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«Wien: Collection Heidi Horten. Die zeitgenössische Kunst steht in voller Blüte»

Von Ingrid Schindler

Die kürzlich verstorbene Kunstsammlerin Heidi Goëss-Horten hat ihrer Heimatstadt ein Museum für klassische Moderne und zeitgenössische Kunst geschenkt. Aber nicht nur die «Heidi Horten Collection» macht das kunstsinnige Wien um eine Attraktion reicher. Auch die expandierende Galerienlandschaft markiert Wien als heisses Pflaster für junge Kunst.

Im roten Wien lebt es sich günstig und gut, wie das Städteranking des Economist 2022 der Donaumetropole bescheinigt. Sie belegt den ersten Platz unter den lebenswertesten Städten weltweit. Das macht Wien auch für junge Künstler und Galeristen attraktiv. New York, Paris, Zürich seien nicht mehr bezahlbar, meint Galerist Robby Greif. Dann wollten alle nach Brüssel und Sao Poalo, inzwischen zieht es die Kunstwelt längst nach Wien. «Wien ist besonders. Eine junge Stadt, die früher am östlichsten Rand der westlichen Welt lag und sich durch die Öffnung des Ostens verändert hat. Man kennt und trifft sich, es ist nicht zu gross und doch eben eine Metropole.»

 

 

Wien, das neue Berlin
Die Kunstszene sieht nicht nur in den bezahlbaren Mieten und der hohen Museumsdichte einen Vorteil, sondern auch im funktionierenden Zusammenspiel von Institutionen, Ausbildungsstätten, dem Handel, Sammler- und Käuferkreisen. Deren Potential sei längst nicht ausgeschöpft, ist Robby Greif überzeugt, anders als in Berlin, wo Käufer rar geworden seien. Greif zügelte bereits vor neun Jahren von Berlin nach Wien. Er ist Partner der Galerie Christine König in der Schleifmühlgasse und bespielt den quadratischen White Cube, eine Projektraum um die Ecke der Galerie, mit junger, experimenteller Kunst. Andere Berliner haben es ihm gleichgetan, wie Croy Nielsen zum Beispiel, die 2016 ihre renommierte Galerie ins Palais Dumba am Parkring verlegten. Oder der Berliner Paul Makowsky, der seine Shore Gallery 2019 von Athen in ein vormaliges Nagelstudio bei der Wiener Oper zügelte. Oder Gregor Podnar, der demnächst seine Galerie unweit des Museumsquartiers einweiht. Auch die erfolgreiche österreichische Kunsthändlerin Eva Presenhuber, die in Zürich startete und nach New York expandierte, eröffnete diesen Frühling eine Dependance in der Wiener Innenstadt.
«An einem Tag kann man gut alle wichtigen Galerien ablaufen», sagt Greif, «die Wege sind kurz.» Aufstrebende, aktuelle Kunst findet sich in geballter Häufung im Freihausviertel beim Naschmarkt, wobei die Schleifmühlgasse mit den Galerien Christine König, Kargl und Senn ein Cluster bildet. Weitere Hotspots seien die Eschenbachgasse und Seilerstätte mit den etablierten Galerien Krinzinger und Thoman. Aktuell sind bei Thoman Werke von Hermann Nitsch und Michael Kienzer zu sehen. Krinzinger gehört zu den ersten Adressen der österreichischen Galerienszene. Bis Ende August werden die faszinierenden Arbeiten der omanischen Künstlerin Radhika Khimji, Fotografien und Skulpturen von Eva Schlegel und Lichtskulpturen von Atelier Van Lieshout in den Prunkräumen an der Seilerstätte gezeigt, die vor dem Umbau ein Offizierscasino war. Khimjis Werke entstanden während ihrer Zeit als Artist in Residenz bei Krinzinger Schottenfeld und wurden für die jetzige Ausstellung ergänzt und weiterbearbeitet. Sie ist zurzeit auch in der Royal Academy of Arts in London und auf der Biennale in Venedig vertreten.

 

 

WOW! mit Wumms
Das MUST für Liebhaber moderner Kunst schlechthin ist die am 3. Juni 2022 eröffnete Heidi Horton Collection. Lange ahnte niemand etwas von den Schätzen der Horten-Witwe. Erst als Heidi Goëss-Horten 2018 zum ersten Mal Teile ihrer viele Hundert Werke umfassenden privaten Sammlung in der Ausstellung WOW! im Wiener Leopold Museum der Öffentlichkeit zeigte, erwies sie sich als eine der bedeutendsten Sammler:innen der zeitgenössischen Kunst und Moderne weltweit. Die Schau schlug ein wie eine Bombe, so dass die 1941 geborene Wienerin und reichste Frau Österreichs beschloss, sie der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.
Ein neues Museum musste also her. Hortens expliziter Wunsch war, dass das Museum in jeder Hinsicht State of the Art sei. Lage und Architektur sollten so exquisit und einmalig sein wie die Sammlung selbst und Altes mit Neuem verbinden. Agnes Husslein-Arco, Hortens rechte Hand in Kunstbelangen, fand eine passende prime-location in einem Kanzleigebäude im Hanuschhof, das einst als Garage für die Automobile des Erzherzogs genutzt wurde. 2019 erwarb Goëss-Horten die Gründerzeit-Immobilie von 1914 in unmittelbarer Nachbarschaft der Albertina. Das Wiener Architekturbüro the next ENTERprise Architects unter Leitung von Marie-Therese Harnoncourt-Fuchs und Ernst J. Fuchs erhielt den Zuschlag für den Umbau zu einem dem neusten technischen Stand entsprechenden Museumskomplex. In nur 20-monatiger Bauzeit während der Pandemie wurde das kleinräumige Ursprungsgebäude entkernt, ein Kellergeschoss für das Sammlungsdepot hinzugefügt und zwei wie schwebend wirkende Ausstellungsebenen in den lichten Raum eingezogen. Das neu entstandene Palais Goëss-Horton verfügt über 1’500 m2 Ausstellungsfläche und einen 500 m2 grossen Skulpturenpark, die demnächst zeitgemäss begrünt werden sollen.

 

 

Wiens neue Wunderkammer
OPEN! lautet der Titel der Eröffnungsausstellung, die nur rund fünfzig Exponate der Collection zeigt. Denn fürs Erste soll das neue Gebäude selbst, das von den Treppen bis zu den Toiletten ein Kunstwerk ist, seinen grossen Auftritt haben. Für die Gestaltung des Tearooms, der an eine Schatzkammer bzw. Kuriositätenkabinett erinnert, wurden die Künstler Hans Kupelwieser, dessen tiefrote, von Baggern gepresste Aluminiumdecke wie prächtiger Samt wirkt, und Markus Schindwald verpflichtet. Letzterer entwarf das räumliche Setting mit Tapisserien, textilbespannter Vitrinenwand für Schauobjekte – Horten sammelte auch edles, ausgefallenes Kunsthandwerk – und die Möblierung. Der Raum verweist auf barocke Wunderkammern, wie sie für leidenschaftliche Sammler im 17. Jahrhundert typisch waren. Weitere Separées in den Ecken der drei offenen Ausstellungsebenen dienen ebenfalls dem Zweck, intime kabinettartige Räume für Besonderes zu schaffen. Die Sanitärräume überraschen mit Spiegelarbeiten von Andreas Duscha, die Blumenstilleben in analogen fotografischen Techniken und antiquierten Reproverfahren auf Spiegeln aus Silbernitrat zeigen, die sich auf historische Krisensituationen beziehen: die Tulpomanie in Holland, die Nelkenrevolution in Portugal und aus Nordamerika eingeschleppte invasive Pflanzen.
Die Schwerpunkte der Ausstellung kreisen um drei Bereiche der zeitgenössischen Kunst: Lichtskulpturen – Horten besitzt mit Werken von Fontana, Armleder, Flavin u.a. eine kleine, feine Sammlung –, das Phänomen Schrift in der Kunst (z.B. Noble & Webster, Kowanz, Oberthaler oder Boetti) sowie exemplarische Werke der Sammlung (Basquiat-Warhol, Rauschenberg, Hirst, Balkenhol, Wurm, die Lalannes u.a.). Ergänzt wird das Repertoire durch eigens für die Museumseröffnung vergebene Auftragsarbeiten, wie die über sechs Meter hohe Klangskulptur Vibrosauria von Constantin Luser. Die Freude an der Farbe, am Tier, dem man in Form von Hasen, Affen, Hunden, Schweinen u.a. begegnet, sowie am Spiel mit Humor und Hintersinn fällt auf und wirkt ansteckend.

 

 

 

Weltkunst fürs Wohnzimmer
Die Collection selbst geht über die in OPEN gezeigten Werke weit hinaus. Die Exponate reichen von «Wien um 1900» über Expressionismus, Arte Povera, europäische Nachkriegskunst bis amerikanische Pop-Art und werden je nach Ausstellungsmotto zu sehen sein. Hortens Sammelleidenschaft umfasste alle Sparten der Bildenden Kunst, von Malerei bis zu Video-Installationen, Schrift- und Lichtkunst, Bildhauerei und angewandter Kunst. Ein Panoptikum der Kunstgeschichte der letzten hundert Jahre, das als individuelle Sammlung nach persönlichem Geschmack begann und sich zu einer einzigartigen Sammlung auf internationalem Niveau entwickelt hat, wie sie in Österreich so nicht zu finden ist. Nicht als Investition angelegt, sondern zur reinen Freude der Sammlerin, um ihre eigene Lebenswelt zu bereichern und ihre privaten Residenzen in Kärnten, Kitzbühel, auf den Bahamas, in London oder New York zu bespielen. Horten kaufte kurz entschlossen aus dem Bauch heraus, wie sie selbst sagt: «Ich bin ein Augenmensch – wenn ich ein Kunstwerk sehe, weiss ich im ersten Moment, ob es für meine Sammlung infrage kommt.»

 

 

Die Gunst der Stunde

Heidi Goëss-Horten wuchs als Tochter eines Wiener Graveurs, der auch Landschaften und Porträts malte, in einem kunstsinnigen Umfeld auf. «Kunst gehörte ganz selbstverständlich zu ihrem Leben», so Agnes Husslein-Arco. In einer Hotelbar in Velden am Wörthersee lernte die 19-jährige Sekretärin Heidi Jelinek den 32 Jahre älteren deutschen «Kaufhauskönig» Helmut Horten kennen. Als die beiden 1966 heirateten, verband sie die Leidenschaft für Kunst. In ihrem Düsseldorfer Domizil hingen Noldes, Chagalls, Cranachs, Waldmüllers. Nach dem Tod ihres Mannes war Heidi Alleinerbin eines Milliardenvermögens, dem bei allem unternehmerischen Geschick und Fortune der Ruch anhaftet, auf der Arisierung deutscher Unternehmen während des NS-Regimes zu gründen. 2020 gab Heidi Goëss-Horten schliesslich bei Prof. Dr. Peter Hoeres, Universität Würzburg, ein Gutachten über den Vermögensaufbau des Kaufhausmagnaten in Auftrag, um den Verdacht, auf den Trümmern jüdischer Existenzen zu fussen, zu entkräften. «Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild des Unternehmers Helmut Horten und korrigieren einige Gerüchte» heisst es dazu in den Presseunterlagen mit Verweis auf eine Zusammenfassung des Gutachtens.

 

 

Die Kunstfreundinnen vom Wörthersee
Den gezielten, aktiven Aufbau einer in sich stringenten Sammlung verfolgte Heidi Goëss-Horten, die noch zwei weitere Ehen einging, erst seit Anfang der 1990er Jahre. Der Fokus verschob sich zunehmend auf junge, zeitgenössische Top-Künstler. Dabei liess sie sich seit 1996 von Agnes Husslein-Arco unterstützen, Kunsthistorikerin und wie sie selbst ehemalige Eiskunstläuferin. Die beiden Frauen kannten sich privat vom Wörthersee und beruflich von Kunstauktionen.
Agnes Husslein-Arco war bereits Senior Director von Sotheby’s Europe, als sie sich 1996 erstmals mit Goëss-Horten auf grosse Einkaufstour begab. Die beiden Damen sollen damals ikonografische Werke für 45 Millionen Britische Pfund im Rahmen der Londoner Auktionstage ersteigert haben. Bis zu Goëss-Hortens Hinschied am 12. Juni 2022, wenige Tage nach Eröffnung ihres Museums, beriet Husslein-Arco die Mäzenin und Sammlerin bei ihren Ankäufen; sie wird die Sammlung als Museumsdirektorin auch in Zukunft weiterführen.
Die ausgewiesene Kulturmanagerin und Kunstexpertin, zu deren Stationen u.a. das Guggenheim Europe, das Rupertinum in Salzburg, die Belvedere-Galerie oder das Leopold Museum gehören, plant zwei bis drei Ausstellungen pro Jahr in der Heidi Horten Collection. Die nächste Schau ab Oktober 2022 trägt den Titel LOOK! Sie stellt die Museumsgründerin und das Thema Mode als Paradigma der modernen Kultur in den Mittelpunkt.
Die finanziellen Mittel für weitere Ankäufe sind gesichert, ebenso wie der langfristige Betrieb und die Erhaltung des Museums. Ob es gelingt, hier ein neues Kapitel der Wiener Kunst- und Museumsgeschichte aufzuschlagen und das Haus als «neues und bislang einziges ständig öffentlich zugängliches Privatmuseum in Wien zu etablieren, Dialoge mit nationalen und internationalen Häusern aufzubauen und so als ‘Heidi Horten Collection’ jene Strahlkraft auszubauen, die sich die Sammlung seit ihrer ersten öffentlichen Präsentation im Jahr 2018 erarbeitet hat», wie Museumsdirektorin Agnes Husslein-Arco zusammenfasst, wird sich zeigen. Der Start ist vielversprechend, die Chancen stehen gut. Dass Heidi Goëss Horten nicht nur Glück, sondern ein aussergewöhnliches Gespür und goldenes Händchen für grosse Kunst besass, steht ausser Frage.

 

 

Zeitgenössische Kunst und Grünes Wien: Tipps
Nicht nur die Kunst blüht in Wien, auch Hotellerie und Gastronomie haben Nachhaltigkeit, Bio-Produkte und Grünpflanzen entdeckt. Eine Auswahl gute Adressen:
Heidi Horten Collection: OPEN! 3.6. – 2.10.2022, Hanuschgasse 3, 1010 Wien, Mi-Mo 11-19 Uhr, Do 11-21 Uhr, www.hortencollection.com. Christine König GALRIE/ KOENIG2 by_robbygreif, www.christinekoeniggalerie.com. Galerie Krinzinger, www.galerie-krinzinger.at, weitere Galerien siehe www.wien.info/de/sightseeing/museen-ausstellungen/kunststuecke.
Hotel Motto, Spittelberg, www.hotelmotto.at, mit Restaurant Chez Bernard, Pariser Flair mit vielen Grünpflanzen unter der Glaskuppel, exzellenter französische Küche und Rooftop-Bar. Hotel Gilbert, Spittelberg, www.hotel-gilbert.at, gute Lage beim Museumsquartier, begrünte Fassade, grünes Styling, mit Restaurant &flora, vegetarisch-vegane orientalisch-libanesische Küche. Bassena Wien Messe Prater, Leopoldstadt, www.bassenahotels.com, Szenehotel mit Nachhaltigkeitskonzept, nähe Volksprater und Messe. Adlerhof, Spittelberg, www.adlerhof.wien, jung, kultig, von Design-Atelier Karasinski umgestaltetes Ex-Beisl, fancy Küche, viel Grün. Bootshaus Alte Donau, betrieben vom Café Landtmann, direkt an der Alten Donau, www.dasbootshaus.at. Die Sattlerei, www.diesattlerei.at, 2. Bezirk, Fine Dining, kreative, nachhaltige Bio-Küche mit Michelin-Stern und entdeckungswürdigen Weinen. Wieninger am Nussberg, Grinzing, www.wieninger-am-nussberg.at, Heurigenlokal und biodynamischer Wein vom eigenen Gut. Mayer am Pfarrplatz, Grinzing, www.pfarrplatz.at, ältestes Wirtshaus Wien, Weingut und Heuriger, hervorragende, traditionelle Wiener Küche. Neni am Prater, www.neni.at, empfehlenswertes Rooftop-Restaraunt von Haya Molcho und Söhnen, orientalische Weltküche mit Blick auf die Achterbahnen und Kettenkarussel im Prater. Bar Hannelore, Dorotheergasse 6/8 im Zentrum, neuester Cocktailclub Wiens mit Pflanzengrün, floraler Wanddeko und Wohnzimmeratmosphäre. Noch mehr «grüne» Hotels: das Wood-Hotel am Gürtel, das Boutiquehotel Stadthalle oder das Hotel-Hostel Superbude. Infos: www.vienna.info.

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