Tomás Saraceno «Verwobene Welten» im Haus der Kunst München
Retrospektive Tomás Saraceno: «Verwobene Welten» im Haus der Kunst München
Von Ute Seiderer
Der 1973 in Argentinien geborene Künstler Tomás Saraceno stellt in einer grossen Retrospektive im Münchner Haus der Kunst Sphären des Menschlichen, der Natur und des Kosmischen vor, die unabdingbar miteinander verwoben sind, und um mögliche ökosoziale Zukunftsvisionen, um «Formen der Ko-Existenz von Menschen und nicht-menschlichen Wesen neu zu überdenken».
Salz, Wasser, Luft und Sonne
Die Ausstellung mit dem Titel «Verwobene Welten» (engl.: Ancéstral Futures) erkundet Perspektiven neuer Wahrnehmung im Kontext fremder Kulturen und fremder Landschaften und fragt nach den Möglichkeiten von Kollaboration und Vernetzung. Menschliches Handeln wird hinterfragt, sofern es sich losgelöst von den natürlichen Gegebenheiten zeigt. Damit ist ein klarer Bruch zum herkömmlichen Verständnis einer sog. «Kunstausstellung» vollzogen, insbesondere in einem klassischen Museum wie dem in den 1930er Jahren von den Faschisten erbauten Kulturtempel.
Saracenos Protagonisten und Objekte sind indigene Gemeinschaften aus den argentinischen Anden, die gegen den Lithium-Abbau in ihren Salzwüsten kämpfen, Besucher, die mittels Fahrradpumpstationen schwebende Hüllen aus zusammengeklebten Plastiktüten zum Ballon aufpumpen und Spinnen, deren kunstvolle Netze wie komplexe architektonische Bauten wirken, zeltartige Konstruktionen mit mehreren Aufhängepunkten – so, wie wir Frei Ottos Münchner Olympiastadion im kollektiven Gedächtnis gespeichert haben, das womöglich von der Kunstfertigkeit der Spinnen inspiriert war.
Spinnen-Netzwerke
Saraceno liebt Spinnen. Sie prägen sein Kunstverständnis seit mehr als 20 Jahren. In seinem Berliner Atelier, in dem auch Arachnologen, auf Spinnen spezialisierte Biologen, beschäftigt sind, lässt er die Spinnen raffinierte Netze knüpfen, teilweise von verschiedenen Arten gemeinsam, die, in Vitrinen vor dunklem Hintergrund ausgestellt, wie neue Galaxien wirken. Saraceno spinnt nach diesem Vorbild auch selbst, schafft Netzwerke aus 3500 Meter Fäden und Seilen, in die der Besucher hineinklettern und selbst zur Spinne werden kann. Noch mehr: Er kann die Fäden durch Zupfen zum Klingen bringen wie ein überdimensionales Saiteninstrument; dann entstehen sphärische Töne, angesichts derer man fasziniert innehält. Denn auch die fast blinden Spinnen nutzen ihre Netze wie ein Instrument, zum Hören und zum Senden von Botschaften, so Saraceno (vgl. DIE ZEIT Nr. 20/2026). Und analog der Raumwahrnehmung von Spinnen werden für uns nicht hörbare Schwingungen über Vibrationen im Boden fühlbar. Auch dieses Kunstwerk lebt von seinen raumgreifenden, expansiven Dimensionen, braucht Licht und Luft zur Ausdehnung und wirkt in dem alten Museum fast ein wenig beengt. Kontrastiv hierzu ist der weit verbreiteten Spinnenphobie vieler Menschen ein eigener kleiner Raum mit Filmplakaten zu dementsprechenden Hollywood-Horrorfilmen gewidmet – ein geradezu herkömmlich bestückter Ausstellungsraum.
Saraceno ist Gesamtkünstler mit naturwissenschaftlicher Vorbildung; sein Interesse an Netzwerken bildet die Basis dafür, was seine Projekte zusammenhält – von der Vernetzung zur Kollaboration: Für einen bewussteren und ökologischeren Umgang mit unserer Lebenswelt, vorgeführt am Bespiel des allgemeinen Umgangs mit Wasser, der allmählich knapp werdenden Ressource, die aber unsere Lebensgrundlage darstellt. In einem komplett mit Salz ausgelegten Ausstellungsraum werden die Besucher über Schautafeln zur Flusslandschaft und Trinkwasserversorgung Oberbayerns bis zu den Vitrinen mit Informationsmaterial über die bedrohten Salinas Grandes in Argentinien geleitet: vom Naheliegenden zum Entfernten, vom Heimischen zum Fremden – und doch ist beides unter gleichem Vorzeichen zu betrachten.
Kollaboration mit Ökologie und indigenen Gemeinschaften
Die organisierte Auflehnung dagegen, die Kollaboration, zu der Saraceno auch hierzulande anregen möchte, resultiert aus seiner Suche nach einem Gleichgewicht zwischen dem akademischen Wissen und dem traditionellen ökologischen Wissen, wie dem indigener Gemeinschaften, die nur ca. 5 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen und doch den Grossteil aller Lebensräume der Artenvielfalt bewahren. In Interviews und Dokumentationen wird ihr Kampf gegen den Lithiumabbau vorgestellt. Ziel ist das gemeinsame Projekt «Towards the Sanctuary of Water», das mit den Indigenen der Red Attacama derzeit mit finanzieller Unterstützung des Münchner Museums auf den Weg gebracht wird: Iglus aus Salz, riesige Skulpturen, weisse meterhohe Kugeln aus dem Salz der Seen, dem wertvollsten Bestandteil des Wassers. Sie sollen als Sehenswürdigkeit fungieren und nachhaltigen Tourismus in Gang setzen, dabei jedoch als Symbol und Mahnmal gegen den industriellen Wasserverbrauch, ja Wasserdiebstahl, in den Regionen der Salinas Grandes stehen, denn für jede Tonne Lithium, das für die Produktion von Batterien besonders in der Automobilindustrie benötigt wird, werden 2 Millionen Liter Wasser verbraucht. Präsident Javier Milei gab die Erlaubnis für diesen Raubbau an der Natur, der zur kompletten Austrocknung des ohnehin schon trockenen Norden Argentiniens führen wird. «Auf Elektroautos können wir verzichten», so Saraceno, «aber nicht auf Wasser!». Das Projekt dient als Brücke zu anderen Völkern, so auch zu uns. Für die Indigenen ist Wasser ein lebendes Wesen, eine weibliche Schutzmacht. Wir sollten diese Sicht beherzigen.
Iglus aus Salz
Iglus aus Salz, Experimente mit Spinnennetzen, emissionsfreie Heissluftballons, die nur durch die Strahlen der Sonne erhitzt in die Luft gehoben werden (ein Projekt mit Indigenen aus den Jahren 2017 – 2023: «Fly with Pacha, into the Aerocene») – was all diese Ideen verbindet, ist die Selbstwirksamkeit der Natur, die es durch den Menschen in gemeinsamer Anstrengung zu unterstützen gilt anstatt zu verhindern. «Wir müssen […] zusammen ein besseres Netz fürs Leben weben», fordert Saraceno. «Wir müssen zusammenarbeiten, um losfliegen zu können» (zit. DIE ZEIT Nr. 20/2026). Losfliegen – aber wohin? Der alte Menschheitstraum vom Fliegen, den Saraceno künstlerisch schon länger im Blick hat (vgl. seine filigranen, utopischen Luftschloss-Installationen 2011 im Hamburger Bahnhof in Berlin; siehe die Ausgabe literaturundkunst Nr. 9/11, 2011), führen in letzter Konsequenz ins Sphärische und in den Kosmos.
Sphärischer Raum für planetarische Resonanz
Ein zentral gelegener Raum des Museums scheint alle Stränge dieser Retrospektive zu vereinen: Ein Ort fast vollständiger Dunkelheit, mit schwarzem Plafond und verspiegelten Wänden, der Boden mit Wasser bedeckt, sodass man nur am seitlichen Rand auf einem schmalen Pfad gehen kann, mit schwebenden Luft-Skulpturen, mehreren Meter hohen, silbrig-transparenten Kugeln und kleineren Waben verschiedener Grössen, überblendet durch eine Videoinstallation, die die Kugeln zu Bestandteilen eines planetarischen Systems macht, versetzt mit Animationen von Milchstraßen, Sonnenfinsternis-Phänomenen, Steinzeit-Zeichnungen und Spinnen, die sich abseilen, sowie ihren galaktisch anmutenden Netzkonstruktionen. Das Ganze wird akustisch untermauert von den tausendfach verstärkten Schmatz-, Kau- und Balzgeräuschen der Spinnen. Spätestens in diesem Raum drängt sich Peter Sloterdijks Sphären-Begriff auf: Sphären, wörtlich „Kugeln“, – alles, was uns kosmisch vertraut ist, hat diese Kugelgestalt. Der Globus und der Ballon, Blasen und Moleküle, wirken da nur als Behelfskonstruktionen, als Übersetzungsversuche all dessen, was uns rund, beweglich, fern und befremdlich anmutet. Dieser sphärische Raum – die Ausstellungsmacher können ihn guten Gewissens als «Raum für planetarische Resonanz» (zit. Haus der Kunst) bezeichnen – hinterlässt den nachhaltigsten Eindruck und macht vergessen, dass man sich in einem Museum befindet. Schon allein dafür lohnt sich der Besuch.
Haus der Kunst, München, 17.07.26 – 7.02.27