Zürich, Paris und Leningrad. 1971 Promotion zum Thema «Studien zum Motiv der Einsamkeit in der russischen Literatur» zum Dr. phil. Ilma Rakusa lebt in Zürich als Schriftstellerin, Literaturkritikerin, Übersetzerin (Tschechow, Zwetajewa, Duras, Kiš, Kertész, Nádas); sie erhielt u.a. den Petrarca-Übersetzerpreis, Schweizer Buchpreis, Manès-Sperber-Preis, Berliner Literaturpreis, Kleist-Preis. Bei Droschl erschienen ihre Poetikvorlesungen «Farbband und Randfigur” (1994), der Essay «Langsamer» (2005), die autobiografischen Erinnerungspassagen «Mehr Meer» (2009), das Berlin-Journal «Aufgerissene Blicke» (2013), die Erzählungen «Einsamkeit mit rollendem r» (2014), der Gedichtband «impressum: Langsames Licht» (2016), «Mein Alphabet» (2019), «Gedankenspiele über die Eleganz» (2021) und die Gedichte «Kein Tag ohne» (2022).
Ilma Rakusa
Wo bleibt das Licht
Tagebuchprosa
Literaturverlag Droschl, Graz – Wien 2025
560. S., CHF 47.90
ISBN 978-3-99059-192-5