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«Lygia Clark. Retrospektive: Kunst und Körper im Kontext entdecken»

Von Ingrid Isermann

Das Kunsthaus Zürich würdigt mit einer grossen Retrospektive in Kooperation mit der Neuen Nationalgalerie Berlin die brasilianische Künstlerin Lygia Clark, eine der bedeutendsten Stimmen der Avantgarde des Neoconcretismo. Sie schrieb Kunstgeschichte mit ihrem Werk, das Körper und Sinne einbezieht und Kunst zu einem offenen Prozess macht.

Lygia Clark (1920 Belo Horizonte – 1988 Rio de Janeiro) zählt zu den prägendsten Kunstschaffenden Lateinamerikas. Ihr Werk hat Kunstgeschichte geschrieben, indem es die Grenze zwischen Objekt und Subjekt auflöste. Clark entwickelte prozessorientierte Arbeiten und stellte das Verständnis von Kunst als abgeschlossenes Werk infrage, entwickelte hingegen ein ganzheitliches Erleben, das Körper und Sinne einbezieht und Kunst zu einem offenen Prozess macht. Kunst habe dabei einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft, einen Bezug zum eigenen Körper und zu anderen neu zu empfinden, eines der wichtigen Merkmale ihrer Kunst.
 
Wie man von Kunst profitiert, hat der weltweite Kunsthandel vorgemacht, dass Kunst auch mental heilen kann, wird in der Retrospektive Lygia Clarks in der lichtdurchfluteten Ausstellungshalle des Kunsthauses Zürich im Pfister-Bau sicht- und erlebbar. Erstmals seit 39 Jahren entsteht eine gemeinsame Präsentation des Kunsthauses Zürich mit dem Museum Haus Konstruktiv, das sich ebenfalls dem Neoconcretismo und dem Einfluss des Zürcher Konkreten Max Bill in Brasilien widmet.
 
«If you hold a stone (Marinheiro só) / Hold it in your hand / If you feel the weight / You’ll never be late / To understand». Diese Zeilen aus einem Lied von Caetano Veloso, das 1971 Weltruhm erlangte, beschwören einen einzigartigen Dialog zwischen Musik und Kunst. Veloso, der Vertreter des «Tropicalismo», widmete das Stück der brasilianischen Künstlerin Lygia Clark als einer Pionierin, die den Kunstbegriff radikal erneuerte.

Aber was meinte Veloso eigentlich mit diesen Steinen? In einem Interview, das er 2011 mit Clarks engster Vertrauten Suely Rolnik führte, sagte der Musiker dazu: «Es war wegen Lygias Steinen, und weil wir eine sehr beeindruckende Erfahrung zusammen in Paris gemacht haben.  (…) Es war ein Erlebnis irgendwo zwischen Ausstellung, einem Kunstobjekt und der Erfahrung von … Ich weiss es nicht, sie hat da nicht wirklich von Therapie gesprochen, sie stand damit erst am Anfang. Aber als sogenannte Vorschläge (proposições), wie sie ihre Kunstwerke dann nannte, war es auf dem Weg dazu. Ich dachte, es verursacht Empfindungen».

 

Neoconcretismo und die Erweiterung des Kunstbegriffes 
Als Hauptvertreterin des Neoconcretismo, einer 1959 in Rio de Janeiro gegründeten Bewegung, verfolgte Clark seit den 1960er-Jahren konsequent die Idee einer körperbezogenen Kunsterfahrung. Neoconcretismo war ein Verbund von rund zehn brasilianischen Kunstschaffenden, die von den modularkonstruktiven Prinzipien der Gründerfiguren wie Theo van Doesburg und Max Bill ausgingen, sich aber auch davon abgrenzten, indem sie die Intuition über rational-mathematische Prinzipien stellten.

 

Die in Europa von Theo van Doesburg in der Zwischenkriegszeit und nach dem Zweiten Weltkrieg von Max Bill als demokratisches Prinzip verbreitete Konkrete Kunst fiel in Brasilien auf fruchtbaren Boden. Mit «demokratisch» ist gemeint, dass Kunst zum Aufbau einer guten Gesellschaft mit unabhängig denkenden Bürgerinnen und Bürgern beiträgt. 

 

Vom Bild in den Raum zum Körper 
Clark wendete sich von der flachen Malerei ins Skulpturale, erweiterte zuerst das Bild in den Raum, dann erhielt die Skulptur einen immer stärkeren Körperbezug, bis sie das physisch-objekthafte Kunstwerk in den 1970er-Jahren ganz aufgab. Ihre begeh- und berührbaren Installationen lassen Betrachterinnen und Betrachter bis heute zu aktiven Mitgestaltenden werden.
 
In dieser Phase ihres Lebens und die nächsten 25 Jahre bis zu ihrem Tode 1988 hat sich Lygia Clark der Erkundung von individuellem und kollektivem Körper mit ihrem Publikum verschrieben. Clark nannte Kunstwerke «proposiciones» (Vorschläge für partizipative Performances), die keine Originale mehr brauchten, sondern vielmehr Handlungsanweisungen waren zur Aktivierung besonders angefertigter Kleider, Masken oder Brillen, die einen Blick auf die Welt ermöglichen, aber auch auf uns selbst.
 
Diesem Prozess ist immer auch die Möglichkeit einer Heilung eingeschrieben, wie Clark betonte, und reiht sich damit in ein nachhaltiges Interesse des Kunsthauses rund um diese Frage ein. Erstmals in diesem Umfang mit rund 170 Exponaten sind sowohl originale Frühwerke als auch die sinnlich-partizipativen Repliken für Besucher:innen gleichermassen in der Ausstellung zu entdecken. Clark selbst sagte: «Für mich ist Kunstschaffen, sich selbst als Mensch zu entwickeln, was überhaupt das Wichtigste ist. Kunst sollte keinem Namen oder irgendeinem Konzept nacheifern».
 

Aufbruchsstimmung im Pariser Exil

Clarks Praxis spiegelte sowohl die Aufbruchsstimmung in ihrem Pariser Exil der 1960er- und 1970er-Jahre als auch die Spuren politischer Unterdrückung in Brasilien aufgrund der Militärdiktatur von 1964-1985 wider und hat bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüsst.
 
Lygia Clark unterrichtet an der Faculté d’Arts Plastiques (Fakultät für Bildende Künste) Saint Charles an der Sorbonne in Paris, ihr Unterricht schafft Gemeinschaftserfahrungen, die auf eine Erweiterung der Sinne abzielen. 1973 dreht Clarks Sohn Eduardo den Film O Mundo de Lygia Clark (Die Welt von Lygia Clark) über ihre künstlerische Arbeit; zudem nimmt Clark an der IX. Bienal de São Paulo teil, wo sie ihre Trepantes, Espaços Modulados (Modulierte Räume) und Unidades (Einheiten) ausstellt. Neben Marina Abramamović, Valie Export, Rebecca Horn u.a. beteiligt sich Clark 1975 an der Künstlerinnen-Gruppenausstellung Magma im Castello Oldofredi, Brescia.
 
1976 zieht Clark permanent zurück nach Rio de Janeiro und beginnt dort unter der Verwendung ihrer Objetos Relacionais (Relationale Objekte) individuelle psychotherapeutische Sitzungen abzuhalten, die sie später Estruturação do Self (Strukturierung des Selbst) nennt. Durch sinnliche Reize arbeitet sie mit dem Gedächtnisarchiv der Patient:innen und versucht, innere Blockaden zu lösen.
 
Die neu gegründete National Art Foundation FUNARTE in Rio de Janeiro zeigt 1980 eine Rückschau auf Lygia Clarks frühe Schaffensjahre. 1982 hat Clark im Gabinete de Arte Raquel Arnaud (Kunstkabinett Raquel Arnaud) in São Paulo eine Ausstellung, die auf die 50er-Jahre fokussiert; 1984 in Rio de Janeiro in der Galeria Paulo Klabin.
 
Lygia Clark
und Hélio Oiticica wird 1986 anlässlich des 9 Salão Nacional de Artes Plásticas (9. Nationaler Salon der Bildenden Künste) im Paço Imperial do Rio de Janeiro eine grosse Retrospektive gewidmet, für die viele Werke neu angefertigt werden. Es gibt Repliken, die die Besuchenden berühren und benutzen können.

 

Werkgruppen Bichos und Caminhando

Besonders bekannt sind die Werkgruppen der Bichos (Tiere) und Caminhando (Unterwegs). Die Bichos bestehen aus beweglichen Metallplatten, deren Gestalt sich erst im Dialog mit Betrachtenden entfaltet. Clark verglich sie mit einem lebendigen Organismus, einer Strandschnecke oder Muschel, dessen Wesen durch Handlungen und die Umgebung bestimmt wird und sich aus der Interaktion ergibt. Hier entsteht eine Art Körper-an-Körper-Erfahrung zweier lebendiger Einheiten, ein stimulierender Dialog zwischen Werk und Besuchenden. 

 

Caminhando (1963) markiert die grösste Zäsur in Clarks Werk und den offensichtlichen Bezug zum Zürcher Konkreten Max Bill (1908 in Winterthur – 1994 Berlin). Bill war für die brasilianische Kunstszene Inspiration und Reibungsfläche zugleich, nicht zuletzt durch seine einflussreiche Ausstellungstätigkeit 1951 und 1953 in Sao Paulo. Bills Beschäftigung mit der Möbiusschleife diente Clark als Ausgangspunkt, eine Handlungsanweisung zu entwickeln, bei der nicht mehr das Objekt, sondern die Handlung selbst das Kunstwerk bildet: «Jedes Caminhando ist eine Welt für sich. Zunächst ist Caminhando nur als Möglichkeit vorhanden. Dann werden Du und das Caminhando gemeinsam eine einzigartige, ganzheitliche und existentielle Realität formen. Es gibt dabei keine Trennung zwischen Subjekt und Objekt. (…) Die Handlung ist das, was ‹Caminhando› produziert», schrieb Clark.

Zugleich führte die kritische Auseinandersetzung mit Bills Konkreter Kunst 1959 zum Manifesto Neoconcreto, das auch Clark unterzeichnete. Inspiriert wurde sie zudem von Künstlern wie Josef Albers, Piet Mondrian oder Le Corbusier, deren Ansätze sie weiterführte vom konstruktiv-flachen Bild in den Raum.

 

Erste Werkschau im deutschsprachigen Raum
Das Kunsthaus Zürich zeigt in Kooperation mit der Neuen Nationalgalerie Berlin die erste Retrospektive im deutschsprachigen Raum und die weltweit umfassendste seit 2014 im MoMA, New York. Die Ausstellung präsentiert rund 120 historische Originalwerke aus öffentlichen und privaten Sammlungen in Brasilien, den USA und Europa, viele davon erstmals öffentlich zugänglich. Zusätzlich wurden rund 50 partizipative Arbeiten als Repliken von der Associação Cultural O Mundo de Lygia Clark hergestellt, um Besuchenden die prozessorientierte Dimension unmittelbar erfahrbar zu machen. Die Verbindung von Originalen und prozessorientierten Vorschlägen ist in dieser Dichte einzigartig und logistisch wie auch in der Vermittlung hoch anspruchsvoll.

 

Die Ausstellung ist im engen Austausch mit der Associação Cultural O Mundo de Lygia Clark entstanden. Eine Ausstellung des Kunsthaus Zürich in Kooperation mit der Neuen Nationalgalerie, Berlin.

Kuratorin: Cathérine Hug. Idee und Konzept: Irina Hiebert Grun, Maike Steinkamp.
 
Eine begleitende Präsentation im Haus Konstruktiv, Zürich (23.10.25.–11.1.2026), kuratiert von Evelyne Bucher, beleuchtet die schweizerisch-brasilianische Verbindung und besonders den Einfluss des Zürcher Konkreten Max Bill

 
Katalog, Podcast und Rahmenprogramm
Die Ausstellung wird von einem ausführlichen Katalog mit neuen Texten begleitet, der auf Deutsch und Englisch im E. A. Seemann Verlag in Leipzig erschienen, 264 S. CHF 54, erhältlich im Kunsthaus-Shop.
 
Ein Podcast mit rund acht Folgen kontextualisiert Clarks Bedeutung bis in die Gegenwart. Gesprächspartnerinnen und -partner sind u.a. ihre Enkelin Alessandra Clark, Clarks Wegbegleiterin Suely Rolnik, die Co-Kuratorinnen Irina Hiebert Grun, Cathérine Hug und Maike Steinkamp sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Bereichen wie Yve-Alain Bois, Jean Da Silva, Dias & Riedweg, Fredi Fischli und Nils Olson, Christiane Klotz, Elize Mazadiego und Irene V. Small sowie Annina Schindler.
 
Öffentliche Führungen finden im November und Dezember sonntags um 11 Uhr und donnerstags um 18.30 Uhr statt. Im Januar sonntags um 11 Uhr und freitags um 15 Uhr. Englisch: Samstag, 22. November, 11 Uhr. Französisch: Samstag, 27. Dezember, 13 Uhr.
 
Ein vielseitiges Rahmenprogramm eröffnet den Zugang zu Clarks Werk auf allen Ebenen, musikalisch, haptisch, kritisch, intellektuell, tänzerisch oder auch therapeutisch, in Kooperation mit ABEC (Brasilianischer Verein für Bildung und Kultur), Connect, dem Theater HORA, Susanne Neubauer, Talaya Schmid und vielen mehr. Details auf www.kunsthaus.ch/programm.

14. November 2025 bis 8. März 2026

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