FRONTPAGE

«Alfonsina Storni: Ich schreibe, um nicht zu sterben»

Von Rolf Breiner

 

In Argentinien unvergessen, in der Schweiz und Mitteleuropa weitgehend unbekannt: Die gebürtige Tessinerin Alfonsina Storni (1892-1938) wurde zum Mythos – als Poetin, Schriftstellerin und Frau, die sich als gesellschaftskritische Dichterin und als alleinerziehende Mutter durchkämpfte. Am Ende wurde sie eine Legende, die mit ihren Gedichten bis heute lebendig geblieben ist. Wir trafen den Filmemacher Christoph Kühn in Locarno, der über sie den prägnanten Dokumentarfilm «Alfonsina» realisierte.

 

Sie führte ein bewegtes Leben in einer Zeit und in der Macho-Gesellschaft Argentiniens, in der gesellschaftlicher Status und Männlichkeit zählte. Eine Frau, die ein uneheliches Kind hatte, eine Frau, die in ihren Gedichten männliches Gehabe, Überheblichkeit, aber auch weibliches Duckmäusertum angriff, wurde angefeindet. Wie konnte sie nur? Aber sie konnte, wollte und musste. Und so schrieb Alfonsina Storni, die Tessinerin aus Sala Capriasca, sich die Seele aus dem Leib – als Dichterin, Essayistin, Kolumnistin und Reporterin – und als Lebensnotwendigkeit: «Ich schreibe, um nicht zu sterben».
Mit 13 Jahren entfloh sie der engen Atmosphäre ihres Elternhauses in San Juan und schloss sich einer Theatertruppe an. 1911 publiziert sie ihre ersten Gedichte und zog nach Buenos Aires. 1912 gebar Alfonsina ihren Sohn Alejandro, ohne je den Namen des Vaters zu nennen. 1916 brachte sie ihren ersten Lyrikband heraus und schrieb Kolumnen und Erzählungen. 1919 wurde sie argentinische Staatsbürgerin.
In den Zwanzigerjahren erschienen weitere Lyrikbände. Ein Freund und Bewunderer, der spätere Unterrichtsminister Antonio Sagarna, verschaffte ihr einen Posten als Professorin. 1930 reiste Alfonsina nach Europa, hatte Erfolg in Spanien und besuchte kurz ihren Schweizer Geburtsort im Tessin. 1935 erkrankte sie an Brustkrebs, und wurde mehrmals operiert. Am 25. Oktober 1938 stürzte sie sich in Mar del Plata in den Atlantik. Soweit der fragmentarische Lebensabriss einer Frau, die zur Wegbereiterin der modernen Frauenliteratur wurde, eine kämpferische Feministin ohne Pathos.

 

«Ihr Leben macht Mut»

Wie ist der Zuger Filmer Christoph Kühn, der seit über einem Jahrzehnt im Tessin (Valle Onsernone) lebt, auf diese Persönlichkeit gestossen? Was hat ihn fasziniert?
Christoph Kühn: «Das Thema Emigration, für den Tessin kennzeichnend, hat mich brennend interessiert. Ich habe viele Schicksale aus dem Onsernonetal, vom Maggiatal und aus dem Südtessin verfolgt, von Menschen, die auswandern mussten, um zu überleben. In diesem Zusammenhang bin ich auf die Alfonsina gestossen, die ich vorher nicht kannte. Ein italienischer Sänger trug in Bellinzona verschiedene Liebesgedichte vor, unter anderem auch von der Storni, und sagte mir, dass sie eine Schweizerin sei».

 

Der Auslöser war also ein Liederabend 2009. Was interessiert Sie denn an ihr?
«Für mich ist sie ein positives Beispiel einer Emigration. Alfonsina wurde in Argentinien ein Idol. Die Eltern lebten vier Jahre in San Juan, dann zog man in die Gegend von Rosario und lebte dort 14, 15 Jahre. Dieses positive Beispiel einer Emigration hat mich dazu verleitet, mehr über das Schicksal von Alfonsina zu erfahren und habe mich ziemlich schnell nach Argentinien bewegt. Vor allem in Buenos Aires habe ich mich auf die Fährte gemacht. Dabei habe ich ihre Biografin und Familie kennengelernt».

 

Alfonsina lebte vor 80, 90 Jahren. Ist sie denn tatsächlich noch so bekannt, wie man hört?
«In Argentinien ist sie auch heute noch sehr präsent. Fast jeder kennt sie und einige ihrer Gedichte».

 

Aber in der Deutschschweiz kaum.
«Richtig. Vielleicht ist es eine gewisse Borniertheit, sich nicht um das Tessin diesbezüglich zu kümmern. Auch in der Westschweiz ist sie unbekannt. Es gibt keine französischen Übersetzungen».

 

Welche Wirkung, Ausstrahlung geht von Alfonsina heute noch aus?
«Einerseits sind es sicher die Gedichte, andererseits ihr Leben. Ihr Leben macht Mut. Aber auch die Art und Weise, wie sie ihr Leben bestimmte und über die Männergesellschaft geschrieben hat».

 

Aber sie wählte den Freitod, wie überhaupt der Tod ein Begleiter war.
«Ja, aber sie ist auch in dieser Hinsicht exemplarisch. Mit dem Freitod hat sie einen Weg gewählt, der im katholischen Argentinien von damals ein Tabuthema war».

 

Kernthemen in Ihrem Film sind jedoch Leid und Leidenschaft. Was hat Sie fasziniert, solch einen Film zu drehen?
«Dazu gibt es ganz praktische Antworten: Wenn du die Möglichkeit hast, in Argentinien einen Film zu drehen, packst du zu. Mittlerweile war ich achtmal in Argentinien. Ich ging natürlich, um mehr über die Storni zu erfahren, und bin dann fündig geworden. Mein argentinischer Koproduzent ebnete mir die Wege. Mein Drehbuch ist immer sehr exakt. Darin steht, welche Bilder ich zu welchen Gedichten suche. Uns war klar, wir machen einen Film im Verbund mit einer argentinischen Produktion».

 

Und das Team wurde in Argentinien zusammengestellt?
«Ja, auch mit dem Kameramann Iván Gierasinchuk wurde ich bekannt gemacht. Wir verstanden uns, obwohl er kaum Englisch sprach und ich kaum Spanisch. Und so kam das Team zusammen. Wenn du mit solchen Menschen über diesen Stoff einen Film machen kannst, ist das einfach wahnsinnig spannend. Und du lernst die argentinische Seele kennen».

 

Wie sind Sie mit der Verwandtschaft zurande gekommen?
«Das war schwierig und problematisch, weil Anfonsinas Sohn gestorben ist und dessen Sohn das Erbe des Vaters hütet. Die Grossenkelin war hingegen offen, sie hat rezitiert und drei, vier Auftritte im Film».

 

In der Reihe Ihrer Filme tauchen immer wieder Einzelcharaktere  vom Rande auf, wie der Filmer Franz Schnyder, der Schriftsteller Friedrich Glauser oder die Künstlerin Sophie Taeuber-Arp. Hat das Methode?
«Es sind Menschen, die ausserhalb stehen. Der Schnyder beispielsweise war krampfhaft besessen, normal zu erscheinen, blieb aber Aussenseiter. Alfonsina steht offen zu ihrer Andersartigkeit».

 

Sie stellen Alfonsinas Lyrik in den Mittelpunkt, nicht ihre Kolumnen, Essays oder Beiträge unter dem Pseudonym Tao Lao. War das einfacher?
«Mit der Lyrik kann ich den Zuschauer abholen. Auch der argentinische Zuschauer kennt ihre Texte aus dem Zwanzigerjahren nicht mehr».

Texte, nicht nur lyrische, spielen im Film eine wichtige Rolle. Wie haben Sie mit Texten und Bilder gearbeitet?
«Ich habe Lyrik mit Reisenotizen und Interviewausschnitten verwoben. Auch die Bilder im Film sind Bilder, die in ihren Texten eine Rolle spielen. Wenn ich den Film von der Farbdramaturgie her anschaue, beginnt er grün und endet blau. Die Schweiz und San Juan sind grün, am Schluss ist Alfonsina im Meer».

 

Was hat Alfonsina jungen Leuten heute noch zu sagen?
«Ich kann nur mit einem Beispiel antworten: Wir haben das berühmte Lied von Alfonsina und dem Meer achtmal gedreht, wobei der Sohn des Komponisten des Liedes, Raoul Ramirez, das Piano spielte. Und jedes Mal war die ganze Crew ergriffen, wurden Taschentücher gezückt und benutzt. Ich sage es nochmals: Alfonsina macht Mut».

 

Wann wird Ihr Film in Argentinien gezeigt?
«Ich hoffe im November».

 

Ich gehe schlafen


Zähne aus Blüten und eine Haube aus Tau
Hände aus Kräutern, du, meine feine Amme,
Mach mein Bett bereit, mit Leintüchern aus Erde
Und einer dicken Decke aus gezupftem Moos.

Bald geh ich schlafen, meine Amme, bring mich ins Bett.
Stell mir ein Lämpchen hin.
Irgendein Sternenbild, das dir gefällt.
Mir ist jedes recht. Ein klein wenig näher bitte.

Lass mich allein. – Du hörst die Knospen aufbrechen
Von oben wiegt ein Himmelsfuss dich leise
Und ein Vogel zeichnet eine Melodie dazu.

Damit du vergisst… Danke. Ach noch eine Bitte:
Fall er noch einmal telefoniert,
Sag ihm, es habe nun keinen Zweck mehr, ich sei gegangen.

 

Alfonsinas letztes Gedicht «Voy a dormir – ich gehe schlafen», 1938. Es wurde zwei Tage nach ihrem Tod in der Zeitung «»La Nación«» veröffentlicht.

 

 

Meine Astralseele


«Mir sind im Leben schon bemerkenswerte Dinge passiert, zum Beispiel, dass ich eine Frau bin und gesunden Menschenverstand habe. Dass ich ihn habe und trotzdem Gedichte schreibe. Dass ich sie schreibe und dass sie gut herauskommen», schrieb Alfonsina 1930 unter dem Titel «Selbstzertrümmerung». Und sie beschreibt sich selbstironisch mit leichter Zerknirschung: «Ich werde zuerst von der Umhüllung, vom Schmuckkästchen, vom Futteral, vom Handschuh, vom Weinschlauch, von der Degenscheide, vom Haus oder eben vom Körper sprechen, worin sich meine Astralseele wie eine Katze zusammengerollt hat. Ach, was für ein elendes Thema! Körpergrösse 1,57. Kubikzentimeter unbestimmt. Eine Nase, die gewaltig gegen den Himmel stösst. Zwei schiefergraue Augen, schräggestellt. Ein aschblondes Wölkchen aus Haaren, die, sofern sie von einem ehrbaren Coiffeur für, sagen wir sechs Peseten, geschnitten wurden und sonst nichts anderes zu tun haben, sich peinlich genau um den Schädel legen. Ferner ziemlich grosse Füsse (Schuhgrösse 37).
Was die Substanz anbetrifft: Seele, Licht, Wesen, unabhängiges Ich. Alles eingeschlossen in eine solch enge Rüstung (seht nur, wie die materielle Basis täuschen kann)».
Am Ende dieser Selbsteinschätzung schreibt sie: «Von meinen moralischen Mängeln wag ich nicht zu sprechen. Die Frauen haben sie mir angedichtet: Sie kennen sie besser als ich. Ich ertrage sie in aller Bescheidenheit, ohne Profit daraus zu schlagen. Ich möchte noch hinzufügen, dass ich zutiefst dumm bin. Und falls jemand daran zweifeln sollte, bitte ich ihn, diesen Artikel noch zwei- oder dreimal zu lesen».

 

Mit ihren Schriften, Gesellschafts- und Reisenotizen, Provokationen, Kolumnen, Gedichten, aber auch Erzählungen (eine Entdeckung!) kann man sich im fein zusammengetragenen Werk «Alfonsina Storni: Meine Seele hat kein Geschlecht» vertraut machen (Limmat Verlag, Zürich 2013). Das sorgfältige Textkompendium, mit einem Vorwort von Elke Heidenreich, wurde von Hildegard Elisabeth Keller herausgegeben (siehe auch Literatur & Kunst, 32/2013), die auch für die Übersetzungen vom Spanischen ins Deutsche besorgt war. Sie studierte in Basel und Zürich, ist Forscherin und Professorin für deutsche Literatur an der University Bloomington, USA, und Titularprofessorin in Zürich sowie Mitglied des Literaturclubs SRF.
Mit ihrem Freitod und dem Lied «Alfonsina y el mar», das Alfonsina gewidmet wurde, beginnt und endet Christoph Kühns Film. Das Meer wird wiederholt auftauchen – als Metapher für Sehnsucht, Weite und Freiheit. Gewisse Lebensstationen und -situationen werden in Erinnerung gerufen. Zeitzeugen erinnern sich. Alfonsinas Enkel und Biograf Guillermo Storni berichtet und seine Tochter Merryl Storni, die sich auf die Spuren ihrer berühmten Grossmutter begeben hat. Der Film lebt aber auch von der Lyrik, von Zitaten, Liedern und Impressionen.
Kein Biopic, eher eine poetisch-stimmige Annäherung und Hommage an eine fragile Dichterin, die revoltierte, eine einsamen Frau mit Sehnsüchten und Kämpferin auf fast verlorenem Posten.

 

 

Die Literaturkritikerin Hildegard Elisabeth Keller hat die erste deutsche Biografie über Alfonsina Storni verfasst,

«Distel im Wind”, mit div. Abbildungen, die im Oktober im Limmat Verlag Zürich erscheinen wird.

 

 

 

Filmtipps

 

 

The Fault in Our Stars –
Das Schicksal ist ein mieser Verräter

rbr. «Haben Sie Taschentücher dabei», fragte die Filmfachfrau von 20th Century Fox vor der Vorführung. Da bleibt kein Auge trocken, möchte man bei diesem tränenreichen tragischen Stoff meinen. Wer erinnert sich noch an «Love Story», der todtraurigen Romanze von 1970 mit Ryan O’Neal und Ali MacGraw? Damals vor über 40 Jahren ging einem die sentimentale Liebesgeschichte sattsam zu Herzen. Auch bei der Verfilmung des John-Green-Bestsellers «Das Schicksal ist ein mieser Verräter» spielen Gefühle eine tragende Rolle. Die 16-jährige Hazel Grace Lancaster erzählt: Sie kämpft gegen Schilddrüsenkrebs, hat eine Sauerstoffflasche als ständige Begleiterin und betrachtet sich als «tickende Zeitbombe». Deshalb geht sie auf Distanz zum 17-jährigen Augustus («Gus»), den sie in der Selbsthilfegruppe für Krebskranke kennenlernt. Sie will andere nicht verletzen, erst recht nicht Menschen, die sie gern hat. Doch Gus lässt nicht locker, man kommt sich näher – über das Buch «Ein herrschaftliches Leiden» von Peter van Houten, ihrem Lieblingsbuch. Sie sucht Antworten auf Fragen, welche das Buch offen lässt, und wünscht sich nichts sehnlicher, als dem Autor in Amsterdam zu begegnen und ihn zu befragen (kein geringerer als Willem Dafoe verkörpert den sarkastischen Autor). Gus hilft kräftig mit, dieses schwierige Unterfangen zu realisieren. – Der Titel deutet es an: Das Schicksal meint es nicht gut mit den Liebenden. Regisseur Josh Boone hält sich fast buchstabengetreu an die Romanvorlage des aus Indianapolis stammenden, 37-jährigen Green und hat ein Wechselbad der Gefühle angerichtet – zwischen Hoffen und Bangen, Spass und Schmerz, Liebe und Verlust. Natürlich inszeniert er rührselige Momente und Begebenheiten und schürt die Emotionen. Aber nicht ohne bitteren Humor. Mit dem Probelauf einer Grabrede berührt, unterhält und amüsiert er zugleich. Doch nie wird der Ernst der Situation beschönigt oder unterlaufen, die drohende Ungewissheit hängt wie ein Damoklesschwert über dem Pärchen und Eltern (Laura Dern und Sam Trammel). Dass diese tragische Liebesgeschichte nicht zum Schmalz und Schmus verkommt, liegt einerseits am Drehbuch und einer sensiblen, zurückhaltenden Inszenierung, andererseits an den Hauptdarstellern Shailene Woodley (Hazel) und Ansel Elgart (Gus), die bereits als Geschwister im Film «Divergent» brillierten und überzeugten. Der Film «The Fault in Our Stars» ist ein bittersüsses konsequentes Liebesdrama, das den Krebs zwar nicht besiegt, ihm aber Paroli bietet. Es könnte zum Sommerhit dieses Jahres werden.
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Tom à la ferme
rbr. Er war wieder in den Schlagzeilen – am Filmfestival Cannes 2014. Der Mann aus Montreal, Xavier Dolan, erhielt für das fünfte und neuste Kinowerk «Mommy» den Preis der Jury. Sein vierter Film «Tom à la ferme» von 2013, nun in den Kinos, spielt in der Provinz. Der blonde Jüngling Tom, verkörpert vom Filmberserker Dolan himself, steuert eine Farm an. Guillaume, sein Geliebter, wird beerdigt. Agathe (Lise Roy), Mutter des Verunfallten, und Francis (Pierre-Yves Xardinal), dessen Bruder, beargwöhnen den Boten aus der Vergangenheit. Tom, von Francis bedrängt und genötigt, das wahre Leben des Toten zu verschweigen, tischt der Mutter des Toten geschönte Geschichten auf. Was hat der er zur Gewalt neigende Francis vor, muss Tom um sein Leben bangen …?
Autor, Regisseur und Hauptdarsteller Xavier Dolan deutet in seinem bedrohlichen Thriller einiges an, lässt aber vieles offen. Das beklemmende Beziehungsdrama wird zur düsteren Ballade der Hörigkeit, überschattet von Gewalt und Machtanspruch. Dolans spröder Film, abrupt im Schnitt, ist ein fragiles Meisterwerk der Auslassungen, der auf die Inspiration und Fantasie der Zuschauer baut. Spannend und intelligent.
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Wir sind die Neuen
rbr. Man/frau im Rentneralter ist in einer Sackgasse gelandet. Anne (Gisela Schneeberger) um die 60 ist so eine und erzählt von Frust und ihren Ambitionen. Sie ist die treibende Kraft für einen Neuanfang und sucht alte Gefährten aus der Studentenzeit auf. Anne kann Eddi (Heiner Lauterbach). Egomane, gesundheitlich angeschlagen, und Johannes (Michael Wittenborn), Sozial-Anwalt und Fossil aus den Siebzigerjahren, für ihre neue, alte WG-Idee gewinnen. Doch die drei rüstigen Jungsenioren haben die Rechnung ohne die benachbarte Jung-WG gemacht. Es handelt sich dabei um büffelnde, eher spiessige zwei Studentinnen und einen Studenten. Katharina (Claudia Eisinger), überforderte Jura-Studentin, Barbara (Karolione Schuch), unfertige Kunststudierende, und Thorsten (Patrick Güldenberg) , neurotischer Jurastudent, machen Rabatz gegen die Neuen und gehen auf Distanz. Ein Generationenkrach ist programmiert. Die Retro-Idylle zerbröckelt. Annie will aufgeben. Aber dann machen die Jungen schlapp und bitten um Beihilfe. Die Alten kommen in Fahrt…
Zwei Wohngemeinschaften – zwei Welten und verhärtete Fronten zwischen Jung und Alt. Der Münchner Autor, Filmer und Produzent Ralf Westhoff («Der letzte schöne Herbsttag») hat eine schwungvolle intelligente Komödie inszeniert, die ohne Klamauk, billige Witze und Anbiederungen auskommt.Man spürt förmlich, wie das ganze Ensemble mit viel Spass und Vergnügen bei der Sache war und wirkt nach.
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La Belle Vie

rbr. Das Leben könnte so schön sein und ist es auch, wenn man sich vom Zivilisationsmüll befreit, sich selbst und der Natur nahe ist. Nach dieser Philosophie lebt Yves (Nicolas Bouchaud), der mit seinen Söhnen naturnah im Abseits lebt – notgedrungen. Er hat – nach Ansicht seiner Frau – ihre (seine) Kinder entführt, wird gesucht und führt seit über elf Jahren ein Nomadenleben mit seinen Söhnen Pierre (Jules Pelissier), jetzt 17 Jahre alt, und dem 16-Jährigen Sylvain (Zacharie Chasseriaud). Eine verschworene, scheinbar glückliche Gemeinschaft, bis die Jungs Morgenluft wittern. Pierre will aus dem engen Familienkreis ausbrechen und nutzt die erste beste Gelegenheit. Vater und Sylvain müssen wieder einmal fliehen und finden an der Loire auf einer Mini-Insel neuen Unterschlupf. Der Junge lernt das unbeschwerte Mädchen Gilda (Solène Rigot) kennen und lieben. Dass Leben wäre noch schöner, wenn man nicht mehr lügen, nicht mehr fliehen und sich verbergen müsste. – Lehrer, Autor und Filmer Jean Denizot drehte seinen ersten Langspielfilm «La Belle vie» 2013, basierend auf einer Begebenheit von 1998, ein idyllisches Coming-of-age-Movie beschreibt Lust und Leid zweier Brüder, welche flügge werden und ihren eigenen Weg suchen. Bisweilen ein bisschen zu schön, um wahr zu sein, aber liebevoll und sympathisch allemal. Leichtes liebeswürdiges Sommer-Kinovergnügen.
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Thanks For Sharing

rbr. In Therapie-Filmen sind die Amerikaner gross. Solche Probleme walzen sie gern aus bis zum Geht-nicht-mehr. Solche Couch- und Sitzungsdramen sind ein gefundenes Fressen für Filmstars – manchmal. Bei Stuart Blumberg Psycho-Komödie bekommen wir es mit krankhaften Sexsüchtigen zu tun. Da wären der Schönling Adam (Mark Ruffalo), der krampfhaft seine sexuellen Begehren abklemmt, und sein Sponsor Mike (Tim Robbins), Leiter der Selbsthilfegruppe, der als Vater und auch als Ehemann versagt hat. Zur Hauptfigur wird die «perfekte» Single Phoebe (Gwyneth Paltrow), die beim enthaltsamen Sexist Adam anbeisst, aber eben lustig oder lustvoll ist das alles nicht. Bei diesem ganzen Sexgerangel und verbalen Geplänkel mischt auch noch das dickliche unbeholfene Muttersöhnchen Neil (Josh Gad) mit, der sich haufenweise mit Pornos eingedeckt hat und seinen Trieben ausgeliefert ist. In der prallen sexsüchtigen Dede (Alecia «Pink» Moore) findet er eine Verbündete. Wie der Titel andeutet: Man/frau teilt Freud und Leid, mehrheitlich Leid, aber in einer Romanze solchen Hollywood-Kalibers überwiegt natürlich am Ende Happiness. Auch wenn sich Popstar Pink völlig eingibt und Paltrow – verschmitzt, sexy – eine gute Figur macht, geht dieser Komödie die Lust ab. Der Film ist so sinnlich und sexy wie ein Pfannkuchen. Bekannte Namen und wortreiches Bemühen allein machen noch kein (überlanges) Lustspiel aus, wenn die Sinnlichkeit schöne Theorie bleibt.
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Vielen Dank für nichts

rbr. Eine Gaunerkomödie mit Akteuren im Rollstuhl? Ja, das gibt’s – dank der Regisseure Stefan Hillebrand und Oliver Paulus. Nach einem Snowboardunfall ist Valentin (Joel Basman) querschnittsgelähmt, das pisst ihn an – nun in einem Südtiroler Reha-Heim mit Spastis den Ferien-Alltag zu verbringen. Die Wut kocht, die das Ekel auch an den Behinderten auslässt, bis er doch eines Tages Zugang zu den handikapierten Kumpeln findet, Valentin hat zudem ein Auge auf die hübsche Pflegerin Mira (Anna Unterberger) geworfen, die freilich mit einem tumben Tankstellen-Kerl verbandelt ist. Valentin wird aktiv und organisiert einen Überfall. – Die Idee ist grotesk und aberwitzig: Rollstuhl-Rocker proben den Aufstand und einen bewaffneten Überfall. Das ist anarchisch und natürlich fern von aller Wirklichkeit, aber Spass macht’s doch, die Umkehrung der Verhältnisse – und mittendrin der Schweizer Viel-Schauspieler Joel Basman. Er trägt zusammen mit den echten Behinderten diesen Film, der sich etwas herausnimmt. Es gelingt den Filmer weitgehend, die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, Wunsch und Wirklichkeit zu verwischen. Mut hatten sie: Es geht auch ohne Sozialkitsch und Mitleidbonus.

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The Two Faces of January

I.I. Das ist der ultimative Ripley-Nachfolger nach Patricia Highsmith in Hitchcock-Manier: hier stimmt alles, Suspense, Spannung, zwielichtige Darsteller, traumschöne Drehorte in Athen, Kreta und Istanbul, wo sich die Protagonisten begegnen und das subtile Regie-Drehbuch-Debüt von Hossein Amini, dem in England lebenden Iraner, seine Wirkung entfaltet.

Im Jahre 1962 lebt der junge Amerikaner Rydal (Oscar Isaac) in Athen und verdingt sich als windiger Fremdenführer, der den Touristen mit Devisen das Geld aus der Tasche zieht. Als er auf der Akropolis auf seinen reichen Landsmann Chester MacFarland (Viggo Mortensen) und seine Frau Colette (Kirsten Dunst) trifft, verliebt sich Rydal in Colette und verabredet sich mit ihnen zum gemeinsamen Abendessen. Rydal sucht die MacFarlands im Hotel auf und ertappt Chester dabei, wie er einen bewusstlosen Mann über den Hotelflur schleift. Schon bald ist der junge Amerikaner in ein dunkles Netz aus Mord, Eifersucht, Paranoia und Intrigen verstrickt.

Die US-Schriftstellerin Patricia Highsmith, die lange Jahre in Tegna im Tessin lebte und 1995 verstarb, wurde mit ihren raffinierten Psychothrillern weltbekannt; ihre berühmteste Figur, der kaltblütige Tom Ripley wurde von Alain Delon in «Nur die Sonne war Zeuge», von Dennis Hopper in Wim Wenders’ «Der amerikanische Freund», von Matt Damon in «Der talentierte Mr. Ripley», einer Neuauflage von «Plein Soleil», und von John Malkovich in «Ripley’s Game» verkörpert.

Highsmiths 1964 veröffentlichter Roman «Die zwei Gesichter des Januars» gehört weder zur fünfbändigen Ripley-Reihe noch zu den besten Werken der Autorin, zeigt jedoch zwei verwandte faszinierende Figuren aus der amoralischen Grauzone. Drehbuchautor Hossein Amini («Drive») gibt ein fulminantes Regie-Debüt; für die gleichnamige Verfilmung des Buches hat er hochkarätige Darsteller engagiert: Viggo Mortensen («Der Herr der Ringe») und Oscar Isaac («Inside Llewyn Davis») liefern sich im klassisch inszenierten Thriller ein spannendes Schauspielduell um die etwas naive Colette, verkörpert von Kirsten Dunst.

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FEMEN – Mit Leib und Seele

I.I. Alain Margot, Westschweizer Filmemacher, hat die Aktivistinnen der FEMEN-Bewegung porträtiert und ihre Geschichte über Jahre hinweg mit der Kamera begleitet. Die Künstlerin Oxana Shachko als schillernde, facettenreiche und mutige Persönlichkeit steht im Zentrum seines Films. Der Regisseur zeigt die mutigen, jungen Frauen in der Ukraine, die unbeirrt, gewaltfrei und mit viel Fantasie für Meinungsfreiheit und Gerechtigkeit kämpfen.  Die FEMEN-Frauen wurden bedroht und mussten aus der Ukraine ausreisen; sie sind heute in vielen Ländern Europas aktiv und bringen ihre Ideen und Anliegen zum Ausdruck, mit unbändiger Kraft und Kreativität für die Menschenwürde zu kämpfen, mit der Lust, die Welt zu verändern. Der Film macht die Motivationen und Anliegen der Aktivistinnen nachvollziehbar. Die jüngste Aktualität der Ukraine gibt dem Zeitdokument eine besondere Gewichtung. Sehenswert!

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Edge of Tomorrow

I.I. Manchmal wünscht man sich, nochmals von vorn zu beginnen oder eine Entscheidung rückgängig zu machen. In diese Situation versetzt fühlt sich Major William Cage (Tom Cruise) als er (Anleihen beim D-Day der Alliierten) in der Normandie landet, um die bösartigen Techno-Aliens aus Europa zu vertreiben. Er kann zwar nicht mal die Waffen an seiner monumentalen Roboterausrüstung bedienen und fällt daher schon nach kurzer Zeit einem der Mimics zum Opfer. Doch zu seiner Überraschung erwacht er am Tag vor der Schlacht erneut und das mehrmals. Jedesmal, wenn er stirbt, bringt ihn die Zeitschlaufe wieder an den Anfang des Geschehens und jedesmal ist er danach ein bisschen schlauer. Emily Blunt als seine smarte Vorgesetzte und schöne Superheldin ist noch eine Klasse besser. Technikfreaks, die’s gerne monströs mögen, kann der agile Tom Cruise in der Regie von Regisseur Doug Liman («The Bourne Identity») ausserdem vielleicht auch mit seinem vollen Körpereinsatz und der fulminanten Hechtrolle unter einen fahrenden Lastwagen beeindrucken.
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Das magische Haus

(rbr) Das kommt leider häufiger vor: Verantwortungslose Tierhalter «entsorgen» ihren Kater, indem sie ihn «vergessen». Thunder, eine Samtpfote nach schlanker Garfield-Art, muss einen neuen Unterschlupf suchen und findet in einem gespenstischen altmodischen Haus Zuflucht – gegen den Willen des grantigen Hasen Jack und des Mäuschens Maggie. Der nette Hausherr Lawrence, ein unverbesserlicher Magier, schliesst Kater Thunder jedoch ins Herz. Die Familie im «Magischen Haus» besteht neben dem Taubenpärchen Karle und Klärle aus allerlei magischen Utensilien und Spielzeug. Da strahlt Edison, die Birne auf Beinen, da spuckt Stomp Kaugummi, tänzelt Clara oder schwingt der Chef den Kochlöffel. Der kunterbunte Haufen führt bei Magiermeister Lawrence ein paradiesisches Leben, bis der garstige geldgeile Neffe Daniel auftaucht und die Immobilie verscherbeln will. Der Kampf gegen den «Fortschritt», sprich Modernisierung und Maximierung eskaliert. – Die plüschige Trick-Produktion des 3D-Spezialisten Ben Stassen hat altmodischen Charme und wartet in der deutschen Synchronfassung mit prominenten Stimmen auf: Matthias Schweighöfer (Vaterfreuden) als Thunder, Karoline Herfurth als Mäuschen Maggie und Dieter Hallervorden Hausherr Lawrence Ein amüsanter Nebeneffekt: Der Magier hat tatsächlich Ähnlichkeit mit dem Kabarettisten Didi Hallervorden (Sein letztes Rennen).
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Locke

(rbr) Es gibt nur wenige Filme, die so radikal und unerbittlich eine Geschichte schildern, die an einem Ort spielen und in der nur ein einziger Held/Opfer agiert beziehungsweise getrieben wird. So ein Film war der spanische Psychothriller «Burried – Lebend begraben» (2010) von Rodrigo Cortés: Ein Mann, in einem Sarg gefangen, kämpft um sein Leben. Ein anderer Fall: Aktuell geht es in «Locke» um einen Mann in einem Auto. Ivan Locke (Tom Hardy) fährt durch die Nacht und hat sich einen Haufen Ärger eingebrockt. Er hat einen tollen Job als Leitender einer Grossbaustelle, ist Ehemann und fürsorglicher Vater, aber auch verantwortungsbewusster Liebhaber einer Frau, die nun ein Kind vom ihm erwartet. Just in dieser Nacht vor der grössten beruflichen Herausforderung verlässt er die Baustelle, um seinem «Seitensprung», also der Frau einer Nacht, beim Gebären beizustehen. Eine Fahrt gegen die Zeit und gegen die Zerstörung seines Lebens. Es droht ein totaler Kollaps – seiner Familie, seiner Karriere, seiner Existenz. Und Locke telefoniert auf dieser Nachtfahrt dagegen an, unerschütterlich von seinem Verantwortungsbewusstsein bestimmt. – Dieser Thriller einer Nacht mit einem getriebenen Akteur und einigen Stimmen hat mehr Dichte und Spannung als mancher aufgeblähter Actionthriller. Ein packendes Kammerspiel in einem Auto mit dem Darsteller Tom Hardy, der neben den Dialogen den Film trägt. Kino pur – schnörkellos und ungeschminkt.
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Gabrielle

(rbr) Auf der Piazza Grande in Locarno wurde sie letzten Sommer gefeiert wie ein Filmstar: Gabrielle Marion-Rivaed. Sie ist und verkörpert die 22-jährige lebensfrohe Gabrielle. Sie ist vom Williams-Beuren-Syndrom (WBS) betroffen, heisst, sie ist kleinwüchsig, sieht anders aus, hat ausgeprägte Sensibilität und Talent wie auch Schwächen. Gabrielle lebt mit anderen behinderten Menschen in einem Haus betreuten Wohnens. Sie liebt Musik, ist begabt, arbeitet in einem Büro und ist aktives Chormitglied. Sie lernt Martin (Alexandre Landry) kennen und lieben. Kann, darf das Pärchen sein eigenes Leben führen? Es gibt Unverständnis, Widerstände, aber auch Chancen. – Louise Archembault stiess auf die Institution Les Muses und den Chor. Menschen mit Behinderung können dort musisch und künstlerisch ausbilden lassen, gegründet von Tänzerin Cindy Schwartz. Das animierte sie zum aussergewöhnlichen Film «Gabrielle». Dieser kanadische Spielfilm ist ungemein authentisch, fast dokumentarisch, vor allem dank der Darsteller, die bis auf einige Ausnahmen wie Alexandre Landry tatsächlich behindert sind. Es ist ein überzeugender Film über Tabus, über Entfaltung und Autonomie, Freiheit und Verwirklichung, sehr nah an den Menschen und der Wirklichkeit.
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Hotell

(rbr) Erika sperrt sich gegen die Geburt und erlebt ein Trauma: Ihr Söhnchen erleidet einen Hirnschaden. Sie wendet sich vom Baby ab, erträgt sich selbst und die Situation nicht. Sie sucht Halt in einer Therapiegruppe. Drei Frauen und zwei Männer schlagen sich mit psychologischen Problemen herum, hassen sich selbst und flüchten vor der Wirklichkeit. Eine gemeinsame Hotelreise soll Klärung und Lösung bringen. Fünf Menschen, die in ihrem Leben gefangen sind und sich nicht befreien können. Das Hotel wird zur Metapher für Kommen, Gehen und Sichfinden. Das melodramatische Therapiedrama ist ganz auf Menschen eingestellt, die nicht aufgeben, sich selbst zu finden. Die Schwedin Lisa Langseth inszenierte ein intimes Psychodrama und es gelingt ihr mit viel Einfühlungsvermögen, die Lebenskrise ihrer Figuren plausibel und spannend darzustellen – bis hin zur Katharsis. Eine eindrückliche Ensembleleistung, wobei besonders Alicia Vikander, rehäugig und verletzlich, als depressive, in sich gekehrte Mutter hervorsticht.
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