Buchcover "Wenn ich eine Wolke wäre".
Mascha Kaléko, Anfang 30er Jahre in Berlin.
«Wenn ich eine Wolke wäre – Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens»
Von Ingrid Isermann
1956 kehrt Mascha Kaléko aus dem Exil nach Deutschland zurück, siebzehn Jahre, nachdem sie das Land 1938 in letzter Minute verlassen hatte. Volker Weidermann erzählt eloquent und empathisch von ihrer Reise durch Deutschland. Kann ihr geliebtes Berlin wieder zur Heimat werden?
Wie wird das Land, das sie sich früh zur Heimat erkor, sie empfangen und ihr begegnen, wo sie als Dichterin so erfolgreich war? Das Land, das sie mit offenen Armen aufnahm und nach Antritt der Naziherrschaft um ihr Leben fürchten liess? Es sind bange Fragen, die sich Mascha Kaléko vor Antritt ihrer Reise in die junge Bundesrepublik Deutschland stellt. Was hat sich verändert und ist eine Zukunft in Deutschland für sie wieder möglich?
Anfangs der 30er Jahre ist Mascha Kaléko ein literarischer Star, man liebt ihre Gedichte über Liebe, Berlin und den Alltag, über Gott und die Welt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wird das Leben für jüdische Menschen von Tag zu Tag schwieriger. 1938 kann sie in letzter Minute mit ihrem Mann Chemjo und dem kleinen Sohn nach New York flüchten.
Exil New York
Noch am 4. September 1938 dirigiert der Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver in der Synagoge Prinzregentenstrasse die deutsche Erstaufführung der Oper «Die Chaluzim» von Jacob Weinberg. Im Oktober werden die Pässe aller Juden Berlins eingezogen. Mascha Kaléko gelingt es, mit ihrer Familie zu fliehen; mit dem Zug fahren sie nach Hamburg, übernachten dort und fahren weiter über die Grenze nach Paris: «Davon hatten wir geträumt, zu zweien auf die Lichter der Place de l’Opera zu staunen», zwei Wochen bleiben sie. Am 14. Oktober 1938 legt die «Britannic» in Le Havre ab, es geht über den Atlantik, alle drei werden seekrank und dann ragt die Freiheitsstatue aus dem Nebel auf, die Wolkenkratzer, die neue Welt. Mascha ist 31 Jahre, Chemjo 42, Steven fast zwei. Sie beginnen ein neues Leben in New York. Siebzehn Jahre verbringt Mascha Kaléko dort, ohne ihre Wurzeln in Berlin zu vergessen.
«Ich setze auf Wunder»
1956 kommt sie erstmals nach Deutschland zurück, sie fährt nach Berlin, in die Stadt, in der sie glücklich war, als Dichterin Erfolge feierte, und fährt durchs ganze Land, bleibt fast ein Jahr, bereist Stadt für Stadt, spricht mit Verlagen, Zeitungsleuten, alten Freunden und stellt erleichtert fest, dass sie nicht vergessen ist.
Es geschehen Wunder um Wunder in ihrem Leben, die ihr das Gefühl geben, dass ihr Engel von früher neben ihr geht. Täglich schickt sie Briefe an Chemjo, die Liebe ihres Lebens, der mit ihrem Sohn in New York geblieben ist. Sie erzählt von märchenhaften Erfolgen, vom Treffen mit ihrer tot geglaubten Schwester Lea, die in Ost-Berlin lebt, von Meetings mit Schriftstellern, Journalisten, Lesern und auch von ewig gestrigen Politikern.
Erste Station Hamburg
Januar 1956, es ist Winter, an Chemjo schreibt sie: «Der Weg von Bremerhaven bis Hamburg ist Flachland, mit kahlen Weiden, aber grünen Tannen, und die Felder sind mit Winterkohl bestellt, vor den kleinen Häuschen der Vororte, also noch grünlich. (…) eine sonderbare Schwermut überkam mich, als ich durch die Landschaft fuhr. Der Nebel stieg auf, der Himmel war grau, das Wasser düster, und ab und zu sah man einen Vater mit seinem Kind spazieren gehen, es ist Sonntag. Die Landschaft und die Bäume hätten mir an sich wohl getan aber sie taten mir auch sehr weh… Vergessen ist ein schweres Wort. Ganz frei von den düstern Geistern, die ich nun überall auf diesem Boden sehe, wird das Land für mich wohl kaum werden. Aber wer weiss.-»
In Hamburg holt sie niemand ab. Kein Rowohlt, kein Brief, kein Mitarbeiter. Deutschland erwartet sie nicht. «Aber ich beschloss, ein tapferes Herz zu haben», schreibt sie Chemjo. Sie nimmt ein teures Taxi, mit all ihrem Gepäck und Schreibmaschine, und lässt sich in eine kleine Pension in Harvestehude bringen. Gleich Montagmorgen ruft sie bei Rowohlt an, der ist nicht da, aber Peter Zingler und jetzt ist es, als würden sich die Schleusen des Glücks und des Willkommens und des guten Nachhausekommens öffnen. Zingler begrüsst sie herzlich, als wäre man gerade erst auseinandergegangen. Er führt sie durch die Räume: «Alles ist geschmackvoll und hochkultiviert, an den Wänden echte George Grosz’, Miros, Klees, Kokoschkas». Zingler nimmt sie mit «ins schönste Lokal Hamburgs», in den Künstlerklub «Die Insel», sie trinken Sherry, essen «toll», Zingler erzählt ihr die Geschichte des Verlages nach dem Krieg, sie fahren mit dem Boot über die Alster zurück und damit fängt die ganze traumhafte Reise von Mascha Kaléko in ihre Heimat an und wird lange Zeit nicht aufhören.
Ein paar Tage später ist sie bei Rowohlt zu Hause eingeladen, in Fuhlsbüttel («eine Art Dahlem von Hamburg»), ein Chauffeur bringt sie hin, ein herrliches, grosses Haus in holländischem Stil mit parkartigem Garten, Rowohlt empfängt ohne Schlips, es wird aufgetischt wie im Paradies. (..) «Der Alte war im Himmel», (…) und dann fragt der Alte noch, ob sie eigentlich seine Briefe nicht bekommen habe, drüben in Amerika, sie habe diese gar nicht beantwortet, und Mascha sagt, sie habe eben gleichzeitig die Nachrichten von all den Toten in Europa bekommen, «und ich dachte, nie wieder will ich was mit Deutschland zu tun haben», und Rowohlt fragt: «Na, Sie haben doch nicht etwa geglaubt, ich sei ein Nazi…». «Nein, das habe ich nicht geglaubt», sagt sie. «Hätte ich geglaubt, Sie seien auch nur eine Minute ein Nazi gewesen, sässe ich nicht hier bei Ihnen». An Chemjo schreibt sie, Ernst Rowohlt sei wohl der «unpolitischste Mensch», den sie kenne. «An diesen Mann sind alle Massstäbe irgendwie falsch angelegt. Er ist eine Naturgewalt. Ein Vollblutverleger. Eine Persönlichkeit, ein bisschen wie Mynheer Peeperkorn aus Thomas Manns Zauberberg (…)».
Das Land feiert sie und die Zeitungen bringen grosse Artikel über sie. Ihr erster Gedichtband «Das lyrische Stenogrammheft» von 1933 wird wieder aufgelegt und erobert die Bestsellerlisten. Sie wird eingeladen vom Herausgeber der Literarischen Welt Willy Haas, der Chefredaktor der ZEIT Josef Müller-Marein lädt sie zu einem Mittagessen mit «Cognac, Sliwowitz, russischem Aprikosenschnaps und Bockbier» ein; Mascha trinkt und feiert mit und er bekennt, er sei «Flieger im Krieg» gewesen und habe «die höchsten Orden» bekommen. Sie schreibt ihrem Mann Chemjo nach New York: «Anders ist es nicht und wenn man andere Leute sucht, muss man sofort Deutschland verlassen, denn das gibt es nicht».
Eine Sprache ohne Verschweigen
Eine neue Sprache zu finden nach dem Holocaust, zwischen Juden und Deutschen, ohne Verschweigen, ist schwierig. Mascha Kaléko hatte in ihren Gedichten wie im täglichen Leben die Gabe der vorurteilslosen Offenheit in ihren Begegnungen mit Menschen verschiedener Couleur. Wenn sie vor Publikum liest, spricht sie auch über die Verbrechen der Nazi-Jahre und die vernichtete deutsch-jüdische Symbiose. Sie fragt an einer der zahlreichen Radio- und Zeitungsinterviews, ob sie auch Gedichte vortragen könne, die im Exil entstanden sind. Aber ja, sagen die Journalisten, genau das wollen wir doch hören. Sie wagt das Gedicht:
Sozusagen ein Mailied
Manchmal, mitten im freien Manhattan,
unterwegs auf der Jagd nach dem Glück,
hör ich auf einmal das Rasseln von Ketten.
Und das bringt mich wieder auf Preussen zurück.
Ob dort die Vögel zu singen wagen?
Gibt’s das noch: Werder im Blütenschnee…
Wie mag die Havel das alles ertragen,
Und was sagt der alte Grunewaldsee?
Was wissen Primeln und Geranien
Von Rassenkunde und Medizin…
Ob Ecke Uhland die Kastanien wohl blühn?
Das dezente Gedicht kommt gut an. Auf die Frage, warum sie so lange nichts veröffentlicht habe antwortet sie, dass sie sich nicht vorstellen konnte, wieder deutschen Boden zu betreten und hier zu veröffentlichen, «nachdem was wir Juden durchgemacht haben». Und dann, schreibt sie Chemjo, «sind alle ganz still». Und plötzlich ist es so, als hätte das Land, als hätten die Menschen auf sie gewartet als eine, die bereit ist, die Lücke zu schliessen.
Herbstanfang in Berlin
In Berlin trifft sie ihre totgeglaubte Schwester Lea wieder, ein Wunder!, und sie besucht die alten heimatlichen Orte, die nach dem Krieg anders aussehen oder nicht mehr da sind. Und endlich kommt auch Chemjo Vinaver nach Berlin. Ein gemeinsamer Sommer steht bevor, doch es entwickelt sich anders. So genau weiss man es nicht, da die Briefe nach New York nicht mehr fliessen, denn Chemjo ist da und sie erleben alles zusammen. Aber die Briefe, die Mascha nach seiner Abreise nach New York geschrieben hat, sind zerknirscht, reuevoll und sich selbst und die Verhältnisse anklagend. Auch Berlin scheint ihr nicht mehr so strahlend. Und jetzt kommt noch der Herbst, die Abschiedszeit. «Herbstanfang» heisst eines ihrer vielen Jahreszeitgedichte. Das Blatt scheint sich zu wenden, die Verkäufe ihres Gedichtbandes stocken. Das Jahr 1956 war ein Rausch gewesen, der Mensch, der sie war, war wieder aufgetaucht, nach diesem märchenhaften Jahr ist sie wirklich heimatlos.
Herbstanfang
Die Nachtigall in meinem Garten schweigt.
Die Welt wird leer.
Und auch die Geige in der Ferne
Geigt nicht mehr.
Der Sommer flieht.
Mit jedem Tage stiller wird mein Lied.
Und jährlich trüber schleicht der Herbst sich ein,
Und tiefer, tiefer schneit der Schnee mich ein.
Von Wolken schwer,
Die Stirn sich neigt.
Die Welt wird leer.
Die Nachtigall in meinem Garten schweigt.
Im März 1958 erscheint bei Rowohlt der Gedichtband mit Geschichten «Verse für Zeitgenossen», der von der Kritik gut aufgenommen wird. Im Sommer reisen Mascha und ihr Mann wieder nach Europa, nach Bad Reichenhall wegen seines Asthmas zur Kur und im September nach Berlin. Hier ist Maschas Enthusiasmus wieder sofort da, sie ist wie frisch verliebt, liebt alles, jede Blume, jeden Baum, jede Strasse, findet alles herrlich. Sie möchte zurückkehren, doch Chemjo kann sich eine endgültige Rückkehr nicht vorstellen. Augenscheinlich wollen es auch tonangebende Kräfte in Deutschland nicht, jedenfalls nicht zu Maschas Bedingungen.
Im Februar wird ihr von der Akademie der Künste in Berlin der begehrte Fontane-Preis zuerkannt, ein Literaturpreis dotiert mit 4000 Mark. Als Mascha Kaléko erfährt, dass Hans Egon Holthusen Mitglied der Jury ist, bis 1943 SS-Standartenführer, und ihr als Direktor der Akademie für Dichtkunst den Preis übergeben würde, gab sie bekannt, dass sie den Preis von ihm nicht annehmen würde. Am 23.März 1959 suchten der Generalsekretär der Akademie und der stellvertretende Direktor sie in ihrem Hotelzimmer auf, sie hat das Gespräch protokolliert. Es ging darin nicht um einen Kompromiss, die Annahme des Preises möglich zu machen, sondern um einen als übertrieben erachteten moralischen Rigorismus der jüdischen Emigrantin zurückzuweisen und einen Skandal zu verhindern. Die SS-Sache sei «eine Jugendtorheit» gewesen, das sei lange her, inzwischen sei er überall «hochangesehen». Und schliesslich fällt der entscheidende Satz: «Wenn es den Emigranten nicht gefällt, wie wir die Dinge hier handhaben, dann sollen sie doch fortbleiben». Mascha Kaléko widerspricht und ihr wird später bescheinigt, dass sie in einer sehr sympathischen und keineswegs doktrinären Art ihren Standpunkt verteidigt habe. Die Folgen des Gesprächs: Der Preis geht an den Schriftsteller Gregor von Rezzori. Holthusen bekommt später zahlreiche weitere Kulturpreise und Verdienstorden.
«Lyrik heute»
Im Jahr 1959 zeigt ein weiteres Ereignis, das sie nicht dazugehört. Unter dem Thema «Lyrik heute» versammelten sich grosse Namen wie Günter Grass, Peter Rühmkorf, Walter Höllerer, Helmut Heissenbüttel und andere in der Berliner Kongresshalle und reden über Inhalte und Formen zeitgenössischer Lyrik. Mascha Kaléko ist nicht eingeladen, sie sitzt im Publikum und hört zu. Niemand kennt sie hier. Sie steht auf und meldet sich zu Wort, ohne ihren Namen zu nennen, und sagt, sie sei erstaunt und empört zu sehen, auf welche Art man Dichtung herstellen könne. Ihr wird klar, dass von ihrer Art zu schreiben und zu fühlen, kein Weg mehr führt zu den Texten der Männer und deren Art, darüber zu sprechen. Es hat sich ein Graben aufgetan, sie schreibt in der Tradition von Heine, Ringelnatz, Kästner und Tucholsky. Sie erinnert sich an ihre Anfänge, an das Romanische Café, die Grossstadtlyrik Berlins, die Neue Sachlichkeit: «Als meine Generation zu dichten anfing, waren die Ismen samt und sonders in die Mottenkiste gewandert». Und jetzt fangen die schon wieder damit an…
Kein Neutöner
Ich singe, wie der Vogel singt
Beziehungsweise sänge,
lebt er wie ich, vom Lärm umringt,
ein Fremder in der Menge.
Gehöre keiner Schule an
Und keiner neuen Richtung,
bin nur ein armer Grossstadtspatz
im Wald der deutschen Dichtung.
Ende Mai 1959 ging es zurück nach New York, aber nur besuchsweise, die Zeit in Greenwich Village war vorbei. Im Sommer ist sie wieder in Europa, Rom, Spoleto, Nizza, Bad Soden, im Herbst in Berlin, wo Steven versucht, mit Theaterarbeiten Fuss zu fassen. Ihrem Sohn hatte Mascha ein Gedicht gewidmet «Einem kleinen Emigranten» und früh mit auf den Weg gegeben.
An mein Kind
Dir will ich meines Liebsten Augen geben
Und seiner Seele flammend reines Glühn.
Ein Träumer wirst du sein und dennoch kühn
Verschlossne Tore aus den Angeln heben.
Wirst ausziehn, das gelobte Glück zu schmieden.
Dein Weg sei frei. Denn aller Weisheit Schluss
Bleibt doch zuletzt, dass jedermann hienieden
All seine Fehler selbst begehen muss.
Ich kann vor keinem Abgrund dich bewahren,
Hoch in die Wolken hängte Gott den Kranz.
Nur eines nimm von dem, was ich erfahren:
Wer du auch seist, nur eines: sei es ganz.
Du bist, vergiss es nicht, von jenem Baume,
Der ewig zweigte und nie Wuzel schlug.
Der Freiheit Fackel leuchtet uns im Traume,
Bewahr den Tropfen Öl im alten Krug.
Emigration nach Jerusalem
Für Chemjo und Mascha steht wieder eine Emigration und ein grosses Abenteuer bevor. Am 10. Oktober 1959 kommen die beiden in Jerusalem an, sie wollen hier eine neue Heimat finden. Es wird wieder einmal anders kommen. Vielleicht sind sie beide zu erschöpft oder es ist zu spät. Mascha liebt Berlin und ihr deutsches Publikum, die deutsche Sprache, sie lernt kaum Hebräisch, Chemjo und sie finden kaum Kontakt zu anderen Menschen. 1960 stirbt der Verleger Ernst Rowohlt, ihr letzter Band hat sich schlechter verkauft, so lässt sie sich die Rechte an den Büchern von Rowohlt zurückgeben. Die anderen Verlage winken ab. Ihr Werk verschwindet zum zweitenmal vom deutschen Markt.
Im Sommer 1968 kommt sie nach Zürich zur Liepman-Agentur, die sich ihr persönlich annimmt; im Juli 1968 der Anruf von Stevens Agentur in den USA, es ginge ihm schlecht, Mascha fliegt zu ihm in die Klinik und ist in den letzten Stunden bei ihm. Steven Vinaver, *1936 in Berlin, stirbt am 28. Juli 1968 mit 31 Jahren. Von diesem Moment an verändert sich alles in ihrem Leben. Sie sind Verlorene in Jerusalem und das Leben im siebten Stock des Hauses in Jerusalem ist beschwerlich. Chemjo geht voraus und verbringt die letzten Monate in einem Pflegeheim in Tel Aviv. 1973 wird er nach einem Herzanfall ins Krankenhaus gebracht und stirbt. Über die Todesanzeige setzt sie ein frühes Gedicht, das nach siebzehn Jahren später genauso passt:
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
Allein im Nebel tast ich todentlang
Und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.
Der weiss es wohl, dem gleiches widerfuhr;
Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muss man leben.
Eine Liebe ist ihr noch geblieben: Berlin. Sie ist wieder eingeladen worden in die Stadt! Der Gedanke an Berlin macht sie euphorisch, Berlin ist «wie ein ferner Traum». Und dann geschieht wirklich noch das ersehnte Wunder. Der Rowohlt Verlag meldet sich Anfang 1974, man wollte das «Lyrische Stenogrammheft» als Novität im November wieder herausbringen, ihr Buch wird nochmals neu entdeckt. Der Verlag schickt ihr 100 rote Rosen ins Hotel. Aber Mascha wird krank. Sie muss operiert werden und die Ärzte stellen Magenkrebs fest. Man verschweigt es ihr. Danach fährt sie trotzdem und die Lesung wird ein Erfolg. Mascha wohnt in Berlin wieder in ihrer Bleibtreustrasse, in diesen Tagen entsteht auch das Gedicht «Bleibtreu»:
Bleibtreu heisst die Strasse
Was willst du von mir, Bleibtreu?
Ja, ich weiss. Nein, ich vergass nichts.
Hier war mein Glück zu Hause. Und meine Not.
Sie fliegt nach London, um eine Freundin von Steven zu treffen, dann wieder nach Zürich, sie wiegt nur noch 46 kg, Dann erhält sie die Diagnose unheilbar. Freunde besorgen ihr ein Zimmer in einer Privatklinik in Zürich. Mascha Kaléko ist 67 Jahre alt. Giesela Zoch-Westphal (1930-2023), die sie immer wieder am Sterbebett besuchte und ihren Nachlass betreute, sagte, sie sei ganz bewusst auf den Tod zugegangen, voller Hoffnung auf ein Wiedersehen mit den beiden Vorausgegangenen. Sie weiss ja, dass der Tod nicht das Ende ist. Am 21. Januar 1975 stirbt Mascha Kaléko in Zürich, zwei Tage später wird sie auf dem Israelitischen Friedhof am Friesenberg in Zürich beerdigt.
Sie hat auf Wunder gehofft und auf sie gesetzt, aber die grössten Wunder sind erst nach ihrem Tod geschehen, der nicht abreissende Erfolg ihrer Gedichte. Sie gilt heute als die erfolgreichste und beliebteste deutsche Dichterin, mehr als eine Million Exemplare ihrer Gedichtbände sind allein bei dtv verkauft. Genauso, wie sie es Ernst und Heinrich Maria Ledig Rowohlt damals in Hamburg vorausgesagt hatte. Eine ihrer Hoffnungen, die in den Himmel reichte und die sich erfüllte. Alles, was sie über das Leben wusste und über die Liebe, über die Einsamkeit und über die Hoffnung hat sie uns dagelassen. Und sie regt unentwegt mit ihrer unnachahmlichen Stimme zum Nachdenken an.
Volker Weidermann schreibt über dieses besondere Jahr 1956 auf den Grundlagen der Briefe und Tagebücher Mascha Kalékos und fächert damit ein ganzes Leben auf: die Geschichte einer deutsch-jüdischen Dichterin, deren Humor, Esprit, Lebensklugheit und heitere Melancholie bis heute Leserinnen und Leser begeistert. Das Buch erscheint zur richtigen Zeit in Anbetracht einer zunehmenden Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus, daran zu erinnern, was Emigration, Exil und Ausgrenzung mit betroffenen Menschen macht.
(Siehe auch Archiv Literatur & Kunst, Nr. 09/2025: «Mascha Kaléko: Das lyrische Stenogrammheft»)
Zum 50. Todestag: Mascha Kaléko, geboren 7. Juni 1907 als Golda Malka Aufen in Chrzanów, Galizien, Österreich-Ungarn, heute Polen, gestorben 21. Januar 1975 in Zürich, war eine der Neuen Sachlichkeit zugerechnete deutschsprachige Dichterin. Ihre Mutter war jüdisch-österreichischer, ihr Vater, der Kaufmann Fischel Engel jüdisch-russischer Herkunft. 1914 übersiedelte zunächst die Mutter mit den Töchtern Mascha und Lea nach Deutschland, um dem Kriegsgeschehen zu entgehen. In Frankfurt am Main besuchte Mascha die Volksschule. 1916 zog die Familie nach Marburg, schliesslich 1918 nach Berlin. Hier verbrachte sie ihre Schul- und Studienzeit. 1925 begann sie eine Bürolehre und besuchte Abendkurse in Philosophie und Psychologie, u.a. an der Lessing-Hochschule und Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin. 1928 heiratete sie den zehn Jahre älteren Hebräischlehrer Saul Kaléko. Ende der 1920er Jahre kam sie mit der künstlerischen Avantgarde Berlins in Kontakt, die sich im Romanischen Café in Charlottenburg traf. So lernte sie u.a. die Dichter Else Lasker-Schüler und Joachim Ringelnatz kennen. 1929 veröffentlichte Mascha Kaléko erste Kabarettgedichte im heiter-melancholischen Ton, der die Lebenswelt der kleinen Leute traf und die Atmosphäre im Berlin ihrer Zeit widerspiegeln. Ab 1930 wirkte sie beim Rundfunk mit. 1933 publizierte sie das «Lyrische Stenogrammheft». Der nationalsozialistischen Bücherverbrennung im Mai 1933 entging das Buch, die Nazis hatten damals noch nicht erfasst, dass sie Jüdin war. «Das kleine Lesebuch für Grosse» erschien 1934. 1933/34 studierte Kaléko u.a. in der Klasse für Werbungs- und Publicity-Schreiben. Im Dezember wurde ihr Sohn, Evjatar Alexander Michael in Berlin geboren, sein Name wurde später im Exil in Steven geändert. Der Vater war der aus Warschau stammende Dirigent und Musikwissenschaftler Chemjo Vinaver. Am 22. Januar 1938 wurde die Ehe Saul und Mascha Kaléko geschieden, sechs Tage später heiratete sie Chemjo Vinaver. Sie behielt den Namen Kaléko als Künstlernamen bei. Bald wurden auch ihre Bücher verboten. Die kleine Familie emigrierte 1938 in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo Kaléko die Familie mit dem Verfassen von Reklametexten über Wasser hielt. 1944 erhielten sie die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Ihre erste Reise nach Deutschland erfolgte 1956. 1960 siedelte sie mit ihrem Mann nach Jerusalem über. 1968 starb ihr musikalisch hochbegabter Sohn in New York, 1973 ihr Mann Chemjo Vinaver. Im Herbst 1974 besuchte sie letztmals Berlin und hielt dort am 16. September in der Amerika-Gedenkbibliothek einen Vortrag. Am 21. Januar 1975 starb sie auf der Durchreise in Zürich an Magenkrebs. Ihr Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof Oberer Friesenberg in Zürich.
Volker Weidermann, geboren 1969 in Darmstadt, war Gastgeber des «Literarischen Quartetts» im ZDF. Er ist Kulturkorrrespondent der ZEIT und Autor zahlreicher Bücher, darunter «Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen» und «Mann vom Meer». Ausserdem ist er Herausgeber der Reihe «Bücher meines Lebens».
Volker Weidermann
Wenn ich eine Wolke wäre
Mascha Kaléko
und die Reise ihres Lebens
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2025
Hardcover, 235 S., CHF 35.90
ISBN 978-3-462-00863-0