FRONTPAGE

«Kunstspielhaus Zürich: Kunst, Raum, soziale Verantwortung»

Von Julieta Schildknecht

Zwischen Kunsthaus und Schauspielhaus entsteht ein Prototyp: das Kunstspielhaus Zürich. Hier verdichten sich Fragen, die weit über Mauern hinausreichen: Wie verändert sich die Bedeutung eines Kunstraums, wenn er nicht nur Werke zeigt, sondern eine Gemeinschaft aktiviert?

Ein Gespräch im Rahmen des Projekts Kunstspielhaus Zürich über Gemeinschaft, Autonomie und Verantwortung. Mit Dorothea Strauss, Luigi Kurmann und Nora Hauswirth, moderiert von Julieta Schildknecht.

 

Julieta Schildknecht (JS):
Wir sprechen heute über das Kunstspielhaus an der Hottingerstrasse 4 – einen Ort zwischen Schauspielhaus und Kunsthaus, mitten im kulturellen Nerv der Stadt. Ein Haus, das Fragen stellt: nach Raum, Verantwortung und dem Verhältnis von Kunst und Gesellschaft. Mich interessiert: Wie verändert sich die Bedeutung eines Kunstraums, wenn er nicht nur Werke zeigt, sondern eine Gemeinschaft aktiviert?

 

Dorothea Strauss (DS):
Ich glaube, es gibt keinen einzigen Kunstraum auf der Welt, der keine Gemeinschaft aktiviert. Die Frage ist nur, unter welchen Vorzeichen. Eine Institution verändert sich durch ihren Purpose – durch das, was sie erreichen will, und welche Anschlussfähigkeit sie sucht. Wenn sie offen bleibt, wird sie lernfähig, gemeinsam mit ihrer Community. Ein Resonanzraum entsteht dort, wo Institution und Künstler:innen zusammen lernen; Kunst darf kein Hilfskonstrukt für andere Agenden werden.

 

Luigi Kurmann (LK):
Verantwortung entsteht im Aushandeln. Künstler:innen, Publikum, Trägerschaft – alle definieren, was ein Raum sein kann. In Luzern, im Raum für aktuelle Schweizer Kunst, haben wir buchstäblich bei Null angefangen. Authentizität war kein Konzept, sondern ein Prozess. Dieser Versuchsbetrieb wurde später zum Modell für andere Orte – etwa die Shedhalle Zürich oder die Galerie Mai 36 –, Räume, die aus Mangel an Raum eine neue Form von Öffentlichkeit erfanden.

 

Nora Hauswirth (NH):
Kunst muss gelebt werden – mit Kopf, Herz und Hand. In Zürich kenne ich viele Off-Spaces, die starke Diskussionen auslösen, aber oft dieselben Menschen erreichen. Für mich liegt die Verantwortung darin, Kunst in den Alltag einzuschreiben – in Nachbarschaften, in ökologische und soziale Kreisläufe.

 

JS: Was bedeutet ein Ort wie das Kunstspielhaus – in dieser Nachbarschaft zwischen zwei Institutionen – für Zürich?

 

DS: Solche Räume sind Resonanzräume. Sie fordern heraus, weil sie zwischen Institution und Straße liegen – zwischen Sichtbarkeit und Nähe. Die roten Bündel an der Fassade, diese Aktion kunstspielhaus.org, waren eine symbolische wie reale Geste: eine Einladung, sich auf den Ort einzulassen.

 

NH: Als die Bündel hingen, kamen Menschen, die noch nie hier waren. Wir sprachen über Kunst, Umwelt und Nachbarschaft. Es wurde klar, dass das eine nicht ohne das andere existiert. Das Außen reagierte auf das Innen.

 

LK: Symbole allein genügen nicht. Sie müssen durch reale Arbeit im Inneren getragen werden – sonst bleiben sie Dekor. Früher war so etwas Teil einer Bewegung, heute braucht es wieder Orte, an denen Handeln möglich ist, nicht nur Repräsentation.

 

JS: Dorothea, du hast den Begriff „Resonanzraum“ geprägt. Wie lässt sich ein Kunstraum zu einem Labor gesellschaftlicher Transformation entwickeln, ohne seine poetische Freiheit zu verlieren?

 

DS: Kunst hat nicht die Aufgabe, die Welt zu retten. Ihre Kraft liegt in der Autonomie – sie darf alles, muss nichts. Zugleich kann sie Resonanzräume eröffnen, in denen gesellschaftliche Fragen spielerisch verhandelt werden. Wir leben in einer Zeit permanenter Ungewissheit; das verlangt Negative Capability, die Fähigkeit, Ambivalenz auszuhalten. Kunst darf das Unsichere zulassen, wo Politik und Wirtschaft nach Kontrolle streben.
Der Druck von Governance und Compliance ist enorm. Künstler:innen müssen heute Sicherheit antizipieren – das verändert den Mut zum Risiko. Deshalb brauchen wir kuratorische Schutzräume, die Unsicherheit erlauben. Verantwortung heißt, diesen Möglichkeitsraum zu wahren.

 

JS: Nora, du hast 48 Künstler:innen eingeladen – zu einem Wochenende der Begegnung, mit Performances, Musik, Reinigung, Kochen, Gesprächen. Was geschieht, wenn Kunst so kollektiv wird?

 

NH: Es entsteht etwas, das ich Vivência nenne – ein gelebtes Erleben. Menschen werden aktiv, nicht nur Zuschauer:innen. Wir haben gekocht, musiziert, gereinigt, diskutiert. Und am Ende blieb eine Energie im Raum – eine Spur, die man nicht messen, aber spüren kann. Das Haus war danach leer, aber es hatte einen Atem.

 

LK: Das Flüchtige ist die stärkste Erinnerung. In den 1980ern waren Performance-Festivals vor allem Begegnungen. Das bleibt im Körper, nicht im Dokument. In dieser Flüchtigkeit liegt auch Wahrheit – sie lässt sich nicht konservieren.

 

JS: Wie steht es um Verantwortung in einem Kunstmarkt, der immer stärker auf Rendite ausgerichtet ist?

 

DS: Der Kunstmarkt ist kein Monolith. Es gibt Mikrosysteme jenseits des Spektakels. Autonomie heißt: einer eigenen Fragestellung folgen, nicht den Erwartungen von außen. Es ist gefährlich, wenn Kunst zu einem moralischen Werkzeug oder Marketinginstrument wird. Ihr Wert liegt gerade darin, dass sie zweckfrei bleibt – und so Räume öffnet, in denen Neues gedacht werden kann.

 

LK: Heute bestimmen Sammler, was „sammlungswürdig“ ist. Früher zählte Wertschätzung, heute zählt Rendite. Dabei braucht Kunst Räume, in denen echte Erfahrung möglich bleibt. Das Wichtigste ist Großzügigkeit – weniger Egoismus, mehr Resonanz. Kunst entsteht, wenn Menschen gemeinsam im Raum eine Stimmung erzeugen, die trägt. Ohne diese Erfahrung bleibt alles Oberfläche.

 

NH: Ich sehe darin eine ökologische Parallele. Auch im Umgang mit Natur geht es um Wertschätzung statt Verwertung. Wenn Kunst diese Haltung sichtbar macht, kann sie Gesellschaft verändern.

 

JS: Zürich erlebt, wie Sammlungen verkauft werden und Kulturförderung sich konzentriert. Was bedeutet „geistiges Erbe“ heute?

 

DS: Authentizität, Resonanz, Autonomie – das sind die Pfeiler eines lebendigen Erbes. Ein Haus kann Katalysator sein, wenn es lernfähig bleibt. Verantwortung heißt, Räume offenzuhalten – für Zweifel, für Zärtlichkeit, für das Noch-Nicht-Wissen. Wenn wir das verlieren, verliert auch die Kunst ihre Resonanz.

 

LK: Früher konnte eine Stadt wie Basel noch kollektiv entscheiden, was bewahrt werden soll. Heute zählt, was Aufmerksamkeit bringt. In Berlin etwa gibt es inzwischen Galerien ohne festen Ort – sie agieren als Agenturen, organisieren Pop-up-Ausstellungen und Netzwerke. Das ist ökonomisch nachvollziehbar, aber es löst die Kunst aus ihrem lokalen Zusammenhang. Das Kunstspielhaus kann genau das Gegenteil tun: Nähe stiften.

 

NH: Kunst, die sich mit Ökologie und Alltag verbindet, öffnet Möglichkeitsräume. Sie erinnert uns daran, dass Zukunft nur gemeinsam gestaltet werden kann.

 

JS (abschliessend): Vielleicht liegt darin die Verantwortung unserer Zeit – Räume zu schaffen, die Resonanz ermöglichen, statt Repräsentation.

Zwischen Barthes’ „Imagination des Zeichens“, Tennessee Williams’ „There is too much to say and no time to say it“ und Hararis Plädoyer für physische Gemeinschaft entsteht am Kunstspielhaus ein praktischer Satz:
Nicht mehr bauen, sondern sanft renovieren; nicht nur zeigen, sondern leben; nicht nur Sichtbarkeit, sondern Resonanz.
Was im Kleinen funktioniert, kann im Großen wirken – wenn das Offene geschützt und die Autonomie der Kunst ernst genommen wird.

 

 

Dorothea Strauss
Kuratorin, Autorin und Transformationsstrategin. Ehemalige Direktorin der Stiftung Haus Konstruktiv, langjährige Leiterin des Bereichs Corporate Social Responsibility der Mobiliar. Ihre Arbeit fokussiert auf die Schnittstellen von Kunst, Organisation und gesellschaftlichem Wandel. Lehr- und Moderationstätigkeit im In- und Ausland.

 

Luigi Kurmann
Kurator, Kunstvermittler und Programmentwickler. Früher Leiter des Raums für aktuelle Schweizer Kunst in Luzern; prägte die Offspace- und Performancekultur der 1980er- und 1990er-Jahre mit. Beteiligung an Projekten der Shedhalle Zürich und der Galerie Mai 36. Seine Arbeit verbindet künstlerische Autonomie mit nachhaltiger, gemeinschaftsorientierter Programmatik.

 

Nora Hauswirth
Künstlerin, Kuratorin und Initiatorin des Kunstspielhauses Zürich. Lebt zwischen Zürich und dem Amazonas. Ihre künstlerische Praxis verbindet ökologische Forschung, partizipative Kunst und kollektive Lernprozesse. Entwickelt performative Formate zwischen Kunst, Wissenschaft und Gemeinschaft – von Agroforstprojekten bis urbanen Ritualen.

 

Julieta Schildknecht
Fotografin, Journalistin und Produzentin. Moderatorin des Gesprächs und Mitdenkerin des Projekts Kunstspielhaus Zürich. Arbeitet an der Schnittstelle von Kunst, Medien und Governance, mit Fokus auf neue Formen kultureller Öffentlichkeit und nachhaltiger Stadtentwicklung.

 

https://www.tagesanzeiger.ch/hottingerstrasse-zuerich-erbstreit-um-7-5-millionen-haus-882884291143

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