Buchcover «Die Feuerschrift und das Ende des alten Europa, Wagenbach-Verlag, Berlin 2025
«Casanova – Reisender, Gelehrter und Abenteurer des 18. Jahrhunderts»
Von Ute Seiderer
Zum 300. Geburtstag des Venezianers Giacomo Casanova (1725-1798) legt der Berliner Wagenbach-Verlag eine faktenreiche, kulturwissenschaftlich orientierte Publikation über den bekannten Libertin, Reisenden, Gelehrten und Abenteurer des 18. Jahrhunderts vor, den man gemeinhin eher als eloquenten Schwerenöter im kollektiven Gedächtnis gespeichert hat.
Denn sowohl dessen eigene Memoiren (Histoire de ma vie, etwa 1789-1798), die er als alternder, verarmter und bereits zahnloser Bibliothekar auf Schloss Dux in Böhmen verfasste, als auch diverse filmische Adaptionen wie u.a. der berühmte Film von Fellini (Il Casanova di Federico Fellini, Italien 1976) hinterliessen langfristig diesen Eindruck. Doch weit gefehlt. In Lothar Müllers Buch wird Casanova vor allem im Kontext seiner beruflichen Tätigkeiten porträtiert und erscheint als wichtiger Zeitzeuge nicht nur der Französischen Revolution, sondern auch des Endes der Republik Venedig. Sein Blick galt ganz Europa im 18. Jahrhundert mitsamt seiner politischen Veränderungen wie der ersten Teilung Polens oder dem Zugriff des zaristischen Russland auf die Krim.
Casanova forever
Casanova war allgegenwärtig. In vielen Rollen und unter wechselnden (Deck-)Namen reisend (u.a. Chevalier de Seingalt, Comte de Farussi), konversierend und Geschäfte machend, als Schriftsteller, Erfinder, „Projektemacher“, Entrepreneur, Betrüger und Libertin unterwegs, klug, heuchlerisch und geschickt, stets auf seinen Vorteil bedacht und nicht abgeneigt, potenzielle Konkurrenten durch schlechten Leumund und üble Gerüchte auszuschalten, erscheint er in Müllers Buch als eine Art intellektueller Tartuffe, äusserst belesen und zeitweise politisch einflussreich.
Geistreich, smart und opportunistisch, verkehrte Casanova an den bedeutendsten Adelshöfen Europas, fand Zugang zu wichtigen Archiven und Bibliotheken, in denen er vorwiegend historischen und literarischen Recherchen nachging, und trieb sich gleichzeitig – wenn er wieder einmal (was oft der Fall war) knapp bei Kasse war –, als Musiker, Abenteurer, Spitzel, Spieler, Lotterieunternehmer oder einfach nur als Hochstapler durch die Lande, um zu täuschen und an die nötigsten Finanzspritzen zum Überleben zu gelangen. Dass er dabei häufig seine Schulden nicht zurückzahlen konnte, brachte ihm vor allem in seiner Zeit in London (1763/64) viel Ärger ein, da in dem frühkapitalistischen England auf ungedeckte Schecks und verfehlte Wechsel hohe Strafen standen. Doch die nicht selten clever erbettelten Reisepässe, Kreditbriefe und Empfehlungsschreiben, die ihm sogar Zugang zu den Verliesen im Vatikan ermöglichten, trugen immer wieder dazu bei, seine Reputation aufzuwerten und ihm die Türen zu politisch relevanten Kreisen zu öffnen.
Natürlich trug auch sein Netz an Gönnerinnen und Geliebten dazu bei, dass ihm diverse Coups gelangen. Schnell im Denken und Handeln, zurückhaltend, wenn es die Situation gebot, schmeichlerisch seine Dienste anbietend und stets darum bemüht, im rechten Lichte zu erscheinen, war er ein „Zirkulationsagent seiner selbst“ (S. 42) und oftmals Meister der Intrige. Gemäss seiner Theorie des „Abenteurers als Chamäleon“ (S. 54) gelang es ihm immer wieder, sich so zu verstellen, dass er bei den wichtigsten Herrschern Gehör fand (Friedrich II., Zarin Katharina II. u.a.) und manchmal auch gefiel. Casanovas Reisen mit der Kutsche durch das höfische Europa reichen von Palermo bis Petersburg und Warschau, von Lissabon bis Konstantinopel; sie führen durch deutsche Kleinstädte wie Lippstadt, Wesel, Wolfenbüttel oder Tübingen – bis ins böhmische Dux.
Improvisationen praktischen Wissens
So schildert Müller dessen „Bewerbungstour“ in Preussen im Juni 1764 anschaulich und unterhaltsam. Auf der Suche nach einer ordentlichen Anstellung in möglichst gehobener Position, scheiterte Casanova trotz seiner Eloquenz: Bei einem Spaziergang mit Friedrich II. im Schlosspark Sanssouci reagierte dieser recht unwirsch und skeptisch, als ihm das Patent einer Königlich-Preussischen Lotterie aufgedrängt wurde, bei dem er selber als Garant der Einsätze fungieren sollte: „Ihr genuesisches Lotto gefällt mir nicht. Ich betrachte es als Gaunerei und will damit nichts zu tun haben, selbst wenn ich die mathematische Gewissheit hätte, dass ich dabei nie verlieren kann.“ (S. 79)
Am Hof von Miltau nutzte Casanova „die Gelegenheit zu einer seiner Improvisationen praktischen Wissens auf schütterer Grundlage“ (S. 90) und wurde immerhin kurzzeitig als Fachmann für eine Inspektionsreise zu den Kupfer- und Eisenbergwerken in der Umgebung engagiert, jedoch blieb auch dieses Unterfangen – wie die meisten, vielleicht mit Ausnahme seiner Schrift über seine Flucht aus den Bleikammern Venedigs (1756) und seiner Lotterie zugunsten der Pariser École militaire (1757/58) – erfolglos.
Lothar Müllers sorgfältig gearbeitetes und reich bebildertes Buch mit übersichtlicher Chronik, Quellennachweisen, Personenregister und ausführlicher Bibliographie im Anhang erkundet mit Casanova das 18. Jahrhundert und ist als historisches Buch zu betrachten, das durch eine stupende Kenntnis der Originalquellen besticht. Dass der Porträtierte, der selbst von nicht adeligem Stand war (seine Mutter war Schauspielerin, sein Bruder Maler), sich mit Leichtigkeit durch verschiedene soziale Sphären bewegte und dabei ein gleichsam schrankenloses Leben führte, welches ihn bis in die höchsten Kreise führte, ist das eigentlich Erstaunlichste dabei und zeigt, wie durchlässig die Gesellschaft des Ancien Régime ganz offensichtlich gewesen sein muss.
Denn auch anderen Abenteurern, Wunderheilern, Hellsehern, Betrügern und Kartenlegern gelangen, unter dem Glücksstern Fortunas (ein nicht zu unterschätzender Aspekt des katholisch geprägten Kulturraums) derartige Lebenswege. Das Maskenspiel, die Mimikry, wurde zur Überlebensstrategie prekärer Existenzen im 18. Jahrhundert. Herkunft schien manipulierbar und nicht als absolut zu gelten. Reinhart Kosellecks These von der Aufkündigung der Festlegung auf Herkunft im 18. Jahrhundert, dem Auseinandertreten von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont, zeigt sich an einer Figur wie Casanova besonders deutlich. „Die soziale Energie“, so Müller, „mit der Casanova sich die Rolle des Mannes von Welt aneignete, hielt der sinnlichen Energie, die er sich selbst als Libertin zuschrieb, die Waage“ (S. 71). Im Jahr 1760 wurde er sogar von Papst Clemens XIII. zum Ritter vom Goldenen Sporn geschlagen und durfte sich fortan Cavaliere (Ritter) nennen.
Die Identitäten Casanovas und Fake Facts
Der illustren und facettenreich changierenden Persönlichkeit Casanovas war sicherlich nicht immer leicht beizukommen, ungeachtet historischer Fakten, Schriften, Briefdokumente und Alltagsnotizen. Dazu trugen wohl nicht nur die verschiedenen Identitäten Casanovas bei, sondern auch die erfundenen Fakten (Fake Facts) in dessen Histoire de ma vie und anderen autofiktionalen Schriften, die Müller zur Bestimmung und Abgrenzung der Realitätsebenen vergleichend heranzieht. Zu betonen ist, dass der hier porträtierte Casanova nicht mit dem Helden der Memoiren identisch ist.
Denn Casanovas Texte sind – wie seine Person – verführerisch: Er profitierte von seinem Erzähltalent und benutzte die Anekdote, die von Pointen, Übertreibungen und Verzerrungen lebt, als Instrument seines Erzählens; die „Entkopplung von Anekdote und Augenzeugenschaft erweiterte das Repertoire“ (S. 71). Die Formel corriger la fortune, die damals für den Betrug im Spiel europäisch kursierte (S. 40), macht sich auch in Casanovas Memoiren bemerkbar. Und da seine Histoire mit dem Anspruch auftrat, Geschichtsschreibung zu sein, ist der Zeitzeuge Casanova, der eine Art „Selbstnobilitierung mit erzählerischen Mitteln“ (S. 25) und eine „Selbststilisierung zum Augenzeugen der Geschichte“ (S. 92) betrieb, eine Herausforderung für jeden Historiker.
Historische Studie 1774/75
Müllers interessante Studie, die sich zweifelsohne an den historisch versierten Leser richtet, der das 270 Seiten starke Werk nicht zuschlägt, wenn er mit einer Vielzahl an Jahreszahlen konfrontiert wird und nicht die Geduld verliert, wenn der Erzählstrang aus Gründen historischer Detailkenntnis der europäischen Verhältnisse an manchen Stellen von der Hauptperson abweicht und die Narratio zu sich wiederholenden Ausführungen neigt, die auch um andere Figuren kreisen. Dies wäre der einzige Kritikpunkt an Müllers Buch.
Der Titel Die Feuerschrift, klingt zunächst befremdlich, bezieht sich jedoch auf den Briefwechsel 1794 zwischen dem alten Casanova und dem Prince du Ligne, einem derzeit europaweit bekannten Diplomaten, der häufig in Teplitz in der Nähe von Schloss Dux zu Gast war. Im Zentrum stehen aktuelle politische Fragen, vor allem zum Schicksal Polens als Opfer einer sich neu herausbildenden Konstellation der Grossmächte in Europa; Casanovas Schrift hierzu (Istoria delle Turbolenze della Polonia) findet sich, erstmals ins Deutsche übersetzt, in Auszügen im Anhang des Buches.
Bis zuletzt blieb Casanova ein hochvernetzter politischer Zeitgenosse und kommentierte die Umbrüche und politischen Verschiebungen innerhalb Europas. So stand auch die Annexion der Krim durch Katharina II. (1783) im Zentrum seiner Beobachtung. Bezüge zu den „Zeitenwenden“ unserer Gegenwart liessen sich „leicht herstellen“, betonte der Autor in der Berliner Zeitung vom 16.03.2025, ohne dass er sie „ständig hervorkehren müsste“.
Lothar Müller
Die Feuerschrift. Giacomo Casanova
und das Ende des alten Europa
Wagenbach, Berlin 2025
208 S.,mit zwei Karten, div. Abb.
CHF 33.20