FRONTPAGE

«Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen – Erzählen gegen die Angst?»

Von Ute Seiderer

Der dreifach ausgezeichnete Roman der Schweizer Autorin Dorothee Elmiger (Schweizer und Deutscher Buchpreis 2025 sowie Bayerischer Buchpreis) ist irritierend und bestechend zugleich. Im Zentrum steht eine Autorin, die in einer Poetikvorlesung in Frankfurt a. M. ihr Schreiben vorstellen soll und in diesem Kontext eine Reise in die Tropen, in den Dschungel Panamas, mit einer Theatergruppe reflektiert.

Die Erzäherin wurde von einem Theatermacher angeheuert, um als Protokollantin und Chronistin bei einem Projekt mitzuwirken, das sich nur aus Laienschauspieler:innen zusammensetzte und ein obskures Ziel verfolgte, nämlich das Verschwinden zweier junger weiblicher holländischer Touristinnen im Dschungel zehn Jahre später aufzuklären, nachzuspielen und nachzuspüren. Ganz genau lässt sich das nicht sagen. Und damit beginnen die ersten Verständnisschwierigkeiten bei den Lesenden.
 
Denn wenn sich an diesem Roman etwas als irritierend aufdrängt, ist es der Erzählstil, der kolportagehaft fast durchgängig – mit Ausnahme der kurzen filmischen Einblendungen im Auditorium der Universität – in der indirekten Rede erfolgt. Im Konjunktiv erfahren wir also alles, was zu diesem Theaterprojekt, an dem das zunächst klassisch wirkende Stammpersonal beteiligt ist (zwei Protagonistinnen, eine Kostümbildnerin, ein Tonmann, eine Produktionsassistentin, ein Bühnenbildner, ein Dramaturg u.a.), beitragen soll: neben der Rahmenhandlung auch die Lebensgeschichten und Erlebnisse der einzelnen Figuren, die ebenfalls als zu gestaltendes Material in das Gesamtkunstwerk eingehen sollen.

 

Wir erfahren auf diese Weise vom Massensterben frisch geborener Ziegen auf einer Ostschweizer Alm, die die erste Schauspielerin bei einem Aushilfsjob ohnmächtig miterleben musste, vom unglücklichen Zusammenleben der Kostümbildnerin mit einem New Yorker Künstler in dessen Wohnung und einem älterem Ehepaar zwei Etagen höher, das durch sorgfältig geplanten Suizid mittels Anzünden des Mobiliars aus dem Leben scheidet, vom Einfangen, dem Verkauf und dem Domestizieren wilder Präriepferde als kolonialem Akt, vom Ausgesetztsein junger Frauen im Regenwald, die sich als Sexarbeiterinnen verdingen, und anderen, düsteren Ausnahmegeschichten, deren Wirkung sich im Laufe des Romans in immer stärkere Sphären des Wahns, der Halluzination und des Irrsinns bewegen und somit auch die Stimmung des gesamten Projekts beeinflussen. Oft werden die Geschichten nicht zu Ende erzählt und bleiben fragmentarisch, wie Clips in einer Bilderstory. Plastischer dagegen wird nach und nach die Figur des Theatermachers (nicht Regisseurs), den man sich als eine Art Konglomerat aus Werner Herzog, Christoph Schlingensief und Milo Rau als dessen prägende Vorbilder vorstellen kann.

 

Ästhetiken des Risikos

Die Theorien zum Theater, die von der Truppe beim abendlichen Zusammensitzen in einer ungemütlichen Lodge im Regenwald zwar nicht diskutiert, aber vom Theatermacher selbstgebieterisch ausgebreitet werden, weisen ästhetische Paradigmen auf, die im Zuge des postdramatischen Theaters der 1980er und 90er Jahre den Ausschluss des Realen propagieren, das Zeremonielle und die Performance in den Vordergrund rücken, Traumbilder als Material zulassen, mit der Dichte von Zeichen und visueller Dramaturgie arbeiten, die Poetik der Störung ins Zentrum setzen und das Ereignis als konstituierend ansehen.

Sogar das Chortheater spielt in Form eines Mädchenchors aus Leiden eine eigene Rolle. Die Frage der Darstellbarkeit wird mit der Frage nach dem Schicksal verknüpft, und in den geschilderten Extremsituationen im dritten Kapitel des Buches, in dem die Truppe vom Theatermacher erbarmungslos durch den unwirtlichen Dschungel auf den Spuren der Holländerinnen gelotst wird, bringt alle Teilnehmenden an die Grenzen ihrer Kräfte und ihrer Identität. Das ganze Unternehmen mutet nach und nach wie ein unfreiwilliges Passionsspiel an.

 

Dichte Beschreibung

Die zweite tragende Säule des Romans wird durch die Darstellung der Natur etabliert, vor allem des Regenwaldes, mitsamt seinen beeindruckenden und ungeheuerlichen Erscheinungen: den schreienden Geiern, den lauten Zikaden, den Echsen, der Schwärze der Nacht und den steten atmosphärischen Störungen, aber vor allem des erbarmungslosen Regens, der alles durchdringt und schlangengleich den Dschungel in ein undurchdringliches Sumpfgebiet verwandelt, in dem es kein Fortkommen mehr gibt: «Mit der Zeit sei sie langsamer geworden, hinter den anderen zurückgefallen», so berichtet die Erzählerin, «und so, schrecklich allein, sei sie immer weiter durch den Wald gelaufen, immer tiefer hinein oder hinab, sei torkelnd, schnaufend durch diese Angstlandschaft gehastet, die ihr nun, im Rückblick, so erscheine, als hätte sich ihr eigenes zerklüftetes Inneres nach aussen gekehrt». «Das Gefühl», so fährt sie fort, «es könne ihr jederzeit etwas in den Nacken, den Rücken springen. Sie sei ungedeckt gewesen, exponiert, man hätte sie […] von allen Seiten angreifen, sich auf sie stürzen, an sie klammern können. Eine Weile lang habe sie das immer gleiche Bild gesehen: seltsame Nachtvögel, fein wie Hologramme, die ihr ins Gesicht flatterten, in den geöffneten Mund und in die Augen schössen; dann sie selbst, die sie so durch die Finsternis laufe, in stummer Angst, tastend und blind». 

 

In den brillierenden Beschreibungen der Natur und der Empfindungen der Erzählfigur, in denen der Konjunktiv eine gewisse Sogwirkung entfaltet und die Spannung hält, liegt das eigentliche Verdienst des Romans. Zwar folgen auch diese gewissen Vorbildern, wie etwa Joseph Conrads Erzählung «Herz der Finsternis»  (1899/1902), aber Elmiger verschweigt grundsätzlich nicht, was ihr Schreiben geprägt hat. Unzählige Referenzen werden namentlich erwähnt respektive in den Text eingeflochten, die Gedanken der abendländischen Dichter und Denker in Kurzform zitiert, von Merleau-Ponty, Jacques Lacan, Adorno, Maurice Blanchot, Jaques Derrida, Büchner, Gramsci, Siegfried Kracauer, Walter Benjamin oder Thomas Bernhard (der womöglich für den Begriff des «Theatermachers» Pate stand), um nur einige wenige zu nennen. Clifford Geertz taucht mit seiner theoretischen Empfehlung der «dichten Beschreibung» für ethnologische Studien erstaunlicherweise nicht auf.

 

Spielfiguren des Möglichen

In der Gemengelage der Referenzen drängt sich nach der Lektüre die Frage auf, welchen Mehrwert dieser Roman für heutige Leser:innen hat, wie er sich zur postkolonialen Frage verhält und ob eventuell eine Form der Kritik herauszulesen ist. Kritik an dem Projekt des autokratischen Theatermachers, an der widerspruchslosen Teilnahme und Ohnmacht der Figuren, die disloziert und desorientiert erscheinen und deren anhaltende innere Unruhe den Stoff erst ermöglicht, der erzählt wird. 
 
Das Buch umkreise die Frage nach dem, wie und was erzählt werden kann, «auf höchstem Niveau»; die «Fassungs- und Haltlosigkeit» der Figuren mache es zu einer «ungemein gegenwärtigen Geschichte» (Deutschlandfunk). Elmiger verleihe «einer existenziellen Überforderung literarischen Ausdruck, indem sie den Horror, oder das Scheitern an dessen Darstellung» dokumentiere (Deutschlandfunk Kultur). Der Autorin gelänge es, «das klaftertiefe abyssische Nichts sichtbar zu machen – Sprache, die das Unsagbare umkreist und es gerade so erahnbar werden lässt»(Frankfurter Rundschau)Das Erzählen sei für sie ein Mittel gegen die Angst, auch wenn sie stets skeptisch gegenüber dem «simplen», «kaleidoskopischen» Erzählen gewesen sei, betonte Elmiger bei einer Lesung am

9. Oktober 2025 im Potsdamer Literaturladen. Das Zentrale an diesem Text seien für sie «die Geschichten, die sich die Figuren erzählen, um sich in dieser tropischen Angstlandschaft […] zu beruhigen», hiess es bei der Verleihung des Bayerischen Buchpreises.

 

Die raffiniert angelegte Konstruktion des Romans verliert jedoch durch den allpräsenten Konjunktiv, den bewährten Klebstoff für zusammenhanglose Geschichten, ihre Dringlichkeit. Der Gedanke des Fragmentarischen wird dadurch betont; alles Gesagte erscheint in der Option des Möglichen. Vielleicht aber ist das unserer gegenwärtigen Zeit der allgemeinen Orientierungslosigkeit angemessener als den Indikativ, ein klares Ende und eine Botschaft anzubieten? Wenn wir die Welt als unüberschaubaren Dschungel betrachten, in dem wir uns seit einiger Zeit fürchten müssen vor neuen Autokraten und unberechenbaren Tech-Milliardären  (Giuliano da Empoli: «Die Stunde der Raubtiere»), dann liefert Dorothee Elmiger eine hochaktuelle Bestandsaufnahme unserer gegenwärtigen weltpolitischen Lage. Ohne Antworten.

 

Dorothee Elmiger

Die Holländerinnen

Roman

Hanser Verlag, 2025

CHF 34.90

ISBN 978-3-446-28517-0

 

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