FRONTPAGE

«Sam Shaw: «Dear Marilyn». Die unveröffentlichten Briefe und Photographien»

 

Es gibt sie tatsächlich, noch bisher unveröffentlichte, hinreissende Bilder und Dokumente zur Ikone Marilyn Monroe (1926-1962) von Sam Shaw, Photograph und enger Freund Marilyns. Von ihm stammt auch das blowing skirt-Photo über dem New Yorker Subway-Schacht aus dem Film «Das verflixte 7. Jahr».

Wegen eines Rechtsstreits waren Shaws Bilder jahrzehntelang blockiert, der jetzt beigelegt ist. Die Familie des 1999 verstorbenen Photographen bringt seine Marilyn-Bilder zusammen mit unveröffentlichten Briefen in einem grossen Bildband heraus, der als internationale Koproduktion den Auftakt zum Marilyn Centennial 2026 bildet. Die deutsche Ausgabe erscheint bei Schirmer/Mosel.

 

Sam Shaw begleitete Marilyn Monroe von 1950 bis in die 1960er Jahre, photographierte sie am Set und privat, korrespondierte mit ihr und hielt seine Erlebnisse in seinen Tagebüchern fest. «Dear Marilyn» schildert den Weg vom Starlet über den Superstar zur unabhängigen Produzentin in drei Akten, der Entstehung des blowing skirt-Photos ist ein hochinteressantes eigenes Kapitel gewidmet.
 
Aufnahmen in den Strassen von New York, mit Arthur Miller, im heimischen Garten in Roxbury und am Strand von Amagansett zeigen eine atemberaubend schöne, selbstbewusste, fröhliche, versonnene und immer überraschende Marilyn. Sam Shaws Briefe bezeugen die von tiefem Vertrauen und Humor geprägte, enge Freundschaft zwischen dem Photographen und seinem berühmten Modell.

 

Sam Shaw schreibt im Vorwort, als Photograph möchte er eine Story erzählen, «über die Marilyn, die ich kannte. Die vielen Gesichter Marilyns. Die vielen Stationen ihrer Karriere vom Starlet zur Arbeitslosen, der Statistin, der Nebendarstellerin bis zum Star, Superstar und zur Produzentin. In zwei Ehen hinein und wieder heraus. Ihre Unabhängigkeit. Ihre Suche nach sich selbst. Sie genoss das Leben in vollen Zügen, solange sie lebte».

 

Wie setzt man die Einzelteile eines Lebens zusammen? Marilyn Monroe kam out of time zur Welt. Und wurde doch zum Superstar, zum Mythos, zur Legende – und eine Freundin. Schauspielerin, Künstlerin, Schöpferin einer liebenswürdig-geistreichen Komödienfigur. So überzeugend, dass Profis, Kollegen und die Öffentlichkeit bis heute glauben, sie sei so gewesen. Sam Shaw wollte sie zeigen, wie sie wirklich war, ohne Make-up, ohne Show. Wie sie die von ihr geschaffene Kunstfigur persifliert, karikiert.

 

«Marilyn hatte viele Seiten. Die süsse, unschuldige Naive. Die lustige Frohnatur. Die Kitschnudel. Schauspielschülerin. Theater- und Filmschülerin. Elevin des Lebens. Ehefrau. Der Star, der vom Publikum immer angenommen wurde. Der Star, der von der Hollywood-Aristokratie akzeptiert wurde. Eine knallharte Kämpferin mit eisernem Willen».

 

Marilyn durchlebte viele Phasen, eine junge Frau ohne akademische Ausbildung, die lernen wollte, wie man eine gute Schauspielerin wird, die gute Bücher liest und Dichtung liebt. Die Gedichte schreibt und sich später Drehbücher und Regisseure selbst aussucht. Die Photos zeigen Marilyn in wunderbaren fröhlichen Momenten in den besten Jahren ihres Lebens, ohne Arbeit, mit Arbeit, frisch verliebt, nicht mehr verliebt. Ein Protokoll der Momente der Freundschaft, festgehalten wie für ein Familienalbum. Marilyn, schön ohne Make-up, als Mensch und Person. So photogen, dass sie in ihren Bildern immer noch lebendig ist und ihre strahlende Ausstrahlung uns berührt.

 
Ruhm und Leidenschaft
«In Hollywood waren die Autoren hinter Marilyn her. In New York war sie es, die den gefeierten, in aller Welt bekannten und gespielten Dramatiker Arthur Miller verfolgte. Arthur Miller war nicht für Hollywood-Filme berühmt, sondern für sein «Theaterstück Tod eines Handlungsreisenden». Der attraktive, grosse amerikanische Dramatiker in der Nachfolge Eugene O’Neills.
 
Ich wusste natürlich, dass sie mich dazu bringen wollte, Miller zu kontaktieren. Wir waren im St. Regis Hotel. Ich bekam ihn unter irgendeinem Vorwand ans Telefon Als sie mit Miller sprach, machte ich eine Photoserie. In diesen Bildern kommen, wie ich finde, die intimen Gefühle einer jungen, verliebten Frau – am Telefon – zum Ausdruck.
 
Später nahm ich sie nach Brooklyn mit. Wir liefen über die Brooklyn Bridge. Ich erzählte ihr von Walt Whitman, ihrem Lieblingsdichter, der eine Weile Herausgeber des Brooklyn Eagle war. Ich erzählte ihr von meiner Zeit beim Brooklyn Eagle, als Cartoonist und Laufbursche im Art Department. Unterwegs gerieten wir in einen Platzregen. Es war dämmrig, der Regen fiel, die Skyline von New York sah aus wie das biblische Babylon. Wir waren beide klatschnass. Ich rief Norman Rosten an, er war mit mir und Miller befreundet. Marilyn manövrierte wie von Zauberhand die Elemente des Schicksals.
 
Norman sagte, wir sollten direkt zu ihm kommen. Wir waren nur einen Block entfernt. Norman und Hedda sollten im Lauf der Zeit zu Marilyns engsten Freunden werden. Und sie waren der Grund für ihre erneute Begegnung mit Miller. Es wurde eine stürmische Romanze.
 
(…) Einige Tage später, ich arbeitete an einem Auftrag, bekam ich einen Anruf von Marilyn. «Hör zu, sitzt du gerade?» fragte sie. «Ich werde Arthur Miller heiraten. Unglaublich, oder? Ich kann es selbst kaum glauben. Wir haben die letzten paar Wochen darüber gesprochen und dann ist es passiert. Er hat mich gefragt, ob ich ihn heiraten will! Das sind Neuigkeiten, was meinst Du? Wow!»
 
Mayrilyn und Miller waren weltweit in den Schlagzeilen. Aus aller Welt traf sich die Presse in ihrem Haus. Ein Photoreporter von Paris Match kam bei dem Wettrennen um den Exklusivbericht ums Leben. Marilyn als Cover-Story des bekanntesten Magazins für Kriegsreportage. Ich photographierte die beiden auf der Fifth Avenue, in Connecticut und Amangansett. Eine romantische Zeit.

Manchmal ein Anflug von Traurigkeit. Auf manchen Photos kündet ein nachdenklicher Augenblick von kommendem Unglück. Im nächsten Moment warf sie mir eine rote Nelke zu – meiner Kamera».

 

 

Sam Shaw
DEAR MARILYN
Die unveröffentlichten Briefe und Photographien
Mit einem Vorwort von Meta Shaw und Edie Shaw
und einem Text des Photographen
Aus dem Englischen von Haide Paul
Schirmer/Mosel Verlag, 2025
240 S., 77 Farb- und 180 s/w-Abb.
CHF 57.30. € 49.80
ISBN 978-3-82961046-9

 

 

 

 

 

 

«Paul McCartney – WINGS: Die Geschichte einer Band on the Run»

 
«Wings» präsentiert die einzigartige Geschichte von Ex-Beatle Paul McCartney und seiner Band von ihren bescheidenen Anfängen und Erfolgen in den frühen 70er-Jahren bis zu ihrer Auflösung ein Jahrzehnt später. Mit reichhaltigen Erinnerungen, die Ted Widmer zusammengestellt hat und die eine wichtige Ära der Pop-Kultur lebendig werden lassen.

 

Die Erzählung beginnt damit, dass ein 27-jähriger Superstar, der Gerüchten zufolge angeblich nach der Auflösung der Beatles tot ist, mit seiner Frau auf eine abgelegene Schaffarm in Schottland flieht, um sich dort vor einer Flut rechtlicher und persönlicher Streitigkeiten zu verstecken. Trotz der widrigen Umstände war es die Einsamkeit der schottischen Umgebung, in der McCartney seine Kreativität wiederentdeckte. High Park Farm war eine 75 Hektar grosse Schaffarm auf der Halbinsel Kintyre in Argyllshire. Obwohl sie über Jahrhunderte den Dukes of Argyll gehört hatte, befand sie sich in heruntergekommenen Zustand, war nur schwer über endlos lange und verschlungene Strassen zu erreichen. Der perfekte Ort, um sich vor der Welt zu verstecken.

 

Im Herbst 1969 fuhren Paul und Linda mit ihren Töchtern Heather und Mary dorthin und liessen sich nieder. Es war eine triste Jahreszeit, aber das mochte die Attraktivität och erhöht haben, da Paul mit Depressionen zu kämpfen hatte. Einem vermeintlich toten Sänger möchte es als der richtige Ort erscheinen, um der eigenen Sterblichkeit zu trotzen. Denn hier entstand seine neue Band «Wings».  

 

(…) Das Album, an dem er bastelte, war eine hausgemachte Angelegenheit, den von Linda zubereiteten Mahlzeiten nicht unähnlich. Paul verband sich direkt mit dem Bandgerät und stellte die Levels einfach nach Gefühl ein. Die Songs flogen ihm mühelos zu. Hin und wieder ging er in ein Studio, in die Abbey Road oder in die Morgan Studios in Willesden, um noch etwas zu verbessern. Das Ergebnis war ein DIY-Klassiker, denkbar weit entfernt von den ausgeklügelten Studiofinessen auf Abbey Road. Paul spielte sämtliche Instrumente selbst und sang viele Songs sotto voce mit gedämpfter Stimme, als würde er im Vertrauen zu einer geliebten Person sprechen, was in gewisser Weise auch seinem glücklichen Leben entsprach, das er hier gefunden hatte. Zur Covergestaltung gehörte ein Porträt von Paul, aufgenommen in Schottland, das ihn mit seiner neugeborenen Tochter Mary zeigt, die aus seiner Jacke hervorspäht.

 

 

«Wings» begleitet Paul, Linda McCartney und die Bandmitglieder auf Reisen, während sie u.a. unangekündigte Konzerte in Universitätsgebäuden geben, mit ihren Kindern in einem alten Doppeldeckerbus auf Tour durch Europa gehen, einen Raubüberfall auf den Strassen Nigerias überleben und schliesslich auf ihrer Welttournee Blockbuster-Stadionskonzerte geben, während sie gleichzeitig einige der erfolgreichsten Songs dieser Zeit produzieren.
 
Mit seiner Frau Linda McCartney, dem Gitarristen Denny Laine und dem Schlagzeuger Denny Seiwell stürmt er erneut an die Spitze der Charts und produziert Songs, die den Sound der 70er prägen, etwa «Live and let die», Titelsong des gleichnamigen Bond-Films von 1973 oder «Band on the Run», der in den USA zum Nummer 1 Hit wird. Doch «Wings» erzählt nicht nur die Geschichte einer triumphalen musikalischen Neuerfindung. Das Buch bietet auch einen Blick hinter die Kulissen und zeigt den privaten Paul McCartney, der in diesen Jahren eine Familie gründet und Vater wird.

 

Basierend auf zahlreichen Interviews mit McCartney, seiner Familie, Bandmitgliedern und beteiligten Zeitgenossen entführt «Wings» die Leser:innen in die Welt der 70-er Jahre.
 
Eine eindrückliche Hommage an die Flower Power-Zeit und das Gefühl grenzenloser Freiheit. Paul McCartney begeisterte seither Millionen von Menschen mit seiner Musik, ob als Beatle oder mit seiner Band.
 
WINGS – was für ein schönes, aufschlussreiches Zeitdokument!

 
 
Paul McCartney

WINGS

Die Geschichte einer Band on the Run

Eine Oral History

Herausgegeben von Ted Widmer

Aus dem Englischen von Conny Lösch

550 S., div. Farb- und s/w-Abb.

CHF 51.60

ISBN 978-3-406-83997-9

 

 

 

 
Solothurner Filmtage 21. – 28. Januar 2026
Nach intensiven Festivaltagen voller Begegnungen und Kinoerlebnisse fanden die 61. Solothurner Filmtage am 29. Januar 2026 ihren Abschluss. An der «Soirée de clôture» wurden jene Werke ausgezeichnet, die Publikum und Jurys in besonderer Weise bewegt haben – ein würdiger Schlusspunkt und zugleich ein Blick in die Zukunft des Schweizer Filmschaffens. Der mit CHF 60’000 höchstdotierte Filmpreis der Schweiz «Prix de Soleure» ging an «Qui vit encore» von Nicolas Wadimoff. Der Film habe durch seine Form und seinen Inhalt eine äusserst schwierige Aufgabe gemeistert: Er schaffe einen Kontext fernab vom Kriegsschauplatz, um ein besseres Verständnis für die physische Zerstörung und die menschlichen Opfer zu vermitteln, so die Jury. Die vollständige Laudatio ist auf unserer Website nachzulesen.
Den «PRIX DU PUBLIC», gestiftet von der Festival-Hauptpartnerin Swiss Life, sicherte sich «Becaària» von Erik Bernasconi. Der Film überzeugte das Publikum mit der Geschichte des 16-jährigen Mario, der in einem kleinen Dorf im Tessin lebt. Während sich die Gesellschaft um ihn herum verändert, lernt Mario in der Bergwelt durch unerwartete Begegnungen viel über das Leben, die Liebe und vor allem über sich selbst.
Mit Publikumspreisen geht es weiter: Der Preis für den besten Kurzfilm ging an «Versuch, einen Baum in Zürich zu fällen» von Lara Alina Hofer, während Luisa Zürcher mit ihrem Film «Ich bin nicht sicher» den Preis für den besten Animationsfilmgewann.
Mit diesen Auszeichnungen schliessen die Solothurner Filmtage ihre Türen und öffnen zugleich neue Räume für Gespräche, Entdeckungen und Vorfreude auf das neue Filmjahr.

solothurnerfilmtage.ch

 
 

Filmtipps

 
Wuthering Heights (Sturmhöhe)
Regisseurin Emerald Fennell verfilmte den Klassiker mit Margot Robbie und Jacob Elordi als opulentes Kostümfest. «Wuthering Heights» ist eine Adaption des Meisterwerks der englischen Autorin Emily Brontë, erstmals publiziert 1847. Der Film erzählt die dramatische Romanze der ambitiösen Catherine Earnshaw (Margot Robbie) und des Findelkinds Heathcliff (Jacob Elordi), die zusammen in einem heruntergekommenen Anwesen im stürmischen Nordengland aufwachsen. Das Hemd von Heathcliff ist mit Blut durchtränkt, wenn er wieder einmal von seinem Stiefvater, Mr. Earnshaw (Martin Clunes), mit Peitschenhieben bestraft wird. Heathcliff schwört Cathy dennoch ewige Treue. Das wird infrage gestellt, als Cathy nach ihrer Hochzeit zum neureichen Samthändler Edgar Linton (Shazad Latif) in sein luxuriöses Anwesen Thrushcross Grange einige Meilen entfernt zieht. Die Kleider glitzern mit dem prachtvollen Interieur der Produktionsdesignerin Suzie Davies um die Wette. In der Hochzeitsnacht trägt Cathy ein Geschenkpapierkleid. Die Kostüme stammen von der zweifachen Oscar-Gewinnerin Jacqueline Durran. Doch als Heathcliff reich geworden zurückkehrt, verfällt ihm Cathy erneut. Sie beginnt eine Amour fou, die sie schliesslich beendet, weil sie ein Kind von Edgar Linton erwartet. Heathcliff rächt sich für ihre Absage und heiratet Edgars Schwester Isabel Linton (Alison Oliver), womit das Unheil seinen Lauf nimmt.

 

The President’s Cake
Backen ohne Zutaten: Der Debütfilm von Regisseur Hasan Hadi spielt im Irak in den 1990er Jahren. Jedes Jahr wird im Irak in den Schulen ausgelost, wer einen Geburtstagskuchen zu Ehren des Präsidenten Saddam Hussein backen soll. Diesmal fällt die Aufgabe der neunjährigen Lamia zu. Sie lebt mit ihrer Grossmutter in den mesopotamischen Sümpfen und Geld haben sie kaum. Unterwegs in der nächstgelegenen Stadt, bekommt sie von ihrem Freund Saeed Hilfe, um die nötigen Backzutaten zu besorgen. Doch die beiden müssen ebenso erfinderisch wie entschlossen sein, um sich die Zutaten wie Mehl, Backpulver, Eier und Zucker zu besorgen, doch wegen der Wirtschaftssanktionen herrscht Lebensmittelknappheit.  Der Film schildert atmosphärisch dicht die brodelnde Geschäftigkeit inmitten von Armut, Krieg, Fatalismus und Hierarchien, die  durch die List der beiden jungen Protagonisten überwunden werden. Eine Geschichte, die auf authentischen Erfahrungen des Regisseurs beruht. Mit Baneen Ahmad Nayyef, Waheed Thabet Khreibat, Sajad Mohamad Qasem, Rahim AlHaj, Muthanna Malaghi und Thaer Salem.

 

Extrawurst
Die Komödie «Extrawurst» des deutschen Regisseurs und Drehbuchautors Marcus H. Rosenmüller verschafft Comedien Hape Kerkeling ein beachtliches Comeback. In einem Tennisclub einer deutschen Kleinstadt eskaliert der Streit an einer Mitgliederversammlung zu einem heftigen Schlagabtausch, als neben einem neuen Grill auch die Anschaffung eines separaten Grills für das einzige türkische Mitglied vorgeschlagen wird. Atheisten und Gläubige, Deutsche und Türken sowie Gutmenschen und Hardliner prallen aufeinander. Aus der organisatorischen Entscheidung entwickelt sich eine Debatte über kulturelle und religiöse Unterschiede sowie Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Komödie mit Hape Kerkeling, Christoph Maria Herbst, Anja Knauer, Fahri Yardim, Friedrich Mücke.
 

 

Jim Jarmusch: Father Mother Sister Brother
Jim Jarmusch («Stranger than Paradiese») präsentiert seinen ersten Regiefilm seit sechs Jahren mit grossem Staraufgebot. Die vier inhaltlich unabhängigen Kurzgeschichten handeln von Generationen, die sich wenig untereinander zu sagen haben. Dass keine echten Gespräche in Gang kommen, ist nichts Neues, kommt aber der für Jarmusch typischen lakonischen Sprech- und Denkweise entgegen. Ein Vater (Tom Waits) bekommt Besuch von seinen beiden Kindern (Adam Driver und Mayim Bialik), die sich um seinen Gesundheitszustand sorgen, finden den Vater aber gut erhalten vor. In der nächsten Episode bei einem Kaffeekränzchen zwischen der Mutter (Charlotte Rampling) und ihren Töchtern (Cate Blanchett und Vicky Krieps) werden die eingefahrenen Beziehungsmuster sichtbar. Oder das Zwillingspaar, das die Wohnung der verstorbenen Eltern in New York nach Erinnerungen durchsucht. Ressentiments, Enttäuschungen, verpasste Liebe und eine unausgesprochene Verbundenheit sind der Kitt dieser präzise beobachteten Kurzgeschichten mit amüsant spritzigen Dialogen. Vom Filmfestival in Venedig gab es dafür für den Altmeister und mittlerweile 72jährigen Jim Jarmusch den Goldenen Löwen.

 

Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse
Eine melancholische Komödie von Regisseur Wolfgang Becker («Good-bye Lenin») nach dem Roman von Maxim Leo. Seit 30 Jahren ist Deutschland wiedervereinigt. Eigentlich will Michael Hartung (Charly Hübner) in seiner Videothek «Moviestar» nur seine Ruhe. Die Miete ist im Rückstand, wie alles in seinem Leben. Michael Hartung arbeitete in den Tagen des Mauerfalls in einem Kohlebergwerk in der DDR-Provinz. Er verlor Stelle um Stelle und irgendwann auch den Glauben, dass es ein Stück Wende auch für ihn gibt. Bis der findige Reporter Alexander Landmann (Leon Ullrich) auftaucht und plötzlich ist Michael Hartung ein Held! Denn in der Nacht zum 12. Juli 1983 passierte ein S-Bahnzug über eine falsch gestellte Weiche die Grenze am Bahnhof Friedrichstrasse. 127 DDR-Bürger rumpelten völlig unverhofft in den Westen. Michael war damals im Eisenbahndienst, aber der Weichenbolzen, der die Menschen in die Freiheit führte, war mehr Missgeschick als Heldentat. Landmanns Reportage mit Dramatik und Pathos, macht aus dem Loser einen Helden der Nation. Reporter, Journalisten und Neugierige belagern ihn vor dem «Moviestar». Alle sind plötzlich seine Freunde, seine Tochter Natalie (Leonie Benesch) bewundert ihn endlich, mit der Staatsanwältin Paula (Christiane Paul), die einst in der DDR-Staatsbahn sass und in die Freiheit fuhr, bahnt sich eine Romanze an. Die Geschichte wächst ihm über den Kopf, als er auch noch im Bundestag eine Rede halten soll. Wie kommt man da wieder raus? Wolfgang Becker starb kurz nach Ende der Dreharbeiten. Ein empathischer Film und würdiges Vermächtnis des Regisseurs Wolfgang Becker, der auch die Medien ins Visier nimmt.

 

Sentimental Value
Das Familiendrama des norwegischen Regisseurs Joachim Trier wurde bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes mit dem Grossen Preis der Jury ausgezeichnet. Nach dem Tod ihrer Mutter müssen sich die Schwestern Nora (Renate Reinsve) und Agnes Borg Pettersen (Inga Ibsdotter Lilleaas) mit ihrem entfremdeten Vater Gustav (Stellan Skarsgård) auseinandersetzen, ein einst bekannter, mittlerweile aber fast vergessener Regisseur. Er hat sie verlassen, als beide noch klein waren. Die Schwestern haben unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen, Nora hat ihre Schauspielkarriere über alles andere gestellt, ihre jüngere Schwester Agnes hat sich für einen sicheren Job, Ehemann und Kind entschieden. Nun platzt Gustav mitten in eine Feier in ihrem Elternhaus und überrascht die beiden Schwestern. Er hat ein autobiografisches Drehbuch geschrieben und bietet seiner Tochter Nora die Hauptrolle in seinem nächsten Film an, diese lehnt jedoch kategorisch ab. Er will einen Film über seine Mutter in ihrem Elternhaus in Norwegen drehen, das ihm noch immer zum Teil gehört. Diese hatte sich dort aufgrund des Traumas der Folter durch die Nazis während des Krieges das Leben genommen. Während einer Retrospektive seiner Filme in der Normandie lernt Gustav die Hollywood-Schauspielerin Rachel Kemp (Elle Fanning) kennen und bietet ihr die Rolle an, die für Nora bestimmt war. Doch als die Dreharbeiten in dem alten Holzhaus am Rande von Oslo beginnen, in dem Generationen der Familie gelebt haben, ergreift Gustav die Chance, seine Beziehung zu Nora und ihrer Schwester zu kitten. Ein berührender Film!
 

The Secret Agent
Der spannende Thriller von Kleber Mendonça Filho mit Wagner Moura (Narcos) in der Hauptrolle als Marcelo Alves, spielt 1977 in Brasilien während der Militärdiktatur und handelt von einem Mann, der wegen „subversiver Aktivitäten verfolgt wird. Die fiktive Geschichte wurde von Kindheitserinnerungen des Regisseurs an seine Heimatstadt Recife und seinem vorherigen Dokumentarfilm Retratos Fantasmas (Geisterportraits, 2023) inspiriert. Der Film konzentriert sich auf Zensur, autoritären Druck und kultureller Kreativität. Mendonça Filho versteht den Film als Versuch, das Unsichtbare der Diktatur filmisch spürbar zu machen, nämlich Angst, Schweigen und alltägliche Anpassung, statt Repressionsbilder direkt zu zeigen. Zugleich setzt sich der Film mit Machtverhältnissen, Männlichkeitsbildern und der Rolle des Kinos auseinander. Für die Rekonstruktion des Jahres 1977 griff das Team für eine authentische Alltagsästhetik jener Zeit auf private Familienfotos und spezifische Blickwinkel auf Strassenzüge zurück. Das Drehbuch entstand während der Präsidentschaft Jair Bolsonaros, als das Kulturministerium abgeschafft und die Filmförderung weitgehend blockiert wurde. Unter Präsident Luiz Inácio Lula da Silva sieht Mendonça Filho eine in Teilen wiederhergestellte kulturpolitische Struktur, welche die Arbeit wieder ermöglicht. Seine Filme entstünden aus Alltagsbeobachtungen und Haltungen, nicht aus Botschaften, so Kleber Mendonça Filho, für ihn ist Recife ein „Universum“, dessen filmische Produktivität er immer wieder betont. Die Premiere fand Mitte Mai 2025 bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes statt, wo das Werk mit dem Regie- und Darstellerpreis ausgezeichnet wurde.

 

Hallo Betty
Die Geschichte des Schweizer Spielfilms «Hallo Betty» (Regie Pierre Monnard) spielt 1956, als die Werbetexterin Emmy Creola (Sarah Spale) die Produkte einer Speiseölfirma vermarkten soll. Sie kommt auf die Idee einer Kunstfigur, die sie Betty Bossi nennt und die als patente Köchin Kochrezepte plus eigenem Magazin anbietet, die schon bald eine Menge Fanpost erhält. Dabei hat sie zunächst gegen den Widerstand des Agenturchefs (Ueli Jäggi) zu kämpfen. Dass sie unverhofft ins Rampenlicht gerät, ist nicht nur für ihren Mann Ernst Creola (Martin Vischer) unvorhergesehen. Eine Ehekrise ist vorprogrammiert, der Ehemann zieht vorübergehend aus, je bekannter seine Frau wird. Die wahre Geschichte der Emmi Creola-Maag (Esther Gemsch, alt) wird detailgetreu mit den Attributen der 50er Jahre nacherzählt, die in ferner Vergangenheit zu liegen scheint, obwohl auch heute noch Frauen um Lohngleichstellung kämpfen. Das etwas nostalgische Feelgood-Movie erinnert mit Rückblenden jedoch auch an die Stellung der Frau. Das Betty Bossi-Kochbuch «Erfolgsrezepte» (gelingsicher seit 1956) ist ein Evergreen und wird ebenso wie ihre Produkte bis heute geschätzt.

 

Amrum
Der bildstarke Coming-of-Age-Film des deutsch-türkischen Regisseurs Fatih Akin basiert auf Kindheitserinnerungen von Hark Bohm.  Der Film spielt im Frühjahr 1945 in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs in einem kleinen Dorf auf der norddeutschen Insel Amrum. Der 12-jährige Nanning Bohm (Jasper Billerbeck), der mit seiner Mutter, Tante und zwei kleineren Geschwistern aus dem zerbombten Hamburg auf die Insel fliehen musste, geht auf Robbenjagd, fischt nachts und arbeitet auf dem Feld, um seiner hochschwangeren Mutter (Laura Tonke) zu helfen, die Familie zu ernähren. Sie ist eine glühende Nationalsozialistin, sein Vater war ein hohes Tier und in Kriegsgefangenschaft; sie sind auf Amrum auf sich allein gestellt. Nach Kriegsende muss sich Nanning neuen Herausforderungen stellen und seinen eigenen Weg finden. Die Mutter ist seit der Geburt des vierten Kindes und dem Tod Adolf Hitlers in eine Depression gefallen. Sie isst nichts mehr und Nanning versucht ihr den Wunsch nach Weissbrot mit Butter und Honig zu erfüllen, keine leichte Aufgabe, denn auf der Insel mangelt es wegen des Krieges an allem. Er lernt hierbei die Bewohner der Insel wie den Fischer Sam Gangsters (Detlev Buck) näher kennen und das Friesisch, das die Menschen hier sprechen. Mit der Aussage im Film „du bist nicht schuld, aber du hast dennoch damit zu tun“, wird betont, dass er keine persönliche Schuld an der nationalsozialistischen Vergangenheit seiner Eltern trägt, sich aber deren Erbe und den damit verbundenen Fragen nicht entziehen kann. Der Film mit Laura Tonke, Diane Kruger, Matthias Schweighöfer, Detlev Buck, Jasper Billerbeck und Kian Köppke feierte im Mai 2025 bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes seine Premiere.

 

Miroirs No. 3
Der Titel des Films des deutschen Regisseurs Christian Petzold bezieht sich auf ein Klavierstück Maurice Ravels. Die ambitionierte Pianistin Laura (Paula Beer) studiert an der Universität der Künste in Berlin. Auf einem Wochenendausflug mit ihrem Lebensgefährten in die Uckermark verliert er die Kontrolle über das Cabriolet. Während Laura unverletzt schockiert überlebt, kommt ihr Freund ums Leben. Betty (Barbara Auer), die den Unfall beobachtet hat, nimmt Laura in ihrem Haus am Rande eines Weilers bei sich auf. Laura beginnt im Haushalt mitzuhelfen und bietet an zu kochen. Daraufhin lädt Betty ihren Mann Richard (Matthias Brandt) und ihren Sohn Max (Enno Trebs) zum Abendessen ein, die eigentlich nur widerwillig erscheinen, bis Laura überraschend das Essen serviert. Richard und Max betreiben in der Nähe eine Autowerkstatt und reparieren nach der Ankunft von Laura im Haus einen Wasserhahn, die Spülmaschine und die Fahrräder. Für das verstimmte Klavier kommt ein Klavierstimmer, damit Laura üben kann, nachdem sie längere Zeit nicht gespielt hat. Als Laura jedoch erfährt, dass die Familie in ihr die verstorbene Tochter und Schwester gesehen hat, lässt sie sich von ihrem Vater abholen. Nach einiger Zeit recherchiert Betty, dass Laura ein öffentliches Vorspiel an der Universität der Künste haben wird und fährt mit der Familie dahin. Laura erkennt sie im Publikum und spielt ihr Stück wie geübt. Zurück daheim sitzt die Familie von Betty entspannt auf der Veranda beisammen. Miroirs No. 3 bildet eine Trilogie mit Petzolds vorherigen Filmen Undine und Roter Himmel. Nachdem diese den Elementen Wasser und Feuer gewidmet waren, geht es hier um das Element Luft.

 

to be continued

 

 

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