FRONTPAGE

«Die Sammlung des Kunstmuseums Chur: Kafka also wohnt in Chur»

Von Daniele Muscionico

 

Die Alpen sind leichter zu überwinden als Vorurteile, in Chur weiss man das: Das erweiterte Bündner Kunstmuseum belegt, dass Bündner Kunst auch Weltkunst sein kann.

Kafka wohnt hier. In einem Bau im Innern der Erde, wo er stundenlang durch die Gänge streichen kann. In der Mitte ein unterirdischer Platz der Kunst. Mehrere solcher Plätze sogar, freilich! Doch wer hat sie geschaffen? Chur hat sie geschaffen. Chur hat die Kunst unter die Erde und damit unter Dach und Fach gebracht. Kafka lebt in Chur, und er wandert im Neubau des Museums durch Teile der Sammlung. Sie kann, vom Dämmerlicht des Depots befreit, hier öffentlich glänzen. Doch zunächst: «L’homme qui marche» von Alberto Giacometti, eine Hommage, Giacometti ist vor fünfzig Jahren in Chur gestorben. Franz Kafka, Bewohner des neuen Churer «Baus», ist dieser «homme qui marche» von Giacometti, der menschliche Gedankenwegweiser durch die Ausstellung «Solo Walks. Eine Galerie des Gehens».

 

Wandernde Künstler

Wer nicht geht im Bündnerland, wer nicht ging, kommt nicht dort an, wo er gerne wäre. Wo sich’s, wer weiss, gedeihlicher leben lässt, keine Berge vor dem Glück stehen. Die Bündner Künstlerin, der Bündner Künstler geht, wenn er, wenn sie weggehen will – um wieder zurückzukommen. Alberto Giacometti steht für viele, Alberto ist ein Beispiel.

 

Chur erkundet mit seinen neuen Ausstellungsmöglichkeiten die Herkunft und die Aussicht seiner Sammlung. Regionale Kunst – Mathias Spescha, Lenz Klotz, Zilla Leutenegger –, wo unterscheidet sie sich von nationaler, internationaler? Wo sind die Anfänge der Bündner Kunstsammlung? Das Duo Steiner/Lenzlinger kennt die Antwort. Doch nicht hier, nicht in Kafkas neuem «Bau», Geduld also. Markus Raetz legt die Antwort nahe, dass aller Anfang in der Bewegung liegt. Sein Mobile scheint schwer, schwer wie Gneis, Granit. Doch beim zweiten Besehen zeigt sich: Raetz’ Kunst-Stein ist ein Schein-Stein – schwebendes Aluminium, federleicht.

 

 

Nur wer sich bewegt, wird Bewegung in die eigene Wahrnehmung bringen. Kafkas «Bau» besteht aus einem Raumgeflecht ohne Anfang und Ende. Achtzehn Meter lang ist das Wandgemälde an der Stirnseite einer Ausstellungshalle, das Hamish Fulton, der Wanderkünstler mit Liebe zum Engadin, zur Eröffnung beigesteuert hat. Ihm gegenüber hat Thomas Hirschhorn Nietzsches Mind-Map angeschlagen.

 

 

In der «Galerie des Gehens» geht auch Valie Export und führt ihren «Hund» Peter Weibel an der Leine durch die Wiener Kärntnerstrasse. Auch Bruce Nauman geht, er geht den «Beckett Walk». Carl André wiederum lässt gehen, seine Kunst ist begehbar. Auch Ulay und Marina Abramovic gehen (sich entgegen auf der Chinesischen Mauer), auch der Künstler Adolf Wölfli geht, er reist im eigenen Kopf. «Solo Walks» ist auch die Aufforderung, sich die unterirdischen Räume wandernd zu erobern. Die «Galerie des Gehens» ist als Kunsterfahrung in der Tiefe eine tiefe Hirnstimulation.

Kein Geräusch, kein Rascheln irgendeines Kleintieres, keine rieselnde Erde in Kafkas «Bau». Von der lauten Oberwelt gelangt man in die stille Unterwelt, in eine Welt der Kontemplation, neue Kräfte sollen in den neuen Räumen wachsen. Selbstbewusstsein auch.

 

 

Öffnung ins Weite
Die Sammlung des Kunstmuseums ist ein zu bergender Schatz. Vierzig Jahre lang planen, träumen, diplomatisches Seilziehen um Gunst und politische Stimmen. Anfang der 1980er Jahre wurde gar der Abriss des Altbaus, der Villa Planta, erwogen. Nun steht der Neubau an der Stelle des ehemaligen Natur- und Nationalparkmuseums der Gebrüder Sulser. Und in der geretteten Villa Planta erinnern die Sammlungsvitrinen der Kuriosa-Künstler Steiner/Lenzlinger an die Anfänge.
Im Nu, nach nur zwei Jahren Bauzeit, hat Chur Kafkas «Bau» realisiert. Nach zwei kurzen Jahren zeigt er als Behauptung in die Tiefe, wühlt sich in den Boden der Stadt und wühlt in der Stadt seine Bewohner auf. Es wühlt auf, was sich hier ereignet, auch darum: Der Besucher wird genötigt, den Neubau zu betreten, will er nicht nur die Wechselausstellung, sondern auch das Tafelsilber, die Sammlung, sehen. Kafka träumte von einem vollkommenen Bau. Hier ist er, eine Rückführung zu den Churer Kunstanfängen – und eine Öffnung hin ins Weite und weit über Chur hinaus in die Kunstwelt.
Denn Chur hat nicht nur ein neues Kunstmuseum und einen unterirdischen Kunstwanderweg durch die Sammlung erhalten. Mit Kafkas «Bau» verbunden ist die Villa Planta: ein Gesamtensemble, in dem nun atmosphärisch unterschiedliche Kunstklimazonen existieren. Da sind die weitläufigen unterirdischen Sammlungs- und Wechselausstellungs-Etagen, und da ist das «Labor» mit Kunsthallencharakter oberhalb des Eingangsfoyers. Dort macht die Bündner Künstlerin Zilla Leutenegger zur Eröffnung den Raum selbst zum Thema ihrer Arbeit.
Ausstellungssäle, «Labor» und im Untergeschoss der Villa Planta die neu belüfteten, neu beleuchteten Kabinettsräume für die Papierarbeiten der Sammlung. Darüber glänzt nach dreijähriger Renovation das opulent dekorierte, byzantinisch umwehte Wohnhaus des Kaufmanns Jacques Ambrosius von Planta, jede Kunstmarmorsäule und jeder Terrazzoboden zur Spiegelfläche aufgeputzt.

 
Kulturelle Wechselwirkungen
Und steht der Neubau nicht just neben dem historisch wichtigen und bis heute inspiriert geführten Theater Chur? Zudem die Nähe der Spielstätte «Postremise», unweit die überregional bedeutende Galerie von Luciano Fasciati. Die Hoffnung, dass mit dem Erweiterungsbau das gesamte Kunstschaffen des Kantons neue Impulse erhält und an Aufmerksamkeit gewinnt, darf Museumsdirektor Stephan Kunz mit Recht äussern.
Kafka also wohnt in Chur. Und noch jemand, prominenter als vorher: die Familie Giacometti. Kafka hüben, in seinem «Bau», die Giacomettis drüben, in der Villa Planta. Die Sammlungsgeschichte des Museums beginnt um 1900 und ist beeinflusst von Künstlerpersönlichkeiten, von Giovanni Segantini oder Ernst Ludwig Kirchner. Doch niemand ist so wichtig wie die Familie Giacometti. Chur ist das einzige Kunstmuseum überhaupt, das bis jetzt die skulpturalen Möbel von Diego Giacometti sammelt.
Doch das Museum ist auch ein Hort der in der Nähe des Museums geborenen Angelika Kauffmann. Die Malerin logiert im Parterre der Villa Planta, in einem privat anmutenden Salon. Selbstverständlich, dass sie auf ihrem Selbstporträt Zeichenstift und Zeichenmappe festhält, die Nachwelt soll sie als Künstlerin in Erinnerung behalten. Noch stimmiger als Kauffmann ist nur Giovanni Giacometti untergebracht. Die neu-alte Planta-Villa ist jetzt auch ein Giacometti-Haus; der Patriarch als Zentralfigur, Mobiliar von Diego als erfreuliche Überraschung und die Künstlerfreunde Hodler und Amiet als freundliche Mitbewohner. Auch Alberto Giacomettis «L’homme qui marche» ist nun bis in die Villa Planta gewandert! Der Mensch in suchender, fragender Bewegung. Chur regt zu neuen Gedanken-Gängen an. Man wird sich unterstehen, das verlockende Angebot auszuschlagen.

Der Ausstellungskatalog «Solo Walks» kostet CHF 49.

 

(Erstveröffentlichung in der NZZ mit freundlicher Genehmigung der Autorin).

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