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«Stefanie Sargnagel: IOWA – Ein Ausflug ins Land der Simpsons»

Von Ingrid Schindler

Wien, Berlin und eine Kleinstadt in USA, davon handelt «Iowa», das neue Buch von Stefanie Sargnagel. Die Wiener Kultautorin in Begleitung der Indie-Musiklegende Christiane Rösinger bestätigt in einer Art Roadmovie zweier selbstironischer Feministinnen gängige Amerika-Klischees. 

Stefanie Sargnagels Ausflug nach Amerika, von Christiane Rösinger mit beissenden Kommentaren in Fussnoten angereichert, taucht tief in die linksalternative Berliner Bohème und «suizidale Wiener Würstelstandkultur», feministische Beziehungsfeindlichkeit, online angerichtetes «Männerbuffet» und bigotte, evangelikale Sachlichkeit ein, wie in die Abgründe des US-Bundesstaats Iowa, wo Donald Trump die ersten Vorwahlen zu seiner Präsidentschaftskandidatur gewonnen hat.

Ziel der Reise der beiden Frauen 2022 in die Staaten ist die Kleinstadt Grinnell, wo Sargnagel zu einem Creative Writing Workshop als Gastdozentin eingeladen worden war, welche die grantelnde Bestsellerautorin an die «ranzige Filmkulisse eines bedeutend trostlosen Films» erinnert. Grinnell hat keine 10’000 Einwohner, «acht Gastronomiebetriebe für acht Stimmungen und Bedürfnisse».

Immerhin 70.000 Dollar kostet ein Studienjahr in Grinnell, da muss man schon ein bisschen Exotik bieten, und sei es moralisch subversive Subkultur made in Germany und Austria. Das College ist zumindest weitaus diverser als die Stadt. Sargnagel fragt sich, ob sie überhaupt «woke» genug dafür sei.

 

«Jedes Detail aus den Simpsons»
Grinnell is lost im Nirgendwo von Iowa, einem stark ländlich geprägten Staat im Cornbelt des Mittleren Westens. «Die Highways sind hier mit Roadkill belegt wie Brot», alle paar Meilen überfahrene Tiere am Strassenrand. «Je länger ich in dieser Gegend bin, desto klarer wird, dass jedes Detail aus den Simpsons brillant verarbeitete amerikanische Realität ist», beobachtet Stefanie Sargnagel. Weisse machen mit knapp 90 Prozent den grössten Teil der Bevölkerung von gut drei Millionen aus, ein Drittel ist deutschstämmig.
Der Swingstate, in dem im Januar 2024 die Vorwahlen starteten und dessen ländliche Bevölkerung und Evangelikale Donald Trump ein Traumergebnis gegen Nikki Haley bei Schnee und Eis bescherten, wirkt auf Sargnagel wie «der vergilbte Teil der USA», wo sich ein «beigebräunlicher Schleier» über die Realität lege. Ein weites Feld der Inspiration oder treffender gesagt, ein schier unerschöpfliches Schlachtfeld für scharfzüngige, unverblümte, Lästermäuler à la Sargnagel und Rösinger. Selbstverständlich gibt es auch Positives aus Iowa zu berichten, insbesondere über die Freundlichkeit vieler übergewichtiger Einheimischer: «Als Fremde werden wir hier nicht arglistig beäugt, sondern herzlich begrüsst. Das ist ein grosser Unterschied zu Österreich, wo traditionell das ganze Wirtshaus in Stille verfällt und sich die Augen boshaft verengen, wenn ein Unbekannter das Lokal betritt, als würde schon die Planung des Meuchelmords in allen Schädeln rattern». Nur macht halt Loben längst nicht so viel Spass wie Lästern und Tratsch, welches ihrer beider Interessensgebiet sei, so Sargnagel.

 

Schwestern im Geiste
Ihren Künstlernamen hat sich Sargnagel, die bürgerlich Stefanie Sprengnagel heisst, gewohnt pointensicher zugelegt. Nach dem Kunststudium in Wien machte sie als Cartoonistin, Comiczeichnerin, Schriftstellerin, Social-Media-Artistin und feministische Aktivistin (Burschenschaft Hysteria) schnell auf sich aufmerksam. Heute ist sie eine der erfolgreichsten Kreativen im deutschsprachigen Raum und auf vielen Kanälen (Buch, Film, TV, Theater, u.a. online) präsent und hat eine erstaunliche «Slackerkarriere» hingelegt. Für ältere Semester: Die Autorin wundert sich, dass man als ausgesprochen bequemer «Couch Potato» zu so viel Geld, Auszeichnungen und Ehren kommen kann.
Im Buch «Iowa» outet sich die 38-jährige als Fan der deutschen Sängerin und Texterin Christiane Rösinger seit ihrer Jugend. Sie erzählt, wie sie die, ursprünglich aus Baden-Württemberg stammende, Kreuzberger Altpunkerin kennengelernt hat, wie diese lebt und wie sie zur Zusammenarbeit gefunden hätten. Rösinger ist Gründerin der Berliner Bands Lassie Singers und Britta sowie der Flittchenbar und des Musiklabels Flittchen Records; sie schreibt Bücher, Artikel und Kolumnen, textet und kreiert Musikrevues, bringt Soloalben heraus, tritt mit Sargnagel und Denice Bourbon in den Shows der Legends of Entertainment auf und unterrichtet Deutsch für Asylanten. «Frechheit und Punkgestus funktionieren auch noch mit sechzig tadellos», attestiert Sargnagel der Multitalentierten mit dem spitzbübischen Charme. An anderer Stelle gesteht sie, «Dass man Christianes Genie nicht ausreichend würdigt, beleidigt mich persönlich. Genug kulturelles Kapital der Indie-Kultur trägt sie als beste Songwriterin Deutschlands und zentrale Figur des Berliner Szenelebens auf ihren Schultern». Das Feuilleton gibt Sargnagel in allen Punkten recht.

 

Über dreckige Kneipen und das Rumsitzen in Bars

Dem Ergebnis tut es gut, dass die Ältere zur Sparringpartnerin der Jüngeren während ihrer Zeit in Iowa und im Buch geworden ist. Es sind die an keiner Stelle langweiligen, entwaffnend ehrlichen Dialoge der Schwestern im Geiste über das Erlebte, die das Interesse des Lesers, der Leserin wecken. Als zusätzliches spannungssteigerndes Mittel fungieren Christianes Fussnoten. Denn die Berlinerin kommentiert immer wieder die Aussagen der Wienerin und stellt sie staubtrocken richtig, wenn diese ihrer Meinung nach «irrt oder schlecht recherchiert hat». Der Reiz von «Iowa» besteht zu einem guten Teil in der Spannung zwischen den verbalen Bällen, die sich die beiden Frauen, die altersmässig Mutter und Tochter sein könnten, zuwerfen, sowie in ihren je unterschiedlichen Lebenserfahrungen und Ansichten. Die beiden betreten beispielsweise mit ihrer Gastprofessorin eine «dreckige Kneipe» namens Dive Bar. Hier gibt es Pickled Eggs und Cooked Turkey Gizzards, gekochte Truthahnmägen, dünnes Bier und tätowierte, vollbärtige, breitschultrige Karohemdenträger, die Homer heissen und einmal mehr die gelernte Wiener Comiczeichnerin an die Simpsons denken lassen. Die Vollbestätigung der Klischees versetzt Sargnagel in die ihr typische «Begeisterungsstarre», aus der heraus sie «alles anschaue wie einen Breitband-Kinofilm».
Im Gegensatz zu ihr stünde Rösinger weniger auf «dreckige Kneipen», heisst es im Buch. Diese sei «halt ein Indiestar der Neunziger. Dreckige Kneipe, ja, aber ein paar Intellektuelle müssen schon drinsitzen». Was die Berlinerin nicht unkommentiert stehen lässt: «Abermals irrt die Autorin hier. Da ich mich über dreissig Jahre lang in Szenebars aufgehalten habe und in Berlin sehr unter der Verhipsterung der Kneipenkultur leide, gehe ich Musikeransammlungen seit Längerem konsequent aus dem Weg, besuche dafür ab und an aber gerne ganz normale Eckkneipen, Beisl, Spelunken, Kaschemmen und Absturzläden».
Die beiden kommen, trotz mancher Differenzen, zu demselben Schluss, dass amerikanische Künstler «das gar nicht kennen, dass man als Bohémien jahrelang einfach nur rumhängt. Ausgeht und schläft und ausgeht und schläft» (Sargnagel) und «das Rumsitzen in Bars die eigentliche Kunst ist» (Rösinger).

 

«Was machen die Menschen denn hier den ganzen Tag?»
Walmart, Casey’s Pizza, Hot Dog an der Tanke, trostlose Secondhandshops, die Attraktionen von Grinnell sind schnell ausgemacht und ausgekostet. Der Dialog zwischen Stefanie, «Schau mal, ein Autoreifengeschäft. Das ist mir noch gar nicht aufgefallen», und Christiane, «Ja, aber wir können nicht alles auf einmal machen, wir müssen uns auch ein paar Highlights für später aufheben», sagt alles über das Leben in der amerikanischen Einöde. Knochentrockener Witz, schonungslose Selbstironie und erbarmungslose Attacken fern jeglicher «sozialer Schauspielerei» verbinden die Damen und macht «Grinnell, Grinnell. Boring as hell» (Christiane) erträglich – und lesenswert.
 Zur Linderung der Langeweile beschert sich die Jüngere via Tinder «Delikatessen am Midwest-Männerbuffet». Doch ein Kandidat nach dem anderen fällt durch, jeder präsentiert sich nach Motto der Region «Jagd, Familie, Kirche». Stefanie kommt zum Schluss: «Es ist, als würden sich alle in einem permanenten Überlebenskampf befinden, Survivaltraining von Kindesbeinen an.» Optisch überzeugen die Kerle mit der Vorliebe für Schusswaffen und tote Tiere auch nicht: «Was man in Berlin wieder trägt, trägt man in Iowa noch.»

 

Auf Geheimtipp abonniert
Nur einer der Typen käme in Frage, findet Sargnagel, passe allerdings altersmässig viel besser zu Rösinger. Diese wehrt entschieden ab, ganz so, wie sie ihre Fans als prinzipielle Gegnerin von Paarbeziehungen kennen: «Alleinsein hat mehr Vorteile. … Such mir lieber einen Hund.» Rösinger im O-Ton, der direkt ihre legendären Songs «Pärchen, verpisst euch, keiner vermisst euch» oder «Liebe wird oft überbewertet», auch als Buch erschienen, in Erinnerung ruft. Grosse-Klasse-Texte, mit unnachahmlicher, lakonischer Schnoddrigkeit und zugleich erhebend, in herzerwärmender Tristesse gesungen. Länger im Geschäft als Judith Holofernes oder die Humpe-Schwestern gilt die 63-jährige Musiklegende immer noch als Geheimtipp.

 

 

Stefanie Sargnagel
Iowa. Ein Ausflug nach Amerika
Rowohlt Verlag, Hamburg 2024
Mit Fussnoten von Christiane Rösinger
Geb., 304 S., CHF 33.90,

auch als E-Book erhältlich.

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