FRONTPAGE

Evolution, Chaos & Kosmos: Fragen zum Logbuch

Von Julieta Schildknecht

Die Journalistin und Fotografin Julieta Schildknecht im Gespräch mit Ingrid Isermann, Herausgeberin von Literatur & Kunst und Autorin des Logbuchs Chaos&Kosmos mit Visueller Poesie, Gedichten und Prosa.

 
Julieta Schildknecht:   Wie hat die angelsächsische Kultur Dein Schaffen beeinflusst?
Ingrid Isermann: Meine Geburtsstadt Hamburg war nach dem Kriegsende vier Jahre bis zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 von den Engländern besetzt, den «Tommys». Das geteilte Deutschland entfernte sich voneinander. Westdeutschland stand unter der Ägide von Amerika, das in den 50er-Jahren den Swing, Jazz, Rock’n’Roll und amerikanische Filme wie «East of Eden»  mit dem Jugendidol James Dean oder auch «Some like it hot» mit Starikone Marilyn Monroe, nach Europa brachte. Oder die Kultfilme von Hitchcock. In den Radiosendern liefen amerikanische Hits und Englisch wurde einem vertraut wie eine zweite Muttersprache, die eine nachhaltige Wirkung ausübte. Als ich 1963 für Sprachstudien nach London ging, war es die hipste Stadt der Welt, wo die Beatlemania mit den Beatles begann, die ihre Karriere in Hamburg starteten. 1964 kam ich nach Zürich.
 
Warum heisst das neue Buch Logbuch Chaos & Kosmos?
Unsere Welt besteht aus Chaos und Kosmos. Durch Chaos entsteht auch Ordnung und Einordnung im Weltall. Das James-Webb-Teleskop ermöglicht seit 2022 faszinierende Einblicke in den Weltraum vor 13 Milliarden Jahren, als unser Universum begann. Es werden Sterne geboren und sie verglühen in Supernovas. Wir sind ein Teil des Kosmos und der Natur und stehen nicht über ihr. In meinem Logbuch habe ich versucht, Nähe und Distanz zu thematisieren und in unseren All-tag zu integrieren. Dazu kommt, dass die Raumfahrt wieder sehr aktuell wird, auf den Mond und auf den Mars, zu den Sternen! On verra!

 

Was wäre, wenn man von Neuem beginnen könnte?
Ich würde mich wieder mit Philosophie, Poesie und Kunst befassen, was mich bis heute fasziniert und begeistert. Es gibt Wege und Umwege. Das Leben ist Praxis und findet jetzt statt. Die Kunst war auch in schwierigen Zeiten immer an angel at my table. Persönlich heisst das für mich, ich muss neu beginnen, jeden Tag neu, jeden Augenblick neu. Im Augenblick liegt Ewigkeit. Es gibt immer Neues zu entdecken. Im Allgemeinen: es wäre an der Zeit, die Welt neu zu ordnen und nicht alles dem Geld und dem Kapital unterzuordnen. Die Welt steht Kopf mit Kriegen, Klimawandel, Korruption. Von aussen betrachtet, spielt sich Unerhörtes ab, und man weiss nicht, wo man anfangen soll. Dass sich die Menschen immer noch gegenseitig die Köpfe einschlagen, zeugt von Steinzeithirnen und geringer Intelligenz. Kriege und Atombomben sollten verboten werden wie auch das Geschäft mit Waffen. Ist das ein frommer Wunsch oder muss es uns erst die Künstliche Intelligenz verbieten?

 

Wann hast Du mit der Konkreten Poesie begonnen?
Poesie ist ein Teil meines Seins, sie begleitet mich durchs Leben, und das von jeher. Ich wusste schon früh, dass Sprache mich interessiert und quasi mein Ding ist. Wie auch Musik und Malerei, ich kann mir ein Leben ohne nicht vorstellen.

1991 begann meine erste jurierte Gruppenausstellung «Checkpoint Escher-Wyss» mit Weltformatplakat-Filmfolien mit Visueller Poesie «atem-räume» in der Fussgängerunterführung am Escher-Wyss Platz in Zürich. Es folgten Einzel- und Gruppenausstellungen in Berlin und Zürich und Ankäufe von Universitäts-Bibliotheken im In- und Ausland. Meine Werke sind u.a. in den Sammlungen des Museums Haus Konstruktiv, Zürich und des Museums für Gestaltung, Toni Areal Zürich, vertreten. 

 
Einige Gedanken über Gottfried Schatz, der im Logbuch genannt wird, die deutsche Sprache und Dein Flair für Worte?
Auf Gottfried Schatz, Biochemiker und Forscher, wurde ich aufgrund seiner Publikationen aufmerksam, die ich rezensierte, wie u.a. «Urknall, Sternenasche und ein Fragezeichen, Essays zu Kultur und Wissenschaft», NZZ-Verlag, 2016. Selten ist ein Wissenschaftler auch kulturell so beschlagen, dass er die Zusammenhänge anschaulich erklären kann, und nicht wie so oft in sprachlich unverständlichen Theoremen fachsimpelt. So kam ich mit ihm ins Gespräch und wir teilten unsere Ansichten per E-Mail. Er schrieb mir, er sei von meinen Gedichten wie «Stardust» fasziniert und schickte mir sein Interview mit Novartis über Gott und die Welt, das nun im Logbuch publiziert ist. Gottfried Schatz ist 2015 verstorben.

 

Die deutsche Sprache ist meine Muttersprache, in der Schweiz ist der Dialekt die Muttersprache, die man von Kindesbeinen aufnimmt und die prägt. Eine Muttersprache ist einem immer am nächsten, das ist natürlich. Einen Dialekt wird man nie so gut lernen können wie die eigene Muttersprache. Mittels Sprache können wir uns verständigen und austauschen, aber auch aneinander vorbeireden und nicht verstehen. Sprache ist ein Mittel zur Kommunikation, unabdingbar, und man sollte achtsam mit ihr umgehen. Denn sie schlägt zurück. Nicht umsonst heisst es «Schlagworte». Das scheinen manche nicht zu beachten, bis sie selbst von den Worten erschlagen werden. Die Sprache ist eine Macht, die man brauchen und missbrauchen kann.

Übernimmt im Journalismus bald die Künstliche Intelligenz, die Texte und Beiträge zu schreiben? Und was hat das mit dem Kapitalismus zu tun? Das Urheberrecht ist gefragt. Denn sprachliche Kreativität ist ein Handwerk, wo der Kopf und die schreibende Hand beteiligt sind und dazu dienen, zu begreifen, um was es geht. Sprache ist mein Lebenselixier und die Lyrik ein Lebensmittel.  

 

Die Schönheit der Farben…?
… Farben sind magisch und essenziell für das Wohlbefinden. Farben haben eine Aura, die sie umgibt und in die wir eintauchen können. Farben können stimulieren, inspirieren, heilen und je nachdem eine gute Laune hervorzaubern. Farben sind elektrisierend und haben eine Symbolkraft, Rot beispielsweise ist eine Farbe mit Signalton und hat auch eine erotische Komponente.

 

 

Wie passen Journalismus und das Magazin Literatur & Kunst zusammen?
Kulturjournalismus ist meine Sphäre, meine Atmosphäre, ich habe dadurch viele interessante Menschen aus Kunst und Kultur sowie auf Pressereisen in andere Länder kennengelernt, die mein Leben bereichert haben. Leider ist die Kulturberichterstattung in den Medien rückläufig, es geht wie immer ums Geld, sagt man. Dabei ist die Kultur die Grundlage unseres Lebens und ohne sie wird unsere Existenz ärmer und bedrohter. Die Förderung des Kulturjournalismus durch den Bund ist ein steter Streitpunkt, anscheinend sieht man nicht, dass der Horizont durch Kultur erweitert wird.

 

Nicht zuletzt ist das auch ein Grund, warum ich 2011 mit 68 Jahren das Webkulturmagazin Literatur & Kunst gegründet habe, mit fantastischen Autorinnen und Autoren, die Freude, Engagement und Fachkönnen einbringen. Literatur & Kunst ist mittlerweile etabliert im Kulturbetrieb und das Archiv wird häufig frequentiert, etwa 3.5 Mio. Klicks pro Jahr. Es finanziert sich durch Film- und Kunstbanner und Sponsoring, was in der Pandemie zu Ausfällen führte. Millionäre sind wir alle nicht geworden, im Gegenteil, aber reich an Einsichten und innerem Wachstum. Die Schweizerische Nationalbibliothek hat die Ausgaben von  Literatur & Kunst seit 2011 in ihrem Archiv gespeichert. Wer uns unterstützen möchte, ist herzlich dazu eingeladen.

 

Elvis Presley oder Beethoven?
Im Ernst? Beide natürlich… I love Elvis and I love Beethoven! Sogar George Harrison von den Beatles rockte «Roll over Beethoven…». Elvis Presley gehört zu meiner Jugendzeit in Hamburg, 1958 kam er ins amerikanische Militär nach Deutschland und wurde in Bad Nauheim von Fans täglich belagert. Die Jugendzeitschrift «Bravo» berichtete bis 1960 ständig über Elvis und brachte Fotos, wie er sich unkompliziert mit Fans unterhielt und Autogramme gab. Am 17. August 2023, seinem 46. Todestag (1935-1977), kamen Elvis-Fans aus ganz Europa in Bad Nauheim zu einem grossen Fest zusammen, es wurde auch das Hotel und das Haus gezeigt, wo Elvis gewohnt hatte und die Begeisterung kannte keine Grenzen. Love forever!

   Beethoven’s Fünfte Symphonie rattert nicht nur in meinem Kopf… ta ta ta taaaa… Zuletzt erlebte ich ein Beethoven-Konzert in der Elbphilharmonie in Hamburg 2022, wie es das Gedicht «Elphi aus Hamburg» im Logbuch beschreibt.

 

Gibt es eine Lieblingsstadt ausser Hamburg?
Paris! Zu meinem 80. Geburtstag fuhr ich im Mai 2023 mit dem TGV nach Paris und besuchte die prächtige Opéra de Paris, Palais Garnier, und die Ballettaufführung «The Dante Project» von Wayne McGegor. Traumhaft in Szene gesetzt und in Begleitung einer befreundeten Schweizer Journalistin und Filmemacherin, die in Paris lebt. Wunderbar! Vielleicht bin ich so frankophil durch meine Grossmutter, deren Vater aus Paris nach Hamburg zog…

 

Was sind Deine nächsten Projekte?

Jetzt ist das Logbuch Chaos&Kosmos am Start! Am 15. September 2023 findet die Buchvernissage mit Apéro im Atelier der Steindruckerei Thomi Wolfensberger, Eglistrasse 8, 8004 Zürich (Bus 31 Hardplatz), 18-21 Uhr. Interessenten sind herzlich willkommen, denn es gibt ausser dem Logbuch mit Visueller Poesie, Gedichten und Prosa, auch Original-Lithographien, Unikate Visuelle Poesie, in verschiedenen Farben zu sehen und zu kaufen.

 

Die geschätzte Buchbinderei Christa Wyss, Ausstellungsstrasse 25, 8005 Zürich, veranstaltet eine Lesung mit dem Logbuch Chaos&Kosmos am Freitag, 6. Oktober 2023 ab 18 Uhr.

 

Und im Rahmen von «ZÜRICH LIEST» findet eine Matinée am Sonntag, 29.Oktober 2023, 11 Uhr im Atelier für Kunst und Philosophie, Martin Kunz, Albisriederstrasse 162, 8003 Zürich (Tram 3, Hubertus) statt. Eintritt 20 Franken mit Apéro.

Herzlich willkommen zu allen Veranstaltungen!

 

Weitere Projekte sind noch in der Pipeline. Gerne würde ich meine Editorials aus Literatur & Kunst seit 2011, die eine Zeitchronik und ein kulturelles Tagebuch darstellen, zusammen mit einigen Beiträgen aus L&K publizieren, wie der Lyrik über Hans Magnus Enzensberger, Ingeborg Bachmann oder Wislawa Szymborska und anderen Unforgettables. Plus Evergreens und News aus der Kultur- und Kunstszene. Aber dafür wären Sponsoren gefragt, die sich nicht fragen, was sie für ihre Verwaltung tun, sondern was sie für die Kultur tun können.

 

Foto: Ingrid Isermann © Julieta Schildknecht, 2011

Visuelle Poesie: © Ingrid Isermann 2022, 2023

Foto: Visuelle Poesie Lithographien ASK WHY,  © Ingrid Isermann 2014 (Steindruckerei Thomi Wolfensberger).  Ausstellung «Um die Ecke denken – Die Sammlung Museum Haus Konstruktiv (1986-2016)». 2. Juni bis 4. September 2016.

Visuelle Poesie Lithographie CHAOS&KOSMOS: Shop Steindruckerei Thomi Wolfensberger https://www.steindruckerei-wolfensberger.ch/verlag/

                                           

Anhang

Chaos und Kosmos. Prinzipien der Evolution

Kann die Wissenschaft den Weg vom Chaos des Urzustandes zum heutigen Bild des Kosmos und der Strukturen auf der uns umgebenden Erde beschreiben? Die Antwort ist ja. Werner Ebeling, theoretischer Physiker an der Humboldt-Universität Berlin, und Rainer Feistel vom Institut für Ostseeforschung in Warnemünde stellten sich die „Aufgabe, ein dem modernen Stand der Wissenschaften entsprechendes Bild dieses Prozesses [zu] geben“ und „den Weg zum heutigen Zustand der Welt als Resultat einer Kette von Zyklen der Selbstorganisation zu deuten“ (Seite 7/8). 

Die Autoren behandeln die Evolution vom Urknall bis zur Herausbildung menschlicher Gesellschaften auf der Erde einheitlich nach wissenschaftlichen Grundsätzen, wobei sie dem Systembegriff herausragende Bedeutung beimessen. Daß bei einer so umfassenden Perspektive Fragen der Erkenntnistheorie, der Prinzipien der Modellbildung, der mathematischen Axiomatik, des Zusammenhangs zwischen fundamentalen Erkenntnissen und der beobachteten Komplexität, von Chaos und Ordnung, von Reversibilität und irreversiblen Vorgängen zur Sprache kommen müssen (Kapitel 1 und 2, Seiten 9 bis 34), ist nicht verwunderlich. 

 

Prof. em. Wolfgang Schirmer

Chaos und Kosmos. Prinzipien der Evolution

Spektrum Akademischer Verlag

Heidelberg 1994. 258 Seiten, € 68.

 

 

 

 

 

 

 

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