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«Philip Montgomery: American Cycles – Ikonische Bilder der USA»

Von Marc Peschke

Seine Arbeiten, das zeigte eine Ausstellung im Hamburger «PHOXXI – Haus der Photographie temporär» eindrucksvoll, sind tief in den Fragen verankert, welche die politische Landschaft der USA im 20. und 21. Jahrhundert bis heute dominieren: Rassismus, soziale Ungleichheit, die Rolle der Medien und die Fragmentierung der Gesellschaft.

Wir sehen in Hamburg seine Bilder – publiziert etwa im «New York Times Magazine», in «Vanity Fair» und in «The New Yorker» – nun erstmals in einer grossen Einzelausstellung in den Deichtorhallen Hamburg. Der 1988 geborene mexikanisch-amerikanische Fotograf schuf ikonische Schwarzweiss-Bilder, in Minneapolis nach der Ermordung von George Floyd oder in Miami während des Hurrikans Irma. Bilder, die zeitlos wirken, doch gleichzeitig ungemein aktuell und dringlich sind.

 

Machtstrukturen und ethnische Identitäten

Immer geht es um Macht in seinen Werken, um Machtstrukturen, welche die amerikanische Gesellschaft formen, um Rassenzugehörigkeit und ethnische Identität in einem Land, das von einer tief verwurzelten Geschichte rassistischer Gewalt geprägt ist. Sein Werk reiht sich ein in die lange Geschichte einer US-amerikanischen Fotografie, die immer wieder die Finger in diese ewig offene Wunde gelegt hat.

Beim Betrachten der Bilder Montgomerys denken wir an die ganz grossen Namen der US-Fotogeschichte, etwa an Gordon Parks, Mary Ellen Mark, Larry Fink, Roy DeCarava, Dorothea Lange, Walker Evans oder W. Eugene Smith – immer wieder hat sich Montgomery selbst als Nachfolger der großen US-amerikanischen Sozialfotografie beschrieben.

Es sind diese sozialen Wunden, die Montgomery uns in der von Nadine Isabelle Henrich kuratiertenAusstellung «American Cycles» zeigt: intensive, emotional verdichtete Reportagen. Er zeigt uns Menschen in der Krise, düstere Bilder, dramatische Kompositionen. Rassismus, Armut, Ungleichheit. Er fotografierte Proteste, Polizeigewalt, strukturelle Not, die Opioid-Epidemie, Donald Trumps ersten Wahlkampf.

 

Die Ausstellung offenbart uns, noch einmal, die düstere Kehrseite der USA: etwa 80 Arbeiten aus den Jahren 2014 bis heute. Zum Teil hart geblitzte Bilder, entstanden in überlasteten Kliniken in New York auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie, in Gebieten, die durch Hurrikane und Überschwemmungen verwüstet wurden.

Wir sehen Bilder aus Ferguson, Missouri, wo im Sommer 2014 ein weisser Polizist einen schwarzen Teenager erschossen hat. Erlesen komponierte, kinematografisch anmutende Bilder in starken Helldunkel-Kontrasten, die beweisen, dass politische Fotografie auch voller Dynamik und surrealer Schönheit sein kann.

 

Visuelle Ästhetik

Was ihn von anderen politischen Fotografen unterscheidet: Montgomery arbeitet mit einem bemerkenswerten Verständnis für visuelle Ästhetik. «American Cycles» zeigt eine prägnante visuelle Kartografie der amerikanischen Gesellschaft, die nicht nur die sichtbaren Risse, sondern auch die unsichtbaren, tief in die Gesellschaft eingegrabenen Brüche thematisiert. Die Fotografien sind dokumentarisch, fast reportageartig, aber zugleich von einer künstlerischen Klarheit und Präzision, die ihnen eine unheimliche Intensität verleiht.
 
Das Betrachten dieser Bilder ist zum Teil nicht eben einfach. Viele dieser Arbeiten vermitteln ein Gefühl der Desillusionierung und des Verlustes, das sich nicht nur auf die Protagonisten der Szenen im Speziellen, sondern auf die Gesellschaft als Ganzes bezieht. Es ist die Dekonstruktion des «American Dream»: der illusionslose Blick auf eine Gesellschaft, die vom Ideal der Freiheit und der Chancen für alle geprägt war – ein Ideal, das zunehmend von den Realitäten der sozialen Ungleichheit und politischen Entfremdung überlagert wird.

Ein charakteristisches Merkmal von Montgomerys Werk ist die Fähigkeit des Fotografen, in seinen Porträts eine starke, emotionale Nähe zu den abgebildeten Personen zu schaffen. Diese Nähe ist kein Zufall – sie ist ein zentrales Anliegen des Künstlers, der davon überzeugt ist, dass die Fotografie eine Form des Dialogs mit den Menschen ist, die sie abbildet. Diese sind nicht nur Objekte der Betrachtung, sondern, viel mehr, Akteure ihrer eigenen Geschichten.

Es war bereits von verschiedenen Vorbildern des New Yorkers die Rede, doch im Besonderen kann man auf die geistige Nähe seiner Bilder zu denen von Robert Frank hinweisen. «The Americans», dieses fotografische Jahrhundertbuch, machte Frank weltberühmt. 1958 erschien es unter dem Titel «Les Américains“» in Paris – ein Jahr später in den USA.

«The Americans» – für das Jack Kerouac den Text verfasste – brach mit seinen 83 Fotografien das damals vorherrschende Bild Amerikas genauso, wie es einen neuen Mythos schuf: Frank zeigte die Armen, die Aussenseiter, die Obsessiven, zeigte das Amerika der Diners und Highways – und ersparte es seiner neuen Heimat auch nicht, die Flagge als einen Fetzen Stoff zu zeigen.

Wie Frank damals, so sucht auch Montgomery heute nach den Rissen und den Widersprüchen der amerikanischen Gesellschaft. Beide sind Aussenseiter: Frank als Europäer, der die USA mit kritischen Augen betrachtete, und Montgomery als Fotograf, der Amerika aus einer Perspektive des Zweifels und der kritischen Auseinandersetzung zeigt. Doch während Frank noch eine Gesellschaft porträtierte, die sich in einem Zustand des Wandels befand, mit offenem Ausgang, so ist Montgomerys Amerika oft ein Land der Resignation, ein Amerika, das sich von den Träumen der Vergangenheit entfernt hat und nun ganz im Schatten seiner eigenen Geschichte lebt.

Betrachten wir diese Bilder: In Montgomerys Arbeiten gibt es oft ein Gefühl von nachdenklicher Ruhe – er sucht nicht den flüchtigen Moment, die Unmittelbarkeit, sondern die Stille, die Dauer, das ruhige Bild. Sein Werk trägt in Teilen auch kinematographische Züge. Und so hat der Fotograf jüngst auch in einem Interview beschrieben, dass er Amerika wie einen Tatort zeigen will, mit Bildern, wie er sagt, als Beweismittel.

Diese Bilder, sie halten die Wage zwischen künstlerischer und dokumentarischer Fotografie. «Ich orientiere mich an Künstlerinnen wie Dorothea Lange, deren Werk eine soziale Funktion hatte», sagt Montgomery. Immer wieder arbeitet er mit einem radikalen Blitzlicht, was an Weegees Arbeiten denken lässt – noch ein weiteres grosses Vorbild Montgomerys.

Seien es die Fotografien der Chatman Family aus Ferguson, ein im Hochwasser treibender Konzertflügel, die Bilder einer schwarze Familie, die mit einer Zwangsräumung aus ihrem Haus vertrieben wird, ein zerstörter Holzbungalow, der von einem Taifun weggetragen wurde, alle diese Bilder, sagt Kuratorin Nadine Isabell Henrich, «sind Erzählungen über gesellschaftliche Spannungen und Allianzen, die sich auch im Widerstand bilden können, die für einen kontinuierlichen Kampf und eine Suche in demokratischen Gesellschaften stehen, die wir gerade in den USA beobachten können».

Montgomery selbst findet einfache Worte für seine fotografische Mission: «Ich bin sehr daran interessiert», sagt er, «die Wahrheit oder zumindest einen Anschein davon zu finden. Und ich denke, dass gerade jetzt, mehr denn je, die Wahrheit, die in meinen Fotografien steckt, angesichts der aktuellen Lage wirklich wichtig ist».

 

Deichtorhallen, Hamburg

PHOXXI – Haus der Photographie

Bis 10. Mai 2026, Di-So 11-18 Uhr, jeden 1. Donnerstag im Monat bis 21 Uhr, 9 Euro.

 

Philip Montgomerys Fotografien erscheinen regelmäßig im New York Times Magazine, Vanity Fair und im New Yorker. 2018 erhielt er für seine Arbeit zur Opioid-Epidemie den National Magazine Award for Feature Photography. Seine Fotografien wurden zudem von World Press Photo, Pictures of the Year International, American Photography und der National Press Photographers Association ausgezeichnet.

Montgomerys Werke wurden unter anderem im FOAM in Amsterdam, im International Center of Photography in New York, in der Saatchi Gallery in London, in der Aperture Gallery in New York, bei den Rencontres d’Arles in Frankreich sowie in der Galerie du Jour – Agnès b. in Paris gezeigt. Seine Fotografien befinden sich in den Sammlungen der Sir Elton John and David Furnish Collection sowie der Deutsche Börse Photography Foundation. 2021 erschien sein Bildband „American Mirror“ bei Aperture. Philip Montgomery lebt in New York City.

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