FRONTPAGE

Oh, Johnny

Von Peter Kümmel

Gianni Infantino hat wie sein Vorbild Donald Trump die Schamlosigkeit als Instrument perfektioniert. Der Theaterkritiker der ZEIT Peter Kümmel packt Infantino und Trump beim Schlawittchen.

Am 20. Januar 2025 ist Donald Trump zum zweiten Mal in sein Amt eingeschworen worden, als nun 47. Präsident der USA. In der Menge seiner Verehrer und Unterstützer stand, in der Nähe der großen, reichen Tech-Bros, aber dennoch deutlich sichtbar, ein glatzköpfiger Mann, der bester Laune war. Als Trump verkündete, er werde den Golf von Mexiko in Golf von Amerika umbenennen, lachte Gianni Infantino – denn um ihn handelte es sich – geradezu befreit auf.

   War das nun ein Verlegenheitslachen, eine Übersprungshandlung des Kahlköpfigen angesichts einer schwer verkraftbaren Peinlichkeit? Nein. Wenn man sich die Szene genau ansieht, erkennt man, dass es Übermut war, ein Lachen der Zuversicht. Hier freut sich ein Trump-Verbündeter, und seine Geste besagt: Das ist genau der Geist, den ich liebe.
   Hier waren sie in einem Raum: Trump, der König der schamlosen Machtausübung, und Infantino, sein geheimer Kronprinz.
   Manche Leute haben den Glauben, dass im Leben wie auch im Fußball alles vorherbestimmt sei. So traf kürzlich im WM-Finale der beste Spieler der Gegenwart, Lionel Messi (Argentinier, 39 Jahre alt), auf den vielleicht besten Spieler der Zukunft, Lamine Yamal (Spanier, 19 Jahre alt). Bekanntlich hatte Messi vor 19 Jahren den wenige Monate alten Lamine in einer Plastikwanne gebadet und sich dabei für einen Kalender des Kinderhilfswerks Unicef fotografieren lassen.
   Dass Messi diesen Kleinen wusch und nicht ein anderes Kind, ist reiner Zufall, Ergebnis einer Auslosung für eine Benefizaktion. Aber in der Welt des Sports hat der Zufall nichts zu melden, hier herrschen der Aberglaube und das magische Denken, weshalb Kenner dieses Sports sich sicher sind: Das Treffen war vorbestimmt, der König des Fußballs taufte schon vor 19 Jahren seinen Nachfolger.

   Man würde sich nun, da das Turnier vorbei ist, nicht wundern, wenn demnächst auch Bilder des jungen Donald Trump auftauchen würden, der das Baby Gianni Infantino, glatzköpfig schon damals, in einer Plastikwanne einseift. Auch bei diesen beiden hat man den Eindruck, einen König und seinen Thronfolger zu sehen. So viel Skandalöses haben die beiden schon durchgestanden, und es scheint, als würden sie mit jeder Ungeheuerlichkeit noch mächtiger: auferstanden aus Fegefeuern der Fremdscham. Manche Peinlichkeit haben sie auch gemeinsam angezettelt: als etwa Infantino dem gekränkten Trump zum Trost einen Friedenspreis schenkte, weil der Präsident jenen anderen Friedenspreis, den aus Oslo, nicht bekommen hatte. Oder als Trump mit einem Telefonanruf bei Gianni (den er nur Johnny nennt) die Welt des Fußballs aus den Angeln hob und eine Sperre gegen einen amerikanischen Spieler zum Verschwinden brachte. Oder die Szene, als sie nach dem WM-Finale gemeinsam, vierhändig, die Trophäe zu den Siegern hintrugen, als fürchteten sie, der andere könnte sich mit dem Pokal allein davonmachen.

 

Der Fußball ist in den vergangenen Jahren zum Feld für Kontrollfreaks geworden
Auch die Kalamität, in der Infantino nun steckt, hat mit Trump zu tun. Sie ist allerdings die größte, die er bisher erlebt hat. Ein englischer Journalist fand heraus, dass der Fifa-Präsident seit einiger Zeit ziemlich verschwiegen an dem Plan gearbeitet hat, Rechte an der Fußball-WM an Investoren zu verkaufen, also den Fußball teilweise zu privatisieren. Es hätte bei diesem Deal um etwa 20 Milliarden Dollar gehen sollen. Und der maßgebliche Investor wäre, was für ein Zufall, Joshua Kushner gewesen, der Bruder von Jared Kushner – der wiederum ist der Schwiegersohn und Allzweckdiplomat Donald Trumps.
   Als die Sache herauskam, haben alle europäischen Fußballverbände Infantino die Unterstützung entzogen. Und was tut der? Er sammelt in einiger Panik seine Truppen außerhalb Europas, denn dort sitzen die Leute, deren Stimmen er braucht, um wiedergewählt zu werden.

   Seiner alten Heimat hat der Schweizer Infantino sich längst systematisch und taktisch entfremdet: Die Europäer, sagt er, hätten in den vergangenen 3.000 Jahren so viele Verbrechen begangen und so viele Weltteile unterdrückt, dass sie für die nächsten 3.000 Jahre Demut üben und, auf gut Österreichisch, die Pappen halten sollten. Der oberste Nutznießer der Globalisierung gefällt sich als Postkolonialist.
   Infantino hat seinen Investorenplan rasch zurückgezogen, allerdings nicht aus Reue. Der Mann fühlt sich grundsätzlich zu vielem berechtigt. Die Instagram-Nachricht, die er kürzlich an seine Kritiker schrieb, erinnerte an den Tonfall der sensationell gewissenlosen Trump-Pressesprecherin Karoline Leavitt: vom eigenen Zorn berauschte Herablassung.
   Es wird über mich gesprochen, ich habe also etwas richtig gemacht, hat er, sinngemäß, gesagt. Und solange er weitergrinst, nicht bereut und nichts zugibt, sondern das Feuer erwidert, wie er es beim Lehrmeister studiert hat, wird man ihm, so fürchten seine Gegner, nichts anhaben können. Allerdings wird die Front gegen ihn immer mächtiger: Drei der sechs Kontinentalverbände der Fifa haben sich inzwischen gegen ihn gestellt; zudem behauptet der englische Telegraph, auch in Infantinos voriger Karrierestation, als Generalsekretär der Uefa, habe es »Unregelmäßigkeiten« gegeben. So habe damals eine enge Mitarbeiterin Infantinos eine sechsstellige Abfindung erhalten; über die Gründe wird seither fantasiereich spekuliert.
   Der Fußball – also das Spiel auf dem Rasen – ist in den vergangenen Jahren zu einem Feld der Kontrollfreaks geworden, einem Ort demonstrativer Objektivität: Man denke an die Einführung des Videoassistenten, an die Millimeter-Abseits-Justiz und die Verschärfung der Handspielregel, die alle Abwehrspieler im eigenen Strafraum zu zierlichsten Balletttänzerbewegungen zwingt. Doch diese immer krassere Vorspiegelung von Gerechtigkeit im Spiel ging offenbar einher mit einer immer größeren Verlotterung der Sitten außerhalb des Feldes.
   Natürlich war der Profifußball immer ein Ort der dunklen Geschäfte. Man vertiefe sich nur in die Geschichte des deutschen Sportartikelkonzerns Adidas und speziell die des Firmengründersohns Horst Dassler; die von ihm gegründete Firma ISL zahlte über die Jahre viele Millionen Euro Schmiergeld an Sportfunktionäre, und ohne das Wohlwollen von Adidas lief bei der Fifa lange Zeit wenig.
   Aber so agierte Infantino nicht. Im Gegensatz zu Horst Dassler und all den anderen, die eher hinter den Kulissen blieben, als Schattenfiguren, ging er entwaffnend offen zu Werke. Ein Deal mit dem Bruder des Schwiegersohns des amerikanischen Präsidenten? Warum nicht! Es ist doch immer gut, wenn man das Umfeld seiner Geschäftspartner kennt.

 

Ein neuer Typ des Entrepreneurs: Heiler, Berater und Retter
Es sind unruhige Zeiten. Grenzen lösen sich auf, Länder werden verschwinden, große Mächte nehmen sich, was sie wollen. In dieser neuen Weltunordnung zieht Infantino seine Strippen. Jetzt braucht es einen, der Schillers Maxime entschlossen und skrupellos zu Geld macht: Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Und siehe, der Hofnarr mit dem Ball wurde rasch mächtiger als die meisten Potentaten, deren Höfe er besuchte.
   Von Infantino ging stets die Zuversicht eines etwas gespenstischen Entertainers aus, der einen Lichtkegel, der vor ihm über den Boden gleitet, fangen und an sein Revers heften will. Ein wenig Unschuld hat sich dieser postnationale Herrscher immer bewahrt, als sei die Dunkle Materie, die seine Geschäfts- und Spielpartner – Putin und Trump, die Katarer und die Saudis – ausströmen, noch nicht allzu tief unter seine Haut gedrungen.
Der Komiker, der einen Priester spielt
   Er spielte sich in die Liga der finsteren Masters of the Universe hinauf wie ein Gaukler, der doch nur einen Ball aufs Schlachtfeld wirft und den Kriegern anbietet: Lasst den Krieg ruhen, und spielt! Wie er es im November 2022 beim G20-Gipfel auf Bali tat, als er forderte, Russland und die Ukraine sollten die Kampfhandlungen einstellen für die Dauer der kommenden Weltmeisterschaft in Katar.
   Dort, in Katar, nahm er dann wenige Tage später in einem an Peinlichkeit und narzisstischem Selbstgenuss schwer zu übertreffenden Auftritt mal eben alle Schmerzen der Welt auf sich (»heute fühle ich mich schwul«), um sie im nächsten Moment zu relativieren, indem er sie mit seinem eigenen Leid abglich, das auch beträchtlich gewesen sei – schließlich sei er als italienisches Gastarbeiterkind in der Schweiz aufgewachsen und habe rote Haare und Sommersprossen gehabt!
   Man sieht an ihm: In einer Kultur der Schamlosigkeit haben sich Chancen für eine ganz neue Sorte von Menschen ergeben. Man wäre nicht erstaunt gewesen, wenn sich Infantino auf einer Pressekonferenz eine rote Pappnase aufgesetzt und »Freut euch doch endlich, ihr trüben Tassen!« gerufen hätte.
   Er hat nichts von einem Unternehmer alten Schlags; er spielt einen Entrepreneur neuen Typs: den Heiler, Berater, Retter – von allem und allen. Er benimmt sich wie ein Krankenhausclown auf der Station der schweren Fälle. Oder, weniger wohlwollend gesagt, wie ein Komiker, der einen Priester spielt.

   Eins muss man ihm lassen: Er spielt mit vollem Einsatz. Einst war ein wesentliches Kennzeichen der Macht ihre Starre und Unverrückbarkeit. Der Herrscher thronte in einem Schloss über der Stadt, blieb dort oben und schaute auf die Untertanen herab. Heute gibt die Macht sich rastlos: Infantino muss bei der WM, wie ein manischer Groundhopper, immerzu im Flugzeug gesessen haben, um den Eindruck zu erwecken, bei allen Spielen, in jedem Stadion gewesen zu sein: er, der Weltbürger mit seiner träg-essenzlosen Flughafendurchsagenstimme, die immerzu die Sprachen wechselt, um in keiner beim Wort genommen werden zu können.
   Zur Rastlosigkeit des früh aufgestandenen, mühelos reisenden, schon wieder am Horizont verschwundenen Mannes passt auch Infantinos Move, den 211 Mitgliedsverbänden der Fifa seinen Investorenplan, den Teilverkauf der WM, im Gestus der Dringlichkeit weniger zu unterbreiten als vielmehr im Fluge abzuwerfen: So werden wir das machen, wollte Infantino damit sagen, und wer nicht unterschreibt, wird abgehängt. (Nebenbei hätte der Schachzug wohl auch Infantinos Reichtum erheblich gesteigert.)
   Diese Taktik war vielen Vasallen in Infantinos Reich dann doch zu dreist, zu selbstherrlich. Im Gegensatz zur Weltpolitik scheint im Weltfußball die Regel »Zu viel ist zu viel« am Ende vielleicht doch zu greifen. Sein Freund und Ziehvater Donald Trump hält zwar noch zu ihm und warnt die Fifa, die Entlassung des Chefs wäre ein furchtbarer Fehler. Aber es steht zu vermuten, dass er schon in ein paar Tagen nicht mehr weiß, wer zum Teufel dieser Johnny Infantino eigentlich gewesen ist.

Courtesy ZEIT Nr. 35/13.8.2026

 

to be continued

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