FRONTPAGE

«Retour à Luzern: Die Weltkunst der Moderne – reconstructed»

Von Ingrid Isermann

Während der Weltwirtschaftskrise im immer totalitärer werdenden Europa, präsentiert das Kunstmuseum Luzern 1935 die revolutionären Werke der Avantgarde, u.a. von Kandinsky, Picasso, Miró, Braque, Giacometti, Klee, Sophie-Taeuber-Arp, und Mondrian unter dem Titel «These. Antithese. Synthese», die nun erstmals wieder in Luzern gezeigt werden. 

 

Mit der Rekonstruktion «Kandinsky, Picasso, Miró et al zurück in Luzern» der legendären Ausstellung von 1935 untersucht das Kunstmuseum Luzern auch die Hintergründe der exzellenten Schau, die die verschiedenen Strömungen der Avantgarde zusammenzuführen versuchte, zu einer neuen abstrakten, nicht elitären Kunst für alle. Warum wurde diese Kunst ausgerechnet in Luzern gezeigt? Wer wählte die Künstler aus und weshalb fehlten die Künstlerinnen? Welche Resonanz erzielte diese Kunst? Die Rekonstruktion von «These. Antithese. Synthese» versteht das Kunstmuseum Luzern auch als eine kritische Würdigung der Moderne, um die Gegenwart mittels historischer Zusammenhänge besser verstehen zu können.

 

Entartete Kunst
Das nationalsozialistische Deutschland lehnt jegliche moderne Kunst ab, die nicht ihre Idee von Heimat, Nationalstolz und deutscher Einigkeit gemäss NS-Ideologie propagiert. Avantgardistische Künstler:innen mit jüdischem Hintergrund werden als «entartet» aus Museen und öffentlich zugänglichen Sammlungen entfernt oder eingelagert.

 
Die Situation im Jahre 1935 ist äusserst angespannt, bereits wurden die Nürnberger Rassengesetze proklamiert, viele der in Luzern vertretenen Positionen gelten als diffamiert: Hans Arp, Georges Braque, Giorgio de Chirico, Max Ernst, Fernand Léger, Paul Klee, Wassily Kandinsky, Piet Mondrian, Pablo Picasso; ihre Kunstwerke werden auf der NS-Propagandaausstellung «Entartete Kunst», die von 1937 bis 1941 durch Deutschland tourt, mit Häme und Spott begleitet.
 

Viele Kunstschaffende sehen sich gezwungen, in die Schweiz zu emigrieren,  ihre Objekte in die Schweiz zu bringen oder zu veräussern, um ihren Lebensunterhalt respektive ihre Flucht zu finanzieren. Manche lagern ihre Kunst- und Kulturgüter in Schweizer Zollfreilagern oder Kunstmuseen ein, um sie so dem Zugriff des Nazi-Regimes zu entziehen, so wie auch das Kunstmuseum Luzern beteiligt ist.
 
In der New York Times wurde kürzlich berichtet, dass US-Präsident Donald Trump die amerikanischen Museen disziplinieren will, welche Werke ausgestellt werden dürfen wie auch Universitäten mit ihren Studienprogrammen in den Zensur-Bannkreis gerieten.

 

Was machte die Avantgarde aus?
Die Kunst der Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellt das absolut Neue, noch nie Gesehene dar und bricht radikal mit geltenden Konventionen und Regeln. Bewegungen wie der Expressionismus, der Kubismus und der Surrealismus streben nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen, um den veränderten Realitäten, Emotionen und Lebenskonzepten gerecht zu werden. Die Kunst überwindet die starren, konventionellen Gesetze und Formen des bürgerlichen Zeitalters, die reale Abbildung wird durch Abstraktion, expressiven Farbausdruck und Reduktion auf geometrische Formen ersetzt.
 
Ausgerechnet der Kubismus, den Georges Braque und Pablo Picasso prägten, hat trotz anfangs geringer öffentlicher Akzeptanz einen grossen Einfluss auf die nachfolgenden künstlerischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts und bildet den Ausgangspunkt für weitere abstrakte Stile wie den Konstruktivismus, der die bildliche Darstellung von Realität revolutioniert.

Auch das Verständnis der Skulptur ändert sich im 20. Jahrhundert radikal, wird autonom und hat keine Funktion mehr, weder die eines Kultobjekts, eines Denkmals zur weltlichen oder religiösen Machtdemonstration, noch die des bürgerlichen Kunstgenusses. Die Skulptur wird zum freien Ausdruck des Individuums, die sich zuerst in der Form zeigt, die keine Normen mehr kennt.
 
Seit der Antike ist die westliche Skulptur mit der Idee des Körpers verbunden, ob geschnitzt, modelliert oder gegossen. Nun löst sich die moderne Skulptur vom Körper und seiner Repräsentation. Es entstehen abstrakte und organische Formen, wie die Skulpturen von Hans Arp und Barbara Hepworth, deren Werke in der originalen Ausstellung von 1935 nicht zu sehen waren, was nun nachgeholt wird. Materialien wie Blech, Draht, Holz und Ölfarbe sowie neue Techniken werden eingesetzt. Hepworth beginnt damit, direkt aus dem Stein heraus zu arbeiten anstatt Gipsmodelle anzufertigen und wendet das Verfahren des «direct carving» an. Auch kann die Skulptur wie bei Alexander Calder von der Decke schweben und so eine neue Art der Betrachtung verursachen.

 

Das Menschenbild und künstlerische Positionen
Die neue Welt, die sich in einer neuen Gesellschaft und einem neuen Menschenbild ausdrücken soll, verbindet damit auch die Gleichstellung der Geschlechter. Einerseits werden restriktive Geschlechternormen in Frage gestellt, doch in der sich als fortschrittlich präsentierenden Kunst setzen sich tief verwurzelte Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit durch.
Ein Phänomen, das auch heute wieder zu beobachten ist, indem in den USA alles sogenannt «Woke» entfernt wird.

Das Versprechen der Moderne, dass alle Menschen gleich sind, wird in der originalen Ausstellung nicht eingelöst. Die Ausstellungsmacher von 1935 übergehen die künstlerischen Positionen von Frauen oder Menschen aussereuropäischer Herkunft, um die Ausstellung in den weissen, männlichen Kanon einzuschreiben. Die einzige beteiligte Künstlerin ist Sophie Taeuber-Arp, und dies auch nur auf Druck ihres Ehemanns Hans Arp, ihre Werke zu zeigen. Barbara Hepworth wird trotz der Bitten ihres Partners Ben Nicholson nicht zur Ausstellung eingeladen. Ein gewichtiger Grund, in der gegenwärtigen Ausstellung in Luzern nun auch eine grössere Werkgruppe von Barbara Hepworth zu zeigen.

 

Rückblick und Ausblick

Die Rezensionen von 1935 nennen die Ausstellung «These. Antithese. Synthese» eine Zumutung, manche würdigen den kunsthistorischen Anspruch. Dennoch entfaltet die Ausstellung entgegen dem bescheidenen Publikumsandrang und der geringen Medienresonanz eine enorme Wirkung, gilt bis heute als legendär und bleibt als unnachahmlich in Erinnerung. In der Fachwelt ist sie ein Begriff und wird als Ausgangspunkt für weitere Projekte betrachtet. Doch die angestrebte Wirkung, die Synthese verschiedener avantgardistischer Kunstrichtungen gelingt so wenig wie die Schaffung eines neuen Menschen. Das Projekt bleibt elitär und die Rezeption beschränkte sich auf die Fachkreise, anstatt die breite Öffentlichkeit anzusprechen.

Die sehenswerte Rekonstruktion von «These. Antithese. Synthese» betreibt unter dem Titel Kandinsky, Picasso, Miró et al. zurück in Luzern somit auch eine kritische Selbstreflexion in persönlicher, historischer sowie zeitgenössischer Perspektive.

 

Die spektakuläre Ausstellung im Luzerner Kunstmuseum ist vor allem eine Augenweide und eine einmalige Gelegenheit, die fulminanten Werke der Pionier:innen der Moderne und die kostbaren Originale der Moderne der Weltkunst zu sehen und zu erleben.
 
Zur Ausstellung, kuratiert von Direktorin Fanni Fetzer, erscheint ein reichhaltiger Katalog, der die kulturelle Bedeutung der Werke mit verschiedenen Essays vertieft und mit zahlreichen Abbildungen illustriert:
 
«These. Antithese. Synthese – rekonstruiert, 1935/2025», mit Texten von Fanni Fetzer, Stanislaus von Moos, Beni Muhl, Bettina Steinbrügge u.a., hrsg. von Kunstmuseum Luzern, Skira Edition, d/e, 336 Seiten, ISBN 978-88-572-5395-4. CHF 60, für Mitglieder KGL CHF 50, erhältlich im Shop des Kunstmuseums.

 

Apropos: Das Kunstmuseum Luzern kann es auch mit dem Louvre in Paris aufnehmen: die berühmte Mona Lisa von Leonardo da Vinci hängt in der Sammlung und kann ohne Menschenschlangen besichtigt werden! Dass sie nicht das Original ist, kann diese Mona Lisa nicht stören, denn wer sieht es ihr schon an?

Also hingehen und anschauen!

 

Ausstellung 05.07. – 02.11.2025

 

Kunstmuseum Luzern
Europaplatz 1
6002 Luzern
www.kunstmuseumluzern.ch

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