FRONTPAGE

«Kurt Guggenheim im Literaturmuseum Strauhof: Chronist seiner Zeit»

Von Charles Linsmayer

 

«Alles in Allem» macht deutlich, wie authentisch der grosse Epiker Kurt Guggenheim die von ihm durchlebte Zeit als Romanchronist zu gestalten vermochte und wie sehr seine persönlichen Erfahrungen Dinge und Phänomene spiegeln, die weit über das Individuelle hinausgehen.

Die Ausstellung im Literaturmuseum Strauhof, die nicht nur Kurt Guggenheims Roman «Alles in Allem» mit einer spektakulären Bilderflut zum Leuchten bringt und das originale Arbeitszimmer des Dichters von 1983 rekonstruiert, sondern der Spiegelung Zürichs auch bei James Joyce, Max Frisch, Hugo Loetscher, Annemarie Schwarzenbach, Elias Canetti, Ricarda Huch, Hermann Hesse, Charles Lewinsky und vielen anderen nachgeht, wurde in drei Monaten verwirklicht.

 

Wie ein Mensch von Kindheit auf es erlebt…

Das Kraftfeld eines Gemeinwesens in all seinen Facetten, das Biotop einer Stadt tritt dem Leser, bis es sich allmählich im einzelnen verdeutlicht, zunächst einmal als eine bunte, kaleidoskopartige, in ihrer Vielfalt und in ihrem Detailreichtum überwältigende Fülle entgegen. Das Boudoir einer Dame um 1900, eine Sitzung der städtischen Exekutive, das Röseligartenfest des Lesezirkels Hottingen, eine Schulstunde im städtischen Gymnasium, ein Pédicure-Salon vor dem 1. Weltkrieg, der Geflügelmarkt auf dem Augustinerplatz, die Scheinexistenz eines Schiebers, Kartenspieler in einem Café, eine spiritistische Sitzung, die Niederschlagung des Generalstreiks, das Automatenrestaurant an der unteren Bahnhofstrasse, eine Schafherde auf ihrer nächtlichen Wanderung durch die Stadt, der Autmarkt auf dem Beatenplatz, eine Liebesszene im Obduktionssaal, der Alltag auf einer Zeitschriftenredaktion, ein Schlittelnachmittag auf der winterlichen Fluntermer Allmend, eine Fahrt im verdunkelten Tram, der Aufmarsch der Nationalen Front, eine Hochzeit in einem Zunfthaus, ein Fussballspiel im Hardturmstadion, das Rollen des Kaputs am Vorabend der Mobilisation – all dies und unendlich viel mehr gesellt sich Mosaikstein um Mosaikstein zu einem Bild, das erst allmählich in jenen geheimnisvollen Zusammenhang zueinander tritt, den der Autor damit andeuten will. Was Kurt Guggenheim natürlich wiederum nicht zufällig «passiert» ist, sondern der sorgfältig berechneten, virtuos ausgeklügelten Ökonomie des Werks entspricht.

 

 

«Was zu vermeiden ist: das Schematische und Planmässige», hatte er sich am 25. November 1950, also kurz vor Beginn der eigentlichen Niederschrift, ins Tagebuch notiert. «Dass im Beginn schon Absicht und Ablauf eines Komplexes sichtbar und erkennbar wird. Es muss sich so darbieten, wie ein Mensch von Kindheit auf es erlebt: chaotisch, unverständlich, undeutbar, ohne einen geistigen Inhalt, ohne Sinn. All das muss erst das Ensemble geben.»  Wobei aber gleich hinzugefügt werden muss, dass die einzelnen Passagen dieser kaleidoskopartigen Schau dank Guggenheims virtuoser filmischer Montagetechnik sehr wohl untereinander in Beziehung stehen und in ihrer Abfolge immer nur so weit voneinander entfernt sind, dass das Gedächtnis sie anhand vielfältiger Bezüge identifizierem und einem ganz bestimmten Strang im Bündel der nebeneinander verlaufenden, vielfach miteinander verknüpften Handlungen, Geschichten und Schicksale zuweisen kann. Aber auch für sich genommen, wirken die einzelnen Steinchen dieses immensen Mosaiks keineswegs amorph und eintönig.

 

Aus einem bewundernswerten Einfallsreichtum heraus hat es Guggenheim verstanden, neben der reinen epischen Erzählung immer wieder neue, überraschende «Textsorten» in seine Chronik einzuführen: die Beschreibung einer Fotoreportage als Spiegelung des reportierten Ereignisses, den Terminkalender eines Magistraten als Schlaglicht auf die politischen Probleme einer bestimmten Epoche, die Aussagen einer Wahrsagerin als Analyse der historisch-atmosphärischen Situation, den Klatsch in einem Schönheitssalon als Fortführung einer Geschichte mit anderen Mitteln, die Beschreibung von Händen als Ausdruck eines Menschen und seiner sozialen und beruflichen Befindlichkeit. Dazu kommt Guggenheims stupende Fähigkeit, immer wieder die Perspektive zu wechseln und zu variieren, so dass wir einzelne Phänomene, Geschehnisse und Figuren aus ganz veschiedenen Blickpunkten heraus sehen und beurteilen können: Zürich einmal aus der Optik eines Flaneurs, dann wieder mit den Augen eines Verliebten gesehen, von einem Anarchisten betrachtet, von einem Architekturkritiker begutachtet, von einem General und Strategen eingeschätzt, von einem Geologen erklärt, von einem Schafhirt erlebt und durchmessen. 
Was die Vielfalt vor dem bloss Heterogenen, Beliebigen bewahrt, was einen auch das Entlegendste noch mit Interesse und wacher Neugier zur Kenntnis nehmen lässt, ist nun aber bei aller Bewunderung weder Guggenheims erzählerische Raffinesse noch seine Kunst der filmischen Montage, sondern die Liebe, das Wohlwollen, die Sympathie, mit welcher er das Dargestellte recht eigentlich beseelt und lebendig macht.

Guggenheim zeigt das Allgemeine immer in der Ausprägung des Individuellen. Niemals stellt er die Geschichte lehrbuchhaft als solche dar, sondern immer aus der Erfahrung von einzelnen heraus, deren Entwicklung und Wandlung er ebenso geduldig beobachtet und protokolliert, wie sein verehrtes Vorbild Jean-Henri Fabre das Leben der Insekten erforscht hat.

 

So gestaltet er, um ein Beispiel herauszugreifen, das wechselhafte Verhältnis der deutschen Schweiz und Zürichs zum grossen deutschen Nachbarland nicht einen Moment lang mittels Thesen, Theorien oder trockenen Analysen, sondern – nicht nur, aber vorwiegend – anhand des Schicksals von drei Romanfiguren. Der deutsche und später naturalisierte Unternehmer Gustav Meng gehört vor dem Ersten Weltkrieg zur selbstbewussten deutschen Kolonie Zürichs, die «ihren» Kaiser 1912 freudig unter den «Auslanddeutschen» begrüsst, setzt mit einer Kriegsanleihe fast sein ganzes Vermögen aufs Spiel, träumt 1933 für kurze Zeit nochmals den Traum vom (nationalsozialistischen) deutschen Grossreich mit, bis während des Zweiten Weltkriegs doch noch seine Sympathie zum unspektakulären, aber bescheideneren schweizerischen Dasein in ihm durchbricht. Der deutsche Schriftsteller Hans Trüssel, hinter dem sich zweifellos Bernard von Brentano verbirgt, gibt sich in der Schweiz zuerst als hitlerfeindlicher Emigrant aus, bis er sich als heimlicher Nazi-Anhänger entpuppt und ins nationalsozialistischen Deutschland zurückkehrt. Der Gärtnersohn Gotthold Wettstein, der das Leben eines ebenso ambitionierten wie talentlosen Intellektuellen lebt, gerät einen Moment lang in die Fänge der Nazis, die ihm zu Erfolg im Reich verhelfen wollen. Er sagt sich aber noch rechtzeitig von den neuen Freunden los und baut sich an der Seite einer jungen Frau eine ganz prosarische kaufmännische Existenz auf Existenz auf.

 

 

Von Generation zu Generation



Wie Wettstein und Meng wachsen im Verlauf des Romans viele weitere Figuren über die Fülle und Vielfalt hinaus und verkörpern, ohne in ihrer individuellen Zeichnung vernachlässigt zu sein, eine ganz bestimmte Erfahrung, ein für die Zeit typisches Schicksal oder eine charakteristische Geisteshaltung.
 Guggenheim wollte von Anfang an einen Generationenroman schreiben, und erwartungsgemäss sind daher auch jene Gestalten deutlich herausgehoben und besonders einfühlsam charakterisiert, die für eine bestimmte Generation typisch sind oder den Generationenkonflikt besonders anschaulich verkörpern. Im Mittelpunkt des Ganzen steht die Generation der zwischen 1895 und 1905 Geborenen, also jene Generation, für die sich der Autor am kompetentesten fühlt. Sie wird bei aller individueller Verschiedenheit zusammengeschweisst durch eine «Verschwörung der Alten», die jedoch nicht im Roman, wo sie bei den verschiedensten Gelegenheiten mit Händen zu greifen ist, sondern nur in Guggenheims tagebuchartigen Vorarbeiten explizit so benannt wird. «Das Unbewusst-Revolutionäre und Drängende hat ursprünglich keine sachlichen, sondern nur gefühlsmässige Motive. Richtet sich zuerst gegen die eigene Familie. “Das Geheimnis ist die Verschwörung der Alten.” Vollständig unverständlich. Was wollen sie eigentlich? Welches ist ihre Absicht, ihre Ziel? Die Jugend kommt nicht vor als Vertreterin des Altruismus. Kein Verständnis für Erwerb mit Besitz. Wird ihnen als eine Gegebenheit dargestellt. Die Jugend hat ein enges Weltbild. Sie glaubt aber, die Alten seien engstirnig; sie nimmt ihr überbordendes Gefühlsleben für Weltweite.»

 

 

Dichtung und Wahrheit



Während seines Erscheinens und in den Jahren danach war es zumal für das zürcherische Lesepublikum ein beliebtes Spiel, hinter den Figuren von «Alles in Allem», sofern sie nicht ohnehin mit ihrem richtigen Namen in Erscheinung treten, die entsprechenden Vorbilder auszumachen. Zweifellos hat Guggenheim, der bei der Gestaltung eines Charakters gerne ein wirkliches Gesicht vor sich sah, über die namentlich genannten hinaus noch weitere identifizierbare Modelle benutzt: C.F. Wiegand für Professor Wude, Emil Bührle für den Maschinenfabrikanten Trostel, Bernard von Brentano für den falschen Asylanten Hans Trüssel, den Friedensapostel Dätwyler für den Friedensprediger Eidenbenz, Schweizerspiegel-Co-Herausgeber Fortunat Huber für Reto Arquint, dessen Compagnon Adolf Guggenbühl für den Zeitschriftengründer Walter Abt.

 

Und doch: ein Schlüsselroman ist «Alles in Allem» nur in einem sehr oberflächlichen Sinn, und was Guggenheim an Persönlichem und Allerpersönlichstem in sein Buch hat einliessen lassen, ist so gut integriert und verschlüsselt, dass es erst durch eine genaue Analyse und durch Vergleiche mit seinen anderen Werken und autobiographischen Texten identifiziert werden kann. 
Eine, wenn nicht d i e bedeutendste autobiographische Komponente des Werks hat der Schreibende bereits im Nachwort zum ersten Band der vorliegenden Guggenheim-Werkausgabe ausführlich beschrieben und analysiert: die platonische Liebesgeschichte zwischen Eva Welti-Hug und Kurt Guggenheim, die bis zuletzt in fast allen Werken des Autors Spuren hinterlassen hat und die in «Alles in Allem» der Beziehung zwischen Aaron Reiss und Jacqueline Voubrasse Pate gestanden hat.

Eva Welt-Hug, mit der Guggenheim in grossen Intervallen immer wieder Kontakt hatte und die 1935 auch als Mentorin für seinen an Fabre orientierten literarischen Neuanfang in Erscheinung trat, hat, um hier nur ein einziges Zeugnis zu zitieren, dem Partner jener kurzen sommerlichen Romanze am 14. Oktober 1918 in ihrem Absagebrief tatsächlich indirekt den Auftrag zu seinem Werk erteilt: «Aber gibt es nicht noch ein anderes Glück, das vielleicht noch grösser und stärker ist, weil es schmerzlich errungen werden muss: das Glück im Schaffen, in der Hingabe an eine Idee und Aufgabe. Und dieses Glück wirst du sicherlich erfahren, ich glaube fest daran.»
http://utzi-foto.smugmug.com/Kunde-1/Strauhof-Alles-in-Allem/n-pWk8f

 

 

 

Texte zu den Fotos:

Zeppelin über der Altstadt

Es fiel Meng auf, wie sich die Leute auf der Brücke ansammelten, gestikulierten und in die Höhe wiesen, wie sich überall Fenster und Balkontüren zu öffnen begannen und wie sich auch drüben, auf der Zinne des Hotels Central, Zimmermädchen, weissbekleidete Köche und befrackte Kellner einfanden und in den Himmel hinaufstarrten. Er eilte ans Fenster, riss es auf, und dann sah auch er, was die anderen sahen: zerbrechlich, zart, die zitronengelbe Leinwand des grossen geometrisch starren Rumpfes hell von der Sonne beschienen, zog mit summenden Motoren ein Luftschiff über die Dächer dahin; klein, aber deutlich waren die Insassen der beiden Gondeln sichtbar, mit einer Schleife surrte es just über dem Hause zum Merkur in der Richtung des Zürichbergs davon. Rufe und bewegte Reden begleiteten es. «Das Luftschiff des Grafen Zeppelin», sagte Meng bewegt und leuchtenden Auges zu Abraham Rottweiler, der sich still an seiner Seite eingefunden hatte.
(«Alles in Allem», S. 126/127)

 

 

Siedlung Neubühl

Da wohnte Hirzel draussen in Wollishofen, auf dem Moränenhügel an der Grenze der Stadt, über dessen Kuppe und Osthang die Häuser der Siedlung in lockerer Ordnung wie die Steine eines Dominospiels sich staffelten, so frei und sauber hingestellt in den Raum und das Licht, dass sie selbst die Menschen zu wandeln schien, die sie bewohnten; dass die Männer anfingen, die Hüte zu Hause zu lassen, entblössten Halses herumliefen, Schlipse und Westen vergessend, und die Frauen den Mut zu den Farben wiederfanden, kanariengelbe Pullover trugen, ziegelrote Schärpen, blaue Schürzen und Tessiner Zoccoli an den strumpflosen Beinen; dass sie aus den hellen Kuben der Zimmer die gedrechselten Möbel verbannten, die sie noch herausgebracht hatten, als sie einzogen, jeden Tag duschten in den funkelnden Badezimmern und in winzigen, komfortablen Küchen neuartige Mahlzeiten bereiteten aus ungewöhnlichen Früchten, Zucchetti, Auberginen und Kürbissen, und selbst die Bassersdorfer Schüblinge bekamen in dem gebrannten und von Hand bemalten Geschirr ein anderes Ansehen und einen Geschmack, der den Durchbruch eines befreiten Lebensstils zu verkünden schien. («Alles in Allem», S. 821/822)

 

 

Polytechnikum

Rektor Kleiner und Albert Einstein standen auf der obersten Stufe der Freitreppe vor dem Gebäude des Polytechnikums. Kleiner in seinem schwarzen Schlapphut und einem hochschliessenden, mit einem Samtkragen versehenen Überzieher, Einstein in einer grauen Lodenpelerine, zu der er eine Melone trug. Die Terrasse vor ihnen war tief verschneit. «Wie ich so alt war wie Sie, Einstein, da war die Physik noch eine Art Magd, eine praktische und nützliche Hilfswissenschaft.» – «Und Sie vermuten, aus dem Aschenbrödel sei inzwischen eine Prinzessin geworden?», fragte Einstein. «Und im Begriffe, Königin zu werden», nickte Kleiner lebhaft.
(«Alles in Allem», S. 150/151)

 

 

Im Vorbahnhof

Sie bildeten in der hohen dämmrigen Bahnhofshalle eine Gruppe, die auffiel: die drei bärtigen Russen, Lydia Stepanowa und, sie alle an Grösse überragend, der Arzt Franz Theodor Bluntschli. Sie standen am Kopf des Perrons, rauchten Zigaretten und blickten gegen den Vorbahnhof hinaus. «Dort kommen sie», rief Lydia, und schon hatten die vier die beiden Ankömmlinge umringt, während Bluntschli, ein wenig abseitsstehend, die russischen Begrüssungsausbrüche mit ansah. «Welcher von beiden war nun Plechanow?», fragte Bluntschli das Mädchen, als sie wenig später über die Bohlen des gedeckten Brückleins schritten. «Der Grosse, Bärtige.» – «Und der andere?» – «Ulianow.» – «Nie gehört.» – «Ein Publizist, weisst du – unter dem Namen Lenin.»
(«Alles in Allem», S. 31–35)

 

 

 

Kurt Guggenheim

Alles in Allem
Charles Linsmayer (Hrg.)
geb., mit Schutzumschlag
1088 Seiten
mit einem Nachwort von

Charles Linsmayer

Orell Füssli Verlag Zürich

5. Auflage

CHF 48. € 42.95

ISBN 978-3-7193-1113-1

 

 

Am 14. Januar 1896 wurde Kurt Guggenheim als Sohn eines Import-Kaufmanns in Zürich geboren. Er besuchte die Grundschulen und die kantonale Handelsschule in Zürich. 1915 erlangte er das Diplom als Handelskaufmann und bildete sich im väterlichen Geschäft weiter, zugleich startete er erste literarische Versuche. Nach einigen Lehr- und Wanderjahren und dem Entschluss zur freien Schriftstellerexistenz im Jahre 1925 gelang ihm 1938 mit dem Roman “Riedland” der Durchbruch. Kurt Guggenheim starb am 5.12.1983 in Zürich.

 

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